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Heute vor 25 Jahren (m10B)

geschrieben von: Karabük

Datum: 02.08.04 18:59

Zunächst ein kollektiver Dank an alle zustimmenden Zuschriften und Telefonate / E-Mails, die mich erreicht haben! Ich werde versuchen, weiterhin ausführlich zu berichten, auch wenn das in der sommerlichen Hitze bisweilen schwerfällt.

30.07.79

Irgendwann kamen wir in Kayseri an und haben erst einmal eine Runde im Busbahnhof geschlafen, bis wir uns dann in Richtung Innenstadt und Hotel aufmachten. Dort haben wir den Schlaf bis in den Nachmittag hinein fortgesetzt. Mittlerweile hatten wir Einiges gelernt:
Große Entfernungen sollten am günstigsten nachts überwunden werden. Tagsüber steht die Sonne senkrecht und man wird gegrillt.
Wir hatten gelernt, mit dem Verkehrssystem der Türkei (Fernbusse, Dolmus im Nahverkehr, Bahn, ggf. Taxi oder auch mal Trampen) optimal zurechtzukommen.
Wir hatten gelernt, im Ramadan nicht zu verhungen: Nach Sonnenuntergang war ja essen, rauchen und trinken erlaubt. Dies führte dazu, dass sich die Lokale kurz vor Somnnenuntergang füllten, dann saßen die gläugbigen Einheimischen vor dampfenden Tellern bis der Ruf des Muezzims erschallte (oder ein Böllerschuss ertönte). Dann stürzen sich alle auf das Essen und lehrten die Teller in unglaublicher Geschwindigkeit.Dann ist der Spuk vorüber, die Lokale schließen und die Bürgersteige werden hochgeklappt. Die Kunst bestand für uns darin, im „richtigen“ Augenblick ein Lokal zu betreten, bevor es überfüllt ist, zu bestellen und zu essen. Ein paar Minuten zu spät waren die Lokale überfült und - noch später - wieder geschlosssen.
Wir hatten auch gelernt die Kaufkraft der guten alten DM richtig einzuschätzen, wir hatten ein Gefühl dafür bekommen, was in unseren Reiseetat „drin“ war und was nicht. Übernachtungen draußen oder im Mehrbettzimmer, nur um Geld zu sparen, würden jetzt nicht mehr auftreten. Wir hatten auch generell die türkische Küche zu schätzen gelernt. In den Tagebuchaufzeichungen finden sich mit zunehmenden Verkauf der Reise häufigere Hinweise auf kulinarische Experimente. (Wobei während des Ramadans bestimmte Dinge nicht angeboten wurden: Auf einem Kilometer Fußgängerzone in einer durchschnittlichen deutschen Großstadt gibt es mehr Dönerspieße als wir im Sommer 1979 in der ganzen Türkei sahen!)

Zunächst mal ergötzten wir uns an den S 160 (Amikriegsloks, die waren unlängst Diskussionsgegenstand im HiFo), die den Rangierbetrieb in Kayseri bestritten. Die Tatsache, dass 3 Maschinen gleichzeitig im Einsatz waren, täuscht darüber hinweg, dass echter Zugbetrieb so richtig nicht stattfand.

http://johannes-chlond.de/BILDERBC/public_html/DW_45176_S160_Kayseri_30071979_klein_BC.jpg

http://johannes-chlond.de/BILDERBC/public_html/ED-S160_Kayseri_300779-klein_BC.jpg

56.3 vor Zügen haben wir in Kayseri überhaupt nicht gesehen. Es ist aber darauf hinzuweisen, dass 1979 die Volkswirtschaft der Türkei dermaßen am Boden lag, dass nennenswerter Zugbetrieb auch sonst kaum stattfand.
Und wir machten noch eine Beobachtung: In jedem Bw waren Unmengen an Loks unter Dampf. Wir haben später in World Steam die Hypothese gelesen, dass die Türkei theoretisch 100-prozentig mit Dampf hätte betrieben werden können. Jedoch war die Schadlokquote bei den Dieselloks wohl so hoch, dass für jeden Diesel ein Dampfer vorgehalten wurde.



31.07.
Morgens sind wir ins Bw, freundlicher Empfang, Tee und eine kleine Besichtigung. Anschließend sind wir in den Bus nach Konya und zwar einem „Stopper“, der uns via Kappadokien im Lauf des Tages nach Konya schaukelte. In Yesilhisar sahen wir eine Dampflok (vmtl. eine rangierende S 160).

In Konya bestand vor der Stadtbahn (die wurde erst um 1990 rum gebaut) ein privatwirtschaftlich organisiertes öffentliches Verkehrssystem mit Dreirad-Vespas (diejenigen, die bei uns die Stadtreinigung zur Entleerung von öffentlichen Papierkörben einsetzt). Auf diesen Dreirad-Vespas waren längs der Fahrtrichtung zwei Sitzbänke angeordnet, um so bis zu 8 Fahrgäste kostengünstig zu befördern. Über die Konsequenzen im Falle eines Unfalls schweigen wir lieber. Diese Vespas sind für mich deshalb erwähnenswert, da ich im Moment als Diplomanden einen nepalesischen Studenten habe, der seine Abschlussarbeit über das Verkehrssystem in Kathmandu schreibt: Dort gibt es diese „Three-Wheelers“ nach wie vor (und dort verursachen sie die bereits angedeuteten Probleme).

Gepäck ins Hotel und dann ab zum Bahnhof! Dort Rangierbetrieb mit G 8.2 und der „moderneren“ Variante der verlängerten P 8. Achsfole 2’D, eine beeindruckende Maschine (kesselmäßig eine verlängerte G 10, triebwerkmäßig eine verlängerte T 18).

http://johannes-chlond.de/BILDERBC/public_html/EB_46011_Konya_310779_klein_BChlond.jpg

Der Versuch ins BW zu gelangen wurde relativ deutlich abgelehnt , hoppla eine neue Erfahrung! Und dann setzte sich "die klassische“ türkische Schnellzuglok vor einen Zug. Achsfolge 1’D’1, mit großen Blechen, Oberflächenvorwärmer, 1750er-Räder, als wäre sie direkt der Deutschen Reichsbahn entlaufen (im Beschaffungsprogramm von 1925 war ja mal eine Reihe 22 geplant, eine Art DRG P 10. So hätte sie wohl aussehen müssen.) Der Zug war der (kurze) Pamukkale-Expres-(Flügel) in Richtung Afyon (- Istanbul). Und jetzt kam es dick. Das Knipsen wurde uns recht massiv verboten, „fotograf cekmek yasaktir“! Wir also nichts wie los, ab an die Strecke und zumindet die Ausfahrt fotografiert.

http://johannes-chlond.de/BILDERBC/public_html/EF_46054_Konya_310779-klein_BChlond.jpg

46054 vor dem Pamukkale-Expres (Ex 201)

http://johannes-chlond.de/BILDERBC/public_html/EG_46054_Konya_310779klein_BChlond.jpg

Anschließend Abendessen und ab ins Hotel.

01.08.1979

Morgens mit Dreirad zum Bahnhof. Der vorsichtige Versuch, ein paar Bilder von den Rangierloks zu machen, war diesmal von Erfolg beschieden, niemand störte sich heute daran.

http://johannes-chlond.de/BILDERBC/public_html/EJ_46011_Konya_010879klein_NBChlond.jpg

46011 vor dem Lokschuppen des Depo Konya, man beachte die Weichenwärterbude links im Bild.

Wir wollten natürlich nochmals die 46054 knipsen, und erkundigten uns nach der Gegenleistung. Da wir keine klare Ausasagen bekamen verkrümelten wir uns wieder in Richtung westliche Ausfahrt, dort warteten wir über Stunden immer abwechselnd auf einem Schwellenstapel Wache haltend auf den Ex202, bis dieser endlich mit 6+ kam, aber leider nicht mit der 46054 sondern mit 56152. Erwähnenswert ist der Wagenpark (Hecht!).

http://johannes-chlond.de/BILDERBC/public_html/EK_56152_Konya_010879klein_BC.jpg

56152 vor dem Pamukkale-Expres

Platt wie wir waren mit dem Taxi zum Busbahnhof (Kaufkraft) und anschließend mit dem Bus nach Afyon. Trotz Taxi hatte ich an diesem Abend Blasen an den Füßen, was aber auch mit der geografischen Ausdehnung Afyons und dem abendlichen Besuch (nach dem Abendessen) am Bahnhof zusammenhängt. Dort gleich noch ein paar neue TCDD-Baureihen: 57.0 (verlängerte G 10, die Güterschwester zur 46011) sowie die gute alte 52er, hier als 56.5.

02.08.1979
Heute zitiere ich aus den Aufzeichungen von Dg 53752, die mir in Kopienform vorliegen: Meine Ergänzungen sind jeweils in Klammern angegeben.
„Aufgestanden und zum Bahnhof. Beim depo auf den müdür (Direktor, Chef) gewartet. Yok (bezieht sich auf den Besuch des Bw und heißt „nein“, es gibt im Türkischen mehrere „neins“, das „yok“ ist aber absolut im Unterschied zu den relativen Verneinungen, welches sich ggf. durch Bakschisch etc. noch in ein „vielleicht“ oder „ja“ verwandeln lassen). Im Portierhäuschen Gepäck deponiert. G10 vor Posta (in Richtung Usak). 57 (die 1’E’1) im Verschub.“

http://johannes-chlond.de/BILDERBC/public_html/ER_57Xxx_Afyon_020879klein_Bchlond.jpg
57.0 vor Schotterzug.

http://johannes-chlond.de/BILDERBC/public_html/EP_565xx_Afyon_020879klein_BChlond.jpg
56.5 mit Steifrahmentender vor GmP in Richtung Eskisehir

Die Überraschung war die G10. Wir hatten uns in der westlichen Ausfahrt aufgebaut , in der sich die Strecken in die Richtungen Dinar-Aydin, Usak-Izmir und Eskisehir – Istanbul verzweigen. Irgendwie waren über dem ausgedehnten Bahngelände überall Dampfwolken zu sehen. Und plötzlich bewegte sich eine der Wolken auf uns zu und für uns überaus überraschend kam eine G 10 mit einem beachtlichen GmP angedampft. Selten habe ich mich so über eine Überraschung gefreut: Meine „erste“ G 10.

http://johannes-chlond.de/BILDERBC/public_html/EN_550xx_Afyon_020879-klein_BChlond.jpg

„Abends mit Mototren, 1. Klasse, nach Karakuyu“ (Der Mototren war ein FIAT-Triebwagen aus den 60ern, schade, so was habe ich damals nicht geknipst.) „Lernen Heizer auf G 8 kennen, Tee auf Lok gekocht. Gegen 2 h im bekleme salonu zum Schlafen gelegt“(Die Nacht auf dem Bahnhof, mal wieder ziemlich schlaflos, bedingt durch gelegentliche Besuche des Bahnhofsklos, da der Erreger wieder mal fröhliche Urständ feierte, und den Kontakt mit dem Personal einer G8, die mit einem nächtlichen Güterzug gekommen war und Karakuyu auch bei Nacht wieder verließ. Erlebnis des Teekochens in der Feuerbüchse der G 8: Feldflasche am Schürhaken für eine Sekunde in die Glut gehalten, rausnehmen, aufbrühen, fertig! Der Heizer der G 8, Sadik Sediköy outete sich als Fan, mit Engagement für seinen Beruf, Kenntnissen über Maschinen und Einsatzorte und Verständnis für unser Tun!)

Heute keine Fragen, wie es denn weiter gehen könnte! Kann sich jeder selbst stellen!
Viele Grüße
Karabük

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