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[GB] Der Südwesten im August 2016 (2/4), mvB

geschrieben von: Meise

Datum: 22.10.16 10:04

Moin!

Weiter geht es durch Cornwall.

Zu den bisherigen Teilen der Reise geht es hier:

[GB] Der Südwesten im August 2016 (1/4)

12.08.2016

Der nächste Tag unserer Reise und heute tauchten wir tief in die Geschichte von Cornwall ein. Diese ist geprägt vom Bergbau, in einer Dimension, die mir bis zur ersten Planung dieser Reise nicht bewusst war und die so gar nicht zu den lieblichen Landschaften und Herrenhäusern passt, die deutsche Fernsehzuschauer dank Rosamunde Pilcher kennen. Dafür weist die Geschichte aber erstaunliche Parallelen zu der des Harzes auf, nicht nur wegen des Abbaus von NE-Metallen.

Die ganz große Blüte erlebte die damals schon alte Bergbauregion Cornwall in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Damals wurden zwei Drittel des Weltweiten Bedarfs an Kupfer aus den Bergwerken Cornwalls gedeckt. Wie in solchen Situationen fast üblich, wurde in der Folge die Förderung massiv gesteigert, aber auch weltweit nach weiteren Vorkommen gesucht, besonders letzteres war erfolgreich und es wurden sogar weit größere Vorkommen gefunden, die Kupfer viel billiger fördern konnten. Auf die Blüte folgte die Krise und in der Folge wurden viele Gruben geschlossen. Einige Gruben retteten sich bis in das 20. Jahrhundert, wobei inzwischen hauptsächlich Zinn abgebaut wurde.

Im 20. Jahrhundert entstanden einige moderne Bergwerke, die letztlich die alten Betriebe ablösten. Diese modernen Betriebe förderten hauptsächlich Zinn doch dann kam der Herbst 1985. Quasi über Nacht fiel der Preis für Zinn um etwa zwei Drittel. Ebenso gerieten über Nacht die verbliebenen Bergwerke in Cornwall, aber auch viele andere Betriebe weltweit in wirtschaftliche Bedrängnis. In Cornwall führte das schließlich zur Stilllegung aller dieser Betriebe und im Jahr 1998 endete mit der Schließung der South Crofty Mine der Erzbergbau in der Region. Die Bedeutung des Bergbaus in der Region wird auch dadurch unterstrichen, dass die Relikte als "Cornwall and West Devon Mining Landscape" seit 2006 zum UNESCO-Welterbe gehören.

Eines dieser modernen Bergwerke war die Geevor Mine. Sie entstand Anfang des 20. Jahrhunderts. Für den Tiefbau wurde ein vorhandener Schacht verwendet, der in der Folge ausgebaut und auf eine Teufe von 540 m verlängert wurde. Er wurde im Jahr 1919 fertiggestellt und anlässlich des gerade gewonnenen 1. Weltkriegs Victory Shaft getauft. Er bildete fortan das Rückgrat der Grube, auch bei dem stätigen Ausbau der Abbaufelder. Nach dem Preisverfall für Zinn geriet die Grube in wirtschaftliche Probleme. Daraus folgte die Einstellung der Förderung, aber in der Hoffnung auf bessere Zeiten wurde die Grube noch einige Jahre betriebsfähig erhalten. Die besseren Zeiten kamen jedoch nicht und so wurden am 16.02.1990 die Pumpen abgeschaltet und die Geevor Mine im Folgejahr offiziell geschlossen.

Zwar wurden in der Folge Anlagen zur Begleichung von Schulden verkauft, aber letztlich gelang es, die verbliebenen Anlagen in ein Museum zu überführen, das bereits 1993 eröffnet wurde. Und genau dieses Museum war heute unser Ziel.

http://www.g-meisner.de/dso/afo/20160812_3188.jpg
Zunächst etwas Bahnbezug: Auf den Zufahrtsgleisen zur Hängebank des Victory Shaft stehen zwei Akkuloks und diverse Hunte.

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Die Kaue, hierzulande Dry genannt, es handelt sich um den Bereich für die Arbeiter. Interessant fand ich, dass normale Spinde genutzt werden, nicht die offene Lagerung hoch oben unter der Decke, wie man sie in Deutschland kennt. Nasse Kleidung wurde in einem Nebenraum zum Trocknen aufgehängt. Besonders interessante sind auch die prähistorischen Kaffeeautomaten vorne rechts.

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Die letzten Aushänge sind noch da. Die hier geforderte staatliche Unterstützung blieb jedoch aus und die Grube wurde geschlossen.

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In der Aufbereitungsanlage, deren Innenleben leider nur teilweise erhalten blieb. Ein Teil der Maschinen wurde nach der Schließung verkauft.

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Hier geht es hinab in den Victory Shaft

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Der Tag, als die Wasserhaltung endete: So wird eine Kritzelei zum Zeitdokument.

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Nach dem Museumsbesuch kam die Sonne raus und begünstigte dieses Bild der Geevor Mine. Das Fördergerüst aus dem Jahr 1954 überragt die Anlagen. Im Hintergrund ist das Meer zu sehen, das hier im St. Just Mining District eine besondere Rolle spielt. Natürlich ist es der Geologie egal, ob dort die Küstenlinie ist und entsprechend erstrecken sich die Erzlagerstätten weit unter das Meer. Folglich erstreckten sich die Abbaufelder der Bergwerke hier auch weit unter das Meer und es wird berichtet, dass die Bergleute in den Stollen das Rauschen des Meeres hören konnten. Weit realer war aber die Gefahr durch das Meer, denn die Möglichkeiten, den Abstand zum Meeresgrund zu messen, waren überschaubar und ein Wassereinbruch wäre katastrophal gewesen...

Das Folgeprogramm begann direkt hinter der Geevor Mine, denn dort befinden sich die Ruinen der Levant Mine, die zwischen 1820 und 1930 betrieben wurde. Die Levant Mine wurde auch als "Mine under the Sea" bekannt. Ab 1974 wurden die unter dem Meer liegenden Abbaufelder von Geevor aus wieder erschlossen und dabei musste zunächst ein Leck abgedichtet werden, das sich zwischen dem Meer und dem Grubenbau gebildet hatte.

Die Anlagen über Tage wurden dagegen nicht mehr genutzt und verfielen weitgehend. Lediglich ein kleiner Teil blieb als Museum erhalten und heute kümmert sich der National Trust um dieses Museum und um den Erhalt der Ruinen.

http://www.g-meisner.de/dso/afo/20160812_3348.jpg
Industrieruinen direkt am Meer: Bei diesen Gemäuern handelt es sich um Reste der Arsenaufbereitung. Arsen fiel als Abfallprodukt bei der Aufbereitung der Kupfererze an. In späteren Jahren wurde auch das Arsen aufbereitet und verkauft. Im Hintergrund ist der romantische Teil Cornwalls zu sehen, in Form des Pendeen Lighthouse.

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Die drei Schornsteine der Levant Mine sind als Landmarken weithin sichtbar, der linke gehört zur Kalzination, der mittlere zu den Brechern und der rechte zur Kraftstation.

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Der vom National Trust als Museum betriebene Teil der Levant Mine rund um den Engine Shaft und den Skip Shaft. Im geschlossenen Gebäude befindet sich noch die originale Dampfmaschine aus dem Jahr 1840, die für die Seilfahrt im Skip Shaft eingesetzt wurde. Die Maschine ist betriebsfähig und wird von einem modernen Dampferzeuger gespeist, der sich in einem hinter dem Gebäude zu erahnenden Anbau befindet. Der rechte Anbau ist das wieder aufgebaute Kesselhaus, in dem sich zu Schauzwecken ein Kessel aus dem Jahr 1900 befindet. Er wurde hier aufgestellt, da die originalen Kessel einst entfernt wurden. Die Ruine dahinter ist ein weiteres Maschinenhaus. In ihm stand einst eine Dampfmaschine für die Wasserhebung im Engine Shaft.

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AUf dem Rückweg zum Auto ergab sich noch einmal dieser Anblick der Geevor Mine. Auf dieser Seite dominieren die Gebäude der Aufbereitungsanlage das Bild.

Bei jetzt bestem Wetter haben wir noch ein kleines Stück weiter nach den Resten eines weiteren Bergwerks geschaut. Auch wenn wir heute keine große Lust mehr hatten, die Gegend zu erkunden, gab es immerhin noch ein Foro.

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Vielerorts in Cornwall findet man Ruinen von alten Maschinenhäusern, besonders interessante häufen sich im St. Just Mining District, aber diese beiden sind wohl die spektakulärsten: Die Crown Engine Houses der Botallack Mine

Auf dem Heimweg nach Penzance bot sich dann aber noch ein Abstecher zum Bahnhof St. Erth an, um die dort gestern noch erkundeten Fotomöglichkeiten zu nutzen.

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150 239 fährt von St. Ives kommend in den Bahnhof ein.

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43 181 kommt von London Paddington.

http://www.g-meisner.de/dso/afo/20160812_3453.jpg
Und noch einmal 150 239

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Und es war noch immer nicht Schluss, denn in Penzance lag im Hafen die 1977 gebaute Scillonian III, die von hier aus zu den Isles of Scilly fährt.

13.08.2016

Ganz hinten in Cornwall gibt es einen Zipfel Land, den fast alle Touristen ansteuern. Und da wollten wir keine Ausnahme darstellen...

http://www.g-meisner.de/dso/afo/20160813_0735.jpg
Land's End, wie man es sich nicht so richtig vorstellt. Hinter diesen Einkaufs- und Unterhaltungsläden blickt man irgendwann aufs Meer. Und dort steht dann der bekannte Wegweiser, unter dem man sich fotografieren lassen kann, natürlich nur von einem Fotografen gegen Bezahlung. Kommerz pur, der Zipfel da...

http://www.g-meisner.de/dso/afo/20160813_0788.jpg
Vor Land's End steht Longships Lighthouse

Nach dem Kulturschock sind wir nach einem Abstecher zum kleinen Hafen von Sennen Cove noch einmal zur Botallack Mine gefahren. Das Bergwerk entstand 1721 auf Basis mehrerer Altbetriebe und war bis 1916 in Betrieb.

http://www.g-meisner.de/dso/afo/20160813_3534.jpg
Bergbaurelikte soweit das Auge reicht: Das Engine House Wheal Edward Stamps, hier befand sich ein Hammerwerk zum Zerkleinern der Erze im Zuge der Aufbereitung des Bergwerks Wheal Owles. Dahinter sind Bauten der Botallack Mine zu sehen, gleich rechts der Schornstein der Aufbereitungsanlage, weiter rechts das Fördergerüst über dem zuletzt als Förderschacht genutzten Allen Shaft und der Schornstein der früheren Fördermaschine. Das Fördergerüst wurde 1981 errichtet, um die hier noch lagernden Erzvorräte bezüglich eines Eventuellen Abbaus von der Geevor Mine aus zu erkunden. Links stehen die schon von gestern bekannten Crown Engine Houses.

http://www.g-meisner.de/dso/afo/20160813_3552.jpg
Noch einmal die Crown Engine Houses; da die Abbaufelder weit unter das Meer reichten, bei der Botallack Mine bis zu 400 m, wurden sie möglichst weit in die Abbaufelder hinein gebaut und stehen daher unten in den Klippen. Das linke Haus stammt aus dem Jahr 1835 und beherbergte die Dampfmaschine für die Pumpen im Engine Shaft. Das Rechte wurde 1862 gebaut und in ihm fand die Dampfmaschine für die Seiltrommeln des Boscawen Diagonal Shaft Platz.

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Das Arsen-Labyrinth, Teil der Aufbereitungsanlagen

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Im Labyrinth

Nach diesen Eindrücken sind wir zum Tagesausklang in das sehr sehenswerte Örtchen Mousehole gefahren. Kurz vor dem Ziel kam es dann aber noch einmal zu einem sehr spontanen Fotohalt.

http://www.g-meisner.de/dso/afo/20160813_3589.jpg
In Newlyn gibt es den größten Fischereihafen der Region und an dessen Rand befindet sich diese kleine Werft, die einfach zu fotogen war, um einfach dran vorbeizufahren.

Das war der zweite Teil. Im Dritten gibt es dann wieder mehr Züge zu sehen.

Viele Grüße
Gunnar

Re: [GB] Der Südwesten im August 2016 (2/4), mvB

geschrieben von: VT10.551i

Datum: 22.10.16 10:40

Toller Bericht! Die Gegend muß ja teilweise wie ein Schweizer Käse ausgehöhlt sein. Immer schön, wenn auch solche Sachen wie die Industriegeschichte gezeigt werden.

mfG Klaus

Sehr beeindruckend. Vorbildlich aufbereitet und

geschrieben von: FES

Datum: 22.10.16 11:23

mit Wetter wohl auch GFlück gehabt!

Sehr schön, danke! :-) (o.w.T)

geschrieben von: Roni

Datum: 22.10.16 11:46

(Dieser Beitrag enthält keinen Text)
lg, Roni - [raildata.info] - Folge auf Twitter: [twitter.com] - Meine DSO-Reportagen Teil 2 (neueste): [www.drehscheibe-online.de] - Teil 1 (2005 bis 06/2019): [www.drehscheibe-online.de]
http://raildata.info/raildatabanner1.jpg

Vielen Dank...

geschrieben von: TW 48/I

Datum: 23.10.16 12:32

...fürs Zeigen deiner Fotos!
Wir waren letztes Jahr dort, auch abseits der Rosamunde-Pilcher-Pfade.
Um die Touri-Traps zu umgehen sind wir den Coastal Pathway gewandert, schon 200m abseits von LansEnd wird es sehr einsam ;-).
Als Bahnfan sollte man sich auch nicht die Fahrt von St.Erth nach St.Ives entgehen lassen, ein tolles Küstenpanorame und der Portminster Beach hat Sand und eine Meeresfarbe wie in der Karibik, inkl. tollem Beachcafe!

"Es gehört nicht zum Begriff der Demokratie, dass sie selbst die Voraussetzungen für ihre Beseitigung schafft. Man muss auch den Mut zur Intoleranz denen gegenüber aufbringen, die die Demokratie gebrauchen wollen, um sie umzubringen"
Carlo Schmid (SPD) 1948

Re: [GB] Der Südwesten im August 2016 (2/4), mvB

geschrieben von: VT 410

Datum: 26.10.16 23:48

Vielen Dank für den tollen Bericht! Schließe mich da an, dass Bilder von links und rechts der Gleise immer willkommen sind. Die Kaffeeautomaten sind wirklich Raritäten!

Schöne Grüße
Jiří