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Dicke Luft bei den Schwiegereltern

Teil 2: Die verrückteste (Nacht)Zugfahrt meines Lebens - Dicke Luft im Nachtzug oder 28h Zugfahrt mit Stehplatzfahrkarte von Peking nach Hami


Was bisher geschah:

Teil 1: Dicke Luft in Peking?!


Nachtzugfahrten in teilweise recht extremer Form sind aktuell hier im Auslandsforum ja sehr beliebt. Da möchte ich nicht außen vor stehen und auch meinen Beitrag dazu leisten. Allerdings verlaufen Nachtzugfahrten in China für gewöhnlich etwas anders wie in Europa. Darüber werde ich euch in den nächsten beiden Beiträgen ausführlich berichten. Sind Nachtzüge in Europa langsam aber sicher auf dem absteigenden Ast, gehören sie in China zur absoluten Grundversorgung und werden es auch noch lange bleiben. Viele Fernzüge in China (abgesehen von den modernen Hochgeschwindigkeitszügen) haben Zugläufe über mehr als 24h und überbrücken dabei oft Entfernungen von mehreren 1000 Kilometern. Deswegen führen sie immer Schlaf- und Liegewagen (meistens so zehn bis zwölf Stück) plus mindestens ein Speisewagen und zwei bis sechs Sitzplatzwaggons. Falls jemand neue Rekordversuche in Sachen Nachtzugfahrten plant, in China sollte es wohl (theoretisch) möglich sein, ein ganzes Jahr in Nachtzügen zu verbringen ohne einen Zug doppelt zu benutzen.

Im letzten Bericht hatte ich ja schon von meiner geplanten Zugfahrt von Peking nach Hami erzählt. Bis jetzt hatte ich allerdings keine Fahrkarte und selbst über die Beziehungen meines Schwiegeronkels hatte ich es nicht geschafft, eine Fahrkarte zu bekommen. Nach dem Neujahrsfest kehren eben alle von ihren Familien zurück zu ihren Arbeitsorten und die Züge sind rappelvoll.


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Bild 1: Ein Zeitungsartikel über die Fahrt eines Wanderarbeiters von Peking in seine Heimat anlässlich des Frühlingsfestes. Links oben im Bild sieht man, wie der Wanderarbeiter in seinem sehr bescheidenen Nachtlager seine wenigen Habseligkeiten in einen Sack packt. Mit dem Bus geht es dann zum Bahnhof (Bild 2), wo er sich die Wartezeit bis zu seinem Zug mit Kartenspielen vertreibt (Bild 3): Der Wanderarbeiter hat Glück und bekommt im Zug einen Sitzplatz, den er zum Schlafen nutzt (Bild 4). Das große Bild zeigt dann die Ankunft am Zielbahnhof. Voller Vorfreude eilt der Wanderarbeiter über den Bahnsteig …


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Bild 2: … zum Bahnhofsvorplatz (Bild 6), von wo aus ein Sammeltaxi (Bild 7) in sein Heimatdorf bringt. Dort wartet seine Enkelin bereits sehnsüchtig auf ihn und schließt ihn in die Arme (Bild 8). Die ganze Familie freut sich, dass das Familienoberhaupt für ein paar Tage da ist (Bild 9), bevor er wieder für ein ganzes Jahr zum Geldverdienen in die große Stadt zurückreist und so sicherstellt, dass die Familie über die Runden kommt und die Kinder eine Ausbildung bekommen, damit es ihnen später einmal besser geht. Menschen wie er sorgen dafür, dass Handys, Fernseher und Computer bei uns so schön billig sind, schließlich sind wir Deutschen ja nicht blöd.



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Bild 3: Besonders bemerkenswert am Zeitungsartikel ist auch das Eisenbahnlogo links oben.
Da fährt doch glatt eine Baureihe 103 ins Bild, wo die Chinesen das wohl geklaut haben?


Jetzt aber genug der Theorie, ab in die Praxis. Wie komme ich an Bord eines Nachtzuges, wenn ich noch nicht einmal eine Fahrkarte besitze? Die Praxis in drei Schritten:


Schritt 1
Mein Zug nach Hami fuhr am 26. Februar morgens um 10 Uhr in Peking West ab. Und so traf ich morgens um halb neun mit meiner Frau und meinem Schwiegervater im Bahnhof Peking West ein. Über Beziehungen zum Bahnpolizeichef des Bahnhofs Peking West wurden uns zwei Polizisten zugeteilt, die uns an der Fahrkartenkontrolle vorbeischleusten (in China darf man Bahnhofsgebäude grundsätzlich nur mit Fahrkarte betreten). Jetzt waren wir schon mal im Bahnhof drin, das war der erste Schritt.

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Bild 4: Im Inneren des Bahnhofs von Peking West. Eigentlich kommt man hier nur mit Fahrkarte rein,
es sei denn, man kennt jemanden, der den Bahnpolizeichef von Peking West kennt…



Schritt 2
In China kann man aber auch nicht einfach auf den Bahnsteig, sondern muss in einem der riesigen Wartesäle warten, bis der Zug aufgerufen wird. Nach erneuter Fahrkartenkontrolle kann man dann auf den Bahnsteig, wo dann meist schon der Zug steht. Ein Schwarzmarkthändler verkaufte uns drei Bahnsteigkarten für je 10Yuan. Das war der zweite Schritt, 15 Minuten vor Abfahrt des Zuges stand ich auf dem Bahnsteig und der Zug stand schon bereit. Jetzt kommt allerdings die nächste Hürde. An der Tür jedes Waggons steht eine Schaffnerin und die lässt einen nur rein, wenn man eine Fahrkarte für genau diesen Waggon hat. Eine Fahrkarte hatte ich aber nicht.

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Bild 5: … dann kommt man auch in den Wartesaal für den Zug nach Urumqi (das Bild entstand wie das
vorhergehende bereits 2009, dieses Mal hatte ich wegen der Hektik keine Zeit zum Fotografieren im Bahnhof.



Schritt 3
Die Zugreihung ist in China immer ganz einfach: Die Schlaf- und Liegewagen sind alle zusammengekoppelt, dann kommt der Speisewagen, dessen Verbindungstüre zum Schlaf- und Liegewagenbereich aber meistens abgeschlossen ist, denn Fahrgäste in diesem Bereich bekommen das Essen an den Platz gebracht. Dann folgen die Sitzplatzwaggons, von wo aus man zwar Zutritt zum Speisewagen, nicht aber zum Liege- und Schlafwagenbereich hat. Im ersten Sitzplatzwaggon nach dem Speisewagen befindet sich meistens das kleine Büro des Zugchefs (in meinem Fall war es eine Zugchefin), wo man während der Fahrt noch Upgrades erstehen kann (hatte ich u.a. ja schon einmal im Bericht meiner Nachtzugfahrt von Tunxi nach Guilin erzählt, wo ich dank Bestechung einen Upgrade von Sitz- auf Schlafwagenplatz bekam). Also haben wir schnell diesen Waggon gesucht. Meine Frau meinte zur Schaffnerin an der Tür, wir würden schnell reingehen und drinnen eine Fahrkarte kaufen. Die Schaffnerin wusste nicht so richtig, ob sie uns reinlassen sollte, aber bevor sie es sich richtig überlegt hatte, hatte sich meine Frau schon vorbeigedrängelt und mich hinterher gezogen. Und tatsächlich, die Zugchefin verkaufte mir ohne Bestechung eine Stehplatzkarte für die knapp 28h lange Fahrt von Peking nach Hami. Ich verabschiedete mich schnell von meiner Frau und kurz darauf rollte der Zug langsam aus dem Bahnhof von Peking West und ich war an Bord.

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Bild 6: Ein Schaffner steht ordentlich stramm vor der Tür zu Wagen 10 und wacht darüber, dass in diesen Wagen auch nur
Fahrgäste einsteigen, die eine Fahrkarte für genau diesen Waggon haben. Leider hatte ich aber nicht einmal eine Fahrkarte.



Einerseits überwiegte die Freude, denn ich hatte es geschafft. Ich würde mit dem Zug nach Hami fahren. Andererseits hatte ich auch ziemlich Bammel. 28 Stunden im Stehen, das ist selbst für hart gesottene Eisenbahnfreaks wie mich eine echte Herausforderung. Meine Frau hatte der Zugchefin noch gesagt, sie sollte mir sofort eine Schlaf- oder Liegewagenkarte verkaufen, sobald ein Bett oder Liege frei wäre. Solange sollte ich eben warten. Also stand ich mir am Tresen der Zugchefin und schaute zu, wie sie eine Stehplatzkarte nach der anderen für die Fahrt bis zum Zielort des Zuges in Urumqi (36 Stunden Fahrtzeit!) verkaufte. Selbst Stehplatzkarten waren im Vorverkauf vergriffen und deswegen hatten viele Chinesen zu Trick 17 gegriffen. Sie haben sich nur eine Stehplatzkarte bis zum nächsten Bahnhof gekauft (das geht wohl immer), um so an Bord des Zuges zu kommen. Im Zug kauften sie dann Stehplatzkarten bis nach Urumqi. Der Fahrkartendrucker der Zugchefin glühte, das Geldbündel in ihrer Hand wurde immer größer und mich ergriff langsam Panik. Wenn das so weitergeht, bedeutet Stehplatz wirklich Stehplatz, weil es selbst zum Umfallen keinen Platz mehr gibt. Bereits jetzt war der enge Gang (chinesische Sitzplatzwaggons haben nicht zwei 2er-Sitzreihen, sondern eine 2er- und eine 3er-Sitzreihe) ziemlich gut gefüllt und an den Zwischenbahnhöfen stiegen immer mehr Menschen zu und lösten Stehplatzkarten nach Urumqi. Ich reichte deswegen immer wieder meinen Reisepass, dem man zum Fahrkartenkauf benötigt und in dem ich 300 Yuan versteckt hatte, der Zugchefin, aber sie schüttelte jedes Mal mit dem Kopf. Schließlich hatte ihr Assistent ein Einsehen, verpflanzte mich in den Speisewagen und sagte, ich solle einen Moment warten. Aus einem Moment wurden Minuten und aus Minuten wurden Stunden, aber wenigstens hatte ich jetzt schon mal einen Sitzplatz.

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Bild 7: Mein Sitzplatz im Speisewagen mit dem typischen Ambiente: Plastikblumen und abwaschbare Plastiktischdecke, drapiert mit weißen Spitzenvorhängen. Das Kamel zeigt es an,
die Reise führt tief in den Westen Chinas, wo es außer Wüsten und Kamelen nicht viel anderes zu sehen gibt. Vom Zielort des Zuges in Urumqi gemessen liegt Kabul näher als Peking.


Zum Mittagessen kamen nur sehr wenige Gäste und ich konnte relativ bequem sitzen. Das Gepäck musste ich unter dem Tisch verstauen, denn im Speisewagen gibt es natürlich keine Gepäckfächer. Mir gegenüber wurde ein Mann mit gebrochenem Fuß platziert, der ebenfalls nur eine Stehplatzkarte hatte, dem der Assistent der Zugchefin das Stehen aber auch nicht zumuten wollte. Draußen zog eine spektakuläre Landschaft vorbei, die Zugfahrt führte mittels Tunnels und Brücken durch eine tiefe Schlucht. Aber da meine gesamte Foto- und Videoausrüstung unter dem Tisch verstaut war, kann ich euch leider keine Bilder zeigen.

Ich versuchte zwischenzeitlich auf die Toilette zu gehen, aber auf dem Gang waren bereits so viele Menschen und Gepäck, dass ein Durchkommen unmöglich war. Immer wieder schielte ich auf die nur wenige Meter entfernte Tür zum angrenzenden Schlafwagen. Dort begann das Paradies: freier Zugang zur Toilette, keine Menschen auf den Gängen und Platz zum Liegen. Im Minutentakt gingen Schaffner oder Personal vom Speisewagen durch die Türe, aber sie schlossen die Türe immer sofort wieder ab. Keine Chance zum Durchschlüpfen und von einer Schlaf- oder Liegewagenkarte war noch immer nichts zu sehen. Punkt 17:30 wurde der Speisewagen zum Abendessen geöffnet und jetzt begann das Hauen und Stechen. Es war nicht der Hunger, es war die Aussicht auf einen Sitzplatz, der die Menschen antrieb. Schließlich mussten der Zugchef und der Zugpolizist eingreifen, um Handgreiflichkeiten zwischen Fahrgästen zu vermeiden. Aufgrund des Chaos kamen die Damen vom Speisewagen erst um 18:30 zum Aufnehmen der Bestellungen. Natürlich bestellte ich ein Abendessen, das dann aber erst kurz vor acht Uhr kam. Sollte mir aber Recht sein, je länger es dauerte, desto länger hatte ich meinen Sitzplatz, der jetzt aber schon recht unbequem war, da jetzt vier Leute am Tisch saßen und mein ganzes Gepäck unter dem Tisch lag.

Das Essen war sehr gut und für 30 Yuan (umgerechnet ca. 3€) sehr reichhaltig (zwei Sorten Fleisch, drei Sorten Gemüse, Reis, Suppe mit Hackfleischbällchen). Allerdings hatte ich noch immer mit den Nachwehen meines Durchfalls vom gestrigen Tag zu kämpfen. Der Durchfall war zwar zum Glück weg (sonst wäre jetzt schon meine Hose vollgeschissen, da der Weg zur Toilette ja versperrt war), aber das Zunehmen fester Nahrung löste immer gleich wieder einen Brechreiz aus. Um 22 Uhr kam dann die nächste Essensrunde. Allerdings stand praktisch niemand auf, sondern bestellte einfach ein weiteres Essen (mich eingeschlossen). Dem Speisewagenpersonal war es egal, die wollten nur soviel Essen wie möglich verkaufen. Ich dachte aber schon an die Zeit nach dem zweiten Essen und jedes Mal wenn die Zugchefin oder ihr Assistent vorbeikam, steckte ich ihnen einen Zettel zu, auf dem meine Frau auf Chinesisch geschrieben hatte, ob ich nicht wenigstens einen Klappsitz im Liegewagen haben könne. In den Zettel hatte ich auch einen Geldschein eingewickelt, aber ich erntete jedes Mal ein Kopfschütteln. Die Schaffner hatten mittlerweile ein einsehen und ließen immer wieder einzeln Leute auf die Toilette im Schlafwagen, achteten aber penibel darauf, dass auch jeder wieder in den Speisewagen zurück kam. Ich blieb aber penetrant, reichte dem Schaffner immer wieder den Zettel und eine halbe Stunde, nachdem das zweite Essen kam, winkte mich der Assistent plötzlich zu sich in den angrenzenden Schlafwagen.

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Bild 8: Luxustoilette im Schlafwagen von Hami nach Lanzhou. Hierbei handelt es sich um eines der älteren Schlafwagenexemplare,
wo die Toilettenbrillen noch aus echtem Holz sind. In den neueren sind sie aus Plastik. Generell finde ich aber die chinesischen Toiletten …


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Bild 9: … wie hier (ebenfalls im Schlafwagen von Hami nach Lanzhou) hygienischer. Aber im Zug von Peking nach Hami hätte ich jedes
Drecksloch für einen Toilettenbesuch genommen. Alleine, es waren so viele Fahrgäste im Zug, dass es kein Durchkommen zu den Toiletten gab.


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Bild 10: Der Vollständigkeit halber hier noch der Waschraum im Schlafwagen von Hami nach Lanzhou. Die letzten drei Bilder entstanden auf der Rückfahrt,
auf der Hinfahrt kam ich leider nicht in den Komfort eines Schlafwagens, sondern musste trotz der 28-stündigen Zugfahrt zunächst mit einem Stehplatz vorlieb nehmen.
Morgens herrscht im Waschraum Hochbetrieb. Dann holen chinesische Männer das letzte Stückchen Schleim tief aus ihren Lungen und rotzen es in das Waschbecken. Ein einmaliges Erlebnis für alle menschlichen Sinne.


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Bild 11: Der Sinn dieses Warnschildes erschließt im Zug von Peking nach Hami erschließt sich mir trotz meiner recht guten Englischkenntnisse nicht.
Soll es vor dem Gedränge warnen? In einem hoffnungslos überfüllten Zug, wo es nicht einmal mehr Platz zum Umfallen gibt, eigentlich eine sinnlose Warnung.



Sofort schnappte ich mein Gepäck und betrat durch die Tür das Paradies. Der Schaffner platzierte mich auf einem Klappstuhl und gab mir den Zettel zurück. Dabei bemerkte erst jetzt das Geld und gab es mir laut lachend zurück. Ich nutzte als erstes die Gelegenheit und ging nach 17 Stunden endlich auf die Toilette. Kurz darauf kam eine dicke Schaffnerin mit burschikosem Kurzhaarschnitt, die einige Brocken Englisch sprach und die ich vorher schon ein paar Mal angesprochen hatte. Sie meinte, sie könne mir kein Bett verkaufen, da sonst alle anderen im Sitz- und Speisewagenbereich auch eins kaufen wollen. Auch sitzen bleiben könnte ich hier nicht, ich müsste zurück in den Speisewagen. Dorthin war aber kein Durchkommen mehr und mein Sitzplatz war natürlich auch längst weg. Also einigten wir uns auf einen Kompromiss. Ich bekomme kein Bett und keinen Klappstuhl, kann aber im Schlafwagen direkt neben der Türe bleiben. So sehen die Chinesen durch das Glas, dass ich kein Bett habe und ich bin trotzdem zufrieden.

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Bild 12: Mein Traum: ein Klappstuhl im Liege- oder Schlafwagen (das Bild zeigt den Schlafwagen, in dem ich auf der Rückfahrt ein Bett ergattert habe),
um wenigstens die Füße ein bisschen ausstrecken zu können und ein paar Stunden zu schlafen. Aber selbst ein Klappstuhl blieb mir zunächst verwehrt.


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Bild 13: Zwischen Himmel und Hölle. Ich befinde mich bereits im Himmel im Vorraum des Schlafwagens, getrennt durch eine abgeschlossene Glastür von der Hölle des
Speisewagens, wo der Gang aufgrund der vielen sitzenden und stehenden Menschen komplett blockiert ist. Hier war es kalt und zugig, aber ich konnte mich sogar hinlegen.



Ich war erst einmal glücklich, dass ich meine Füße ausstrecken konnte. Im Türbereich war es sehr kalt und zugig, aber mit drei Lagen Klamotten war es erträglich. Mittlerweile war es halb eins in der Nacht und ich richtete mir gerade ein Nachtlager ein, als die Schaffnerin nochmals kam. Ich könne doch eine Liege im Wagen drei offiziell kaufen, könne allerdings nicht durch den Zug laufen, sondern müsste am nächsten Bahnhof aussteigen, nach vorne spurten und dort in Wagen drei einsteigen. Ich konnte mein Glück kaum fassen, auch wenn es noch über zwei Stunden bis zum nächsten Bahnhof sein sollten.

Also machte ich mich kurz nach zwei Uhr bereit zum Aussteigen, als plötzlich eine Angestellte aus dem Speisewagen kam, um am nächsten Bahnhof Müllsäcke aus dem Zug zu laden. Sie wusste, dass ich bis nach Hami fahren würde, da man bei der Essensbestellung die Fahrkarte vorzeigen musste. Mit der Schaffnerin redete sie wie wild auf mich ein, dass der nächste Bahnhof nicht Hami sei und ich nicht aussteigen könne. Das war mir ja klar, ich wollte aber nur nach vorne zu Wagen drei. Es kamen noch zwei Schaffnerinnen dazu und als ich am Bahnhof aussteigen wollte, hielten mich drei Schaffnerinnen und eine Speisewagenangestellte mit vereinten Kräften zurück und hinderten mich am Aussteigen. So nah am Ziel und doch nicht da.

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Bild 14: Ich wähnte mich schon in einem Bett wie hier auf der Rückfahrt im Schlafwagen von Hami nach Lanzhou
(eine Liege im Liegewagen hätte ich natürlich genauso akzeptiert), aber drei chinesische Schaffnerinnen und eine
Speisewagenangestellte zerstörten diesen Traum, der mir eigentlich schon von einer anderen Schaffnerin versprochen war.



So kurz vor dem Erfolg aufgeben wollte ich aber nicht. Bis zum nächsten Bahnhof dauerte es wieder einige Stunden. Also wartete ich, bis sich die Schaffnerinnen in ihre Dienstabteile und die Speisewagenangestellte in den Speisewagen verzogen hatten. Ich befand mich in Wagen 13, also läppische zehn Waggons bis zum Ziel, das sollte doch zu schaffen sein. In jedem Waggon spitzte ich um die Ecke. War die Luft rein und die Schaffnerin nicht auf dem Gang, schlich ich mich über den Gang. Vor dem Dienstabteil in jedem Waggon, das jeweils eine Türe mit Fenster auf (chinesischer) Kopfhöhe hat, ging ich auf die Knie und robbte mit meinem Gepäck unter dem Fenster vorbei. Ich war zwar nicht beim Bund, aber das mit dem Robben klappte ganz gut, auch wenn das auf dem Boden chinesischer Waggons manchmal recht unangenehm sein kann. Dort liegt in den Liege- und Schlafwagen zwar immer Teppich, in den Chinesen aber sehr gerne reinrotzen. Ich war schon am Dienstabteil in Wagen fünf vorbeigerobbt, als sich die Türe plötzlich öffnete und eine junge Schaffnerin herauskam.

Im ersten Moment war sie mehr erschrocken wie ich: eine Langnase kriecht mit Gepäck vor ihrem Dienstabteil und das nachts um vier Uhr. Schnell erklärte ich, dass ich in Wagen drei eine Liegewagenkarte kaufen möchte. Sie schüttelte aber mit dem Kopf, funkte aber schließlich doch noch die resolute Schaffnerin an. Und plötzlich strahlte sie mich an, tippte etwas in ihr Smartphone, klickte auf Übersetzen und ich las „We make a bed ready for you. Please pay 96 Yuan“. Ich hätte sie ja am liebsten umarmt, aber das hätte sie vielleicht missverstanden und ich war ja frisch verheiratet. Nachdem der Papierkram erledigt war (selten hatte ich 10€ so gut investiert wie hier), bekam ich eine Liege in Wagen fünf (es waren in allen Waggons noch Liegen frei), kletterte hinauf in den dritten Stock, kuschelte mich in meine Decke und schlief binnen Minuten ein.

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Bild 15: Und schließlich hatte ich es doch geschafft: ein Bett im Liegewagen verschaffte mir einige Stunden Schlaf und Erholung. Das Bild entstand am
nächsten Mittag kurz vor der Ankunft in Hami. Im Hintergrund sieht man übrigens einen Spender für heißes Wasser, den es in jedem chinesischen Zugwaggon gibt.
So kann man sich dann zum Essen z.B. Schnellnudeln machen, wie es der Fahrgast zwei Tische weiter mit seiner roten Dose Schnellnudeln vorhat.


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Bild 16: Mein typisches Mittagessen (Bild entstand auf der Rückfahrt von Hami nach Peking). Die rote Packung enthält Nudeln, getrocknete Kräuter, Trockenfleisch und Instant-Pulver.
Ein bisschen heißes Wasser dazu, ein paar Minuten stehen lassen und schon hat man ein wirklich leckeres Mittagessen, das nicht einmal 20 Cent kostet. Dazu gibt es frischen grünen Tee,
ebenfalls zubereitet mit dem heißen Wasser aus dem Zug. Die Plastikflasche gehört neben Geruchs- und Lärmunempfindlichkeit zur Grundausstattung für jede Reise in einem chinesischen Zug.



Am nächsten Morgen weckte mich erst um halb elf das Rütteln eines Polizeibeamten. Die Reise ging ja nach Xinjiang, das nach dem tibetischen Teil Sichuans aktuell an zweiter Stelle der Unruheprovinzen Chinas steht. Die Personalausweise aller Chinesen wurden gescannt und ich musste meinen Reisepass vorzeigen. Nachdem ich geantwortet hatte, dass ich aus Deutschland komme, bekam ich meinen Pass zurück. Kurz danach gingen alle Schaffner durch den Zug, darunter auch die burschikose Schaffnerin. Sie boxte mir mit der Faust auf die Brust und sagte „Good morning“, woraufhin ich nur noch mit einem breiten Grinsen antworten konnte „Thank you. You’re the best“. Schnell noch gefrühstückt und ein bisschen durch das Fenster die Wüste beobachtet, und schon zeigte die Digitalanzeige im Wagen an: „Next Stop … Hami South Station“.

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Bild 17: Fahrt mit dem Zug durch die Wüste kurz vor der Ankunft in Hami. Das Zugfenster ist ziemlich dreckig, für chinesische Verhältnisse
aber noch OK (auf der Rückfahrt war es schlimmer). Die lange Fahrt durch die staubige und trockene Wüste hinterlässt eben ihre Spuren.


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Bild 18: Oft erkennt man neben der aktuellen Strecke die alte Strecke, die gerade in hügeligen Gegenden kurvenreicher wie die neue Strecke verlief,
um den Bau von Einschnitten, Brücken und Tunnels zu vermeiden. Aber selbst auf der aktuellen Strecke wird zumindest der Personenverkehr bald zur Geschichte gehören, denn …


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Bild 19: ... in einigen Hundert Metern Entfernung ist man gerade am Bau einer neuen Hochgeschwindigkeitsstrecke, die die meiste Zeit auf Brücken durch die endlose Wüste verläuft.


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Bild 20: Alte Betonschwellen werden entlang der Strecke aufgestellt, um die Strecke vor Sandverwehungen zu schützen. Dahinter verläuft die private Stichstrecke vom Bahnhof
Shankou zur Erzmine in Yamansu. Am Horizont erkennt man viele kleine „Zähnchen“. Dabei handelt es sich um Betonpfeiler für Wände entlang der neuen Hochgeschwindigkeitsstrecke.
Wenn die erst einmal fertig ist, braucht man hier nicht mehr mit dem Zug zu fahren, es sei denn, man starrt gerne stundenlang auf Betonwände links und rechts der Strecke.


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Bild 21: Oh Schreck, der Bahnhof von Shankou mitten im Nirgendwo der Wüste ist eine Großbaustelle. Hier zweigt eine ebenfalls noch in Bau befindliche Hochgeschwindigkeitsstrecke
Richtung Norden (Ulan-Bator???) ab. Dafür endet die Stichstrecke aus Yamansu im Baustellenschutt. Die Stichstrecke ist isoliert und die Mine aktuell stillgelegt. Schade …


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Bild 22: … denn 2010 konnte man auf der Strecke noch Bilder wie diese machen. Aber diese Zeiten sind unwiederbringlich verloren.



Pünktlich um halb zwei nachmittags lief der Zug nach knapp zwölf Stunden im Bahnhof von Hami ein. Im hinteren Zugteil konnte ich noch erkennen, dass die Menschen auf dem Gang noch immer dicht an dicht standen. 35 Stunden ausschließlich im Stehen von Peking nach Urumqi, wie ein Mensch das schaffen kann, bleibt mir ein Rätsel. Am Ausgang des Bahnhofs wartete dann schon die mir bekannte uigurische Führerin, begrüßte mich „I’m your guide“ und geleitete mich zum bereitstehenden Taxi.

Zum Schluss noch ein paar Infos für die Statistiker:


Zug T69 Beijing West - Urumqi

Der Zug von Peking West nach Urumqi benötigt für die 3.113km gerade mal 34,5h, das macht eine Durchschnittsgeschwindigkeit von mehr als 90km/h trotz der oft sehr langen Halte an den Bahnhöfen. Dabei hält der Zug an 18 Zwischenbahnhöfen. Ich war die ersten 2.560km bis Kumul Süd (Hami Süd) mit dabei.

BahnhofAnkunftAbfahrtkm
Beijing West10:010
Baoding 11:20 11:24 146
Shijiazhuang North 12:52 13:02 291
Yangquan North 14:14 14:16 395
Taiyuan 15:18 15:28 516
Lvliang 17:19 17:23 701
Suide 18:17 18:23 790
Dingbian 20:35 20:37 1036
Zhongwei 22:57 23:09 1267
Wuwei 02:40 02:46 1524
Jinchang 03:27 03:29 1598
Zhangye 05:07 05:13 1768
Qingshui 06:35 06:37 1905
Jiayuguan 07:35 07:47 1991
Yumenzhen 08:59 09:01 2123
Liuyuan 10:47 10:53 2288
Kumul South 13:39 13:51 2560
Shanshan 16:32 16:44 2830
Turpan 18:15 18:21 2970
Urumqi 20:29 - 3113



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Bild 23Die Stehplatzfahrkarte von Peking nach Hami Süd (Kumul Süd), die ich im Zug gekauft hatte. Gerade mal
knapp 30€ kostet die Fahrkarte, das ist gut 1 Cent pro Kilometer. Solche Preise sollte mal die Deutsche Bahn anbieten.



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Bild 24: Meine Liegewagenfahrkarte von Jinchang nach Hami Süd (Kumul Süd). Nach hartem Kampf (siehe Bericht oben) konnte ich nachts um vier eine
Liegewagenkarte von Jinchang nach Hami im Zug kaufen. Bett 004 ganz oben in Wagen 5 kostete mich nochmals knapp 10€. Wenn die Fahrkarten
wirklich fortlaufend gedruckt wurden, hatte die Schaffnerin fast 250 Stehplatzkarten im Zug verkauft, obwohl der Zug schon ausgebucht war!


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Bild 25: Und hier noch eine Karte mit dem groben Verlauf der Zugfahrt.



Warum ich eine 28-stündige Zugfahrt nach Hami antat, selbst mit dem Risiko die ganze Zeit stehen zu müssen, erzähle ich euch im übernächsten Bericht. Im nächsten Bericht folgt zunächst die Rückfahrt mit dem Zug von Hami nach Peking entlang der Seidenstraße, die nicht ganz so spektakulär wie die Hinfahrt verlief, dafür entstanden mehr Bilder. Ich hoffe, dass ihr trotzdem wieder reinschaut.



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 2014:08:18:11:37:47.

Spektakulär!!

geschrieben von: cannstatter

Datum: 27.04.13 15:23

habe schon den vorigen Teil genossen und warte mit großer Spannung auf die Fortsetzung!

Hami? Kumul?

geschrieben von: Sören Heise

Datum: 27.04.13 16:29

Hallo Florian,

besten Dank für den Bericht. Das nenne ich wirklich Einsatz fürs Forum. ;-)

Eine Frage hätte ich dann doch nicht (erst googeln, dann fragen): Du nennst Deinen Zielbahnhof Hami Süd (Kumul Süd). Aber dank Wikipedia erfahre ich, daß Kumul der uigurische und Hami seit ein paar 100 Jahren der chinesische ist. Vielleicht schreibst Du es auch und ich habe es einfach überlesen.

Es ist auf jeden Fall schön, daß Du der Familie Zeit fürs Forum abtrotzen kannst. Deine Berichte gehören zweifellos zu den Höhepunkten und verschaffen mir einen Eindruck in eine völlig fremde Welt, in die zu reisen ich mir nicht vorstellen kann.


Viele Grüße,
Sören

Unglaublicher Bericht!

geschrieben von: D 2027

Datum: 27.04.13 16:32

Das ist ein Durchhaltewillen vor dem wir verweichlichten DSO'ler im Single nur den Hut ziehen können! Zugegeben; ich habe ja auch schon mehr als eine abenterliche Nacht im Zug verbracht, aber das ist wahrer Einsatz der einfach gewürdigt werden muss.

Und erst recht ziehe ich den Hut vor Deinen Mitreisenden, die die ganze Fahrt stehend verbracht haben. Das sind die wahren Helden (ich habe auf unserer Fahrt in Turkmenistan auch nur gestaunt, wie man 20 Stunden von Ashgabat nach Dashoguz im Gang stehend aushält) dieser Geschichte, nicht zuletzt deshalb, da sie nicht vom Langnasenbonus profitieren können und absolut keine Chance hatten einen Liegeplatz zu bekommen.

Ich warte gespannt auf die Fortsetzung.

Erik
Hallo Florian,

auf den Grund für eine solche Fahrt bin ich mehr als gespannt :-))
Da müssten (für mich) schon mindestens zwei QJ mit 2000 t über einen Pass stampfen...

Ein phantastischer Reisebericht, für den sich das Warten mehr als gelohnt hat.
Gelesen habe ich zwar schon von den Millionen, die sich vor und nach dem Neujahrsfest auf den Weg machen, doch Deine Beschreibung übertrifft die Vorstellung.

Vielen Dank
Jörg
Hut ab,
das ist ja ein wirklich abenteuerlicher Bericht. So eine Fahrt haette sich bestimmt nicht jeder angetan.

Bild 11 warnt wohl davor, vorsichtig zu sein, dass man sich nichts quetscht. War der Aufkleber irgendwo an der Wagen- oder Toilettentuer befestigt?

Ich freue mich auf weitere Berichte.



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 2013:04:27:19:46:39.

Re: Hami? Kumul?

geschrieben von: Flo1979

Datum: 27.04.13 19:57

Hallo Sören,

> Eine Frage hätte ich dann doch nicht (erst
> googeln, dann fragen): Du nennst Deinen
> Zielbahnhof Hami Süd (Kumul Süd). Aber dank
> Wikipedia erfahre ich, daß Kumul der uigurische
> und Hami seit ein paar 100 Jahren der chinesische
> ist. Vielleicht schreibst Du es auch und ich habe
> es einfach überlesen.
>

vielen Dank für den Hinweis, das hatte ich vergessen zu erwähnen. Kumul wird erst neuerdings (wieder) benutzt, vor drei Jahren stand noch überall Hami. Mittlerweile hat man auch konsequent alle Schilder in Xinjiang zweisprachig auf Chinesisch und Arabisch umbenannt, früher stnad dort meistens wie sonst überall auch in China der Name in Chinesischen Zeichen und in Pinyin. Der Umgang der chinesischen Regierung mit den Minderheiten lässt zwar immer noch an einigen Stellen zu wünschen übrig, aber hier verbessert sich was. Alle Uiguren, mit denen ich Kontakt hatte, verwendeten aber selbst das Wort Hami, einer konnte mit dem Wort Kumul gar nichts anfangen, vielleicht hatte ich es aber einfach falsch ausgesprochen.

Viele Grüße

Florian
Hallo Jörg,

> auf den Grund für eine solche Fahrt bin ich mehr
> als gespannt :-))
> Da müssten (für mich) schon mindestens zwei QJ mit
> 2000 t über einen Pass stampfen...

selbst wenn man 28 Tage mit dem Nachtzug durch China fährt, QJs in Doppeltraktion wird man nicht finden. Die Zeit der QJs ist leider vorbei, aber man gibt sich ja mit Ähnlichem zufrieden, zumal wenn sie nicht nur zu zweit auftauchen...

Viele Grüße

Florian
Wahnsinn! Ich glaube nicht, daß ich mir das "angetan" hätte.

Das mit den Stehplatzkarten verstehe ich nicht so ganz: Sind das spezielle Fahrkarten, die Sitzen in Sitzwagen verbieten oder einfach nur "normale" Fahrkarten ohne Sitzplatzreservierung?

Frage an den Kundigen: Wieso und warum stehen die chinesischen Eisenbahner stramm? Nicht nur die Schaffner an den Einstiegstüren, sondern eigentlich (fast) alle, die bei Ankunft bzw. Abfahrt auf den Bahnhöfen zu tun haben.

Ich bin schon gespannt auf die weiteren Folgen.

Danke, und

Gruß aus Wien

"Ohne Skepsis und Zweifel würden wir heute noch glauben, die Erde wäre eine Scheibe".
"Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen."

(Immanuel Kant)
Hallo Jörg,

> Das mit den Stehplatzkarten verstehe ich nicht so
> ganz: Sind das spezielle Fahrkarten, die Sitzen in
> Sitzwagen verbieten oder einfach nur "normale"
> Fahrkarten ohne Sitzplatzreservierung?
>
In China gibt es keine Sitzplatzreservierungen. Wer eine Fahrkarte für Schlaf-, Liege- oder Sitzplatzwagen kauft, hat automatisch ein Bett, eine Liege oder einen Sitzplatz "mitgekauft". Daneben gibt es ein kleines Kontingent an "Stehplatz"fahrkarten, die an den Bahnhöfen aber meist nur für kürzere Strecken, also ein bis zwei Halte (das können dann aber durchaus schon mehrere Stunden und hunderte Kilometer sein) verkauft werden. Eine "Stehplatz"fahrkarte erlaubt einem, im Sitzplatzwagen mitzufahren. Sofern dort ein Sitz frei ist, kann man sich dort auch hinsetzen. Da die Züge aber meistens sehr voll sind (Sitzplätze sind fast immer ausverkauft), bedeutet eine solche Fahrkarte eigentlich immer Stehplatz. Der Zugchef verkauft dann im Zug Stehplatzfahrkarten für beliebige Strecken, zudem kann man auch Upgrades erwerben (solang man eine lange Nase hat und/oder noch genügend Plätze/Betten frei sind). In China werden Fahrkarten noch immer kontingentweise verkauft und eigentlich bekommt man die Fahrkarten auch nur direkt an dem Bahnhof, an dem man losfährt. Jeder Bahnhof hat ein festes Kontingent, was nicht verkauft wird, geht auch nicht andere Verkaufsstellen oder einen zentralen Topf. Wenn man also nicht gerade zu Stoßzeiten wie rund um das Chinesische Neujahr unterwegs ist, bekommt man also meist einen Upgrade.


> Frage an den Kundigen: Wieso und warum stehen die
> chinesischen Eisenbahner stramm? Nicht nur die
> Schaffner an den Einstiegstüren, sondern
> eigentlich (fast) alle, die bei Ankunft bzw.
> Abfahrt auf den Bahnhöfen zu tun haben.
>
Nicht nur Eisenbahner, auch Parkplatzwächter oder Polizisten stehen bei Wind und Wetter stundenlang stramm. Das kommt wohl noch aus der Kaiserzeit und die Kommunisten haben das "trotzdem" übernommen.

Viele Grüße

Florian
Zitat:
In China gibt es keine Sitzplatzreservierungen. Wer eine Fahrkarte für Schlaf-, Liege- oder Sitzplatzwagen kauft, hat automatisch ein Bett, eine Liege oder einen Sitzplatz "mitgekauft". Daneben gibt es ein kleines Kontingent an "Stehplatz"fahrkarten, die an den Bahnhöfen aber meist nur für kürzere Strecken, also ein bis zwei Halte (das können dann aber durchaus schon mehrere Stunden und hunderte Kilometer sein) verkauft werden. Eine "Stehplatz"fahrkarte erlaubt einem, im Sitzplatzwagen mitzufahren. Sofern dort ein Sitz frei ist, kann man sich dort auch hinsetzen. Da die Züge aber meistens sehr voll sind (Sitzplätze sind fast immer ausverkauft), bedeutet eine solche Fahrkarte eigentlich immer Stehplatz. Der Zugchef verkauft dann im Zug Stehplatzfahrkarten für beliebige Strecken, zudem kann man auch Upgrades erwerben (solang man eine lange Nase hat und/oder noch genügend Plätze/Betten frei sind). In China werden Fahrkarten noch immer kontingentweise verkauft und eigentlich bekommt man die Fahrkarten auch nur direkt an dem Bahnhof, an dem man losfährt. Jeder Bahnhof hat ein festes Kontingent, was nicht verkauft wird, geht auch nicht andere Verkaufsstellen oder einen zentralen Topf. Wenn man also nicht gerade zu Stoßzeiten wie rund um das Chinesische Neujahr unterwegs ist, bekommt man also meist einen Upgrade.
Du hast ja im Bericht geschrieben, es wären noch mehr Liegen frei gewesen. Warum werden die dann nicht im Zug an willige Fahrgäste verkauft?
Avala schrieb:
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> Du hast ja im Bericht geschrieben, es wären noch
> mehr Liegen frei gewesen. Warum werden die dann
> nicht im Zug an willige Fahrgäste verkauft?

Das Argument hatte die Schaffnerin mir ja schon genannt. Wenn Sie mir vor den Augen der anderen Fahrgäste einen Upgrade verkauft hätte, dann wären sofort Tumulte ausgebrochen, weil jeder andere mit Stehplatz auch gerne einen Upgrade gekauft hätte. So viele freie Liegen gab es dann aber doch nicht.

Viele Grüße

Florian
Zitat:
Das Argument hatte die Schaffnerin mir ja schon genannt. Wenn Sie mir vor den Augen der anderen Fahrgäste einen Upgrade verkauft hätte, dann wären sofort Tumulte ausgebrochen, weil jeder andere mit Stehplatz auch gerne einen Upgrade gekauft hätte. So viele freie Liegen gab es dann aber doch nicht.
Das geht mir trotzdem nicht ein. Wenn ich x Plätze zur Verfügung hab, verkauf ich auch x. Wer erst danach an die Reihe kommt hat halt Pech. Aber vielleicht habe ich da einfach einen zu europäischen Zugang ;-)
Avala schrieb:
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> Das geht mir trotzdem nicht ein. Wenn ich x Plätze
> zur Verfügung hab, verkauf ich auch x. Wer erst
> danach an die Reihe kommt hat halt Pech. Aber
> vielleicht habe ich da einfach einen zu
> europäischen Zugang ;-)

Ich kann die Schaffnerin da schon verstehen. Schön in eine Reihe stellen und warten bis man dran kommt, das können vielleicht die Briten, aber Chinesen noch viel weniger wie die Deutschen. Bereits als der Speisewagen um 17:30 öffnete, kam es zu Tumulten und Handgreiflichkeiten. Menschen kletterten über die Tische, nur um einen Sitzplatz im Speisewagen zu ergattern. Erst der stellvertretende Zugchef konnte zusammen mit dem Zugpolizisten wieder für Ordnung sorgen. Bei einem Ausverkauf der Liegen hätten mehr als 500 Fahrgäste um vielleicht 20 freie Liegen im wahrsten Sinne des Wortes gekämpft. Das will sich kein Schaffner antun.

Viele Grüße

Florian
Wahnsinn! Einfach ein Wahnsinn! Und spannend, daß man nicht immer das gleiche Einerlei aus China liest, sondern wirklich mal was spannend Neues. Vielen Dank!

LG Gustav
HIER sind meine Reiseberichte zu finden!