Hallo,
als Fortsetzung von
hier erreichen wir in Kürze den Bahnhof Karkamis (auf der Karte ist die syrische Schwesterstadt Jarabulus eingezeichnet) und werden jetzt bis Akcakale direkt auf der türkisch-syrischen Grenze weiterfahren. Das mag vielleicht etwas seltsam klingen, aber die Bahnstrecke ist laut dem Vertrag von Lausanne die Grenze zwischen der Türkei und Syrien, mit der kleinen aber feinen Nuance, dass die TCDD die Betriebserlaubnis hat.
Geht man im Ausland immer davon aus, dass es sich bei dem syrischen Bürgerkrieg um einen Krieg zwischen der Freien Syrischen Armee und dem Assad-Regime handelt, braut sich hier an der Grenze der nächste Konflikt zusammen. Denn das syrische Regime hat sich zum größten Teil aus den Grenzgebieten zur Türkei und dem Irak zurückgezogen. In dieses Vakuum ist eine kurdische Partei vorgerückt, die in den vorwiegend kurdischen Gebieten unter zweifelhaften Methoden einen alten Traum durchsetzen möchte, nämlich den von Großkurdistan. Dieser Partei (PYD) wird eine Nähe zur PKK nachgesagt, die sie auch offen in ihrem Einflussbereich propagiert.
Mit dieser Taktik Assads, die syrischen Grenzgebiete zu opfern, bringt er die Außenpolitik der Türkei in die Bredouille. Anstatt eine Hegemonialmacht zu spielen, braut sich für das Selbstverständnis der türkischen territorialen Unversehrtheit unter dem Schutz des Grenzzauns ein gefährlicher politischer staatlicher Gegenentwurf zusammen. Auf dieser Grenze werden wir fahren und sehen, wie beide Seiten möglicherweise reagieren werden.
Da ab Karkamis absolutes Fotografierverbot besteht, habe ich die folgenden Aufnahmen mit dem Camcorder gemacht. Die Bilder sind daher etwas grobkörniger.
Wir fahren in den Bahnhof Karkamis ein. Links steht ein Güterzug aus Mardin mit DE 24 292. Unsere Familie steigt aus, ebenfalls der Einzelreisende. Wir werden die einzigen Fahrgäste bis Akcakale bleiben. Hatten wir schon mal, ist also für uns gar nicht mehr ungewöhnlich.
Zur Erinnerung. Unser Zug besteht aus vier Personen- plus 18 Güterwagen. Und jetzt steigt die militärische Begleitmannschaft dazu. Bestehend aus acht Soldaten. Das ist die übliche Stärke zu Friedenszeiten, aber in der jetzigen Lage ist das sehr verwunderlich. Aus diesem Grund können an unserem Zug nicht zusätzliche Liegewagen hängen, um als Verstärker für zusätzliche Soldaten zu fungieren. Aber auch dieser Umstand wird sich aufklären.
Nach einer umständlichen Rangiererei fährt der Güterzug weiter nach Gaziantep, wir rangieren ebenfalls vor und wieder zurück auf das Streckengleis, bis die lange Fuhre mit +1 um 13.27 Uhr weiter Richtung Euphrat fahren kann.
Derweil im Zug haben sich die Soldaten im ersten Wagen breitgemacht. Der Kommandant kommt zu uns ins Abteil, ich nehme an, jetzt werden wie vor drei Jahren die Personalien aufgenommen, nein, er lädt uns zu sich und den Soldaten in den ersten Wagen ein.
Danke Jungs, denke ich, habe nichts dagegen mit euch irgendwann einmal zu fahren, aber es lässt sich überhaupt nicht einschätzen, wie es dann noch mit Bildern aussehen würde. Ich kann mit Mühe die Einladung ablehnen und so haben wir den Wagen für uns. Den hermetisch mit Stacheldraht abgesperrten syrischen Ort Jarabulus gegenüber Karkamis lassen wir rechts liegen und nähern uns dem Euphrat:
Die Euphratbrücke passieren wir und Jugendliche baden im Fluss. Alles deutet darauf hin, dass dieser Teil Syriens bis Mürsitpinar nicht mehr unter Assads Kontrolle steht. Einmal sehen wir die alte syrische Flagge mit den drei roten Sternen, welche die Freie Syrische Armee benutzt. Von den kurdischen Nationalfarben hier in Syrien „Gelb-Rot-Grün“ ist nichts zu sehen.
Ebenfalls bleibt unklar, wer die neuen "Herren" sind, die in schwarzen Wagen durch die Gegend brausen:
Unser Zug kämpft sich langsam schleichend die Anhöhe nach Göksu hinauf. Das Grollen und Dröhnen der beiden DE 24 ist das Einzige, was in dieser menschenleeren Gegend bei weit über 40° Hitze zu hören ist. Dann tauchen doch vereinzelt Ortschaften in der Nähe der Bahn auf. Das syrische Dorf
Zarf Maghan passieren wir um 13:33 Uhr:
Unser Zug kämpft sich mit der schweren Fuhre mit nur noch 5 bis 10 km/h die Anhöhe durch die noch menschenleere Landschaft hinauf:
Weit zurückverlegt verlaufen auf der linken Seite die türkischen Grenzanlagen:
Unser Zug wird immer langsamer und dann kommt das, womit ich nicht gerechnet hatte. Kinder versuchen den schleichenden Zug anzuhalten, deuten und streichen über ihre Mägen und Bäuche. Die Versorgungslage in den sogenannten befreiten Gebieten muss katastrophal sein. Allein die Benzinpreise zum Betreiben der landwirtschaftlichen Geräte und Maschinen sind um das Vierfache gestiegen. In unseren Medien wird immer über Versorgungsengpässe berichtet, aber was wir hier zu sehen bekommen, übertrifft alles bisher Gesehene.
Das mitfahrende TCDD-Personal und auch die Soldaten wissen sehr wohl, was sie hier erwartet. Brot, Milch, Wasserflaschen werden aus dem Fenster geworfen. Auch unsere letzten Vorräte wandern aus dem Fenster. Für einen Moment herrscht zwischen allen Beteiligten mit den schwächsten Opfern dieses Kriegs - den Kindern - eine unglaubliche Solidarität. Hätte ich im Vorfeld gewusst, wie schlimm in diesem Teil Syriens die Lage ist, hätte ich am Vorabend in Gaziantep eine ganze Bäckerei leer gekauft:
Auf der Anhöhe in Göksu stoppt unser Zug, beide DE bekommen den Zug nicht hinüber und für wenige Minuten wird der Diesel der ziehenden Lok abgeschaltet. Für einen kleinen Jungen ist das der Glücksfall, denn er kann die meisten gespendeten Lebensmittel einsammeln. Schüchtern nähert er sich dem Zug, wird dann aber zutraulich, bei so viel freundlichen Gesten des Gebens:
Der Diesel wird wieder angeworfen und unser Zug schafft mit letzter Kraft die Anhöhe. Unser Junge und sein Bruder? bedanken sich und winken zum Abschied, hoffentlich irgendwann in eine bessere friedliche Zukunft:
Unser Zug nimmt wieder Fahrt auf und es geht jetzt bergab nach Mürsitpinar. Die türkischen Grenzanlagen verlaufen immer noch weit links zurückversetzt:
Das das Dorf
Wardik passieren wir um 14.43 Uhr, eigentlich hätten wir schon seit einer Stunde in Mürsitpinar sein müssen:
Um 16.01 Uhr erreichen wir Mürsitpinar. Auf mein Handy bekomme ich zwei SMS: 1. die syrischen Tarife; 2. eine Nachricht vom syrischen Tourismus-Ministerium: "Welcome in Syria. If you have any queries, please call ...". Danke, kein Bedarf. Bevor wir in den Bahnhof einfahren sehen wir die gegenüber dem türkischen Mürsitpinar liegende syrische Stadt Ayn Al Arab, die bis Akcakale noch im Einflussgebiet des Regimes zu liegen scheint. Merkwürdigerweise sind auch hier die türkischen Wachtürme und -posten unbesetzt.
Der Bahnhof Mürsitpinar liegt auf der rechten Seite der Strecke, dahinter liegt hinter dem Stacheldrahtzaun die syrische Schwesterstadt. Wir passieren einen Güterzug aus Nusaybin. Es beginnt wie in Karkamis die umständliche Rangiererei, sodass wir erst um 20 vor 5 Uhr, also mit 3 Stunden Verspätung weiterfahren können:
Die Strecke verläuft bis Akcakale und weiter bis Nusaybin zwischen zwei Grenzzäunen. Kinder kommen angerannt, winken freundlich, sehen besser ernährt aus, als in dem Abschnitt zuvor. Ebenfalls wird intensiver Landwirtschaft betrieben, denn die Versorgung mit Benzin scheint zu funktionieren. Trotzdem lassen sie es sich nicht nehmen, den Zug mit Steinen zu bewerfen. Allerdings ist die Hemmschwelle noch nicht so sehr ausgereizt, wie in anderen Teilen des Landes, es werden nur die Güterwagen beworfen.
Akcakale erreichen wir um 17.51 Uhr mit 2 ½ Stunden Verspätung. Unser Zug hat somit auf den letzten Kilometern unsere Verspätung etwas reduzieren können.
Wir sagen Tschüß zu den Soldaten und dem Bahnpersonal, verschwinden durch den Schalterraum des Bahnhofs ...
... und unsere DE macht keine Anstalten, weiter nach Nusaybin zu fahren.
Auffällig ist die Unsichtbarkeit der türkischen Streitkräfte an ihrer Grenze. Vor wenigen Jahren, als sich eine vorsichtige Annäherung zwischen beiden Staaten abzeichnete, war die Präsenz der türkischen Armee wesentlich stärker und misstrauischer.
Allerdings gibt es auch solche Szenen zu sehen, wie die Ankunft eines türkischen Militärzugs in Nusaybin: [
www.youtube.com]
Was sich tatsächlich auf der syrischen Seite abspielte, wird erst in den nächsten Jahren nach einem wie auch immer formulierten Friedenschluss eine gewissenhafte Aufarbeitung ermöglichen. Aber auch die post-Assad-Zeit birgt die Gefahr, dass der Tag der Abrechnung möglicherweise zwischen drei Parteien ausgetragen wird.
Jetzt sitzen wir hier in Akcakale am 5. August 2012 am frühen Abend im Ramazan und eigentlich wollen wir immer noch weiter nach Armenien. Von hier aus ist es ein Sprung zum Grenzübergang Akcakale - Tal Abjad (Tal Al Abyad), der erst am 19. September 2012 nach heftigen Kämpfen in die Hände der
Freien Syrischen Armee gefallen ist.
Irgendwie wird es schon weitergehen und wir wissen immer noch nicht, warum der Zug vier Personenwagen hat.
Fortsetzung folgt.
Viele Grüße
Alex
Das Inhaltsverzeichnis zum Reisebericht befindet sich hier: [
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