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[CZ] Bahnurlaub in Tschechien - Sommer 2012 (Teil 3)

geschrieben von: tokkyuu

Datum: 14.01.13 21:43

Bahnurlaub in Tschechien - Sommer 2012 (Teil 3)

Teil 3: Montag, 23. Juli 2012: Karlsbad und Brüx

Bisherige Teile:
Teil 1: Von Zwickau über Cheb nach Chomutov
Teil 2: Von Chomutov zur Fichtelbergbahn und zurück

Heute steht ein Ausflug nach Karlsbad (Karlovy Vary) und Brüx (Most) auf dem Programm.

Fahrplan:
07:55 ab Chomutov (R 440)
08:47 an Karlovy Vary
11:05 ab Karlovy Vary (R 615)
12:20 an Most
Straßenbahnfahrten bis Litvínov
14:40 ab Litvínov mesto (Os 6711)
14:55 an Most
15:33 ab Most
15:49 an Chomutov
180 Bahnkilometer

Es ist kaum zu fassen, aber die Sonne scheint und es herrscht blauer Himmel. Das erste Mal in diesem Urlaub, also das erste Mal seit zehn Tagen!

Besuch in Karlovy Vary (Karlsbad)
Nun geht es zum Bahnhof und ich fahre nach Karlsbad, denn die Stadt soll ja sehenswert sein (und ist es auch). Die Fahrt verläuft ohne besondere Vorkommnisse. Ich habe eine gewöhnliche Einzelfahrkarte (Obycejná jednouduchá). Sie kostet 83 Kronen (3,32 Euro) für 59 Kilometer.
Nach der Ankunft schaue ich mich nur kurz auf dem Bahnhof um, der zwar eine Renovierung dringend benötigen würde, aber die Architektur aus alter Zeit gibt dem ganzen Ambiente ein sehr historisches Aussehen. Das erste Gleis ist auf einer Länge von vielleicht hundert Metern völlig überdacht, wobei der Dampfauslass im Dach noch immer vorhanden ist. Man fühlt sich in k.u.k.-Zeiten zurückversetzt.

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363 115 in Karlovy Vary mit dem Rychlík (Schnellzug) „Ohre“.

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Einige Regionalzüge mit den Beiwagen zur Reihe 810 werden von Lokomotiven gezogen: Zug von Johanngeorgenstadt mit 742 201 bei der Ankunft in Kalrovy Vary.

Ich spaziere aber rasch in Richtung Innenstadt, den Weg finde ich irgendwie anhand meines google-maps-Ausdrucks. Zunächst gibt es eine Fußgängerzone, die Straße heißt natürlich Masaryka. Da gibt es auch das Haus, in dem Josef Vitus Becher gewohnt hat, auf den der berühmte Becherovka zurückgeht (ein Kräuterbitter). So richtig toll und schön wird es dann aber beim Fluss Teplá (Deutsch: Tepl). Wunderschöne Gründerzeithäuser, Villen an den Hängen, denn die Stadt zieht sich in ein Tal hinein, das immer enger wird.
Ich spaziere fast bis zum Ende des Tales, also jedenfalls zum Ende des Kurbezirks. Ganz hinten gibt es ein Stadtheater (1886) und die berühmte Kirche Maria Magdalena (1736). Viele Kollonaden mit Brunnen machen den Spaziergang interessant. Und es gibt zahlreiche Aufschriften auf Russisch, was wohl bedeutet, dass ein Großteil der Gäste hier aus Russland kommt. Es gibt ja auch eine Schlafwagenverbindung von hier (genaugenommen von Cheb) nach Moskau.
Selbstverständlich muss ich an einem der vielen Standln auch die berühmten Karlsbader Oblaten versuchen (oplátky). Natürlich schmecken sie wie erwartet unspektakulär, so wie eben Oblaten schmecken. Mit diversen Geschmacksaromen eben. Nunja, warm, mit Zitronengschmack, staubtrocken. Nichts Besonderes, aber auch nicht schlecht.

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Viele Kollonaden laden zum Spaziergang ein.

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Manchmal wähnt man sich viel weiter südlich...

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Karlsbad zieht sich weit in das Tal hinein.

Karlsbader Geschichte
Zeit also, auch ein wenig in die Geschichte zu blicken. Die Heilwirkung der Quellen dürfte schon im 14. Jahrhundert bekannt gewesen sein. Kaiser Karl IV. (auch böhmischer König) erhob 1370 den Ort Vary (Warmbad) zur Königsstadt. Daraufhin wurde sie Karlsbad genannt. Zunächst wurde das Heilwasser für Bäder benutzt, später (16. Jahrhundert) kamen Trinkkuren dazu. Oft wurde die Stadt teilweise oder fast ganz zerstört. Ursachen waren zum Beispiel Überschwemmungen (1582, 1890), Brände (1604, 1759) und der Dreißigjährige Krieg. Zar Peter der Große weilte häufig hier und förderte damit den Kurbetrieb. Die deutschböhmische Bevölkerung wurde hier wie überall in diesen Gebieten 1945 enteignet und vertrieben. Der Kurbetrieb hat erst seit der Wende wieder stark zugenommen und sich wieder auf internationales Publikum ausgereichtet.
Die berühmteste und stärkste Quelle ist Vrídlo (Sprudel), 72°C heiß und so stark, dass das Wasser 14 Meter in die Höhe schießt (in den Weißen Kolonnaden, 2000 Liter pro Minute).

Zurück zum Spaziergang: ich gehe nicht denselben Weg zurück, sondern über eine Hangstraße, vorbei an der russischen Kirche. Auch die Villen in dieser Gegend sind schön und heute sind schon sehr viele neu hergerichtet. Das Zentrum der Stadt ist sowieso ziemlich gut renoviert worden und ist ein Schmuckstück. Mein Ziel ist der dolní nádraží (unterer Bahnhof). Das ist ein moderner Quaderbau, der zugleich auch als Busbahnhof dient, nicht wirklich schön, sondern eigentlich schrecklich. Über Stiegen kommt man zum Bahnsteig, in der Ferne sehe ich einen Triebwagen der Vogtlandbahn. Die fahren also auch bis hierher. Zahlreiche Züge der Hauptbahn, die von Westen kommen, fahren ab Karlsbad Hauptbahnhof noch über die Kurve herunter zum „unteren Bahnhof“, weil dieser näher an der Stadt liegt. Ich könnte auf meinem Weg nach Most auch von hier wegfahren, hätte aber auf dem Hauptbahnhof nur 2 Minuten Übergangszeit zum Umsteigen, das ist mir zu riskant. Daher gehe ich wieder zu Fuß zurück zum Hauptbahnhof. Von der Brücke über die Gleise des dolní nádraží kann ich immerhin ein brauchbares Bild machen, auf dem sogar der Vogtlandbahntriebwagen (Regio-Sprinter) drauf ist. Ich staune eigentlich, denn derzeit ist zwischen Kraslice und Sokolov Schienenersatzverkehr, woher kommt also der Vogtlandbahn-Triebwagen?

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Blick auf den Dolní nádraží in Karlovy Vary.


Fahrt nach Most (Brüx)
Wieder zurück auf dem Bahnhof der Hauptstrecke bemerke ich im Inneren den Fahrkartenschalter: Hier zeigt sich die Internationalität dieses Ortes auch: „Vídej jízdenek“ steht groß über den Schaltern, darunter jedoch auch „Kassa (auf Russisch) - Fahrkartenausgabe - Booking Office - Guichet“. Vor meiner Abfahrt mache ich noch ein Bild des rychlik „Ohre“. Mit dem R615 fahre ich dann nach Most, die Fahrt dauert eineinviertel Stunden und unterwegs versuche ich herauszubekommen, wo der Systemwechsel von Wechselstrom auf Gleichstrom ist. Die Schnellzüge fahren hier natürlich alle mit den Zweisystemloks, aber irgendwo westlich von Chomutov muss die Trennstelle sein. Sie befindet sich zwischen den Bahnhöfen Kadan-Prunérov und Klášterec nad Ohrí. Die Geschichte der Bahnlinie Cheb-Chomutov ist nicht uninteressant. Sie wurde von der Buschtehrader Eisenbahn erbaut und 1871 eröffnet und ist auch heute noch eine der wichtigsten Magistralen in Böhmen. 1923 wurde die Buschtehrader Eisenbahn verstaatlicht. Wegen dem Kohleabbau wurde die Strecke an mehreren Stellen Ende der 1970er-Jahre neu trassiert. Während das erste Teilstück der Strecke bereits 1968 elektrifiziert wurde (Sokolov-Cheb mit 25kV), dauerte es bis 2006, bis die gesamte Strecke zwischen Cheb und Chomutov elektrisch durchgehend befahrbar war. Mehr als 15 Jahre lang klaffte eine 48 km lange Lücke zwischen Kadan und Karlovy Vary.

Bei der Einfahrt nach Most kann ich die berühmte Kirche, die als einzige das alte Stadtzentrum von Most überlebt hat, weil sie hierher als Ganzes verschoben worden ist, mehr schlecht als recht vom Zug aus fotografieren. Genau beim besten Fotopunkt störte mich aber leider die Schaffnerin. Bevor ich mich zur Straßenbahn begebe (einer der Gründe für den Besuch hier) ein paar Fakten zur Geschichte der Stadt:

Geschichte der Stadt Most (Brüx)
Die deutschböhmische Stadt Brüx (von „Brücke“) wurde vermutlich um 1220 gegründet. Brüx war eine reiche Königsstadt und war jahrhundertelang fast ausschließlich deutsch besiedelt. Aufgrund des Kohlebergbaus wurden um die Jahrhundertwende 1900 zahlreiche böhmische Arbeiter in Brüx verpflichtet, wodurch sich die Bevölkerungsaufteilung verschob und es um 1930 bereits eine knappe tschechische Mehrheit gab. Nirgendwo war nach dem Ersten Weltkrieg der Widerstand der deutschen Bevölkerung gegen die neue tschechische Herrschaft so groß wie hier. Trotzdem wurde die Stadt dem neuen Staat Tschechoslowakei zugeschlagen. Die Wirtschaftskrise vor dem Zweiten Weltkrieg verursachte eine Auswanderungswelle nach Amerika und Australien. Nach 1945 wurde wie überall in Böhmen und Mähren die deutschböhmische Bevölkerung enteignet und vertrieben.
1964 war ein einschneidendes Jahr in der Stadtgeschichte. Zugunsten des Kohlebergbaus wurde die Stadt nämlich vollständig abgerissen und 2 Kilometer weiter südlich eine komplett neue Plattenbaustadt aufgebaut. Von der alten Stadt gibt es nur mehr Bilder und Fotografien, lediglich die historisch wertvolle Maria Himmelfahrts-Kirche (1517-1594) wurde 1975 in einer spektakulären Aktion samt ihren Fundamenten auf Schienen um 841 Meter nach Süden verschoben und außerdem um 90 Grad gedreht. Sie befindet sich nun ein Stück außerhalb der eigentlichen (neuen) Stadt, in der Nähe der heutigen Bahntrasse unweit des Bahnhofs.

Ich war bereits 1992 einmal in Most, damals aber mit dem Auto unterwegs und machte lediglich einige Straßenbahnfotos. Diesmal will ich mir aber die Stadt etwas genauer anschauen bzw. das „Gefühl“ einer „neuen Plattenbaustadt“ inhalieren und passende Straßenbahnbilder machen.

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Der Bahnhof von Most wirkt modern, aber verloren und lieblos. Der Vorplatz atmet noch den Hauch der 1980er-Jahre.

Straßenbahnfahrten
Zunächst geht es mit der Straßenbahnlinie 2 Richtung „Stadt“. Das Liniennetz kann man von einem Gleisdreieck aus beschreiben: von diesem Dreieck geht eine Stichstrecke von etwa 1½ km Länge zum Bahnhof. Eine Strecke von etwas mehr als 4 km führt durch die eigentliche „Stadt“ Most bis zur Endstation „Interspar“ (Linien 1 und 2). Eineinhalb Kilometer vorher ist ein Depot (Schleife der Linie 4 „Dopravní podnik“). Vom Gleisdreieck Richtung Norden ist die eigentlich spannende Strecke, nämlich jene nach Litvínov (Oberleutensdorf). Das ist eine Überlandstrecke, die großteils neben einer Bahnstrecke verläuft und zirka 12 Kilometer lang ist. Sie führt in Litvínov durch die alte Stadt durch und dort erhoffe ich mir einige brauchbare Bilder mit Altstadtbebauung.

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Auch die Strecke vom Bahnhof zum Gleisdreieck ist eine Art Überlandstrecke.

Ich erfahre, dass man die Fahrkarten am Automaten im Wagen bekommt und kaufe mir sodann eine „neprestupní jízdenka“, das kann ich jedenfalls verstehen (Nicht-Umsteigekarte) um 17 Kronen (also für eine Fahrt). Ich möchte bis zur Schleife Dopravní podnik fahren. Unterwegs sehe ich dann ja etwas von der „Stadt“ bzw. ich will ein Stück zu Fuß zurückgehen, so wie es sich mit der Zeit ausgeht. Nach meiner Berechnung wäre es zeitmäßig nicht klug, bis zur Endtstation zu fahren, denn ich möchte ja unbedingt nach Litvínov und von dort mit einem Regionalzug nach Most zurückfahren (parallel zur Straßenbahn). Und diesen Zug muss ich auch erwischen. Ich spaziere also ein wenig bei der Schleife herum, bis zum Depot gehe ich jedoch nicht, weil man da sowieso nicht hineinsehen kann. Ich spaziere dann auch etwa zwei Stationen zurück Richtung Gleisdreieck und sehe dann auch einen der lediglich zwei Niederflurwagen vom Typ Astra (Škoda 03T). Die Häuserblocks der Plattenbauten wirken auf jeden Fall viel freundlicher als vor 20 Jahren, sie wurden inzwischen farbenfroh gestrichen. Trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, dass ich mich in so einer Stadt wohlfühlen könnte.


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Wagen 248 und 242 (T3SUCS) in Linie 4 im „Stadtzentrum“. Die Farben dürften auf frühere Vollwerbung zurückgehen.

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Der einzige Astra, den ich zu sehen bekam. Es gibt aber nur zwei! Nummer 201 in Linie 4.

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Blick aus der Straßenbahn auf die „moderne“ Stadt.

Ich steige dann in die nächste Straßenbahn ein (Linie 4) und fahre bis knapp vor das Gleisdreieck, wo ich auch wieder einige Bilder machen möchte und außerdem einen Weg zu der berühmten verschobenen Kirche suchen will. Ich finde auch tatsächlich eine Brücke, doch als ich bei der Kirche ankomme, ist meine Enttäuschung groß, denn ausgerechnet heute ist sie geschlossen. So muss ich mich mit Bildern von außen begnügen und mit dem Lesen von Informationstafeln. Andrerseits könnte es auch Glück bedeuten, denn ich gewinne Zeit und muss vielleicht weniger hudeln. Zurück am Gleisdreieck fährt der nächste Zug bei der Haltestelle durch. Ich erfahre erst später im Internet, dass an dieser Haltestelle nur die HVZ-Linie 3 hält. Aber so ein Zug kommt glücklicherweise gleich danach und so geht es also jetzt nach Litvínov. Die Fahrkarte kaufe ich bei der Fahrerin (ich weiß nicht, was ich beim Automaten drücken müsste). Jedenfalls kostet die Fahrkarte 23 Kronen und sie trägt außerdem die Aufschrift „Prestupní jízdenka 60 min“. Alles klar.


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Von der Stadt blickend sieht man kurz vor dem Gleisdreieck auf die Maria Himmelfahrtskirche und die Unterführung unter die Schnellstraße. Nach der Unterführung ist das Gleisdreieck. Wagen 283 (T3SUCS) in Linie 4.

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Es gibt durchaus nette Ausblicke in Most, nicht alles sind Plattenbauten. Hier der Blick vom Gleisdreieck (die Straßenbahn ist unter diesem Blumenbeet in Tieflage) zum Schlossberg.

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Ein Blick hinunter auf das Gleisdreieck (Wagen 257 in Linie 2). Im Hintergrund sieht man die berühmte Maria Himmelfahrts-Kirche.

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Kaum zu glauben, dass diese Kirche einmal um mehr als 800 Meter verschoben worden ist.

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Die blaue Farbe könnte von einer ehemaligen Vollwerbung stammen: Wagen 225 (T3SU) in Linie 1.

Die Fahrt führt an zahllosen Ölwagen vorbei, denn ausgedehnte Bahnanlagen und Industriebetriebe sind neben der Trasse zu sehen. Schön ist es nicht und es stinkt auch ziemlich arg (wegen der Raffinerie). In Litvínov nádraží heißt es leider aussteigen (Baustelle). Weiter ginge es nur mit SEV, aber das interessiert mich natürlich nicht. Die Straßenbahn fährt ein Stück weiter bis zum Depot, wo eine Wendeschleife ist. Ich bleibe also bei der Haltestelle und fotografiere hier noch eine Weile die Züge und beobachte das Prozedere beim Umsteigen vom SEV-Bus in die Straßenbahn und umgekehrt. Die Leute sind recht freundlich und weil man wohl gemerkt hat, dass ich Tourist bin, ist man hilfreich bemüht, mir zu erklären, wo es langgeht. Aber nein, danke, ich bleibe hier.

Die KT8, die es 1992 noch gegeben hat, gibt es mittlerweile nicht mehr. Das Liniensystem ist auch etwas gewöhnungsbedürftig. Die Linien 2 und 4 verkehren in einem 15 Minuten-Intervall ganztägig, die Linie 1 hat nur ganz wenige Fahrten in der Früh und kurz nach Mittag, die Linie 3 fährt in der Früh bis 7 Uhr und am Nachmittag etwa zwischen 14 und 16 Uhr. Der Wagenpark ist eher eintönig: Fast nur T3 (T3SUCS sowie T3SU). Es gibt lediglich zwei Astra. Die normale Lackierung wäre wohl gelb/rot, jedenfalls sah ich einige dieser Züge, doch gibt es sehr viel Vollwerbung oder Wagen in anderen Farben, die vielleicht die Werbung schon verloren haben, aber die Grundfarbe noch immer tragen.

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Das scheint die Hausfarbe der Straßebahn Most-Litvínov zu sein: T3SUCS Nr. 243 auf Linie 1 in Litvínov.

Ich gehe dann zum kleinen Bahnhof und schaue mich um: ich kann den Bahnsteig, der ja „Litvínov mesto“ heißen soll, nicht finden. Ich hätte mir einen besseren Ausschnitt von OpenStreetMap ausdrucken sollen, dann hätte ich gewußt, dass der zweite Bahnhof nicht neben dem ersten liegt, sondern ein Stück weiter hinten. Als ich am Schalter dann eine Fahrkarte nach Most besorgen möchte, meint die Dame, dass man von hier nicht nach Most fahren könne. Als ich dann die Uhrzeit nenne und „Litvínov mesto“, versteht Sie, kommt heraus und zeigt mir mit Händen und ein wenig Englisch, wie ich zu gehen habe, um zu dieser Haltestelle zu gelangen, etwa 10 Minuten. Sehr freundlich! Aber wirklich so weit? Ich gehe also dorthin und staune nicht schlecht, was für eine verkommene Haltestelle ich hier vorfinde. Von außen würde man nicht vermuten, dass es sich hier um eine Bahnstation handelt. Sie liegt an einer Umfahrungsstraße, die Fensteröffnungen sind mit Ziegeln vermauert. Das Bahnhofsgebäude ist auf der Gleisseite mit dauerhaften Absperrungen versehen, das Gras wuchert, lediglich direkt am Bahnsteig ist die Pflasterung halbwegs intakt. Die Strecke ist elektrifiziert. Die Abfahrtszeiten sind schlecht lesbar, einfach auf einen Mast geklebt, der Witterung ausgesetzt. Immerhin hab ich ein Kursbuch und weiß, wann mein Zug fährt.

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Von außen nicht als Bahnhof erkennbar: Haltestelle Litvínov mesto.

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Auch der Bahnsteigbereich ist nicht besonders einladend.

Statt eines elektrischen Zuges kommt dann ein Regionova (Reihe 814). Der Schaffner ist jung, nett und lustig. Ich kaufe bei ihm einen Fahrschein bis Chomutov mesto (55 Kronen). Dann erklärt er mir auf Tschechisch, dass ab Most ein Bus verkehrt (das ist der Zug nach Plzen). Ich sage ihm aber, dass ich erst mit dem zweiten Zug fahre (in dem mein reund drin sitzen wird, mit dem ich die kommenden zwei Wochen unterwegs sein werde). Als er merkt, dass ich kein Tscheche bin, setzt er auf Englisch fort und gibt zu, dass er auch nicht gerne Bus fährt. Er kommt öfter vorbei und plaudert, ein wirklich lustiger Kerl. Übrigens eher selten, dass ich junge männliche Schaffner sehe. Meist sind es entweder ältere Männer oder junge Damen.

In Most habe ich eine halbe Stunde Zeit und esse erst mal was: eine Leberkässemmel und einen Pariserspitz. Sowas gibts hier also noch! Fein! Wieder eine Kindheitserinnerung!
Ich steige dann in den Zug (R 612) ein, in dem mein Freund sitzt, der von Wien gekommen ist und mit dem ich die nächsten zwei Wochen in Tschechien herumfahren werde. Ich versuche noch, die historische Kirche zu fotografieren, aber leider kommt wieder genau in dem Moment, als ich den besten Blick hätte, die Schaffnerin. Also wieder Pech gehabt.

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Der R612 wird von der 363 061 gezogen, die noch die alte blau/gelbe Farbgebung für Zweisystemloks trägt.

Köstliches Abendessen
In Chomutov mesto angekommen, spazieren wir den schon bekannten Weg zum Hotel „Clochard“. Der Name tut nichts zur Sache, es ist ein recht gemütliches Hotel. Ich bin überrascht: statt des Einzelzimmers haben wir ab heute kein Zweibettzimmer, sondern ein Vierbettzimmer und es ist auch ziemlich groß: ein Doppelbett und zwei Einzelbetten. Na, so lässt es sich leben! Wir schmieden Ersatzpläne, weil ja auf der Strecke von Chomutov nach Plzen Schienenersatzverkehr über mehr als 70 Kilometer besteht. Das wollen wir aber wirklich nicht. Nach längerem Suchen im Kursbuch sind wir auf die Idee gekommen, ein Stück der alten „Österreichischen Nordwestbahn“ zu befahren (nördliches Elbeufer) und dabei in Litomerice (Leitmeritz) eine Pause einzulegen. Die Stadt hat laut Landkarteneintrag ein malerisches Stadtbild.

Wir spazieren dann in die Stadt, deren altes Zentrum ja wirklich ziemlich klein ist, um ein Restaurant für ein Abendessen zu suchen. Wir wählen dann ein ziemlich unscheinbares in einer Seitengasse, aber in Tschechien ist das immer ein Geheimtipp! Man erkennt die Lokale von außen nicht, eine unscheinbare Türe, man muss auf die Speisekarte achten, die ausgehängt ist, da merkt man dann meist, was für ein Lokal man vor sich hat. Und wir haben Glück: es ist ein ausgezeichnetes Lokal und hier werde ich eines der besten Essen in diesem Tschechienurlaub genießen: kachna. Das Wort merke ich mir schnell! Vermutlich stand auf der Karte: „Pecená kachna, zelí, knedlík“ Also „Gebratene Ente“ mit Kraut und Semmelknödel (houskové knedlíky) sowie Erdäpfelknödel (bramborové knedlíky)! Köstlich! Übrigens: es gibt eigentlich zweierlei Sorten Kraut auf dem Teller: Rotkraut (cervený zelí )und (weißes) Sauerkraut (kysané zelí).
Das erste (und nicht das letzte) köstliche Essen in Tschechien. So stelle ich mir Urlaub vor!

Morgen geht es wieder Richtung Sachsen: Sebnitz und Dolní Poustevna sowie nach Ústi nad Labem (Aussig) zur Ruine Strekov (Schreckenstein).

Fortsetzung: Teil 4: Rundfahrt über Sebnitz/Dolní Poustevna

EDIT: Link korrigiert.



3-mal bearbeitet. Zuletzt am 2013:01:20:22:04:15.

Re: [CZ] Bahnurlaub in Tschechien - Sommer 2012 (Teil 3)

geschrieben von: RRo

Datum: 14.01.13 23:21

Zitat:
Nach der Ankunft schaue ich mich nur kurz auf dem Bahnhof um, der zwar eine Renovierung dringend benötigen würde, aber die Architektur aus alter Zeit gibt dem ganzen Ambiente ein sehr historisches Aussehen.

Die Renovierung / Modernisierung steht tatsächlich an, wobei die Bahnsteigüberdachung aber erhalten bleiben soll.

Zitat:
Ich staune eigentlich, denn derzeit ist zwischen Kraslice und Sokolov Schienenersatzverkehr, woher kommt also der Vogtlandbahn-Triebwagen?

Der bedient die KBS 149 über Becov nach Mariánské Lázne. Aber auch das wird sich ändern, wenn man´s denn endlich hinbringt. Es fahren dann modernisierte Brotbüchsen ( entsprechend der ZSSK-Baureihe 813 ) in gelb von GW Train Regio.

Im übrigen vielen Dank für diesen sehr interessanten Bericht mit allerlei Zusatzinformationen ! Ich bin ja mehr ein 100-%-Eisenbahnfotograf und muß mich zu Hause immer fragen lassen " ja host denn de Stod ned og´schaut" oder ähnliches. Dieses Programm absolviere ich in der Regel erst wenn´s dunkel wird oder das Wetter schlecht ist. Dass es sich auch anders lohnt sieht man !

Servus Robert
Hallo :-)
Danke für die tollen Bilder aus Nordböhmen.Tschechien ist immer eine Reise wert.
Die Bilder aus Most gefallen mir besonders gut,da diese wirklich auch schöne Seiten der Stadt zeigen.
Zwar gibt es dort weitgehend nur Plattenbauten,doch hat dies irgendwie auch Charme.
Ich fahre auch gern mit dem Zug durch Tschechien,da es sich hier noch um eine Eisenbahn handelt,die ihre Vergangenheit nicht vergessen hat und sich auch in nächster Zeit nicht in ein gesichtsloses Profitunternehmen verwandeln wird.
Toll finde ich die Nachricht,dass die historische Bahnsteighalle in Karlovy Vary erhalten bleibt.Hier in D wäre sie schon längst weg.

Grüße aus Freiberg
EC Vindobona



2-mal bearbeitet. Zuletzt am 2013:01:15:11:46:05.