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Rendezvous mit einer Sächsin in Niederösterreich - bebilderte Erlebnisbericht

geschrieben von: Tamás Tasnádi

Datum: 16.05.20 11:00

Hallo Miteinander,

ich postete bis jetzt niemals auf diesen Sektion des DOF-s, und hatte keine solche Pläne, weil den wenigen Museumsbahnen, die ich kenne, wurden hier sicherlich schon oft diskutiert. Um meinen ersten Beitrag zum Thema Museumsbahnen zu verfassen, ist der Grund der Corona. Bei uns, in Ungarn gibt es seit Mitte März eine Ausgangsbeschränkung, das heißt, wir können unsere Häuser nur für den notwendigsten Zweck (zum Beispiel Arbeit, Einkauf, Körperertüchtigung) verlassen. Diese Maßnahme wird von vielen nicht ernst genommen, aber ich versuche die Vorschriften so weit wie möglich zu befolgen. Leider beinhalten die zum Zeitpunkt der Einschränkung erlaubten Aktivitäten keine Bahnfotografie oder Ausflüge, so daß ich viel zu Hause blieb. Diese Ausgangsbeschränkung wurde am 4. Mai in den meisten Teilen des Landes aufgehoben, aber es in Budapest und im Komitat Pest, an meinem Wohnort immer noch in Kraft ist. Je besser das Wetter wird, desto schwieriger diese Einschränkung einzuhalten, denn obwohl Gartenpflege auch ein gesund und guter Zeitvertreib ist, ich würde auch gerne einen Ausflug machen. Die sommerliche, sonnige Wochenendzeit wurde jedoch am Dienstag aufgrund einer Kaltfront durch eine unangenehme, kühle Wetter ersetzt, aufgrund dessen musste ich wieder die Einsamkeit der vier Wände zu wählen. Damals erinnerte ich mich an eine Ausflug vor zweieinhalb Jahren, als ich für ein Date nach Niederösterreich reiste. Die Dame, die übrigens aus Sachsen kam, war nicht jung, jedoch sehr schlank und hübsch. Diese Sächsin, die tatsächlich eine Dampflok ist, war 118 Jahre alt, und ankam für einen kurzen Gastauftritt in Kienberg-Gaming. Obwohl dieser Fall anno dazumal auf dem DOF sicherlich diskutiert wurde, war diese Reise ein sehr großes Abenteuer für mich, also habe ich mich entschieden, riskiere es noch einmal zur Sprache zu bringen. Immerhin sagt man: Wiederholung sei die Mutter der Kenntnisse.
Beim Surfen im Internet bin ich zufällig auf die Information gestoßen, aus denen habe erfahren, daß anlässlich eines Jubiläums von Ende Juli bis Anfang August 2017 eine ausländische Gastlokomotive auf der Ybbsthalbahn Bergstrecke fahren wird. Dieses Jubiläum war der 40. Geburtstag des die Schmalspurbahnlinie Kienberg-Gaming – Lunz am See betreibende Vereins ÖGLB, und das erwähnte Triebfahrzeug die Jöhstädter Dampflok 99 1542-2. Die Lok wurde von der deutschen Brüderverein IG Preßnitztalbahn als Geburtstagsgeschenk ausgeliehen, da der ÖGLB zu diesem Zeitpunkt keine betriebsfähige Dampflokomotive hatte. Das Besondere am Fall ist, daß die Bahn hat eine Bosnaspur (760 mm), im Gegensatz dazu die Spurweite der 99 1542 beträgt 750 mm, aber die niederösterreichischen Aufsichtsbehörde attestierte der Lok auf den österreichischen Gleisen einen einwandfreien Lauf. Die Maschine wurde auch in Österreich von eigenen, sächsischen Mannschaft gefahren, das aus Jöhstadt ankommende Personal die notwendige Streckenkenntnis sammelte bei der beiden Probefahrten.
Der Verkehr der Lokomotive wurde für drei Wochenenden angekündigt, ich konnte aufgrund meines vollen Terminkalenders am vorletzten Tag, dem Samstag, dem 5. August dorthin reisen. Ich hatte 450 Kilometer zurücklegen und musste sehr früh, am 4 Uhr von zu Hause abreisen um zur Abfahrt des ersten Dampfzuges dorthin zu gelangen. Es gelang mir schließlich fast in letzter Minute am Bahnhof anzukommen, die 99 1542 hatte das Heizhaus bereits verlassen und war auf dem Weg zu seinem, am Bahnsteig stehenden Zug.
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Leider wurde ich in Niederösterreich von feuchtem, regnerischem Wetter begrüßt, das hatte jedoch auch einen Vorteil: bei solchem Wetter können die Dampflokomotiven viel spektakulärere Effekte erzielen. Auf dem Bild: der gut besetzte Zug wartete auf die Abfahrzeit für die Hinfahrt über die Bergstrecke nach Lunz am See.
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Diese Aufnahme zeigt die schnaupfende Dampflok kurz nach dem Abfahrtsbahnhof überquert eine kleinere, den Flüßchen Pöckau überbrückte Viadukt. Zunächst schlängelt sich die Eisenbahn parallel zur Landstraße № 71 auf einer ansteigenden Strecke am Hang. Der Schienpaar umgehen das berühmte Kloster Kartause Gaming und taucht sich dann in den dichten Wald ein.
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Aufgrund mangelnder Ortskenntnis konnte ich mich leider den beiden berühmten Gerüstpfeilerviadukten (Hühnernestgraben- und Wetterbachviadukt) nicht nähern, das nächste Bild ist bereits am Eingang des Mittelbahnhofs Pfaffenschlag geschafft. Zu diesem Zeitpunkt befand sich die Lok bereits hinter dem schwersten Teil der Strecke. Zwischen Kienberg-Gaming und Pfaffenschlag befindet sich der steilste Abschnitt der österreichischen Eisenbahnen, der mit ihren 31,6 ‰ übersteigt die Steigung um 31 Promille der weltberühmten Arlbergbahn.
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Auf diesen Bahnhof gibt es die Möglichkeit zur Wassernahme, so löschte die hübsche Sächsin auch hier seinen durst. Dies erwies sich als große Attraktion für die Passagiere, die meisten von ihnen nutzten den etwa 10 Minuten langen Aufenthalt für einen kurzen Spaziergang, und trotz der Tatsache, daß das Gras zwischen den Gleisen nass war, kamen sie zur Lokomotive um das Geschehen zu beobachten.
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Als der Zug den Bahnhof Pfaffenschlag verließ, regnete es. Als ich mich unter dem Schutz meines Regenschirms am Ausgang des Bahnhofs fand eine gute Fotoposition, entfaltete sich ein eine echte, unverfälschte sächsische Atmosphäre strahlende Anblick vor mir.
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Ich machte noch ein Foto vom entlang dem Bodenbach rasende Zug. Das Schienenpaar schlängelt sich parallel zur Bodingbachstraße, aber auf der anderen Seite des kleinen Wasserlaufs. Leider musste ich auch hier den Bildschirm öffnen, wenn ich wollte, daß keine Wassertropfen auf die Linse meines Fotoapparats gelangen.
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In der heutigen Bleibe-nach-Hause-Welt scheint es mir schon seltsam, daß eine so große Menge von Menschen am Endbahnhof Lunz am See sich bewegten, außerdem ohne Maske, aber es war damals völlig natürlich. Genau wie in Pfaffenschlag kamen nach dem Anhalten des Zuges die meisten Fahrgäste und Interessenten zur Lok, um den seltenen Gast so genau wie möglich zu bewundern. Und der hübsche Sächsin stand stolz unter dem Kreuzfeuer von Blicken und Fotokameras.
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Auf der Ladegleis, neben der Rampe, stand ein Draisine, der ehemalige ÖBB Motorbahnwagen X 616.909, kein anderes Schienenfahrzeug befand sich am Bahnhof. Inzwischen folgte die übliche "Zeremonie", bei der wurde die 99 1542 an das andere Ende des Zuges umgesetzt. Bis dies alles passierte, begann sich auch der Witterung nach rechts zu drehen zu verbessern, der Regen hatte früher aufgehört, und dann stieg der Nebel allmählich auf, inzwischen brachen die Sonnenstrahlen durch die dünner werdenden Wolken. Der Zug, der bereits auf seine Rückfahrt wartete, wurde erneut von vielen fotografiert.
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Es gehört zu dieser Aufnahme eine kleine humorvolle Geschichte. Fotografen, die in dem Zug ankamen, oder den folgten, wollten den zurück, nach Kienberg-Gaming anfahrenden Zug von dem Vordergrund des kleinen einständigen Heizhauses fotografieren. Als Fotostandort wurde der Vordergrund des kleinen einständigen Heizhauses gewählt und ich schloss mich ihnen an. Erschwerend kam hinzu, daß mehrere Interessierte herum die Lok spazierten, die dann gingen auf höfliche Bitte der Fotografen weg, und die Fotografie konnte beginnen. Die Fotoapparate stiegen hoch, alle versuchten die beste Einstellung zu treffen, die Finger auf dem Auslöser des Kameras. Der Moment der Abfahrt ist endlich gekommen, die Aufregung war auf ihrem Höhepunkt, als einmal ein alter Mann mit einem leeren Bierglas in der Hand ins Bild trat und mit Begeisterung begann die 99 1542 zu studieren. Ich dachte, die Fotografen würden einen Herzinfarkt bekommen, aber zum Glück ist dies nicht passiert, doch sie fingen an den Alten anschreien, daß gehen von dort weg. Aber der Onkel hörte entweder nicht oder wusste nicht, daß die wütenden Leute mit ihm sprachen und bewegte sich nicht. Einige Augenblicke später erschien auch seine Frau mit einer Bierflasche in der Hand. Die Tante wollte gerade für ihren Herrn Bier gießen, als sie bemerkten, daß am falschen Platz sind, und ging dann lächelnd und unter häufigen Entschuldigungen davon. Also alles in Ordnung, die Fotoapparate siegen wieder hoch, alle versuchten die beste Einstellung zu treffen, die Finger auf dem Auslöser des Kameras, und...
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Als ob wir eine Modellbahnanlage sehen würden, so zeigen sich die auf dem Rückweg am Berghang mit Tender voraus schnaufende Dampflok, sobald hat mit seinem Zug verlassen den Bahnhof Pfaffenschlag und fuhr weiter in Richtung Kienberg-Gaming. Der Zug hielt nur für kurze Zeit am Bahnhof, diesmal war keine Wasseraufnahme erforderlich, da der Zug fast den ganzen Weg auf einer abfallenden Linie fuhr.
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Als der Zug an der Endstation ankam, schien bereits die Sonne. Einige Minuten später, nachdem die Passagiere ausgestiegen waren, schob die 99 1542 die Wagen von dem vor dem Empfangsgebäude befindliche Stumpfgleis zurück und stellte die auf ein Nebengleis. Nachdem dies geschehen war, nahm die Sächsin im Bereich vor dem Heizhaus seinen Platz ein, und ließ sich von den Gästen bewundern und fotografieren.
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Nachdem die 99 1542 im Heizhaus angekommen war, wurde die Anlage von einer kleinen Diesellok, die V 1 (alias 2092 01) verlassen, die die Reisezugwagen auf das Gleis vor dem Empfangsgebäude schob, von wo der nächste Personenzug abfahren wird. Diese relativ komplizierte Lösung wird benötigt, weil der schmalspurige Personenbahnhof nur aus einem Stumpfgleis besteht, also gibt es keine Möglichkeit für Umsetzen der Lok. Auf dem anderen Nebengleis stehen verschiedene rostige besondere Schienenfahrzeuge, ich habe dort auch Maschinen gesehen wie eine rostige Schneeschleuder, oder ein mit Büschen bewachsener Schneepflug.
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Ich bereits erstmal am 30. Mai 1993 hier gewesen war. Ich habe damals mit der Triebwagen 5046 210 und 5047 004 gereisen, aber jetzt ist nur der leerer Raum der Gleise zwischen den Bahnsteigen sichtbar. Auf dem letzten Abschnitt der normalspurige Erlaufbahn zwischen Scheibbs bis Kienberg-Gaming wurde der Schienenverkehr vor zehn Jahren eingestellt. Der Personenverkehr wurde von Bussen übernommen, die Güter, die auf der Schiene ankommen konnten, werden jetzt mit schweren Lastwagen auf der Hauptstraße № 25 befördert, die Schienen abgebaute man ebenfalls schnell um einen Neustart des Bahnverkehrs zu verhindern. Im Bereich der Station holt sich die Natur ihren Anteil schnell zurück, das Bahnhofsgebäude ist teilweise leer, unbenutzt, ebenso wie die ehemalige Bahnbetriebseinrichtungen. Am interessantesten war für mich der an der Seite des Wasserhauses installierte Wasserkran, der mehr als fünf Jahrzehnte nach Beendigung der Dampftraktion überlebte.
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Hinter diesen Bahnbetriebsgebäuden befindet sich das Heizhaus der Schmalspurbahn. Als ich dort ankam, war die 99 1542 schon hinter dem Gebäude, wo auffüllte ihre Kohle- und Wasserversorgung. Bevor ich mich von der hübschen Sächsin verabschiedete, schaute in das Gebäude. In der Dämmerung des Heizhauses die eigene Dampflok des Vereins ÖGLB wartete darauf, daß ihr Schicksal nach rechts abbog. Ich habe keine Markierungen am Fahrzeug gesehen - die Gusseisenplatten wurden vielleicht an "freiwillige Reliktsammler" denkend entfernt -, aber ich glaube, die momentan unbrauchbare Lok Uv 1 (ex DR 99 801, ČSD U37 101, ÖBB 298 205) stand damals vor mir.
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Der Fahrplan beinhaltete sogar eine Reise nach Lunz am See und zurück am Nachmittag, aber das habe ich nicht erwartet. Ich besuchte sogar die Hauptattraktion der Gegend, das Kartäuserkloster in Gaming, und dann mache mich auf den Weg nach Hause. Ich entschied mich für eine andere Route, um die Mariazellerbahn zu sehen fuhr in Richtung Laubenbachmühle. Unterwegs stieß ich auch mit Oldtimer-Traktoren und konnte dann zum ersten Mal die neu lieferten Stadler-Triebwagen Die Himmelstreppe sehen. Ich habe auch in Kirchberg an der Pielach angehalten, wo ausprobierte die Aussichtsplattform Skywalk. Ich sah mich sogar in der Station Ober-Grafendorf um, in der die alten Elloks 1099 001, -008, -011 und -016 auf einer Nebenglais standen. Von hier aus machte ich mich ohne besondere Ereignisse auf den Heimweg, wohin ich nach neun Uhr ankam. Ich hatte einen langen, aber ereignisreichen Tag hinter mir (Insgesamt bin ich fast 1.000 Kilometer gefahren), und betrachte diese Reise definitiv als Erfolg. Es hat sich gelohnt die vielleicht einmalige Gelegenheit zu nutzen, um die filigrane Form einer sächsischen Dampflok in Österreich, relativ nahe an meinem Wohnort zu bewundern.

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