Hallo,
als Fortsetzung der Fahrt mit dem Gaziantep – Nusaybin – Karma
stehen wir am Bahnhof Akcakale und der GmP macht auch um 17.55 keine Anstalten weiter nach Nusaybin zu fahren. Allerdings wird der Zug hier voll. Und, wir befinden uns hier an einer kulturellen und sprachlichen Schneise. Denn ab hier wird Arabisch gesprochen. Türkisch und Kurdisch bekommen wir kaum zu hören.
Da wir uns immer noch auf dem Weg nach Armenien befinden, wollen wir einen Zwischenstopp in Harran und Mardin einlegen. Es gibt hierfür zwei Versionen. Die zweite ist hochgradig interessant und müsste irgendwann einmal ausprobiert werden.
Option 1: Die tatsächliche Version über Harran und Sanliurfa nach Mardin. Option 2: Gestrichelt dargestellt die Version mit dem Zug von Akcakale über Senyurt nach Mardin. Von dieser Version habe ich erst in Mardin erfahren. Vorab der bisherige und aktuelle Reiseweg dieses Berichts:
Bild 1:
Blau: Mit dem Zug
Grün: Mit der Fähre
Rot: Mit dem Bus
Option 1:
Es ist kurz vor Sechs am 5. August 2012. Nach dieser denkwürdigen Fahrt verlassen wir den Bahnhof und gehen zur Rückseite des Gebäudes, wo stündlich immer um Halb die Minibusse nach Sanliurfa abfahren.
Bild 2:
DE 24 211 mit Zug nach Nusaybin in Akcakale
Bild 3:
Rückseite des Bahnhofs Akcakale
Jetzt wieder wasserlos warten wir und der Fahrer (jetzt mit spendierter Wasserflasche) schon auf neue Fahrgäste. Sein Schild hat er noch nicht umgehängt und hat im Moment überhaupt nichts zu tun. Wir gehen zum nächsten Laden und decken uns mit Wasservorräten ein.
Bild 4:
Bild 5:
Und da sich in Akcakale kaum ein Tourist blicken lässt, sind die Kinder besonders neugierig. Und was für ein Gegensatz zu den Szenen auf der anderen Seite der Grenze. Zufriedene, neugierige Kinderblicke, auch wenn die Schuhe nicht unbedingt zum gleichen Paar gehören.
Um 18.30 Uhr fährt unser Fahrer hupend los, langsam durch Akcakale, um noch Fahrgäste für diese frühabendliche Fahrt nach Urfa einzusammeln. Wir erreichen die Straße zum syrischen Grenzübergang Tal Al Abyad, wo nichts los ist, da der Übergang geschlossen ist. Weiter geht es auf der Landstraße nach Sanliurfa und wir steigen an der abzweigenden Straße nach Harran aus:
Bild 6:
Bild 7:
Wir müssen nicht lange warten und ein Pickup nimmt uns bis ins alte Harran mit und setzt uns direkt am Harran Kültür Evi ab. Hier werden wir die Nacht verbringen und am nächsten Tag weiter nach Mardin fahren:
Bild 8:
[
www.harrankulturevi.com]
Wer von euch eine Nacht bei einer arabischen Familie verbringen möchte, ist hier richtig aufgehoben.
Nach einer Dusche essen wir mit der Familie, natürlich ganz klar nach Sonnenuntergang, denn es ist noch Ramazan:
Bild 9:
Und die beste Option zu übernachten bei dieser Hitze ist im Freien auf einem tahtlar. Diese Hochgestellbetten sind hier weitverbreitet. Man findet sie bis weit hinter Siirt:
Bild 10:
Berühmt sind in Harran die bienenkorbähnlichen Trulli-Häuser, die in dieser Gegend der Türkei einmalig sind:
Bild 11:
Und ein bisschen Selbstdarstellung mit der Jüngsten der Familie gehört auch dazu.
Bild 12:
Am Morgen des 7. August schauen wir uns Harran näher an und besuchen dabei die Überreste der Harran-Universität (Ulu Cami). Und da wir uns hier in einem Eisenbahnforum befinden, sollte folgendes Bild nicht darüber hinwegtäuschen, dass Harran möglicherweise einen Bahnanschluss hatte. Das stimmt natürlich nicht, sondern hier sind auf wundersame Schwellen der alten Bagdadbahn gelandet, die seit dem 27.08.2010 schrittweise von Gaziantep nach Nusaybin auf dem Abschnitt Akcakale – Akdogan erneuert wurden. Dabei sollte die Geschwindigkeit von 40 km/h auf 120 km/h erhöht werden (wovon natürlich nichts zu spüren ist). Die Bauarbeiten sollten am 1. Dezember 2010 abgeschlossen sein. Die Erneuerung der fast 100-Jahre alten Gleisanlagen diente anscheinend vordergründig dem Güterverkehr im Rahmen des GAP- und Dry Channels Projects. Aufgrund des Krieges in Syrien ist dieses Projekt natürlich Makulatur.
Bild 13:
Schwellen des Strecken-Abschnitts Akcakale – Akdogan
Bild 14:
Übersicht über die Erneuerung des Strecken-Abschnitts Akcakale – Akdogan
Wir werfen noch einen Blick zurück auf das alte Harren und nehmen den nächsten Dolmus nach Sanliurfa. Diese Busse fahren ebenfalls jede Stunde:
Bild 15:
Bild 16:
Sanliurfa erreichen wir nach ca. 40 Minuten Fahrt im unteren Teil des Busbahnhofs. Um weiter nach Mardin zu kommen, fahren wir mit der Rolltreppe durch die schicke neue Halle des Otogars in den oberen Teil, wo die Fernbusse abfahren. Von Gaziantep nach Harran hätte die Fahrt 2-3 Stunden gedauert, mit dem Zug plus Dolmus einen ganzen Tag.
Es fahren sehr häufig Busse weiter in Richtung Osten und so nehmen wir einen Bus nach Silopi, der über Mardin fährt. Die Fahrt dauert ca. 2-3 Stunden.
Bild 17:
In Mardin werden wir im Minibus-Otogar abgesetzt und müssen ein Stück rauf in die eigentliche alte Stadt. Wir quartieren uns im Artuklu Kervansarayi. Und da keine Saison ist, bekommen wir ein Doppelzimmer für zwei Nächte sehr günstig.
Bild 18:
[
www.artuklu.com]
Und zwei Bilder vom alten Mardin hinunter auf die mesopotamische Tiefebene:
Bild 19:
Bild 20:
Wer jetzt von euch nach Mardin fährt, muss mit einer Dauerbaustelle der Hauptstraße rechnen. Im Herbst soll alles fertig sein, ich frage ebenfalls nach: 2012 oder 2013? Die Anwesenden müssen lachen, bangen jedoch um ihre Geschäfte.
Bild 21:
Mittwoch, der 7. August. Nur der frühe Vogel fängt den Wurm. Wenn man schon in Mardin ist, dann sollte man hinunter zum Stadtteil „Mardin Istasyonu" fahren. Dort endet die 1917 eröffnete nur im Güterverkehr genutzte Stichstrecke von Senyurt. Dazu nehmt ihr am Museum am besten einen Minibus mit folgendem Ziel:
Bild 22:
Zum Bahnhof Mardin selbst. Bilder von ihm sind rar. Mit einem Zug noch seltender. Mit diesem Zug hier, wahrscheinlich eine seltene Ausnahmeerscheinung. Vorweg hat der Bahnhof einige Besonderheiten zu bieten.
Bild 23:
Übersicht Bahnhof Mardin
Gelb: die abgebaute Wendeschleife
Rot: das Bahnhofsgebäude und gestrichelt Gleisreste der Wendeschleife im Asphalt
Blau: der Prellbock
Grün: Streckenverlauf nach Senyurt zur Strecke Karkamis - Nusaybin
Zu den Gleisdreiecken und Wendeschleifen in der Osttürkei vgl.: [
www.drehscheibe-foren.de]
Als ich am Bahnhof ankomme wundere ich mich sehr, ein Personenzug in Mardin? Das gab es doch seit Jahrzehnten nicht mehr?
Bild 24:
Bahnhof Mardin von der Hauptstraße aus gesehen
Und da steht doch tatsächlich DE 24 293 mit einem Sitz- und Liegewagen unseres Karma Trenis vom Sonntag. Ihre Schwestermaschine, DE 24 292, ist uns aus Mardin in Karkamis noch begegnet.
Bild 25:
Die beiden Kollegen klären mich auf. Denn dieser Zug fährt am Freitag wieder zurück nach Gaziantep und daraus ergibt sich unten Option 2:
Bild 26:
Bild 27:
Bahnhof Mardin
Bild 28:
Der kurze Bahnsteig reicht völlig aus
Wenn man sich jetzt einmal kurz umdreht, sieht man das Streckenende. Hinter dem Prellbock verlief nach rechts ausschwenkend die Wendeschleife:
Bild 29:
Bild 30:
Wieder zurück gedreht, sehen wir die Gleisanlagen komplett:
Bild 31:
Neben Schottertransporten ist die Firma Turcon Demiryolu mit ihren Container-Transporten der wichtigste Kunde der Strecke. Transportiert wird Kohle über Gaziantep - Narli nach Yakacik an der Strecke nach Iskenderum. Die Transporte benötigen ca. 5 bis 6 Tage. Über das Transportnetz der Firma siehe hier:
[
www.google.de] (Turcon Mardin)
Bild 32:
Wieder zurück an der Hauptstraße stehen hier noch Eisenbahner-Wohnblöcke aus den 60er Jahren...
Bild 33:
... und direkt daneben sind im Asphalt noch Reste der Wendeschleife zu erkennen:
Bild 34:
Ich nehme wieder einen Bus mit der schon bekannten Zielanzeige und fahre wieder rauf nach Mardin bis zum Museum, wo Atatürks weisende Hand nicht auf die Festung, sondern auf die Baustelle zeigt: Seht zu, dass ihr fertig werdet.
Bild 35:
Option 2:
Mit dem Zug von Gaziantep nach Mardin. Diese Version wirkt absurd, dürfte aber realisierbar sein. Am 4.8., ein Sonntag, hatte ich mich schon bei der Abfahrt unseres Zuges nach Nusaybin gewundert, warum er vier Personenwagen mit sich führt, zwei sind normal. Aufgrund des Bürgerkrieges in Syrien bin ich davon ausgegangen, dass der Zug für zusätzliche türkische Soldaten ab Karkamis verstärkt wurde. Allerdings handelt es sich bei den beiden Wagen tatsächlich um Personalpendel, die TCDD-Mitarbeiter sonntags von Gaziantep nach Mardin bringen. Diese beiden Wagen fahren freitags, wiederum mit dem Karma ab Senyurt, zurück nach Gaziantep.
Somit besteht die Möglichkeit, wenn nett gefragt wird, ab Senyurt bis nach Mardin mitzufahren, was sonst eigentlich unmöglich ist. Am Freitag ginge es zurück nach Gaziantep. Plant für die komplette Fahrt der knapp 400 Kilometer mindestens 12 bis 14 Stunden ein.
Somit endet unser Zwischenstopp in Harran und Mardin. Wir stehen wieder vor der Wahl, wie wir weiter nach Armenien kommen werden.
Das Inhaltsverzeichnis zum Reisebericht befindet sich hier: [
www.drehscheibe-foren.de]
Mehr zur TCDD: [
www.drehscheibe-foren.de]
Viele Grüße
Alex