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Hallo,

da ich immer noch krank bin habe ich Zeit, so folgt heute der letzte Teil der Reise als Fortsetzung von hier.

Zur Erinnerung unser bisheriger Reiseweg:

http://imageshack.us/a/img28/6817/turkeymap2.jpg
Blau: Mit dem Zug
Grün: Mit der Fähre
Rot: Mit dem Bus

Es ist Sonntag, der 12. August und wir haben bis zum Freitag Zeit, uns Armenien näher anzusehen. Aufgrund der politischen Wirren in Folge des Berg-Karabach-Konflikts, ist das Land geografisch in einer isolierten Lage, denn die Grenzen zur Türkei und Aserbaidschan sind geschlossen. D.h. der Warenaustausch findet vorwiegend über Georgien, zum Teil über den Iran statt. Für den Bahnverkehr bedeutet das, dass alle Strecken zu den Nachbarländern geschlossen sind, bis auf die Hauptstrecke nach Tiflis. die aktuelle Lage wird an dieser Übersicht deutlich, obwohl Berg Karabach völkerrechtlich korrekt noch zu Aserbaidschan gehörend dargestellt wird, de facto aber armenisch ist.

Vom Bahnverkehr ist daher in diesem Land wenig zu erwarten und zu sehen, allerdings habe ich drei neuralgische Punkte für diesen Bericht rausgesucht.

http://imageshack.us/a/img571/4295/737pxarmenianrailway.jpg

Jedenfalls schauen wir uns am Sonntag Jerewan näher an. Bilder über die Stadt sind im Netz ja zuhauf zu finden, deshalb exemplarisch drei.

http://imageshack.us/a/img521/2927/img0336nl.jpg
Zur Schau gestellte Stretch-Limosinen am Platz der Republik - völlig unpassend zum ansonsten bitterarmen Land

http://imageshack.us/a/img32/5143/img0342rta.jpg
Zugang zur U-Bahnstation Hanrapetutian Hraparak

http://imageshack.us/a/img96/5830/img0333c.jpg
E. A. Poe an einer Hauswand in der Abovyan Straße

Für Montag stand auf jeden Fall eine Tour auf dem Programm, die ich mir für Armenien fest vorgenommen hatte. Und zwar ein Besuch des stillgelegten Grenzbahnhofs Akhuryan an der von der Türkei gesperrten Strecke Gjumri - Akhuryan - Dogu Kapi - Kars. Daher hieß das Ausgangsposting des 1. Teils dieses Reiseberichts ja auch Dogu Kapi, die Ostpforte, die wir nun von der anderen Seite aufrollen werden.

Das erste und letzte Mal auf dieser Reise organisieren wir uns für diese Tour einen Fahrer. Ursprünglich hatte ich in unserem Hostel nachgefragt, die hatten aber keinen zur Hand, sodass wir es letztlich über die Agentur Hyur gemacht haben:

[www.hyurservice.com]

Der gute Mann ist dann auch schnell zur Stelle und wir fahren direkt bis Gjumri. Wir unterqueren die Eisenbahnbrücke unter der Hauptstrecke nach Tiflis und biegen links ab auf die ehemalige M7 nach Kars. Nach ca. fünf Kilometern liegt auf der rechten Seite der Bahnhof. den eigentlichen Bericht habe ich vor einigen Wochen bereits im Rahmen des Streckenberichts hier eingestellt, sodass hier noch einmal alles nachgelesen werden kann:

[www.drehscheibe-foren.de]

Hier als Auswahl zwei Bilder:

http://imageshack.us/a/img444/564/img0389oz.jpg
Einfädelung zum Vierschienengleis in Richtung Türkei. Rechts das Normalpurgleis, links das Breitspurgleis.


http://imageshack.us/a/img259/1999/img0401c.jpg
Geschlossenes Grenztor mit Vierschienengleis zu Türkei

Zum Transportdilemma und Prognosen Armeniens siehe hier: [www.unece.org]

Vom Bahnaspekt war ich mit der Welt zufrieden und das sollte aus meiner Sicht auch genügen, da Ex-UdSSR-Systeme mich nicht sonderlich interessieren. Allerdings sollte es doch noch zu zwei interessanten Bereichen kommen.

Wir wollen weiter nach Sevan fahren und passieren noch den Bahnhof von Gjumri. Hier wurden die Kurswagen nach Dogukapi abgekoppelt und über Akhuryan über die Grenze in die Türkei gefahren, wo in die Züge nach Ankara und Istanbul umgestiegen werden musste.

Einen Reiseprospekt aus sowjetischen Tagen hat Ivan (navi.illop) uns hier präsentiert:

[www.drehscheibe-foren.de]

http://imageshack.us/a/img542/2323/img0408g.jpg

Auf dem Weg zum Sevan-See fahren wir über Vanadzor und überqueren wiederum die Hauptstrecke nach Tiflis:

http://imageshack.us/a/img233/25/img0410m.jpg

http://imageshack.us/a/img233/5665/img0417jh.jpg

Sevan an sich ist enttäuschend. Wir laden unseren Fahrer unterhalb Sevanavanks zum Essen ein und fahren dann nach Yerevan zurück.

http://imageshack.us/a/img440/574/img0450pv.jpg
Typische Szene am Sevan-See. Die Fischer haben hier unter dem sinkenden Wasserspiegel zu leiden

Zum Sevan See vgl. hier die überaus interessante Dokumentation: [www.youtube.com]

http://imageshack.us/a/img841/3527/img0452bx.jpg
Bahnstrecke Yerevan - Sotk. Im Sommer kann die Strecke komplett mit dem Zug befahren werden.

Dienstag, 14. August 2012. Ebenfalls bietet unsere Agentur von jedem Dienstag bis Donnerstag Touren im Bus nach Berg Karabach an. Nachdem wir nun die letzten drei Wochen unsere Reise bei 30 - 40° Hitze selbst organisiert hatten, griffen wir gern auf dieses Angebot zurück. Ich bin ja persönlich kein Freund von irgendwelchen Pauschalreisen, aber diese Touren kann ich euch wirklich empfehlen. Ihr könnt kaum auf eigene Faust diese Touren organisieren und ihr kommt mit Exil-Armeniern in Kontakt und verbringt mehrere Tage mit ihnen. Unsere Gruppe bestand auf Armeniern aus den USA, dem Libanon, aus Basra im Irak, Frankreich, Holland, auch waren zwei Franzosen dabei. Eine Auswahl des Programms findet ihr hier:

http://imageshack.us/a/img707/2919/img275ci.jpg

Zuerst fahren wir nach Khor-Virap, das direkt an der Grenze zur Türkei liegt, mit einem wunderbaren Blick auf den Ararat:

http://imageshack.us/a/img837/8365/img0467zt.jpg

http://imageshack.us/a/img829/554/img0493cf.jpg

Für die meisten Exil-Armenier ist es wichtig, ihre Kirchen und Klöster zu besuchen. Die älteste Teilnehmerin ist ca. 90 Jahre alt und will zum letzten Mal in ihrem Leben die für sie wichtigen Orte besuchen.

http://imageshack.us/a/img526/3333/img0524pv.jpg
Noravank

Armenien ist landschaftlich wunderschön, wirtschaftlich aber völlig von seiner Diaspora abhängig. Wir fahren weiter zur Grenze zu Berg Karabach:

http://imageshack.us/a/img43/6807/img0527fj.jpg

http://imageshack.us/a/img22/8951/img0531hb.jpg

http://imageshack.us/a/img834/6252/img0534ywq.jpg

Bevor wir Berg Karabach erreichen. Liegt rechts unter uns noch die Stadt Goris:

http://imageshack.us/a/img850/4577/img0541od.jpg

Zur Grenzkontrolle: Ihr müsst euch mit einem Einreiseschein in der Hauptstadt Stepanakert registrieren lassen. Dort bekommt ihr das Visum. Beachtet bitte, falls ihr nach Aserbaidschan möchtet, darf in eurem Pass kein Visum der Republik Artsakh (Berg Karabach) vorhanden sein. Wir bekommen ein Gruppenvisum, das in unserem Pass nicht auftaucht.

In Stepanakert sind wir im Hotel Armenia direkt am Hauptplatz untergebracht. Es ist natürlich streng verboten, den Regierungspalast zu fotografieren. Hier finden nach sowjetischer Manier auch noch Panzeraufmärsche statt:

http://imageshack.us/a/img233/1788/img0545p.jpg

http://imageshack.us/a/img707/3433/img0561oi.jpg

http://imageshack.us/a/img819/88/img0573mq.jpg

Zurück zum Eisenbahnnetz. Stepanakert war nicht über eine Bahnlinie an Armenien angeschlossen, allerdings mit Yevlakh in Aserbaidschan:

http://imageshack.us/a/img690/9052/img274g.jpg

Ich war im Vorfeld unserer Reiseplanung überhaupt nicht darauf eingestellt, dass wir Karabach besuchen werden. Den Bahnhof zu finden, ist ebenfalls nicht einfach. Er liegt ca. 2 Kilometer außerhalb der Stadt und ist völlig zerschossen. Es stehen noch zwei Wracks ehemaliger sowjetischer Dieselloks auf dem Bahnhofsgelände:

http://imageshack.us/a/img41/4894/img0701ae.jpg
Bahnhof Stepanakert

Die nichtelektrifizierte Strecke ist komplett demontiert. Übrig geblieben sind nur Signalgerippe:

http://imageshack.us/a/img233/9809/img0610mt.jpg
Strecke Stepanakert - Yevlakh

So viel kann ich ausmachen. Hintergrund ist natürlich der Berg Karabach Konflikt bzw. Krieg, der im nationalen Bewusstsein die Menschen hier ebenso wie der Genozid von 1915 bewegt:

http://imageshack.us/a/img805/9397/img0584ub.jpg

Allerdings, welche Versöhnungsmöglichen bieten sich an, wenn die Nummernschilder der vertriebenen Aseris zur Schau gestellt werden, abgesehen bei all der Religiosität?

http://imageshack.us/a/img819/1407/img0664cw.jpg

http://imageshack.us/a/img821/5312/img0033nh.jpg

Ebenfalls fristen noch viele vertriebene Aseris ihr Leben in Güterwagen in Aserbaidschan: [www.youtube.com]

Die wirtschaftliche Realität bei einer extrem hohen Arbeitslosigkeit spiegelt sich dann eben doch auf der Rückseite sowjetischer Blocks wider:

http://imageshack.us/a/img15/3189/img0733vv.jpg

Abgesehen von all den politischen Wirren, der unüberbrückbare Hass zwischen Armenien und Aserbaidschan, unsere Reisegruppe genießt die den letzten Tag. Es ist eine eingeschworene Gemeinschaft entstanden.

http://imageshack.us/a/img607/6287/img0641o.jpg
Ghazanchetcots

http://imageshack.us/a/img233/1834/img0648yj.jpg

Und die Reisegruppe vor dem Monument Wir und unsere Berge:

http://imageshack.us/a/img838/2135/img0721ny.jpg

Auf der Rückfahrt nach Yerevan müssen wir auf jeden Fall über Yeraskh fahren. Hier befindet sich die geschlossene Grenze an der Bahnstrecke Yerevan - Julfa zu Nakhijevan:

http://imageshack.us/a/img841/810/img273ij.jpg

Ich bitte unseren Busfahrer zu halten und verdrücke mich im letzten halbwegs brauchbaren Licht in die Pampa zum ehemaligen Bahnhof an der Grenze. Das ist hier ebenfalls eine No-Go-Zone, aber drei Bilder sind möglich:

http://imageshack.us/a/img204/8999/img0091bo.jpg
Ehemaliger Bahnhof Yeraskh, der neue liegt ca. 1 Kilometer weiter rechts

http://imageshack.us/a/img845/6765/img0092yqg.jpg
Blick in Richtung Nakhijevan

http://imageshack.us/a/img687/2081/img0097ac.jpg
Blick in Richtung Yerevan mit Wracks von Breitprofilwagen

Zur Lage vergleiche hier: [wikimapia.org] Yeraskh, Eraskh

Abgesehen davon, dass ich zu diesem Moment dringend in die Büsche muss und auf diese Grenzen pis.., wird man vergeblich auf ein Zeichen der Versöhnung warten müssen:

Ihr müsst uns die Vergangenheit vergeben, und ihr müsst uns die Gegenwart verzeihen.

Ebenfalls noch ein Bericht zur politischen Brisanz in dieser Region:

[www.taz.de]

Am nächsten Morgen sind wir von Jerevan aus nach Tiflis zurück gefahren und dann per Flugzeug (wie langweilig) zurück nach Deutschland.

So, das war der lange Reiseumweg nach Armenien.

Viele Grüße

Alex

Die komplette Reiseroute:

23. Juli 2012: Von Oldenburg nach Prag: [www.drehscheibe-foren.de]

24. und 25. Juli 2012: Im Kurswagen 377 im Nesebar von Prag nach Burgas:

Teil 1: [www.drehscheibe-foren.de]

Teil 2: [www.drehscheibe-foren.de]

26. bis 28. Juli: Von Burgas nach Istanbul inkl. der Bahnhöfe Haydarpasa und Sirkeci:

[www.drehscheibe-foren.de]

29. Juli 2012: Von Istanbul mit der Fähre und dem 6-Eylül-Express nach Izmir:

[www.drehscheibe-foren.de]

30. und 31. Juli: Izmir Basmane, Alsancak, Ephesos und Pergamon:

[www.drehscheibe-foren.de]

31. Juli und 1. August: Mit dem Izmir Mavi und dem Schienenersatzverkehr von Izmir-Alsancak nach Ankara:

[www.drehscheibe-foren.de]

1. - 4. August: Von Ankara über Göreme nach Gaziantep:

[www.drehscheibe-foren.de]

5. August: Mit dem Zug von Gaziantep nach Akcakale:

Karma (GmP) Gaziantep – Nusaybin und die Lage in Syrien:

Teil 1: Von Gaziantep nach Karkamis: [www.drehscheibe-foren.de]

Teil 2: Von Karkamis nach Akcakale: [www.drehscheibe-foren.de]

5. - 8. August: Von Akcakale über Harran nach Mardin: [www.drehscheibe-foren.de]

8. - 10. August 2012: Von Mardin über Van und Kars nach Batumi: [www.drehscheibe-foren.de]

11. - 12. August 2012: Mit Zug 201 Armenia von Batumi nach Yerevan: [www.drehscheibe-foren.de]
Einfach Wunderbar, Danke für die schöne serie Reisberichten!
Theijs
Hallo Theijs,

danke.

Mein Abschluss mit der Pinkelszene an diesem denkwürdigen Ort, mag nicht ganz stubenrein gewesen sein. Ich würde mich trotzdem sehr über stubenreine Ergänzungen, besonders über die Grenzregionen in dieser Region, sehr freuen. Ich weiß, besonders hier ist das sehr schwierig.

Beste Grüße

Alex



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 2012:10:31:21:35:11.
Interessanter Bericht. Hier [www.railfaneurope.net] hat jemand Bilder von dem armenischen Abschnitt der Strecke Naxcivan-Culfa-Baku im Araz-Tal vom August 2012 abgelegt. Die Strecke ist dort offenbar abgebaut. Bei Google Maps ist dann erkennbar, dass dort, wo das besetzte Gebiet an den Iran grenzt, ein Staudamm gebaut wurde, in dem die Strecke abgesoffen ist. Auf aserbaischanischer Seite gibt es Zugverkehr aus Richtung Baku bis Horadiz sowie den Inselbetrieb in Nachitschewan. Bis Yeraskh muesste auf armenischer Seite ein Bummelzug fahren, oder? Die in dem Bericht erwaehnte Strecke nach Berg-Karabach wird von Yevlax aus noch bis Köcerli im Personenverkehr befahren. Die Bildergallerie auf [www.parovoz.com] hat auch einige interessante Bilder aus Armenien, u.a. von dem Tunnelportal von dem Tunnel an der direkten Strecke nach Aserbaischan noerdlich von Yerevan. Ansonsten zeigen die Satellitenbilder bei Google Maps auch eindrucksvoll die Schrecken des Krieges. Man schaue sich beispielsweise mal die Reste der Stadt Agdam an...
Guten Abend,

vielen Dank auch meinerseits für den interessanten Bericht. Schön, dass Du uns da soweit entführst. Schade, dass die Lage in der Region nach wie vor sehr angespannt ist. Aber, wenn ihr da in die Grenzregion gefahren seid, bzw. sogar nach Berg-Karabach, hast Du dann da nicht überall sofort Probleme bekommen? Wenn Du den Bahnhof als No-Go-Zone beschreibst, wie ist es Dir gelungen trotzdem dahinzugelangen und Fotos zu schiessen?

Wie ist die Lage sonst, angespannte Waffenruhe, oder gibt es manchmal noch Gefächte? Ist von der angespannten Lage sonst in beiden Ländern viel zu spüren?

Herzliche Dank für die ganzen interessanten Berichte.
Herzliche Grüsse aus Warschau.
Martin
Hallo,

danke für die Anmerkungen und MP, danke für die Ergänzungen.

„Bis Yeraskh muesste auf armenischer Seite ein Bummelzug fahren, oder?“ Genau, just als wir weiter nach Yerevan gefahren sind, kam eine Elektrischka zum neuen Bahnhof angeschlichen. Für ein Bild war es zu dunkel. Der Zug war außerdem nur spärlich besetzt.

Ivan (navi.illop) hatte hier kürzlich zwei Bilder von der Strecke Stepanakert – Yevlakh eingestellt:

[www.drehscheibe-foren.de]

Und zum Fotografieren: Wahrscheinlich hatte ich einfach nur Glück gehabt. Auf der ganzen Reise wurde ich nur einmal bei der S-Bahn in Izmir darauf hingewiesen, dass Fotografieren verboten sei. Aber damit kann man ja leben.

Viele Grüße

Alex