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100 Straßenbahnbetriebe: Nantes

geschrieben von: Linie 8 muss wieder her

Datum: 13.10.07 16:33

Der Straßenbahnbetrieb Nantes war der erste der "neuen Straßenbahnen" in Frankreich, die Initialzündung für die zahlreichen folgenden Wiedereinführungen von Straßenbahnen. Dabei wäre Nantes beinahe gescheitert. Nach einer "neuen Mehrheit" nach einer Kommunalwahl wurden die begonnenen Bauarbeiten gestoppt und ernsthaft erwogen, die verlegten Gleise wieder herauszureißen. Nur der bereits erfolgte Baufortschritt und die daraus resultierenden "vergeudeten Gelder" verhinderten dies. Obwohl sich alle "neuen" französischen Betriebe von Nantes "ableiten", folgte keiner in der Wahl der Fahrzeuge. Das Niederflurfahrzeug begann seinen Siegeszug.

In den Jahren 1984/85 wurden zunächst 20 Fahrzeuge, Tw 301 - Tw 320 als Zweirichtungs-Sechsachser beschafft. Diese wurden wegen der großen Nachfrage zu Achtachsern umgebaut und mit Kupplungen für Traktionen versehen.
http://www.wiesloch-kurpfalz.de/Strassenbahn/Bilder/normal/Nantes/95x338.jpg

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Wie in Frankreich üblich, wurde die Straßenbahn nicht in die Stadt hineingebaut, sondern die Stadt für die Straßenbahn umgebaut
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Tw 311 an der zentralen Haltestelle Commerce
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Sieben weitere Fahrzeuge, Tw 321 - Tw 328 wurden 1988 als Zweirichtungs-Achtachser beschafft.
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1991/92 folgten die sechs Tw 329 - Tw 334
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und weitere zwei Jahre später, 1993/94 folgten die zwölf Tw 335 - Tw 346. Man beachte auch die bemerkenswerte Fahrleitungskonstruktion an der rechtwinkligen Streckenkreuzung.
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Tw 346 an der Endstelle Bellevue. Ab dieser Serie erhielten die Fahrzeuge keine Betriebskupplung mehr.
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Eine Rampe überbrückt ggf. den Spalt zwischen Haltestelle und Fahrzeugboden.
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nochmals ein Beispiel Stadtgestaltung. Endstelle "Bellevue"
http://www.wiesloch-kurpfalz.de/Strassenbahn/Bilder/normal/Nantes/95x352.jpg

Alle bisher erschienenen Folgen 100 Straßenbahnbetriebe: [www.rothenhoefer-wiesloch.de]

http://www.abload.de/img/linie8nw3if1.jpg
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Veröffentlichungen und Forenbeiträge




7-mal bearbeitet. Zuletzt am 2014:05:10:19:34:04.

Re: 100 Straßenbahnbetriebe: Nantes

geschrieben von: ehemaliger Teilnehmer

Datum: 13.10.07 22:08

"Nach einer "neuen Mehrheit" nach einer Kommunalwahl wurden die begonnenen Bauarbeiten gestoppt und ernsthaft erwogen, die verlegten Gleise wieder herauszureißen. Nur der bereits erfolgte Baufortschritt und die daraus resultierenden "vergeudeten Gelder" verhinderten dies."

Die Geschichte stimmt so nicht. Der Wahlkampf fiel in die Vorbereitungszeit zur Wiedereinführung der Straßenbahn. Während der sozialistische Bürgermeister die Pläne für den Straßenbahnbau vorantrieb, wollte sein konservativer Gegenkandidat die Planungen nicht weiterverfolgen. Gebaut war zu der Zeit noch nichts. Nun muss man sich die Bretagne ein wenig wie Bayern vorstellen, sehr konservativ aber eben auch mit dem Herz auf dem rechten Fleck. Selbst die Aufteilung der Bretagne in die heutigen Departements konnte daran nicht wirklich etwas ändern, die Bretonen wissen sich immer noch zu behaupten, insbesondere gegen die Zentralregierung in Paris. Als ganz Frankreich Renaultbusse gekauft hat, haben sich beispielsweise die Nantaiser für Setras aus Ulm entschieden, denen sie dann nach Jahrzehnten noch einen sehr liebevollen Abschied bereitet haben.

Nicht umsonst sind die Bretonen die Vorbilder für Asterix und Obelix und was man nicht will, das macht man auch nicht. Und wenn die Nantaiser die Straßenbahn tatsächlich nicht gewollt hätten, dann wäre man auch nicht vor dem Herausreißen bereits verlegter Gleise zurückgeschreckt. Doch die Geschichte war anders: Der Wahlkampf stand völlig unter dem Stern des Straßenbahnaufbaus und der konservative Bewerber um das Bürgermeisteramt (mit viel größerer Machtfülle als in Deutschland) wähnte sich bei den Nantaisern mit seiner rigorosen Tram-Ablehnung bis zuletzt auf der Siegerstraße. Am Wahlabend war dann die Sensation perfekt, der sozialistische Amtsinhaber bekam fast zwei Drittel der Stimmen und daran hat sich bis heute nicht mehr viel geändert. Verglichen mit Deutschland muss man sich politisch das in etwa so vorstellen, als wenn beispielsweise Gregor Gysi den Ministerpräsidenten-Posten in Bayern gewonnen hätte.

Dazu muss man wissen, dass der Straßenbahnbau in Nantes in eine enge, gewachsene Stadt erfolgte und den Autofahrern reihenweise Fahrspuren und teilweise sogar ganze Straßen weggenommen wurden. Doch der Erfolg der Tram stellte alles bisher Dagewesene in den Schatten, die Fahrgastzahlen explodierten und derzeit liegt allein die Linie 2 bei fast hunderttausend Fahrgästen pro Tag. Die Nantaiser hatten nicht nur Jules Verne, sondern damals wie heute Visionen. Als Europa die Fahrgäste noch mit Pferdestraßenbahnen beförderte, hatten die Nantaiser bereits ihre Mekarski-Trams, die, mit Druckluft angetrieben, sogar die Steilstrecke über die Rue Crebillion problemlos schafften. Nun ist Nantes allerdings auch eine der reichsten Städte Frankreich, es verläuft alles in geordneten Bahnen und selbst heute ist Vandalismus dort so gut wie unbekannt.

Nantes ist in jedem Fall eine Reise wert und den einen oder anderen Tipp könnte ich noch dazu beisteuern ...

Viele Grüße
Dieter Doege



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 2007:10:13:22:09:35.

Re: 100 Straßenbahnbetriebe: Nantes

geschrieben von: Linie 8 muss wieder her

Datum: 13.10.07 23:03

NVB schrieb:
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> Die Geschichte stimmt so nicht.

Na ja, ich war Anfang der 80er nicht dabei. Aber sowohl Christoph Groneck in "Neue Straßenbahnen in Frankreich" EK-Verlag als auch proBahn [umverka.de] schildern die Geschichte so wie ich.

http://www.abload.de/img/linie8nw3if1.jpg
Aus der europäischen Metropolregion Rhein-Neckar
Veröffentlichungen und Forenbeiträge

en detail ...

geschrieben von: ehemaliger Teilnehmer

Datum: 14.10.07 00:47

Nantes erstickte im Verkehr und der Bürgermeister Alain Chénard (1977 bis 1983) wollte aus Kostengründen statt einer U-Bahn eine Straßenbahn bauen. Auch zum Nachbarort Saint-Herblain, wo Michel Chauty bis 1983 Bürgermeister war und anschließend in Nantes als Bürgermeister (1983 bis 1989) gewählt wurde. Chauty beklagte schon früher die angeblich mangelnde Kostentransparenz des Straßenbahnbaus, blieb dem Einweihungsfest 1985 fern und wollte es bei der ersten, relativ preisgünstigen Ost-West-Linie (1), die im Osten auf einer alten Eisenbahntrasse verläuft, belassen.

Dann kam der "Tram"-Wahlkampf 1988 und Jean-Marc Ayrault wollte das alte Tramkonzept von Alain Chénard nicht nur weiterführen, sondern erheblich erweitern. Im Gegensatz zur Linie 1 waren bei den anderen Linien und auch bei der beidseitigen Erweiterung der Linie 1, deren Planung Chauty im Westen noch "Auto-freundlich" verändert hatte, erhebliche Einschnitte in den Straßenverkehrsraum notwendig. Chauty verlor die Wahlen auf geradezu demütigende Weise - nicht nur wegen seiner Abneigung gegen die Tramway, sondern auch wegen seiner Einkaufscenterpolitik und seine Liebe zu monumentalen Betonbauten - und schied aus dem politischen Leben aus.

Der "Trambürgermeister" Jean-Marc Ayrault wurde übrigens am 17. Juni 2007 mit sagenhaften 66,15 Prozent der Stimmen zum dritten Mal wiedergewählt und inzwischen fährt die Straßenbahn auch nach St.-Herblain, wo Michel Chauty herkam und inzwischen verstorben war. Soweit die Ironie der Geschichte ...

Viele Grüße
Dieter Doege

Re: en detail ...

geschrieben von: X73900

Datum: 16.04.13 21:09

NVB schrieb:
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> Der "Trambürgermeister" Jean-Marc Ayrault wurde
> übrigens am 17. Juni 2007 mit sagenhaften 66,15
> Prozent der Stimmen zum dritten Mal wiedergewählt

Hallo,

erwähnen sollte man vielleicht noch, dass Jean-Marc Ayrault inzwischen französischer Premierminister ist und daher als Bürgermeister von Nantes zurückgetreten ist. Er ist ursprünglich von Beruf übrigens Deutschlehrer, spricht ganz gut Deutsch und hat mal in Würzburg studiert - vielleicht hat ihn ja die dortige Straßenbahn inspiriert?

Gruß
X73900

Re: en detail ...

geschrieben von: ehemaliger Teilnehmer

Datum: 17.04.13 01:54

"... spricht ganz gut Deutsch und hat mal in Würzburg studiert - vielleicht hat ihn ja die dortige Straßenbahn inspiriert?"

Ganz sicher nicht diese Straßenbahn! Jean-Marc Ayrault mochte Würzburg nicht, fühlte sich als Katholik (!) eingeengt von dem dort sehr präsenten katholischen Glauben. Er konnte es später nicht fassen, dass ein Student, der von seiner Würzburger Bude Wasser auf eine mit lauten Rasseln "bewaffnete" kirchliche Oster-Prozession gekippt hatte, zu Gefängnis ohne Bewährung verurteilt wurde.

Seine Vorbild-Straßenbahn war ganz klar Karlsruhe und seine Ideen hat er sich überwiegend von dort geholt. Er träumte von Anfang an vom Tram-Train-Projekt nach Chateaubriant [www.pays-chateaubriant.fr], was in knapp einem Jahr nun endlich Wirklichkeit werden wird.

Sein Deutsch ist übrigens perfekt ...