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Grenzgeschichte(n)
   
geschrieben von Julian en voyage am: 09.02.25, 16:56
Aufrufe: 5083

Eine äußerst wechselvolle Geschichte durchlebt hat die heutige Doppelstadt Gorizia/Nova Gorica beiderseits des Isonzo/Soča, der hier aus den engen Karstschluchten in die Norditalienische Tiefebene eintritt. Zu Zeiten, als Österreich noch am Meer lag, war das damalige Görz eine wichtige Garnisonsstand, zugleich aber auch multikulturelles Tor der Doppelmonarchie zum Mittelmeerraum mit einer seit jeher dreisprachigen Bevölkerung (italienisch, slowenisch, deutsch). Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Fall der Habsburger wurde die Stadt mit dem Vertrag von Saint-Germain-en-Laye - wie auch die Halbinsel Istrien - italienisch, ehe die Geschichte 1947 abermals eine Wendung nahm. Infolge der Niederlage des faschistischen Italiens wurde die Grenze neu gezogen. Fortan war die Stadt geteilt, in das weiterhin italienische Gorizia und das nunmehr jugoslawische (und später slowenische) Nova Gorica.

Eng verknüpft mit den politischen Umwälzungen war auch das Schicksal der Eisenbahn(en) in der Doppelstadt. Am ehemaligen k. u. k.-Südbahnhof Görz (Gorizia Centrale) fuhren die Ferrovie dello Stato Italiane, in "Görz Staatsbahn" (neu: Nova Gorica) die Jugoslovenske Železnice. Erstaunlicherweise überlebte die Verbindung beider Teilstädte untereinander selbst die kältesten Zeiten des Konflikts zwischen Ost und West, als quer über den Bahnhofsvorplatz von Nova Gorica ein hoher, mit Stacheldraht besetzter Zaun führte. Über die 1902 als Teil der Wippachtalbahn Görz Südbahn - Haidenschaft (Ajdovščina) von der Localbahngesellschaft Görz-Haidenschaft eröffneten Gleise rollten ab 1960 wieder gemischte Personen- und Güterzüge von Gorizia Centrale nach Nova Gorica und zurück, wenn auch ohne Halt im einzigen Zwischenbahnhof Vrtojba (ehemals Gorizia San Marco).

Erst nach dem Fall des eisernen Vorhangs und der Unabhängigkeitserklärung Sloweniens kam paradoxerweise der Personenverkehr zum Erliegen. Güterzüge, insbesondere solche des Schrott- und Stahltransports, verbanden allerdings weiterhin Slowenien und Italien, wofür bis in jüngste Vergangenheit ein D345er-Pärchen der FS/Mercitalia zum Einsatz kam. Mit einem solchen Zug, dem EUC 45757 (Nova Gorica - Osoppo), verließen am 29. November 2023 D 345 1090 und eine Schwesterlok parallel zum einstigen Grenzzaun den Bahnhof "Görz Staatsbahn", der mit seinen niedrigen Bahnsteigen, der filigranen Perronüberdachung und dem (hier überwiegend verdeckten) Empfangsgebäude noch eine gehörige Portion k. u. k.-Atmosphäre verströmte.

In den kommenden Monaten sollte er sein Erscheinungsbild in Vorbereitung der »GO! 2025« jedoch grundlegend ändern: Gorizia und Nova Gorica sind nämlich (neben Chemnitz) europäische Kulturhauptstadt 2025! Dafür hat sich auch der Bahnhof Nova Gorica herausgeputzt und wartet jetzt mit Hochbahnsteigen und einem modifizierten Gleisplan auf. An Wochenenden und Feiertagen wird es bis zum Jahresende auch wieder Personenverkehr zwischen den beiden Teilstädten geben, dank der trimodalen "Blues"-Triebzüge der Region FVG durchgebunden aus Venedig.

Ob es nun besonders förderlich ist, dass auch in diesem Jahr, das doch ganz im Zeichen der Aussöhnung und Überwindung von Grenzen stehen sollte, in gigantischen Lettern ein TITO-Schriftzug von Gorizias Hausberg, dem Monte Sabotino/Sabotin, grüßt...? Angelegt wurde die Hommage an den Partisanenführer und späteren Staatspräsidenten Jugoslawiens nach dem Krieg als Reaktion auf eine riesige Tricolore, die die Italiener seinerzeit weithin sichtbar auf dem Görzer Burgberg aufgestellt hatten. Beides unnötige Nationalismen, insbesondere, da der Schriftzug vor allem bei älteren Bewohnern Gorizias nach wie vor Erinnerungen an eine grausame Vergeltungsaktion der jugoslawischen Partisanenkämpfer in der Stadt hervorrufen wird: [www.spiegel.de] Gut, dass die nach ihrer fast vollständigen Zerstörung in den Isonzoschlachten wieder aufgebaute Basilika Sveta Gora als Mahnmal für den Frieden vom gegenüberliegenden Hang wacht!

PS: Graffiti auf der Lokfront digital wegpoliert, ebenso ein vor Ort nicht ausblendbares Stromkabel am unteren Bildrand

Datum: 29.11.2023 Ort: Nova Gorica Land: Europa: Slowenien
BR: 2XAusl (sonstige ausländische Diesellokbaureihen) / IT-D345 Fahrzeugeinsteller: Mercitalia Rail
Kategorie: Zug schräg von vorn

EXIF-Daten:
Hersteller: SONY , Modell: DSLR-A350, Belichtungszeit: 1/500 sec, Blende: F/11.0, Datum/Uhrzeit: 29.11.2023 13:12:24, Brennweite: 60 mm, Bildgröße: 1069 x 1280 Pixel


geschrieben von: claus_pusch
Datum: 09.02.25, 20:23

Das ist - abgesehen vom erwähnten Stromkabel, das du mühevoll wegpixeln musstest - ja ein idealer Fotostandpunkt, mit dem schönen Vegetationsrahmen im Vordergrund und den beeindruckenden Bergen im Hintergrund. Und die Basilika befindet sich wirklich in idealer Position. Super Motiv! *
Viele Grüße, Claus

geschrieben von: 28gerry04
Datum: 09.11.25, 09:49

Vielen Dank für dieses herrliche Bild und für die fundierte und sehr interessante geschichtliche Einordnung dieses speziellen Ortes in die europäische Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts.

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