"TGV Morvan" |
geschrieben von Julian en voyage am: 04.06.26, 19:29 Aufrufe: 338 |
Einen TGV im planmäßigen Fahrgasteinsatz mittels eigens dafür mit Mittelpufferkupplung ausgerüsteter CC 72000 zu einem Ziel fernab des elektrischen Bahnnetzes zu schleppen, klingt zunächst nach einer aberwitzigen Idee. Allerdings nicht aberwitzig genug, als dass man sie nicht Anfang des Jahrtausends zwischen Nantes und Les-Sables-d’Olonne in die Tat umgesetzt hätte, um überwiegend ferienhungrige Hauptstädter umsteigefreie an die Atlantikküste zu bringen. Von Mai 2000 bis Ende 2004, also immerhin viereinhalb Jahre, währte das Spektakel des "TGV Vendée", dem Jochen in der Galerie bereits ein Denkmal gesetzt hat: [www.drehscheibe-online.de] Dass eine ähnliche Kombination zwanzig Jahre später einmal den Weg auf die verträumten Nebenbahnen des westlichen Morvan finden würde, hätte ich bis Anfang April dieses Jahres nicht für möglich gehalten. Doch irgendwann sickerte durch, dass eine geplante Überführung des Weltrekord-TGV Sud Est Nr. 16, der am 26. Februar 1981 bei Pasilly (Yonne) im Verlauf der LGV Sud-Est mit 380 km/h den seinerzeitigen Geschwindigkeitsrekord für Schienenfahrzeuge aufgestellt hat, von seinem heutigen Abstellort Villeneuve-Saint-Georges zu einer Ausstellung in Le Creusot ab Laroche-Migennes die PLM-Hauptstrecke tatsächlich links liegen lassen und über Auxerre, Cravant-Bazarnes, Clamecy, Corbigny und Cercy-la-Tour sein Ziel erreichen sollte... Also ein im ureigensten Wortsinn "Schleichweg" einmal quer durch die Kanal- und Weidelandschaft des Burgunds, teils auf maroden und planmäßig kaum noch befahrenen Gleisen. Je konkreter die Pläne wurden, desto breitere Kreise zog das Ereignis. Die Fangemeinde war natürlich schnell im Bilde, aber auch die örtlichen Tageszeitungen griffen den erwarteten Besuch des emblematischen, orangefarbenen TGV, der einen plakativen Kontrast zu den immer wieder aufkeimenden Stilllegungsplänen wegen herabgewirtschafteter Infrastruktur versprach, dankbar auf - Und publizierte die Fahrzeiten, auch wenn der Zug nur wenige Minuten im Bahnhof des jeweiligen Städtchens anhalten oder gar nur vorüber rollen sollte. Auch das makellose Frühlingswetter, das am großen Tag schließlich herrschte, trug seinen Teil dazu bei, dass der 24. April 2026 entlang des Schienenstrangs Volksfestcharakter annahm. An jedem Bahnübergang grüßten Anwohner, jeder Bahnsteig - einschließlich der überhaupt nicht mehr bedienten Stationen - war von einer Traube Schaulustiger gefüllt und auch der Tross begleitender Fotografen durfte natürlich nicht fehlen. Mehr als einmal wurde den Wartenden und Verfolgern von Anwohnern spontan ein Kaffee angeboten oder zum Plausch eingeladen - Schön zu sehen, dass so ein Großereignis auch noch in positiver Stimmung ablaufen kann und mitunter Wildfremde für kurze Zeit zu spontaner Gemeinschaft zusammenbringt! Trotzdem habe ich versucht, neben dem Treffen mit alten und neuen Bekannten auch die ein oder andere individuelle Perspektive abseits des Trubels umzusetzen. Fündig wurde ich unter anderem bei Marigny-sur-Yonne, kurz vor Corbigny, wo eine alte Klappbrücke den hier sehr schmalen Canal du Nivernais überquert, über den einst vor allem Brennholz aus den Wäldern der Umgebung nach Paris transportiert wurde. Die filigrane Eisenkonstruktion bildete in der hier flachen Landschaft einen willkommenen Vordergrund für das illustre Gespann aus CC 72084 (SNCF), CC 72064 (ARCET) und TGV Nr. 16, das sich als Zug 428981 (Laroche-Migennes - Le Creusot) in Schrittgeschwindigkeit seinen Weg über die mit maximal 30 bis 40 km/h befahrbaren Gleise bahnte. PS: Schildermast und punktuell Strauchwerk am Bahndamm nachträglich digital eingekürzt Zuletzt bearbeitet am 04.06.26, 20:45 |
Datum: 24.04.2026 Ort: Marigny-sur-Yonne Land: Europa: Frankreich BR: 2XAusl (sonstige ausländische Diesellokbaureihen) / FR-CC 72000 Fahrzeugeinsteller: SNCF Kategorie: Bahn und Landschaft |
EXIF-Daten: Hersteller: SONY , Modell: DSLR-A350, Belichtungszeit: 1/640 sec, Blende: F/8.0, Datum/Uhrzeit: 24.04.2026 09:40:46, Brennweite: 24 mm, Bildgröße: 862 x 1280 Pixel |
geschrieben von: 797 505 Datum: 05.06.26, 10:32 Hallo Julian, ich habe schon viele Bilder dieser "extraordiniren" Fahrt gesehen. Viele davon waren eher öde ... Du zeigst mal wieder viel Kreativität! Welch außergewöhnliches Bild und (wie vmtl. relativ oft) sicherlich ein "erhöhter" Aufwand, dass es überhaupt wahr werden konnte. * und Grüße jost |
geschrieben von: Jochen Schüler Datum: 05.06.26, 21:09 Hallo Julian, was für ein Hammerbild. Die tollen Klappbrücken an den Kanälen haben mich von Anfang begeistert und diese hier ist toll in Szene gesetzt. Da könnte auch ein Staubsauger im Hintergrund vorbeifahren und ich würde nicht meckern. Aber eine Doppeltraktion CC72000 im geliebten blau und der TGV in orange, das ist Overkill für meine Nerven. Da stoße ich doch mit einem Bourgunder an und halte die Daumen für die nächste Top 3 der Woche. ***** und Gruß Jochen |
geschrieben von: Vesko Datum: 05.06.26, 22:09 Kein Hochglanz im Vordergrund, Nostalgisches auch im Hintergrund, geniale Bildgestaltung, alles perfekt * |
geschrieben von: claus_pusch Datum: 06.06.26, 15:51 Hallo Julian, dein Foto hat etwas Van-Gogh-Haftes, jedenfalls zur Hälfte... Das Motiv an sich ist wunderbar und für eine seitliche Perspektive auf diesen außergewöhnlichen Zug ideal. Ich habe nach dem Lesen deines Textes gegoogelt und bestätigt gefunden, dass diese Überführungsfahrt vor Ort als großes Ereignis gehandelt wurde. Vielleicht hast du auch noch ein paar Bilder vom Normalverkehr auf der Strecke mitnehmen können. Ich habe die Strecke trotz einiger verlockender Motive, die mir aus der Fachliteratur bekannt waren, immer ausgeklammert, wegen des seit Jahrzehnten bescheidenen Fahrplanangebots, das zumindest auf der Strecke nach Clamecy auch nicht besser werden will. Auch der Wochenend-"Alibizug" nach Corbigny scheint nicht mehr zu fahren... Viele Grüße, Claus |
geschrieben von: Julian en voyage Datum: 06.06.26, 18:52 Merci vielmals für die netten Kommentare! :) @Claus: Der einstige Wochenend-"Alibizug" nach Corbigny war zuletzt tatsächlich zu einem täglichen Zugpaar (mit je nach Tag unterschiedlichen Fahrzeiten) geworden, was einer Versiebenfachung des Angebots gleichkam. Dessen jüngste Streichung ab/bis Clamecy beruht auf den genannten Oberbaumängeln und der damit verbundenen Herabsetzung der Streckenhöchstgeschwindigkeit zwischen Clamecy und Corbigny auf - ich meine - 30 km/h. Damit bräuchte der Zug zwischen beiden Städten etwa eine Stunde, was (wohl zu Recht) als so unattraktiv angesehen wird, dass man lieber einen Bus einsetzt... Eine Ertüchtigung scheint mittelfristig geplant zu sein. Damit besteht der "Normalverkehr" südlich von Clamecy aktuell ausschließlich aus der etwa 1 x pro Woche fahrenden Lineas-Bedienung des Steinbruchs Picampoix/Sardy-lès-Épiry (mit BB 75000). Von dort aus weiter bis Cercy-la-Tour ist die (Güterzug-)Strecke ohne jeglichen planmäßigen Verkehr und wurde, wenn man dem vor Ort Gehörten glaubt, wohl zwischenzeitlich auch (vorübergehend?) betrieblich gesperrt. Insoweit war entlang der Strecke neben der TGV-Überführung fotografisch beim besten Willen nichts anderes zu holen. ;) Nachmittags und am folgenden Samstagvormittag habe ich aber auf dem Ast nach Avallon noch das ein oder andere Foto vom Triebwagenverkehr mitnehmen können: [www.drehscheibe-online.de] Viele Grüße Julian |
geschrieben von: mavo Datum: 06.06.26, 20:46 Wie gewohnt von Dir: Ein geniales Bild mit einem äußerst ungewöhnlichen Zug. * |
geschrieben von: Marschbahner98 Datum: 08.06.26, 19:32 Moin Julian, mir wurden auf YouTube schon einige (viel geklickte) Videos dieses Zuges vorgeschlagen, was es damit auf sich hat, hatte ich nicht näher recherchiert. Danke für die umfangreichen Erklärungen und das wirklich grandiose Bild, in welchem auch der meiner Meinung nach sehenswerte orangene Triebkopf bestens zur Geltung kommt! Viele Grüße Julian |
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