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Aktivurlaub auf der Abraumhalde („Aua dA“)

Teil 4a: Im Fotogefecht rund um die Abraumhalde - Die Jagd auf den roten deutschen General




Im letzten Bericht hatte ich zum Abschluss ja noch über die phantasiereichen Möglichkeiten philosophiert, die die gläserne Trennwand zwischen Bad und Bett in meinem Hotelzimmer bieten könnte. Der erste halbe Tag Aktivurlaub und die noch immer nicht verkraftete Zeitumstellung ließen mich sehr schnell und sehr tief einschlafen, selbst für süße Träume war ich zu müde. Pünktlich um 5:15 fing mein Handy an zu dudeln. Und so was nennt sich Urlaub! Schlaftrunken stolperte ich durch das wie in China üblich viel zu warme Hotelzimmer (die Raumtemperatur ließ sich auf minimal 26° herunterregeln) in Richtung Fenster und öffnete den Vorhang. Der erste Blick galt dem Himmel: keine Wolken, da wurde ich schon etwas wacher. Fenster geöffnet: ein Stoß eiskalter Luft, gewürzt mit dem intensiven Geruch von verbrannter Kohle schlug mir entgegen. Die Schlaftrunkenheit war schon fast verflogen. Der laute und durchdringende Pfiff einer Dampflok tönte vom nahegelegenen Bahnhof herüber. Ich war hellwach.

Schnell mehrere Lagen Kleider angezogen, Fotorucksack geschnappt und die Treppe hinunter zur großzügigen Hotellobby, wo Jun und Mr. Gu schon auf mich warteten. Pünktlichkeit zählt ja nicht zu den Grundtugenden der Chinesen, aber Jun und Mr. Gu waren wohl genauso heiß auf die Dampfloks wie ich. Schnell ging es in der Morgendämmerung durch die noch fast menschenleeren Straßen Fuxins hinauf ins Clubgelände (Abraumhalde). Zunächst aber der obligatorische Blick auf die Karte:

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Bild 0: Übersichtskarte der Clubanlage. In diesem Bericht halten wir uns hauptsächlich auf der Abraumhalde (dumps),
dem Bahnhof Pingan und dem zweiten Kraftwerk im Nordosten (nicht mehr auf der Karte) auf.



Auf dem Weg hinauf zur Abraumhalde sahen wir schon die Dampffahne einer uns entgegenkommenden Lokomotive. Wir waren so schnell vom Hotel zur Abraumhalde gefahren, dass die Sonne noch nicht einmal aufgegangen war. Für das Video reichte das Licht schon, für ein Foto eigentlich nicht. Aber als wir sahen, dass es der verehrte General Zhu De ist, der uns entgegenkommt, war klar, dass wir ihn mit einem Ehrenspalier begrüßten. Leider hatten wir keine passenden Winkelemente dabei.

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Bild 1: General Zhu De zieht einen Leerzug von der im Hintergrund sichtbare Abraumhalde hinunter...


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Bild 2: … in Richtung Wulong-Mine, um dort die nächste Fuhre Abraum in Empfang zu nehmen..


Damit war das Programm für den heutigen Tag auch schon fix. Wir sollten uns der Verfolgung des roten deutschen Generals verschreiben. „Zhu De“, der rote, deutsche General, was hat es eigentlich damit auf sich? Nun, Deutschland heißt auf Chinesisch „de guo“ (Tugend Land) und der Vorname des Generals heißt auch „Tugend“. Damit aber nicht genug der Berührungspunkte. Geboren am 18. Dezember 1886 in eine bitterarme Bauernfamilie in Sichuan wurde er mit neun Jahren von einem reichen Onkel adoptiert, der ihm im Alter von 21 Jahren die Aufnahme in die Militärakademie Yunnans ermöglichte. Dort kam er erstmals in Kontakt mit Revolutionären und kämpfte schließlich gegen die kaiserlichen Truppen. Nach dem Tod seiner ersten Frau wurde er stark opiumabhängig und agierte mit ihm ergebenen Truppen als einer der vielen „Warlords“, die damals weite Teile Chinas beherrschten. Nachdem seine zweite Frau samt Kindern von einem anderen Warlord ermordet wurden, ging er nach Shanghai und machte eine Entziehungskur. Eine Aufnahme in die kommunistische Partei wurde wegen seiner Vergangenheit als Warlord abgelehnt.

So machte er sich Ende 1922 nach Europa auf und nahm in Göttingen ein Studium auf. Dort traf er auf Zhou Enlai, der in den ersten Jahrzehnten der VR China neben Mao Zedong die wohl bedeutendste Person werden sollte. Wegen seiner Unterstützung von linken Studentenprotesten wurde er 1925 aus Deutschland abgeschoben und nahm ein Studium in der Sowjetunion auf, kehrte aber bald wieder nach China zurück. Dort kämpfte er zunächst für die Kuomintang, desertierte aber bald mit seinen Truppen und schloss sich Mao Zedong an, der in Südostchina bereits einen kleinen Sowjetstaat gegründet hatte. Die beiden wurden zu besten Freunden, dank der militärischen Fähigkeiten Zhu Des konnte sich der kleine Sowjetstaat lange gegen attackierende Kuomintang-Truppen verteidigen. Schließlich gewannen aber die Kuomintang die Oberhand und die Kommunisten mussten unter der Führung Maos, Zhu Des und Zhou Enlais im Rahmen des berühmten „Langen Marsches“ nach Nordchina fliehen. Bei der Ankunft in Yan’an war von den einst großen kommunistischen Truppen nicht mehr viel übrig. Während sich Mao am Schreibtisch eher um die Revolutionstheorie kümmerte, war Zhu De für den (Wieder)Aufbau der neuen „Roten Armee“ zuständig und wurde deren Kommandeur.

Zhu De führte seine Armee erfolgreich durch die vielen Kämpfe in den nächsten knapp 15 Jahren, zunächst gegen die japanischen Besatzungstruppen, nach Ende des Zweiten Weltkriegs im Chinesischen Bürgerkrieg. Mit der Gründung der Volksrepublik China wurde er zum Oberbefehlshaber der Volksbefreiungsarmee, zum stellvertretenden Vorsitzenden des Politbüros und somit Stellvertreter Maos an der Spitze Chinas. Zudem führte er die chinesischen Truppen im Koreakrieg gegen die UN-Truppen unter Führung der Amerikaner und fügte diesen erhebliche Niederlagen zu. Als Mao 1959 die erste große Säuberungsaktion in den eigenen Reihen startete, kritisierte Zhu De einige der zu säubernden Personen nicht stark genug und verlor anschließend auf Betreiben Maos fast sämtliche Posten. In der Kulturrevolution wurde er dann sogar aus dem Politbüro geschmissen, nur Dank Zhou Enlai, der seine schützende Hand über ihn hielt, blieb er von weiteren, weitaus strengeren Maßnahmen verschont. 1973 wurde er dann wieder rehabilitiert und wieder Mitglied des Politbüros. 1964 besuchte er die Mine in Fuxin und zum 50-jährigen Jubiläum des Besuchs hat man im vergangenen Jahr eine Lok mit seinem Konterfei wieder reaktiviert (korrigiert, siehe Hinweis von User kaufhalle unten). Zhu De starb 1976 sechs Monate nach Zhou Enlai und zwei Monate vor Mao, innerhalb eines Jahres verlor die VR China also ihre drei prägendsten Figuren aus der Anfangszeit.

Damit genug der Geschichte. Kaum hatte der General unsere Fotostelle passiert, kündigte sich aus dem Tal schon der nächste Zug an. Die Sonne hatte noch immer damit zu kämpfen, ihre ersten Strahlen über den Horizont hinweg zu lenken. Wir waren noch immer an der gleichen Stelle auf halbem Weg hinauf zur Abraumhalde. Hier gibt es kleine Ausweiche und die Abraumzüge halten hier immer an, damit das Rangierpersonal sowie die Entlademeister an Bord des Zuges gehen können bzw. bei Zügen von der Abraumhalde sie den Zug wieder verlassen können. Ein pittoresker Schuppen dient ihnen dabei als temporäre Unterkunft. Da die Strecke hier in einer leichten Steigung liegt, ist beim Anfahren der Züge mit entsprechend viel Dampf zu rechnen. So beschlossen wir, dass wir an dieser Stelle auch unsere zweite Foto-/Videopositon einnehmen.

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Bild 3: Im Vordergrund der Schuppen für das Rangier- und Entladepersonal. Im Hintergrund kündigt die imposante Dampf- und Rauchfahne den nächsten Zug an.


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Bild 4: Falls ihr den Zug noch nicht entdeckt habt oder ihr zu sehr auf das Motorrad im Vordergrund starrt, der freundliche Bahnmitarbeiter zeigt es euch.


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Bild 5: Von einem Erdhügel neben der Strecke bot sich ein recht schöner Panoramablick auf die Strecke und das morgendliche Fuxin.
Während links die Zechen und Kraftwerke dampfen, lässt der Meister auf der Lok rechts auch ordentlich Dampf ab.


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Bild 6: Ich vergaß. Ganz rechts ziehen auch noch die Dampfschwaden aus den Schwelbränden auf der Abraumhalde.


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Bild 7: Greenpeace-Aktivisten und Grünen-Wähler schauen bei diesem Bild besser weg.


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Bild 8: Zechenbahnidylle pur. Lok SY 1818 schiebt ihren Abraumzug vor der Kulisse der Wulong-Kohlemine in Richtung Abraumhalde.



Nach so vielen Aktivitäten am frühen Morgen mit leerem Magen hatten wir uns erst einmal ein ausgiebiges Frühstück verdient. Jun hatte eine Thermoskanne heißes Wasser und Nescafé dabei. Nichts für Gourmets, aber nach über einer Stunde im Freien bei Temperaturen unter -10 Grad war jedes Heißgetränk willkommen. Dazu gab’s dann noch Kekse und Bananen. Die Bier- und Schnapsvorräte ließen wir erst mal noch im Auto zurück, schließlich sollten wir noch einen langen Tag vor uns haben und so toll war die bisherige Ausbeute auch noch nicht, als dass man darauf hätte anstoßen können. Während des Frühstücks leuchtete die Sonne unseren Frühstücksplatz immer besser aus und so warteten wir gemütlich bei Kaffee, Keksen und Zigaretten auf die Rückkehr des Zuges, der vor unserem Frühstück auf die Abraumhalde gefahren war.

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Bild 9: Direkt neben unserem Frühstücksplatz erzeugten schwelende Kohlereste auf der Abraumhalde eine schon fast mystische Stimmung.


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Bild 10: Noch vor dem Zug mit Zuglok 1460 kam ein Zug herab, der bereits vor unserer Ankunft an der Fotostelle selbige passiert hatte.


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Bild 11: Rechts auf der Abraumhalde sieht man die schwarze Rauchfahne von Lok 1818...


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Bild 12:… die wenige Minuten später ebenfalls mit Volldampf unsere Fotostelle passierte.


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Bild 13: Es war recht windstill und noch ausreichend kalt, so dass wir….


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Bild 14: ... in den Genuss einer ordentlichen Dampfwolke kamen. Laut stampfend rollte 1818 an uns vorbei …


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Bild 15: ... und tritt den Rückweg in Richtung Bahnhof Pingan an


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Bild 16: Ein Blick von der Abraumhalde ins südlich der Abraumhalde gelegene Bauerndorf. Die Kohleöfen
bollern in den Backsteinhäusern vor sich hin und überziehen das Dorf mit einer leichten Feinstaubwolke.



Nun war zunächst mit einer Betriebspause zu rechnen, da sich die Loks zum Schichtwechsel und Auffrischen der Vorräte in den Bahnhof Pingan zurückzogen. Da wir schon gefrühstückt hatten und es für die Bierpause definitiv noch zu früh war, beschlossen wir es den Loks gleich zu tun und fuhren zum Bahnhof Pingan. Dort köchelte eine bunte Ansammlung von Loks vor sich hin. Das Lokpersonal übergab ihre Maschinen an die nächste Schicht, die Heizer waren fleißig mit dem Ölkännchen unterwegs, kritisch beäugt von den Lokführern, die keinen Finger krümmten, sondern lieber Kette rauchten und die Anwesenheit der Langnase launisch kommentierten. Der Leiter der Werkstatt war mit seinen zwei Adjutanten ebenfalls vor Ort und machte jeden zur Schnecke. Die Heizer, weil sie zu sparsam das Öl verteilten, die Lokführer, weil sie nicht pfleglich genug mit den Loks umgingen und seine Adjutanten, weil die letzten Reparaturen wohl nicht zu seiner Zufriedenheit ausgeführt wurden. Zeitgleich diktierte er ihnen in ihre Notizblöcke, was alles beim nächsten Aufenthalt der jeweiligen Loks in der Werkstatt zu tun sei. Erinnerte mich irgendwie an offizielle Fotos von Inspektionsbesuchen irgendwelcher volkseigenen Betriebe der Familie Kim im Nachbarland Chinas.

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Bild 17: Am Bahnhof Pingan warten der General Zhu De sowie 1818 und 1460 den Schichtwechsel ab, im Hintergrund dampft das Kraftwerk.
In eine der Wohnungen würde ich ja sofort einziehen. Kleiner Wintergarten mit Blick auf den Bahnhof voller Dampfloks, was will man mehr?


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Bild 18: „Roter Stern” 1210 glänzt wie eine Speckschwarte in der Morgensonne.


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Bild 19: In der Gesamtansicht sieht das dann übrigens so aus.


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Bild 20: Einer der Lokführer der neuen Schicht wartet darauf, dass seine Lok fertig gemacht wird.
Selber Hand anlegen wird er erst dann, wenn er sich auf seinen Arbeitsplatz im Führerhaus gesetzt hat.


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Bild 21: Solange die Lok also noch nicht fertig ist, qualmt er mit ihnen um die Wette.


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Bild 22:Auf den ersten Blick erscheinen einem die schwarzen Ungetüme ja wie Relikte aus einer
vergangenen Zeitepoche. Ganz spurenlos ist die Moderne aber auch nicht an ihnen vorbeigezogen.
Gleich zwei Videokameras sind an der Rauchkammertür installiert. Eine akustische Abstandsmessung
habe ich übrigens nicht gehört, ich will aber nicht ausschließen, dass es sie ebenfalls gibt…


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Bild 23: Aus dem benachbarten AW wird ein Werkzeugkoffer herangekarrt.


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Bild 24: Der Heizer schmiert das Gefährt, auf dem er die nächsten 12 Stunden verbringen wird.


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Bild 25: Frisches Öl, wer braucht noch frisches Öl?


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Bild 26: Der Werkstattleiter inspiziert mit seinen beiden Adjutanten die wartenden Loks.


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Bild 27: Der Werkstattchef hat die Schmierung beanstandet. Also kippt der Heizer nochmals ordentlich nach.


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Bild 28: Der Heizer der anderen Lok holt sein Hämmerchen, um Stangen und Räder abzuklopfen.


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Bild 29: Ordnung muss sein, auch in China. Die Übergabe wurde dokumentiert, jetzt kann’s wieder an die Arbeit gehen.



Nun wurde es mal wieder Zeit, dem General Zhu De Aufwartung zu machen. Der schaute ja schon während des Schichtwechsels irgendwie grimmig von der Rauchkammertür auf uns herab. Zu Befehl Herr General, sie werden jetzt wieder unser Objekt der Begierde sein. Vom Lokführer erfuhren wir direkt vor der Abfahrt noch, dass der General zum nächsten Gefecht ins nördliche Kraftwerk abdampfen würde, um dort die Asche abzuholen und auf die Abraumhalde zu fahren. Der eitle General hatte es eilig und sah gar nicht ein, warum er auf uns warten sollte. So konnten wir ihn erst kurz vor einem Bahnübergang überholen. Der Bahnwärter gestattete uns im Tauschhandel gegen eine Zigarette und ein paar Postkarten den Zutritt zu seinem Balkon, wo wir den General gebührend in Empfang nahmen:

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Bild 30: Der General Zhu De hat den ganzen Schichtwechsel lange genug kritisch beäugt. Mit Volldampf macht er sich jetzt Richtung Kraftwerk auf.

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Bild 31: Der General zeigt uns den Hintern, als er unsere Fotoposition an der zweigleisigen Strecke Richtung Kraftwerk passiert.


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Bild 32: Immerhin schaut er uns durch das Zimmer des Bahnwärters nach Passieren des Bahnübergangs grimmig an. Wenn der Bahnwärter an seinem heimeligen
Arbeitsplatz nicht gerade Schranken öffnet oder schließt (kommt höchsten zwei- bis dreimal pro Tag vor), dann widmet er sich dem Anbau von Knoblauch an seinem Fenster.


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Bild 33: Der General hat es eilig auf dem Weg zum nächsten Gefecht, so bleibt uns an diesem pittoresken Bahnübergang nur eine Notschlachtung.



Als wir über endlose Schlaglochpisten schließlich das Kraftwerk erreicht haben, war der General schon im Schlachtengetümmel, sprich er rangierte die Wagen zur Beladung mit heißer Asche.

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Bild 34: Der General am Brückenkopf. Direkt hinter der Brücke zweigt rechts der Anschluss ins Kraftwerk ab. Der kümmerliche Rest
des Baches ist komplett zugefroren, im Sommer wird in dem Bachbett wie auch sonst auf jedem freien Quadratzentimeter Mais angebaut.


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Bild 35: Ohne Beton- und Handymast hätte es ein ganz schönes Bild werden können. So bleibt es bei einem mittelmäßigen Schuss,
zumal der General leider nicht weiter nach vorne rückte, sondern seine Wagen wieder zurück in Richtung Kraftwerk drückte.


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Bild 36: Viel Zeit blieb nicht, um eine gute Fotoposition zu suchen. Direkt neben dem Bahnübergang überspannt eine riesige Autobahnbrücke das Tal.
So kämpfte ich mich durch das stachelige Gestrüpp im Bachbett, betrieb noch ein bisschen Landschaftspflege und kam dann schließlich zu diesem Ergebnis.
Auf den Wagen ist die noch heiße Asche. Um die Feinstaubbelastung geringer zu halten, wurde sie mit ein bisschen Wasser benetzt.



Der General hatte es sehr eilig und eine Verfolgung des Zuges machte keinen Sinn, zumal wir zunächst wieder über einen Kilometer über eine üble Schlaglochpiste fahren mussten. Zudem fehlte Jun noch immer eine gute Aufnahme eines Dampfzuges am Bahnübergang im Bahnhof Pingan. Also wollten wir dem General am Bahnübergang die Aufwartung machen. Auf dem Rückweg konnten wir erspähen, dass der General bereits im Rangierbahnhof Pingan eingefahren war. Ob das noch reicht? Schließlich müssen wir ja erst einmal noch eine geeignete Fotoposition aufsuchen. Mit quietschenden Reifen fuhr Mr. Gu auf den Parkplatz am Bahnübergang. Direkt neben dem Bahnübergang steht ein mehrstöckiges Restaurant, dessen dritter Stock nur über eine Außentreppe zu erreichen ist. Also schnell hochgerannt, Stativ sowie Foto- und Videoausrüstung aufgebaut. Im Hintergrund konnte man am Rangierbahnhof noch immer den General sehen, der aber keinerlei Anstalten machte, sich in Richtung Abraumhalde zu begeben. Also war alle Hektik umsonst.


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Bild 37: Womit verbringt der Eisenbahnfotograf die meiste Zeit seines Lebens? Richtig. Mit Warten. Zwischen Mr. Gu und Jun sieht man im
Hintergrund die Dampfloks am Rangierbahnhof vor sich hin köcheln. Sie machen wohl Siesta. Oben auf der Treppe pfiff der Wind und alles lag im Schatten.
Anders gesagt, es war arschkalt. Immer wieder stieg ich daher die Treppen hinab, um mich ein bisschen in der Sonne aufzuwärmen.
Endlich bimmelt die Glocke und es schließen sich die Schranken. Voller Vorfreude sprinte ich wieder die Treppen hinauf…


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Bild 38: ... nur um bitter enttäuscht zu werden. Statt einer Dampflok blubbert nur ein Diesel vorbei, der in der Wulong-Mine Kohle geholt hatte und diese nun zum Staatsbahnhof fährt.


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Bild 39: Ein Bahnmitarbeiter tut es denn Dampfloks gleich und hält Siesta in einem gefüllten Kohlewagen.


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Bild 40: Wir waren schon dabei, die Stative wieder einzupacken, als vom Rangierbahnhof plötzlich eine Dampfwolke aufstieg. Wird ja auch langsam Zeit.
Es ist allerdings nicht der General, sondern der rote Stern, der mit einer Ladung Steine sehr gemütlich an unserer Fotoposition vorbeizuckelt.
Der Dampfzug kam auf dem genau richtigen Gleis, die aufziehenden Wolken hatten die Sonne noch nicht ganz bedeckt.
Für ein perfektes Foto fehlte aber der Dampf. Sollten wir also doch noch den General abwarten oder lieber frustriert den Rückzug antreten?


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Bild 41: Bedingungslose Kapitulation vor dem General kommt natürlich nicht in Frage. Und tatsächlich kam er dann schließlich.
Sogar mit ordentlich Dampf. Nur leider auf dem falschen Gleis, und die Sonne versteckte sich hinter einer Wolke.


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Bild 42: Diese Schlacht haben wir verloren. Aber noch ist der Krieg nicht verloren...


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Bild 43: ... denn der General zieht mit seinem Aschezug Richtung Abraumhalde. Also nichts wie hinauf auf die Abraumhalde.


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Bild 44: Nach kurzer Wartezeit kommt der erste Zug. Es ist aber wiederum nicht der General, sondern ein stinknormaler Abraumzug.


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Bild 45: Doch schnell keimt wieder Hoffnung auf. Im Tal sind dichte schwarze Rauchzeichen zu sehen, die sich unsere Richtung bewegen.


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Bild 46: Aber es ist wiederum nicht der General, sondern "Roter Stern" 1210 mit dem Steinzug. Hat der General etwa den Rückzug angetreten?


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Bild 47: Natürlich nicht. Mit dicken, schwarzen Rauchwolken kündigt er sich bereits von weitem an.


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Bild 48: Nichts für Feinstaubfanatiker. Aus dem Schornstein des Generals quillt schwarzer Feinstaub der allerfeinsten Sorte. In den Waggons,
die der General vor sich herschiebt, häuft sich die die feine Asche aus dem Kraftwerk. Da die Asche noch heiß ist, ist den Waggons noch ein kleiner
Caboose Marke Eigenbau vorangestellt, damit sich das Begleitpersonal des Zuges hier während der Fahrt aufhalten kann.



Damit endet die Jagd auf den roten General zunächst. Die letzten Bilder zeigen es bereits schon: das Licht stand zu hoch und die Temperaturen waren zu warm für eine gute Dampfentwicklung. So beschlossen wir einen taktischen Rückzug ins Hotel, um ein bisschen Schlaf und Erholung zu finden. Ihr seid damit zunächst auch erlöst und könnt euch auch erholen. Im nächsten Bericht werden wir dann der Werkstatt einen Besuch abstatten, den nächsten Versuch in Sachen Sonnenuntergang am Pool unternehmen und eine äußerst unangenehme Begegnung mit dem Sicherheitschef der Urlaubsanlage haben. Ich hoffe, dass ihr dann alle wieder dabei seid.




Inhaltsverzeichnis Aktivurlaub auf der Abraumhalde („Aua dA“)










2-mal bearbeitet. Zuletzt am 2015:09:28:21:59:42.

Re: großartig! (owt)

geschrieben von: Fads

Datum: 26.09.15 12:06

Wirklich ganz großes, äh Standbild, Kino. Ist das auf Bild 8 Wirklich ein Leerzug?

fragt sich Fads

Re: großartig! (owt)

geschrieben von: Flo1979

Datum: 26.09.15 12:27

> Ist das auf Bild 8 Wirklich ein Leerzug?
>
> fragt sich Fads

Wenigstens einer liest hier aufmerksam mit. Ist natürlich kein Leerzug, sondern ein Abraumzug. Wird sofort korrigiert, danke für den Hinweis.


> Wirklich ganz großes, äh Standbild, Kino.

Danke! Die bewegten Bilder gibt es dann in 10 Jahren im HiFo. Vorher komme ich wahrscheinlich nicht dazu, die Videos zu bearbeiten.


Viele Grüße

Florian

Auch: großartig!

geschrieben von: Armchair traveller

Datum: 26.09.15 12:52

Vielen Dank für diese spannende Reportage wenngleich der PKP dieser Folge doch erschreckend hoch ist.

Re: Auch: großartig!

geschrieben von: Flo1979

Datum: 26.09.15 18:50

Armchair traveller schrieb:
-------------------------------------------------------
> Vielen Dank für diese spannende Reportage
> wenngleich der PKP dieser Folge doch erschreckend
> hoch ist.

Und es wird leider die nächsten Berichte nicht besser. Der PKP bleibt hoch. Aber zum Abschluss der Berichtsreihe wird es zwei Berichte geben, deren PKP gegen 1 tendieren werden.
Hallo!

Herrlich, danke! :-)

Ja, die Diesel kam 2008 auch schon...

lg, Roni - [raildata.info] - Folge auf Twitter: [twitter.com] - Meine DSO-Reportagen Teil 1 (2005 bis 06/2019): [www.drehscheibe-online.de] - Meine DSO-Reportagen Teil 2 (neueste): [www.drehscheibe-online.de]
https://raildata.info/raildatabanner1.jpg
Flo1979 schrieb:
-------------------------------------------------------
> 1973 wurde er dann wieder
> rehabilitiert und wieder Mitglied des Politbüros.
> Ein Jahr später besuchte er die Mine in Fuxin und
> zum 50-jährigen Jubiläum des Besuchs hat man im
> vergangenen Jahr eine Lok mit seinem Konterfei
> verziert.

Da muss ich jetzt doch ein bisschen widersprechen. Mal abgesehen vom 50-jährigen Jubiläum, das wohl erst in 9 Jahren ist, gab es die Lok auch 2012 schon in diesem Zustand, und auch da war die Dekoration nicht neu. Die Lok soll danach wohl zeitweise abgestellt gewesen sein, vermutlich beziehst Du Dich auf die Wiederinbetriebnahme. Aber der Jahrestag muss ein anderer gewesen sein.
kaufhalle schrieb:
-------------------------------------------------------

> Da muss ich jetzt doch ein bisschen widersprechen.
> Mal abgesehen vom 50-jährigen Jubiläum, das wohl
> erst in 9 Jahren ist, gab es die Lok auch 2012
> schon in diesem Zustand, und auch da war die
> Dekoration nicht neu. Die Lok soll danach wohl
> zeitweise abgestellt gewesen sein, vermutlich
> beziehst Du Dich auf die Wiederinbetriebnahme.
> Aber der Jahrestag muss ein anderer gewesen sein.

Mit den 50 Jahren hast du natürlich Recht. Mir wurde das so gesagt und ich habe nicht nochmals nachgerechnet. Peinlich, peinlich. Das 50-jährige Jubiläum war 2014, folglich muss der Besuch 1964 stattgefunden haben. Mir wurde allerdings gesagt, dass man die Lok erst 2014 so hergerichtet hätte, 2010 hatte ich sie nämlich nicht mit dieser Verzierung gesehen. Wahrscheinlich bezog sich das wie von dir vermutet auf die Wiederinbetriebnahme. Bei den äußerst radebrechenen englischen Konversationen können da schon mal Verwechslungen passieren. Zum Beweis noch die entsprechende Postkarte, die ich bekam. Das Bild entstand wohl am 21.9.2014, ich habe es der Einfachheit halber mit dem Smartphone abfotografiert:

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