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Re: Zielgruppe von Museumseisenbahnen

geschrieben von: Heizer Jupp

Datum: 23.11.20 12:19

Ich finde Deine Ausführungen äußerst interessant. Auch decken sie sich weitestgehend mit dem, was ich während meiner aktiven Museumsbahnzeit erkannt habe und voranzubringen versucht habe.
Dabei muß man grundsätzlich zwei Seiten betrachten und versuchen, diese in Übereinstimmung zu bringen.

Erste Seite: Das Publikum. Wer ist die wichtigste Klientel? Was wünscht diese? Gibt es aber auch Klientel, auf die besonders eingegangen werden kann und muß?

Zweite Seite: Der Verein. Wo will er hin? Wie kann er seine Existenz und die möglichst betriebsfähige Erhaltung seiner Fahrzeuge sichern? Wie kann er dies mit den Wünschen seiner Klientel in Einklang bringen?

Zum Publikum: Ich habe festgestellt, daß es zwei wichtige Gruppen gibt.
Einmal die Eisenbahnfreunde mit Eisenbahnkenntnissen und teils recht speziellen Vorstellungen. Die kommen meist aus eigenem Antrieb.

Zum anderen "die Bevölkerung" mit wenig bis keinen Eisenbahnkenntnissen, die lediglich nostalgische Atmosphäre und Technik genießen möchte. Diese Gruppe kommt teils aus Neugier, muß aber oft erst auf die Angebote aufmerksam gemacht und umworben werden.

Dabei stellt "die Bevölkerung" den zahlenmäßig weitaus größeren Anteil und somit auch die größte Einnahmequelle dar.
Bestimmte Bevölkerungsgruppen bieten dem Verein darüber hinaus die Möglichkeit, mit relativ überschaubarem Aufwand karitativ tätig zu werden, für die Eisenbahn als Verkehrsmittel insgesamt zu werben und einen altersgerechten polytechnischen Bildungsauftrag zu erfüllen. Dadurch steigt die Akzeptanz und Verwurzelung des Vereines mindestens in der Region.

Doch auch die klassischen Eisenbahnfreunde dürfen nicht enttäuscht oder vor den Kopf gestoßen werden. Sicher wird sich nicht jeder Sonderwunsch mit vertretbarem Aufwand erfüllen lassen, aber einigermaßen stimmig und fotogen sollte das Auftreten des Vereines schon sein. Besonders den auswärtigen/ausländischen Eisenbahnfreunden gegenüber sollte ein Verein aufgeschlossen sein und individuelle Betreuung bieten. Lokale Eisenbahnfreunde sind bei entsprechend freundlicher Behandlung gerne bereit, den Verein wenn schon nicht durch aktive Mitarbeit, so doch aber durch wohlwollende Erwähnung, durch Fotos z.B. für Vereinspublikationen u.a. zu protegieren.

Fakt ist, man darf es sich mit möglichst niemandem (bis auf besonders dummdreiste Hohlköpfe) verderben. Ein freundlicher angemessener Ton jedermann gegenüber ist die erste Vereinsmitgliederpflicht!

Die Vereinsbestrebungen: Der Vorstand ist für die perspektivische Entwicklung und realistische Zielsetzungen verantwortlich! Das kommt allerdings oft der Quadratur des Kreises gleich, denn oft muß der Vorstand auf veränderte Rahmenbedingungen und auf gänzlich Unvorhergesehenes reagieren.
Er muß bei den unterschiedlichen Fähigkeiten und vielfältigen Interessen seiner Mitglieder oft "einen Sack Flöhe hüten", alle zur freiwilligen Mitarbeit motivieren, dabei möglichst jeden nach seinen Fähigkeiten und persönlichen Vorlieben einsetzen und oft auch Konfliktbewältigungshilfe und "Seelsorge" leisten.
Darüber hinaus muß der Vorstand dafür sorgen, daß die Fahrzeuge das Geld zu ihrer langfristigen Erhaltung selber verdienen.
Das alles sind sehr schwere Aufgaben, die sich oft nicht in der idealen Perfektion erledigen lassen. Auch der Vorstand besteht lediglich aus Menschen...
Doch der Vorstand untereinander muß sich einig sein, wissen, wo der Verein hin will und wissen, wie man die Ziele erreicht.

Bei Sonderfahrtanbietern heißt das: Möglichst viele Fahrgäste zu bezahlbaren, in angenehmen Fahrzeiten stattfindenden und gern auch zu attraktiven Zielen führenden Sonderfahrten zu gewinnen. Manchmal kann allerdings auch der Weg das Ziel sein.

Sich in weiten Bevölkerungskreisen bekannt zu machen - also richtig gute Werbung unter Ausschöpfung aller sich regional anbietender Medien; professionell auftretende Kundenbetreuung; attraktive, einfache Vertriebswege; Freundlichkeit; aber auch kundenfreundliches Problemmanagement sind das A und O.

Familien mit Kindern bzw. Enkelkindern sind die Hauptklientel. Daneben spielen Eisenbahnfreundegruppen oder auch Gruppen von Arbeitskollegen eine Rolle. Wer clever ist, bietet Firmen, die den Verein unterstützen, Sonderkonditionen für Mitarbeiter an. Vor allem Behinderte sollten dem Verein besonders am Herzen liegen; ich kenne Beispiele, wo mit ein bißchen gutem Willen Unmögliches möglich gemacht wurde.

- Die Fahrten dürfen nicht zu teuer sein.
- Die Fahrten sollten (bis auf begründete Ausnahmen) nicht zu früh beginnen, nicht zu spät enden und dürfen besonders mitfahrende Kinder nicht langweilen.
- Im Zug sollte es ein gutes, preiswertes Verpflegungsangebot geben. Auch da kenne ich Beispiele mit gut vorbereiteten bzw. sogar im Zug frisch zubereiteten Speisen und frischgebrühtem Kaffee - kredenzt von freundlichen Vereinsmitgliedern.
- Humor, mal ein flotter Spruch und eisenbahntypisches Entertainment dürfen auf keinen Fall zu kurz kommen während der Sonderfahrt - das erwarten die Leute!
- Während längerer Aufenthalte darf auch das Triebfahrzeug für Fahrgäste nicht gänzlich tabu sein. Jeder Knirps, der in seinem Leben vielleicht noch nie Zug gefahren ist, schwärmt noch Jahre später davon, daß er sogar mal auf die Lok klettern und sich "alles" erklären lassen durfte...
- Aussagekräftiges, farbiges, professionell gedrucktes Werbematerial mit Hinweisen auf weitere Fahrten und lokale Veranstaltungen ist Pflicht und muß nicht teuer sein. Laienhaft dahingepfuschte, über den Kopierer gezogene Pamphlete mit schlechten Bildern, Rechtschreibfehlern und in schlechtem Schreibstil sind indiskutabel.
- Auf Sauberkeit in den Zügen und Toiletten und auf prompte Abfallentsorgung ist Wert zu legen.
- Deshalb muß es ausreichend Fahrgastbetreuer mit entsprechenden Manieren und entsprechender Dienstleistungseinstellung im Zug geben.

Je mehr Fahrkarten der Verein verkaufen kann, desto mehr Einnahmen hat er - eigentlich eine Binsenweisheit. Aber "Kleinvieh macht auch Mist". Ich sagte immer: "Lieber drei kleine, knusprige Brötchen backen, als sich an einem zu großen Vierpfundbrot verschlucken."
- Für mehr Fahrkarten braucht man aber auch mehr Sitzplätze.
- Je mehr Wagen ich habe, desto günstiger kann ich die Fahrkarten anbieten, weil der Aufwand pro mitgeführtem Wagen nur unwesentlich steigt.
- Je günstiger der Fahrpreis, desto eher kriegt man den Zug voll. Gute Kalkulation einer Fahrt und nicht überzogene Gewinnerwartungen sind wichtig. Der Überschuß kommt dann oft von ganz alleine.
- Eine Sonderfahrt oder lokale Veranstaltung, die zwar sicherlich arbeitsreich ist, die aber den Mitgliedern und natürlich vor allem den Besuchern Spaß macht, ist Motivation für die Mitglieder und Werbung für neue Kunden zugleich.

Der Vereinsvorstand muß aber auch realistisch einschätzen, was er mit der vorhandenen Manpower an Fahrzeugen und an Veranstaltungen stemmen kann. Trotz des verständlichen Wunsches nach vielen Fahrgästen/Besuchern nützt es nichts, wenn man diese vor und besonders während der Fahrt/Veranstaltung nicht anständig betreuen kann. Trotz des verständlichen Wunsches nach "vielen schönen" Fahrzeugen nützt es nichts, wenn die einem auf dem Hof zusammenrosten. Dann lieber abgeben und einen Fahrzeugaustausch mit befreundeten Vereinen betreiben.

Soweit meine Gedanken und Erfahrungen aus einem Verein, den ich allerdings vor zwei Jahren verließ, als man aus Machtstreben diese Grundsätze interner und externer menschlicher Zusammenarbeit zunehmend verließ; dessen neuer Vorstand mich anschließend mit hanebüchenen Begründungen verklagte, prompt eine Klageabweisung kassierte; und der gegenwärtig Gefahr läuft, von einstigem Prosperieren in die Bedeutungslosigkeit zu versinken...

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