DREHSCHEIBE-Online 

Anzeige

HIER KLICKEN!

 08/01 - Auslandsforum "classic" 

  Neu bei Drehscheibe Online? Hier registrieren! Zum Ausprobieren und Üben bitte das Test-Forum aufsuchen!
Bitte unbedingt vor Benutzung des Forums die Ausführungsbestimmungen durchlesen!
Ein separates Forum gibt es für die Alpenländer Österreich und Schweiz - das Alpenlandforum
Zur besseren Übersicht und für die Suche: Bitte Länderkennzeichen nach ISO 3166 Alpha-2 in [eckigen Klammern] verwenden!

[CZ] Bahnurlaub in Tschechien - Sommer 2012 (Teil 1)

geschrieben von: tokkyuu

Datum: 28.12.12 13:32

Es ist wieder soweit. Ein neuer Reisebericht ist im Entstehen. Je nach zur Verfügung stehender Zeit wird es mal länger und mal kürzer dauern, bis ein neuer Teil erscheint. Die Reise begann in Cheb (Eger) und führte über Chomutov (Ausflüge Richtung Sachsen) nach Prag, wo wir eine Woche blieben und auch die Umgebung besuchten. Weitere Ziele waren die Adersbacher Felsenstadt, Liberec (Reichenberg) mit einem Ausflug über Polen zur Zackenbahn, und schließlich in die Region Hradec Králove (Königgrätz). Von dort über die ehemalige "Österreichische Nordwestbahn" nach Wien zurück.

LINKS zu allen weiteren Teilen:
Teil 2: Von Chomutov zur Fichtelbergbahn und zurück
Teil 3: Karlsbad und Brüx
Teil 4: Rundfahrt über Sebnitz/Dolní Poustevna
Teil 5: Zwei Strecken zwischen Böhmen und Zwickau
Teil 6: Über Leitmeritz nach Prag

Bahnurlaub in Tschechien - Sommer 2012 (Teil 1)

Zwanzig Tage Tschechien - das war eigentlich bereits der zweite Urlaubsteil. Die erste Woche führte mich nach Berlin, wo ich mir Zeit für Straßenbahn, S-Bahn und Eisenbahn nahm und mir so manches anschaute, wofür ich bei den letzten Berlinbesuchen zu wenig Zeit hatte. Da ein Bericht darüber für dieses Forum weniger interessant ist, beginne ich mit dem Tag, an dem ich in Tschechien einreiste. Über Wittenberg und Leipzig ging es zunächst nach Zwickau. Von hier mit der Vogtlandbahn nach Cheb (Eger).

Wie üblich bei meinen Reiseberichten ist es kein Fotobericht, sondern ein Reisebericht. Das heißt: die Bilder sind Ergänzung aber nicht Hauptzweck. Deshalb darf man sich auch keine besonders hohe Qualität erwarten. Ich hoffe aber, dass das Lesen Vergnügen bereiten wird. Wer sich mehr auf die bahnbezogenen Themen konzentrieren will, sucht nach den entsprechenden Überschriften und wird dort fündig.

Samstag, 21. Juli 2012: Von Zwickau über Cheb nach Chomutov

Fahrplan:
09:00 ab Zwickau Hbf. (RB 20965
11:50 an Cheb
16:14 ab Cheb (R 607)
17:20 an Chomutov mesto
235 Bahnkilometer

Die Reise beginnt mit dem Fahrkartenkauf auf dem Hauptbahnhof von Zwickau. Ich will das Egronet-Ticket für den heutigen Tag kaufen. Damit kann ich bis Karlovy Vary (Karlsbad) fahren. Für den Rest der Strecke bis Chomutov (Komotau) werde ich dann die Kilometerbank benützen, die ich mir in Tschechien erst besorgen muss. Der Fahrkartenkauf ist allerdings lästig:
Ich stelle mich brav hinter einem anderen Bahnkunden beim Fahrkartenautomaten an und warte und warte und warte. Ich habe keine Ahnung, welche Fahrkarte das Fräulein vor mir kaufen will, aber der Apparat hängt sich schließlich auf und bleibt stecken. Na super. Was machen wir jetzt? Zweiter Automat ist keiner da. Die Schalterhalle ist geschlossen, aber ich entdecke, dass sie um 8.30 Uhr aufsperrt. Das kann ich also noch erwarten und kaufe dann mein Ticket, allerdings kostet es 18 Euro. Ich staune – und merke leider erst zu spät, dass der Preis deshalb um 2 Euro teurer ist, weil ich nicht am Automaten, sondern am Schalter gekauft habe. Die Dame soll ja wohl auch bezahlt werden... Ein schöner Nepp. Vielleicht bin ich auch selbst schuld, ich hätte wohl sagen müssen, dass der Apparat kaputt ist. Aber wer weiß, ob das was genützt hätte.

Fahrt mit der Vogtlandbahn
Ziemlich das ganze Vogtland wird von der Vogtlandbahn bedient. Und die Züge fahren auch weit darüber hinaus. Es gibt auch Linien, die die Staatsgrenze überschreiten:

VB1: Zwickau – Falkenstein – Kraslice – Karlovy Vary
VB2: Zwickau – Plauen – Cheb – Mariánské Lázne
VB3: Hof – Weiden – Regensburg
VB4: Gera – Greiz – Plauen (unt Bf) – Weischlitz
VB5: Hof – Plauen – Falkenstein – Adorf
VB8: Marktredwitz – Cheb
alex Nord: München – Regensburg – Hof
alex Nord: München – Regensburg – Plzeň – Praha
alex Nord: Nürnberg – Plzeň – Praha
alex Süd: München – Kempten – Lindau
alex Süd: München – Kempten – Oberstdorf

Mein Zug ist ein Desiro, er ist ebenso unbequem zum Sitzen wie die Desiros in Österreich: ENTSETZLICH. Und das nun fast drei Stunden lang bis Cheb (Eger). Ich setze mich vorne hin und kann von dort ggf. auch dem Fahrer über die Schulter schauen und somit die Strecke beobachten. Es gibt eine Schaffnerin, aber auch einen Fahrkartenautomaten. Nicht weit hinter Reichenbach fahren wir über die berühmte Göltzschtalbrücke, die man natürlich aus dieser Perspektive nicht sehen kann, nur durch das Führerstandsfenster (schlechtes Foto). Die Elektrifizierung auf der Strecke ist gerade in Bau, das Schnürl endet derzeit in Herlasgrün bzw. in Jocketa (das ist je nach Richtungsgleis unterschiedlich). Schön ist, dass hier Gittermasten aufgestellt werden. Bis wann die Elektrifizierung dann fertig sein wird, weiß ich nicht (sie soll natürlich bis Hof führen). Bei Jocketa hat man einen schönen Blick hinunter ins Tal. Wir fahren wegen der Elektrifizierungsarbeiten auf dem linken Gleis, das rechte ist gesperrt. Das bedeutet, dass zahlreiche Fahrgäste bei den Stationen auf dem falschen Bahnsteig warten und dann über die Gleise laufen und stolpern müssen. Aber das Zugpersonal ist sehr geduldig und freundlich.

http://share.bahnforum.info/transfer/4b34bb10c170dda14241baa237c7d58d12b33f68/U2012/U12_0752.JPG
Blick von der Göltzschtalbrücke

In Plauen haben wir sehr lange Aufenthalt (9:47 bis 10:22 Uhr, also 35 Minuten!). Der RE Franken-Sachsen-Express kommt während der Wartezeit herein. Das ist die Verbindung Nürnberg-Dresden, die mit den als „Regio Swinger“ bezeichneten Zügen der Baureihe 612 betrieben wird. Aber es gibt Streitereien, weil die Verbindung 10 Millionen Euro Verlust im Jahr bringt. Es ist eben wie überall, die Gebietskörperschaften sollen zahlen, sonst will die Bahn den Zug abwürgen.

http://share.bahnforum.info/transfer/4b34bb10c170dda14241baa237c7d58d12b33f68/U2012/U12_0755.JPG
Vogtlandbahn VT04 bzw. 642 304 D-VBG in Plauen ob. Bhf.

http://share.bahnforum.info/transfer/4b34bb10c170dda14241baa237c7d58d12b33f68/U2012/U12_0760.JPG
Regio-Swinger 612 472 abfahrbereit nach Dresden neben meinem Zug nach Cheb (Eger) in Plauen ob. Bhf.

Ab Plauen geht es weiter auf einer zweigleisigen Hauptbahn, die aber eher wie eine Nebenbahn wirkt. Das zweite Gleis scheint aber unbenutzt zu sein. Die Strecke zweigt gleich nach dem Bahnhof scharf nach lnks ab. Auf den nächsten Stationen gibt es jeweils nur Bedarfshalte, das wird schön deutlich vom Band angesagt, nämlich dass man rechtzeitig die Haltewunschtaste drücken muss. Ab Adorf ist die Strecke dann eingleisig. Ab Adorf soll die Strecke angeblich so schlecht ausgelastet sein, dass eine Umstellung auf Busse überlegt wird (so steht es in einer Zeitung). Jedenfalls will der Freistaat Sachsen für schlecht ausgelastete Strecken in Zukunft weniger Zuschüsse zahlen.
Schön ist es übrigens, im Zug sächsischen Dialekt zu hören!

7 mal Grenzübertritt DE-CZ
Auf der Fahrt nach Tschechien überqueren wir nicht weniger als 7 mal die Staatsgrenze, Zunächst geht es für 530 Meter auf tschechisches Gebiet, dann wieder auf 3,18 km nach Deutschland zurück, wobei wir den Grenzbahnhof Bad Brambach bedienen. Hier ist die Ansage im Zug erstmals Deutsch+Tschechisch und hier wechselt auch das Fahrpersonal; es ist von der tschechischen Gesellschaft GW Train Regio (ehemals Viamont), die offenbar mit der Vogtlandbahn kooperiert. Die Gesellschaft betreibt sechs Nebenbahnen, nicht nur nach Deutschland (Zwotental), sondern auch nach Polen (Jelenia Góra und Wroclaw). Siehe auch hier: [www.gwtr.cz].
Dann folgen wieder 530 Meter Tschechien, danach 230 Meter Deutschland und dann 3,45 km Tschechien, wo wir den Haltepunkt Plesná bedienen. Zum Schluss sind wir nochmals für 3,93 km in Deutschland, bevor wir endgültig nach Böhmen einreisen und den tschechischen Grenzbahnhof Vojtanov erreichen. Bis hierher reicht die tschechische Elektrifizierung und hier steigt auch ein tschechischer Schaffner ein. Deutlich zu spüren ist auch, dass in Tschechien die Schienenstöße hörbar sind, also ein Reisegefühl wie anno dazumal. Ab Tschechien sind die Ansagen auf Tschechisch+Deutsch. Trotz genauer Beobachtung kann ich entlang der Strecke keine Grenzpfähle oder Grenztafeln DB-CD sehen. Eigentlich sind relativ viele Fahrgäste über die Grenze mitgefahren, das Angebot wird also offenbar gut genutzt.
Die tschechischen Ansagen im Zug sind schlechter zu verstehen (undeutlicher ausgesprochen) als die deutschen Ansagen. Es fällt mir aber bei Franzensbad auf, dass in der deutschen Ansage nicht „Franzensbad“ gesagt wird, auch nicht als Zusatz, sondern nur „Františkovy Lázne“. Bei der Ausfahrt aus Franzensbad sehe ich gerade einen Pendolino einfahren.

Ankunft in Cheb (Eger)
Wir kommen schließlich in Eger an, es regnet gerade nicht, und so beschließe ich, bis zum nächsten oder übernächsten Schnellzug Richtung Chomutov hier in Eger zu bleiben. Der Zeitpunkt der Weiterreise wird davon abhängen, wie es mir hier gefällt und was es zu sehen gibt. Zunächst suche ich im Bahnhof eine Wechselstube, wie man mir im DSO-Forum empfohlen hat. Und tatsächlich findet sich eine mit einem sehr guten Kurs: 25,10 Kronen für ein Euro. Irgendwer spricht mich an und fragt, ob ich Geld wechseln will, aber ich lasse mich da nicht auf solche Schwarzmarktgeschäfte ein. Das ist mir suspekt. Danach suche ich die Gepäckaufbewahrung und lerne dabei gleich ein neues Vokabel (zavazadlo). Als nächstes kaufe ich mir die CD-Kilometerbank um 2100 Kronen. Sie gilt für 2000 Kilometer und ist bis 20. Jänner 2013 gültig. Noch weiß ich nicht, wie viel ich davon verbrauchen werde, daher bin ich am ersten Tag großzügig und will die Kilometerbank auch für die kurze Strecke zwischen Karlsbad und Chomutov nützen, weil ich annehme, dass ich sie sonst nicht verbrauchen würde. Später werde ich jedoch beschließen, mir die restlichen Kilometer aufzusparen und einmal im Herbst einen Ausflug nach Tschechien zu machen.

Da es kurz darauf stark zu schütten beginnt, bleibe ich auf dem Bahnhof und mache einen kleinen Rundgang auf den Bahnsteigen und warte auf den Pendolino nach Bohumín (Oderberg), der an Samstagen schon von Františkovy Lázne (Franzensbad) kommt. Dort hab ich ihn ja vor kurzem auch einfahren gesehen! Als nächstes kommt ein DB-Pendolino Reihe 610 aus Nürnberg an, da staune ich aber! Auch eine 714 in der neuen Farbgebung kommt mir vor die Linse. Als ich dann mit dem Bahnhof sozusagen „fertig“ bin, ist der Regen auch vorbei und ich spaziere bei Sonnenschein und nassen Straßen Richtung Stadtzentrum.

http://share.bahnforum.info/transfer/4b34bb10c170dda14241baa237c7d58d12b33f68/U2012/U12_0773.JPG
Pendolino 681 002 in Cheb neben einem Desiro der Vogtlandbahn.

http://share.bahnforum.info/transfer/4b34bb10c170dda14241baa237c7d58d12b33f68/U2012/U12_0770.JPG
Reihe 714 in neuester Farbgebung in Cheb.

Der Bahnhofsvorplatz wird gerade neu gestaltet, es dürfte hier ein großes Verkehrszentrum mit Busbahnhof entstehen. Mein Weg führt über die Svobody ins Zentrum. Spätestens jetzt ist es Zeit, etwa mehr über die Stadt zu erfahren, denn die mittlere Regenrinne im Asphalt ist mit Daten zur Stadtgeschichte durchbrochen. Die Löcher für den Abfluss des Regenwassers bilden also die Buchstaben zu sehr interessanten Fakten, noch dazu in drei Sprachen: Tschechisch, Englisch, Deutsch. Und dabei wird der Name der Stadt sogar mit Eger angegeben.

http://share.bahnforum.info/transfer/4b34bb10c170dda14241baa237c7d58d12b33f68/U2012/U12_0777.JPG
Abflussgitter mit Informationen zur Geschichte Egers.

http://share.bahnforum.info/transfer/4b34bb10c170dda14241baa237c7d58d12b33f68/U2012/U12_0778.JPG
Fußgängerzone mit den beschrifteten Abflussgittern in der Mitte


Geschichte von Cheb (Eger)
Im Jahr 1061 hieß die Stadt Egire, 1179 Egra, ab dem 14. Jahrhundert dann Eger, ab dem 16. Jahrhundert auch Cheb. Ab 1850 wurden amtlicherseits beide Bezeichnungen offiziell: Eger und Cheb, seit 1945 nur mehr Cheb, da ja die deutschsprachige Bevölkerung damals enteignet und vertrieben wurde. Der Name Eger kommt vom gleichnamigen Fluss, dessen Bezeichnung auf das keltische Agara zurückgeht. Der tschechische Name dürfte von einer alten Form des Wortes für „Biegung“ (des Flusses) herstammen.
Nach der ersten urkundlichen Erwähnung 1061 kam der Ort 1167 in den Besitz des Staufenkaisers Friedrich Barbarossa, wurde 1179 zur Stadt erhoben und erhielt 1242 das Nürnberger Stadtrecht. Nach dem Aussterben der Staufer kam die inzwischen zur Reichsstadt erhobene Stadt erstmals unter böhmische Hoheit (13. Jahrhundert); sie blieb unter der böhmischen Krone, durchlebte Reformation und Gegenreformation und wurde 1723 freie königliche Stadt. Damals gehörte Böhmen bereits zu Österreich. Als 1918 die Tschechoslowakei gegründet wurde, gab es in der Stadt Widerstände, die erst durch die Drohung von Artilleriebeschuss gebrochen wurden. 1919 gab es in Österreich Wahlen, aus dessen Anlass es in Eger zu einem Volksaufstand kam, der mit einer Schießerei mit zwei Toten endete.
1938 besetzten deutsche Truppen die Stadt, die bis 1945 zum Deutschen Reich gehörte. 1945 wurde die deutschböhmische Bevölkerung enteignet und vertrieben, neue Bürger zogen aus allen Teilen des Landes in die Stadt, die heute etwa 35.000 Einwohner hat. Aufgrund der tschechischen Gastarbeiterpolitik in der kommunistischen Zeit leben heute auch viele Vietnamesen in Eger. Heute wird die Geschichte der Deutschen in der Stadt nicht mehr verdrängt, es gibt ein deutsch-tschechisches Begegnungszentrum, 2010 wurde eine Kriegsgräberstätte für die deutsche Bevölkerungsgruppe (Soldaten und Zivilisten) eingeweiht.

Marktplatz und Umgebung
Ich erreiche den Marktplatz (námestí Krále Jirího z Podebrad, also Platz König Georgs von Podiebrad). Der dreieckige Platz stammt aus dem 13. Jahrhundert und hat neben dem barocken Rathaus und einigen anderen schönen und renovierten Häusern an der Schmalseite des Dreiecks ein Ensemble von Häusern, das in die spätgotische Zeit zurückreicht. Špalícek oder Egerer Stöckl wird die Häusergruppe genannt. Dieses Wahrzeichen der Stadt besteht aus elf teilweise in Fachwerk ausgeführten Häusern, in denen früher jüdische Kaufleute wohnten. Bei den Restaurierungsarbeiten in den 1960er-Jahren konnten nur zwei von drei Häuserblöcken erhalten werden, zwischen denen ein sehr schmales Gässchen (Krämergasse - Kramárská ulicka) verläuft. Eine Informationstafel weist darauf hin, wie im Mittelalter solche Gassen ausgesehen haben. Voller Unrat (aller Abfall, inklusive Fäkalien, der die Gasse bildenden Häuser) und dadurch voller Ratten, die natürlich Grund für die vielen Krankheiten und Epidemien dieser Zeiten waren. Schön oder romantisch sind solche Gässchen natürlich nur in heutigen Zeiten.

http://share.bahnforum.info/transfer/4b34bb10c170dda14241baa237c7d58d12b33f68/U2012/U12_0781.JPG
Der Marktplatz von Eger

http://share.bahnforum.info/transfer/4b34bb10c170dda14241baa237c7d58d12b33f68/U2012/U12_0786.JPG
Egerer Stöckl

Der Marktplatz hat auch einen Brunnen mit einer Roland-Figur. Es gibt viele Hinweistafeln an den diversen Gebäuden, die alle dreisprachig (CZ-DE-EN) sind, so erfährt man beispielsweise, dass sich Goethe öfter in der Stadt aufgehalten hat. Unweit des Marktplatzes befindet sich die Nikolauskirche (Sv. Mikuláš), die im 13. Jahrhundert als dreischiffige Basilika erbaut worden ist. Der größte Teil der heutigen Kirche stammt jedoch aus der gotischen Zeit. 1809 gab es einen Brand, worauf eine Inneneinrichtung im historisierenden neugotischen Stil angeschafft wurde. Die letzten Restaurierungsarbeiten fanden 1966 statt. Zwischenzeitlich gab es barocke Türme, die 1945 bei einem Bombenangriff zerstört und nicht wieder rekonstruiert wurden. Die Kirche gehört zu den wichtigsten Gotteshäusern der Diözese Pilsen, hier wurden stets deutsche und böhmische Heilige verehrt. Die ältesten Teile der Kirche sind neben einem romanischen Taufstein und einigen wertvollen gotischen Statuen auch die unteren Teile der Türme, die noch aus der Zeit der Romanik stammen.

http://share.bahnforum.info/transfer/4b34bb10c170dda14241baa237c7d58d12b33f68/U2012/U12_0803.JPG
Nikolauskirche

Burg Cheb
Mein nächstes Ziel ist die Burganlage, von der jedoch nicht mehr viel mehr übrig ist als ein Turm („Schwarzer Turm“) und einige Reste der Mauern. Diese ehemalige Kaiserburg stammt aus dem 12. Jahrhundert, erhalten geblieben ist außerdem eine romanische Doppelkapelle. Von der Burgruine, die ich mangels Interesse nicht betrete (Eintritt), spaziere ich an der alten Stadtmauer vorbei und komme zur Dlouhá (lange Gasse) und gelange so zur alten Franziskanerkirche St. Nikolaus. Die gotische Kirche stammt aus 1285 und wurde damals nach dem Brand eines Vorgängerbaus mit Kloster und Kreuzgang neu errichtet. Die Inneneinrichtung wurde in der Kommunistenzeit zerstört und macht daher einen recht bedrückenden Eindruck, der mich an eine ebensolche entweihte Kirche in Riga erinnert.
Gegenüber der Franziskanerkirche befindet sich die Klarakirche (Barock), die ebenso wie die Franziskanerkirche in den 1970er-Jahren mutwillig von kommunistischen Behörden verwüstet worden ist. Die Klarakirche wurde jedoch zu einen Konzertsaal umgestaltet und beherbergt auch ein Museum, das ich mir ansehe. Es sind liturgische Gegenstände ausgestellt, auch viele gotische Statuen.

http://share.bahnforum.info/transfer/4b34bb10c170dda14241baa237c7d58d12b33f68/U2012/U12_0805.JPG
Der kleine Rest der Burg Eger: Schwarzer Turm

http://share.bahnforum.info/transfer/4b34bb10c170dda14241baa237c7d58d12b33f68/U2012/U12_0806.JPG
Auch Teile der alten Stadtmauer sind noch erhalten.

In der Zwischenzeit habe ich natürlich längst beschlossen, dass ich länger hier bleibe und erst den zweiten Zug nach Chomutov nehme. Der weitere Spaziergang bringt mich durch hübsche kleine Gassen wieder zum Marktplatz. Inzwischen beginnt es wieder einmal kräftig zu schütten und ich warte den ärgsten Guss in einer Hauseinfahrt ab. Die ausreichend übrigbleibende Zeit kann ich nun auch für die Nahrungsaufnahme nutzen, aber ein „Vepro-knedlo-zelo“ (könnte man mit „Schweinernes-Knödel-Kraut“ übersetzen) bzw. korrekt eine „veprová pecene“ (Schweinsbraten) lasse ich lieber sein, sowas ist doch viel lustiger gemeinsam mit meinem Reisegefährten zu essen, den ich erst in zwei Tagen treffen werde. Schweinsbraten mit (Sauer)kraut und Knödel ist sozusagen das Nationalgericht in Böhmen. Aber eine Cukrárna muss ich natürlich schon besuchen, zumal es hier eine sehr kleine, altertümliche gibt, in der man wirklich kleine, hausgemachte, urig wirkende Dinge erstehen kann. Erinnert an meine frühe Kindheit! Ich wähle Kaffee und irgendeine Torte.

In der Stadt entdecke ich übrigens, dass man hier sogar 26 Kronen für einen Euro bekommen würde. Aber es ist jetzt natürlich egal. Nirgendwo in Tschechien werde ich so billig Kronen erhalten wie hier!
Den Rückweg zum Bahnhof trete ich dann noch bei Regen an, dabei schaue ich mir aber trotzdem die Regenabfluss-Gitter genau an. Die eingestanzten Löcher bilden nämlich auf Tschechisch, Deutsch und Englisch sozusagen eine Geschichte der Stadt, und die ist recht interessant. Ich staune, dass auch die alten deutschen Namen in diesen Inschriften erwähnt sind und sogar die Vertreibung der Deutsch-Böhmen.

Fahrt nach Chomutov
Mein Wagen im Zug Richtung Chomutov hat achtsitzige Abteile, das ist in den Inlandszügen fast immer der Fall. Die Sitzbezüge sind häufig noch aus Plastik. Ich fahre also mit dem R607 (der Zug heißt „Ohre“, so heißt der Fluß Eger auf Tschechisch) bis Chomutov mesto, von dort sind es dann nicht ganz 15 Minuten bis zum Hotel Clochard (gebucht über booking.com), das ich auf Anhieb finde. Das Zimmer ist recht nett, viel Platz ist außer dem sehr großen Bett allerdings nicht. Dafür ist es nicht sehr teuer. Ich nutze heute schon die Kilometerbank, weil ich Angst habe, dass mir sonst zu viele Kilometer übrig bleiben. Nötig wäre es natürlich nicht für 59 km von Karlovy Vary (Karlsbad) nach Chomutov (Komotau). Würde 83 Kronen kosten, und die 100 Kilometer, die abgebucht werden, kosten ja 105 Kronen. Aber egal. Ich werde schließlich bis zum Ende doch über 300 Kilometer übrig haben, weil ich meine Meinung ändern werde.

Nach kurzer Pause gehe ich gleich weiter in die Stadt, natürlich mit dem Regenschirm, den darf man nie vergessen! Ich habe heute insgesamt ungefähr 7 bis 11 mal den Schirm benötigt! Das Wetter ist wie in Berlin, ein ununterbrochener Wechsel von Regen und Regenpausen. Seit einer Woche schon! Die Altstadt von Chomutov ist sehr klein und besteht praktisch nur aus dem Hauptplatz mit zwei oder drei zuführenden Gassen, die sehr schnell in eine modernere Bebauung münden und von einer typisch tschechischen Altstadt nichts mehr zeigen. Ich gehe dann weiter zum Hauptbahnhof, denn von dort möchte ich die Zeit für den Fußweg zum Hotel abmessen. Das wird morgen früh wichtig sein. Es sind nicht ganz 20 Minuten, also nur unwesentlich länger als von Chomutov mesto. Auf dem Bahnhof hat noch ein Fahrkartenschalter geöffnet und ich kann hier ein jízdní rád (also ein Kursbuch) kaufen. Preis: unglaubliche 30 Kc. Nicht zu fassen! Bei uns war es auch einmal so billig. Das ist 1,20 Euro!! Bevor ich ins Hotel zurückkehre, sehe ich, dass der Billa nebenan noch offen hat (täglich bis 20 Uhr) und kaufe noch eine Kleinigkeit. Ich hab ja heute fast nichts gegessen.

Der Tag wird mit Vorbereitungen für den morgigen Ausflug zur Fichtelbergbahn beschlossen. Frühstück im Hotel gibt es schon ab 6.30 Uhr, das ist höchst angenehm, und der Fahrkartenschalter hat morgen (Sonntag!) auch offen. Ich werde noch staunen, dass fast immer und überall die Fahrkartenschalter – auch auf kleineren Bahnhöfen – geöffnet haben. Ich hoffe nur, dass es morgen endlich mal trockener ist. Ich hab ja schon über eine Woche lang fast immer Regen.

(Anmerkung für Eisenbahnfreunde: es kommen schon mehr Bahnbilder, aber manchmal sind sie in der Minderheit!)

Fortsetzung:
Teil 2: Von Chomutov zur Fichtelbergbahn und zurück

EDIT: Fehler korrigiert und Link eingefügt.



3-mal bearbeitet. Zuletzt am 2013:02:11:19:06:44.
http://share.bahnforum.info/transfer/4b34bb10c170dda14241baa237c7d58d12b33f68/U2012/U12_0752.JPG
Blick von der Göltzschtalbrücke


...sorry, ist aber die Elstertalbrücke.

Aber Danke für den Bericht.


Gruß
Karli

Re: [CZ] Bahnurlaub in Tschechien - Sommer 2012 (Teil 1)

geschrieben von: tokkyuu

Datum: 29.12.12 08:50

Danke Karli,
ich dachte, beide Bilder seien von derselben Brücke. Hab das Bild ausgetauscht, jetzt müßte es aber die Göltzschtalbrücke sein. Oder wieder nicht?
Dann muß ich den Text ändern...

Re: [CZ] Bahnurlaub in Tschechien - Sommer 2012 (Teil 1)

geschrieben von: AAW

Datum: 29.12.12 21:31

Danke für den Bericht (und folgende Teile)!

1 Frage/2 Hinweise/1 Meinung:

- Hat Zwickau nur einen einzigen Fahrscheinautomaten? Kann ich fast nicht glauben, weil noch kleinere Bf. (z.B. Freiberg) schon 2 haben.

- "Jiri z Podebrad" ist "Georg von Podiebrad" (nicht Heinrich).

- Mit 30 Kc war der Preis deines Kursbuches schon reduziert, normal kam es ~70(?) Kc. Mit fortgeschrittenem Fahrplanjahr sinkt nämlich der Preis, kurz vor Fahrplanwechsel gibt's es dann für 5 Kc.

- So sehr ich die Mehrsprachigkeit abseits deutscher Lande schätze, bei so Sachen, die länger liegen bleiben (Deckel des Regeneinlaufs), wäre die Konsultation eines orthogr./grammatikalisch bewanderten Fremdsprachenkönners schon ratsam. ;-)


Grüße,
André

Re: [CZ] Bahnurlaub in Tschechien - Sommer 2012 (Teil 1)

geschrieben von: tokkyuu

Datum: 29.12.12 21:58

AAW schrieb:
-------------------------------------------------------
> - Hat Zwickau nur einen einzigen
> Fahrscheinautomaten?

Wenn ich mich recht erinnere, war nur einer in Betrieb.


> - "Jiri z Podebrad" ist "Georg von Podiebrad"
> (nicht Heinrich).

Oh, vielen Dank (wie peinlich!)
Schon korrigiert!



> - Mit 30 Kc war der Preis deines Kursbuches schon
> reduziert, normal kam es ~70(?) Kc.

Das ist aber interessant, erklärt dann natürlich den günstigen Preis.



> - So sehr ich die Mehrsprachigkeit abseits
> deutscher Lande schätze, bei so Sachen, die länger
> liegen bleiben (Deckel des Regeneinlaufs), wäre
> die Konsultation eines orthogr./grammatikalisch
> bewanderten Fremdsprachenkönners schon ratsam.

Jaja, wem sagst Du das! Aber ich bin diese kleinen Fehler schon so gewohnt, daß ich sie längst akzeptiere...