DREHSCHEIBE-Online 

Anzeige

HIER KLICKEN!

 11 - Bahn und Medien 

  Neu bei Drehscheibe Online? Hier registrieren! Zum Ausprobieren und Üben bitte das Testforum aufsuchen!
Software, Medien aller Art und Literatur zum Themengebiet Eisenbahn
Moderatoren: Klaus Habermann - MWD
Diesen Beitrag den Moderatoren melden?

Re: Neues Buch: Die Wiener Stadtbahnwagen Typen E6 und c6

geschrieben von: Rolf Hafke

Datum: 01.12.20 17:22

und hier die Buchbesprechung:

Rolf Hafke, TS: TramShop
hafke.koeln@t-online.de


*** Nahverkehrs-Fahrzeuge Österreich ***
„Die Wiener Stadtbahnwagen Typen E6 und c6 – Wien, Amsterdam, Utrecht, Krakau“ von Martin Ortner und Michael Sturm, Wien 2020, 192 Seiten im Format 21,5 x 30,0 cm, gebunden, Herausgeber: Railway-Media-Group; Preis: 50,00 €

Mit dieser Veröffentlichung hat sich der Verlag an ein vergleichsweise „junges“ Thema herangewagt und zeigt, dass auch Dinge, die in der jüngeren Vergangenheit und in der Gegenwart liegen, guten Stoff für ein Buch liefern und sehr vielseitig sein können. Auch dass damit zahlreiche Einzelaspekte übersichtlich zusammengefasst und so auch die Zusammenhänge in der richtigen zeitlichen Abfolge dauerhaft dokumentiert sind, wird hiermit gut erfüllt.

Wie die Autoren richtig im Vorwort schreiben, ist das Thema eigentlich nur ein Teilaspekt, nämlich die Endstufe der Entwicklung einer Generation von Straßenbahnfahrzeugen, welche Ende der 1960er Jahre mit dem „Facelifting“ des bekannten und bewährten Gelenkwagens der Düsseldorfer Waggonfabrik zum „Typ Mannheim“ seinen Anfang nahm. Diese „Vorstufen“, die letztlich zu den in diesem Buch beschriebenen Fahrzeugen führten, harren damit weiter einer literarischen Aufarbeitung.

Anlass für die Entstehung der Wiener Stadtbahnwagen der Typen E6 und c6 waren die besonderen Betriebsverhältnisse auf einer Strecke des Systems der „Stadtbahn“, welche so schon bei ihrer Entstehung als dampfbetriebene Eisenbahn zu Zeiten der K&K-Monarchie bezeichnet wurde und mit einer Stadtbahn heutiger Tage nur die unabhängige Führung vom übrigen Verkehr in Tunneln, Einschnitten und auf Brücken und Dämmen gemeinsam hatte. Der nach der Übernahme durch die Stadt Wien in den 1920er Jahren auf drei Teilstrecken elektrifizierte Betriebsteil setzte lange Zeit konventionelle zweiachsige Straßenbahnwagen, die aber über die Möglichkeit der Zugbildung zu Garnituren von bis zu neun Wagen boten. Auch einen „Systemwechsler“ zwischen Straßenbahn und Stadtbahn gab es bis zum 2. Weltkrieg, ebenso wie Stadtbahnwagen danach auch auf einzelnen Straßenbahnstrecken vorzugsweise in Außenbezirken zum Einsatz kamen. Zwei Teilstrecken entlang des Donaukanals und im Tal des Wienflusses sind ab den 1970er Jahren in das städtische U-Bahn-Netz mit Seitenstromschiene einbezogen worden, es verblieb die in Hochlage verlaufende Strecke entlang des Gürtels, für die ein Umbau für U-Bahnbetrieb aus verschiedenen Gründen nicht möglich war, so dass versucht werden musste, sie bei Beibehaltung des Oberleitungsbetriebes auch durch neue Fahrzeuge zu modernisieren.

Ende der 1970er Jahre entstand dann auf Basis des Straßenbahn-Sechsachsers der Type E2, der weitgehend dem DÜWAG-Vorbild des Typs Mannheim entsprach, ein Zweirichtungswagen für die Gürtelstadtbahn. Da das Prinzip der Zugbildung beibehalten werden sollte, kamen sowohl Triebwagen als auch antriebslose Gelenkbeiwagen in Verkehr, deren Typenbezeichnung angesichts der großen Unterschiede zu den übrigen mit diesen Buchstaben bezeichneten Wagen reichlich abstrus war. Insgesamt sind über einen sehr langen Zeitraum von 1979 bis 1991 48 Trieb- und 46 Beiwagen beschafft worden, was dem durch beidseitige Verlängerungen steigenden Fahrzeugbedarf geschuldet war. Die Wagen konnten auch im Straßenbahnnetz fahren und mussten es auch um die Zentralwerkstätte in Simmering zu erreichen, ein Fahrgastbetrieb war aber nicht möglich.

Ein Problem blieb aber mit den Gelenkwagen bestehen, nämlich der nicht stufenlose Zugang vom Bahnsteig zum Fahrzeug, was den Betrieb auf der dann als „U6“ bezeichneten Gürtelstadtbahn von den übrigen U-Bahn-Linien unterschied. Um hier Abhilfe zu schaffen begann unmittelbar nach Ende der Ablieferung der E6 / c6 die Entwicklung eines dafür auf der U6 passenden Fahrzeuges in Form eines dreiteiligen Gelenkwagens der Baureihe T, der ein Mitteldings zwischen Hoch- und Niederflurwagen darstellt. Diese Wagen wurden zunächst in die Züge aus E6 / c6 als Mittelwagen eingereiht, mit zunehmender Zahl aber auch in eigenen Zugverbänden, so dass sie die Hochflurwagen nach und nach ersetzten. Ende 2008 war es soweit. Während ein E6-Tw 2007 zum Rangierwagen in der ZW umgebaut und je ein Tw und Bw für museale Zwecke reserviert wurde, stellte sich bei den übrigen, noch nicht am Ende ihrer Lebensdauer angelangten Wagen die Frage nach ihrer weiteren Verwendung. In einer ersten Aktion gelang es noch während des noch laufenden Einsatzes in Wien, Fahrzeuge an zwei Betriebe in den Niederlanden zu vermieten. Amsterdam suchte Reserve als Zweirichter für einen geplanten Baustellenverkehr auf der Stadtbahn, Utrecht für seine Stadtbahn dagegen Verstärkung der bestehenden Flotte im Berufsverkehr. Da beides nur als temporäre Maßnahme geplant war, sollten keine Wagen gekauft werden.

Als nächster Interessent trat das polnische Krakau auf, wo bereits zahlreiche E1+c3 Straßenbahnwagen aus Wien im Einsatz standen und sich bewährt hatten. Auch hier war der Zweirichter für Baustellenverkehre interessant, man plante aber einen weitergehenden Umbau als Einrichter mit einen neuen Niederflurmittelteil. Die Gelenkbeiwagen sollten dabei nur als Spender für das zusätzlich notwendige Gelenkportal und das Drehgestell dienen. Auch die in den Niederlanden fahrenden Wagen, in Amsterdam kamen sie nicht über Probefahrten hinaus und wurden bald nach Utrecht weitergegeben, sollten nach Ende der Nutzung nach Krakau gelangen. Insgesamt sind ab 2010 40 Triebwagen entsprechend umgebaut worden und an ihrem Einsatzort ist ihr ursprüngliches Aussehen nur noch zu erahnen.

Diese zuvor skizzierte Lebensgeschichte bildet den Inhalt des vorliegenden Buches und bietet genügend Stoff für eine detaillierte Dokumentation in Word und Bild. Darin fehlt auch die Vorgeschichte mit ersten Ideen zur Modernisierung der Wiener Stadtbahn mit neuen Fahrzeugen nicht, die bisher weitgehend unbekannt geblieben ist. Die Veröffentlichung enthält Alles, was zu einem guten Fahrzeugbuch gehört: Ausführliche technische Beschreibungen, Tabellen mit den Lebensläufen, Zeichnungen von Fahrzeugen und Details sowie die passenden Fotos „Außen“ und „Innen“ und dann jede Menge Betriebsaufnahmen in Schwarz-weiß und ab den 1990er Jahren überwiegend in Farbe, wobei hier besonderer Wert darauf gelegt wurde außergewöhnliche Situationen zu dokumentieren. Ausführliche Bildunterschriften geben zahlreiche Informationen zur Aufnahme. Auch für die Einsätze in den Niederlanden und Polen konnten dank der internationalen Zusammenarbeit der Verkehrsfreunde zahlreiche seltene Fotos gefunden und veröffentlicht werden

Das Buch gefällt auch durch ein gutes Layout und eine ausgezeichnete Druckqualität und Verarbeitung. Wer sich für neuere Fahrzeuggeschichte interessiert, der wird mit dieser Veröffentlichung bestens bedient und erhält eine Leistung, die ihren Preis wert ist. Außerdem ist es eine Vorlage, wie man den zur Darstellung des Typs Mannheim fehlenden Teil angehen könnte. Da auch die zu dieser Familie gehörenden GT8s aus Düsseldorf den Weg nach Krakau gefunden haben, wäre auch ein unmittelbarer Bezug vorhanden. Vielleicht entschließen sich die Autoren dieses Werkes ja auch dazu noch. (reu)

Gib bitte eine Erläuterung, warum Du diesen Beitrag melden möchtest. Dies erleichtert es den Moderatoren, Deine Meldung zu verstehen.