Hallo,
als Fortsetzung von
hier befinden wir uns am 4. August 2012 abends in Gaziantep. In Ankara haben wir uns für die Südroute nach Armenien entschieden, was nicht heißen muss, dass es konsequent beim Süden bleiben muss.
Wir befinden uns unweit zur syrischen Grenze. Jeden Tag steht die Frage im Raum: ist Assad noch Präsident? Wann hat der blutige Bürgerkrieg ein Ende und wie wird der Tag der Abrechnung nach dem Sturz des Regimes aussehen? Die Horrormeldungen aus Syrien müssen nicht extra kommentiert werden, jedoch kommen die meisten Meldungen aus der Hauptstadt Damaskus und Aleppo. Dagegen ist der Informationsfluss sehr still über die Grenzgebiete zur Türkei, die sogenannten
befreiten Gebiete und die Flüchtlingsstörme geworden.
Kurz vor unserer Abreise haben die Kämpfe mit aller Heftigkeit die Hauptstadt Damaskus erreicht, kurz darauf Aleppo. Die Türkei reagierte mit der Schließung ihrer Grenzen und einer verstärkten Militärpräsenz.
Da wir uns ein persönliches Bild über die Lage in der Grenzregion machen wollten, haben wir aus eben diesen Gründen die Südroute gewählt. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Es geht hier nicht um Sensationslust, Schlachten, Blutvergießen, menschliches Leid sondern um den Versuch, die verworrene Situation aus einem anderen Blickwinkel zu beleuchten, nämlich mit Blick aus dem Zug: Da die TCDD die Betriebserlaubnis auf der Strecke hat, ergibt sich hieraus die Möglichkeit, in die sonst unzugängliche Grenzregion direkt auf syrischem Gebiet vorzustoßen.
Da wir uns hier in einem Eisenbahnforum befinden, versuche ich eine Verknüpfung zwischen dem Bahnverkehr in dieser Region mit den Auswirkungen des syrischen Bürgerkriegs herzustellen. Und zwar möglichst detailgenau, so wie ich die Ereignisse an diesem 5. August 2012 wahrgenommen habe. Beispielsweise ist der Grenzübergang Tal Abjad (Tal Al Abyad) zwischen Akcakale und Al Rakka erst am 19. September 2012 nach heftigen Kämpfen in die Hände der
Freien Syrischen Armee gefallen. Genau an diesem Punkt endete unsere Fahrt sechs Wochen vorher.
Für dieses Vorhaben haben wir uns den GmP (Karma) treni Gaziantep - Nusaybin ausgesucht, der genau auf der türkisch-syrischen Grenze verkehrt, allerdings genau genommen über lange Abschnitte einen Schwenk über syrisches Territorium machen wird. Der Zug fährt sonntags, dienstags und donnerstags nach Nusaybin, zurück am Montag, Mittwoch und Freitag. Dieser Zug ist neben dem GmP Zahedan - Quetta einzigartig in der Region, wenn dabei die immensen geografischen Dimensionen großzügig ausgelegt werden.
Vorweg stellten sich mir am 4. August abends in Gaziantep folgende Fragen:
Wird der Zug überhaupt fahren?
Wird es aufgrund des Krieges Einschränkungen in der Bewegungsfreiheit während der Fahrt geben und welche Szenarien werden wir vorfinden?
Für die unter euch, die sich nicht in der Region auskennen, hier eine Übersicht über den bisherigen und den heutigen Verlauf der Fahrt bis Akcakale. Hier befindet sich der oben genannte Grenzübergang nach Syrien:
Blau: Mit dem Zug
Grün: Mit der Fähre
Rot: Mit dem Bus
Über die Fahrt wird es zwei Teile geben, da es einiges zu zeigen und zu berichten gibt:
Teil 1 von Gaziantep nach Karkamis.
Teil 2 (ebenfalls mit Bildern) von Karkamis nach Akcakale.
Es folgt dann noch ein weiterer Teil über Akcakale und die Weiterreise.
1. Die Reiseplanung:
Es gab für uns zwei Versionen. Da der Zug erst um 12.00 Uhr in Gaziantep abfahren würde, hätten wir noch vorab einen Ausflug zum türkisch/syrischen Grenzbahnhof Cobenbey an der Strecke nach Muslimiya (Aleppo) machen können. Wir hätten und dafür wahrscheinlich einen Fahrer mit Auto besorgt, der erst mit uns nach Elbeyli und dann die ca. einen Kilometer lange Straße zum Grenzbahnhof fahren würde mit offenem Ergebnis, denn wir hatten keine Kenntnis über die Situation an der Grenze. Es hätte ebenso heißen können, kein Durchkommen: Sperrgebiet. Anschließend hätte er uns in Karkamis abgesetzt und wir hätten den Zug um 14.33 Uhr weiter nach Akcakale genommen. So war die Vision.
Jedoch hatte die TCDD nach dem 15. Juli 2012 den Fahrplan wieder geändert und die Abfahrt um zwei Stunden vorverlegt. Im Endeffekt hätte uns ein sinnvoller Zeitpuffer für den Ausflug vorab gefehlt, sodass wir direkt ab Gaziantep gefahren sind.
Fahrplan Karma treni Gaziantep - Nusaybin gültig bis zum 15. Juli 2012
Fahrplan Karma treni Gaziantep - Nusaybin gültig ab dem 16. Juli 2012
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www.tcdd.gov.tr]
2. Vor der Abfahrt und der Zug:
Es ist Sonntagmorgen, Ramazan (Ramadan) und weit über 40° heiß. Und wie es sein musste, in Gaziantep ist jedes Geschäft geschlossen, alles schläft und kaum noch Wasservorräte. Das kann ja heiter werden. Wir haben uns dann wasserlos auf den Weg zum Bahnhof gemacht. Dort angekommen steige ich neben dem Bahnhofsgebäude die Treppe zum Bahnsteig rauf, um zu schauen, ob der Zug fahren würde. Gott sei Dank, da stand er. Eine Fuhre mit 18 Güterwagen nach Nusaybin, gefüllt mit Zementsäcken, Saatgut u.ä., jedenfalls ein schwerer Transport. Vorn hängen für den Personenverkehr vier Personenwagen, genau genommen vorwiegend Liegewagen. Bei dieser Anzahl werde ich stutzig: Normalerweise werden nur zwei eingesetzt und jetzt die doppelte Anzahl? Würde das bedeuten, dass zu den sonst üblichen 7 - 8 Soldaten, die den Zug entlang der Grenze begleiten, nun wesentlich mehr mitfahren würden? Wir werden zu sehen bekommen, warum.
Da der Zug fahren würde beschließe ich, diesmal vorab Fahrkarten zu kaufen und nicht im Zug zu lösen. In der Halle ist erwartungsgemäß nichts los. Vorbei sind die Zeiten des internationalen Verkehrs. Der Verkehr nach Syrien ist eingestellt.
Auf der Fahrkarte wurden die neuen Fahrzeiten nur halbherzig korrigiert. Die Ankunftszeit ist korrekt, die Abfahrtszeit ist immer noch die alte. Allerdings bekomme ich einen wunderbaren Umschlag spendiert. Rail & Miles, davon hat in Gaziantep niemand etwas:
Wir machen uns immer noch wasserlos auf den Weg zu den Personenwagen, die weit vorgezogen außerhalb des Bahnsteigbereichs stehen. Und glücklicherweise ist das Buffet neben dem geschlossenen Bahnhofsrestaurant geöffnet.
Hier decken wir uns mit Wasservorräten ein.
Vorwiegen TCDD-Personal im Bahnhofsbuffet
Es ist mittlerweile 9.45 Uhr. Wir verstauen unsere Sachen im zweiten Wagen an der Spitze, von einer Lok ist nichts zu sehen:
Dann kommt DE 24 256 angedieselt und setzt sich vor den Zug:
9.55 Uhr, im Abteil herrschen gefühlte 50 - 60°. Die Abfahrt steht kurz bevor.
Aber nichts geschieht. Unsere Lok wird wieder abgekoppelt, anscheinend ist irgendetwas mit der Maschine nicht in Ordnung. Im Bahnhof wird hin und her rangiert, bis mit DE 24 211 Ersatz gefunden wurde.
3. Die Fahrt bis Karkamis:
Mit fast einer Stunde Verspätung fährt unser Zug um 10.50 Uhr endlich ab. Wann wir Akcakale erreichen werden, bleibt völlig offen. Der Zug wird Nusaybin wahrscheinlich erst mitten in der Nacht erreichen. Am Ende hängt noch eine weitere DE 24 als Schublok. Maschinen der Reihe DE 22 werden auf dieser Strecke nicht eingesetzt.
Hier sehen wir die Ausfahrt unseres Zuges aus Gaziantep in Richtung Karkamis mit Aufnahmen von unterwegs: [
www.youtube.com]
Unterwegs passieren wir noch die Neubaugebiete von Gaziantep und fahren durch eine leicht hügelige Landschaft weiter zum letzten großen Bahnhof Nizip:
Nizip erreichen wir mit +30. Unser Zug hat ein beträchtliches Tempo vorgelegt, sodass die Verspätung um 20 Minuten reduziert wird.
In Nizip steigt ein weiterer TCDD-Mitarbeiter zu, sonst wird der Zug kaum benutzt. Im Zug sind noch ein einsamer Fahrgast und eine Mutter mit zwei Kindern. In Nizip werden mittlerweile die ausgetauschten Schienen der Strecke von Karkamis nach Muslimiya abtransportiert, die hier seit drei Jahren lagerten. Zum Reaktivierungsprogramm vgl. den Link unten.
Weit weg vom Fantom des Forums gilt trotzdem auch für uns: Ordnung + Sauberkeit = Sicherheit. Die Staatsorgane werden spätesten ab Karkamis den Zug bewachen!
Wir durchfahren einen der zahlreichen Geisterbahnhöfe. Obwohl der Bahnhof Yesildag im Fahrplan aufgeführt ist, hält der Zug erst wieder in Karkamis:
Eine trügerische Ruhe liegt über der Landschaft, als wenn nichts von dem Krieg in Syrien auf das türkische Staatsgebiet ausstrahlen würde:
Wir werden noch ca. eine halbe Stunde bis Karkamis benötigen und nähern uns langsam auf der linken Seite dem Euphrat, den wir hinter Karkamis letztlich überqueren werden.
Bevor wir Karkamis erreichen noch ein Bild von unserer mitreisenden Familie. Wir hatten den Kindern ein paar Buntstifte geschenkt, womit das Mädchen gleich die Wange des Jungen bemalt hatte. Wir haben nicht herausbekommen, wie der Junge zu seinen bandagierten Händen gekommen ist:
4. Bahnhof Karkamis
Der Bahnhof Karkamis liegt direkt an der syrischen Grenze. Hier fädelt die alte Bagdadbahn aus Aleppo in die ursprüngliche Strecke nach Nusaybin, Mosul und Bagdad im Irak ein. Bisher sind wir auf der von der Türkei gebauten Bahn gefahren, die syrisches Gebiet umgehen sollte. Ab Karkamis geht es weiter auf der ursprünglichen Linie.
Im Rahmen des GAP-Projekts wurde die Strecke modernisiert, der Abschnitt nach Syrien 2009 reaktiviert und 2010 wieder in Betrieb genommen. Vgl. ebenfalls Link unten. Auch wurden dem Streckenabschnitt nach Gaziantep diverse neue Bahnübergänge spendiert:
Unser Zug macht einen weiten Schwenk nach links und wir sehen rechts die ersten Grenzzäune an der syrischen Grenze. Genau hinter dem Zaun verläuft die Strecke über Cobenbey nach Muslimiya. Im Bild darunter fast die gleiche Stelle mit Bauzug im Sommer 2009:
Wir schwenken näher an die Grenzbefestigungen heran und passieren den ersten unbesetzten Wachposten. Von Spannungen zwischen beiden Ländern ist hier nichts zu spüren:
Wir befinden uns an der Einfahrt in den Bahnhof Karkamis. Rechts zweigt die Strecke nach Cobenbey ab. Der Bahnhof befindet sich auf der rechten Seite, dahinter eine türkische Kaserne, dann beginnt schon das syrische Staatsgebiet:
Einen Augenblick weiter passieren wir das ehemalige Grenztor zur Strecke nach Syrien, das über 20 Jahre geschlossen war und erst im Jahr 2009 wieder geöffnet wurde. Symbolisch ist es immer noch vorhanden, nur ist eine Normalisierung der Beziehungen zwischen beiden Ländern und des Bahnverkehrs in weite Ferne gerückt:
Zwei Bilder folgen noch zum Schluss des ersten Teils:
Die Strecke nach Cobenbey vom Bahnhof Karkamis aus gesehen an diesem Tag. Es deutet einiges auf Zugverkehr hin, was man an den blanken Schienen sieht. Nur scheint es sich dabei um gelegentliche Transporte zum Grenzbahnhof zu handeln, denn die Grenzen zu Syrien sind geschlossen. Direkt hinter den Gleisen links beginnt das syrische Staatsgebiet. Wer im Augenblick in diesem Gebiet die Herrschaft ausübt, ob nun Assads Truppen oder die Gegenbewegung, werden wir im zweiten Teil in Erfahrung zu bringen versuchen:
Die gleiche Stelle drei Jahr zuvor zur Zeit der Reaktivierung im Sommer 2009. Ein Teil der Schienen wurde wie wir oben gesehen haben nach Nizip gebracht und mittlerweile auf Güterwagen zum Abtransport bereitgestellt.
Im zweiten Teil fahren wir weiter von Karkamis nach Akcakale.
Viele Grüße
Alex
Das Inhaltsverzeichnis zum Reisebericht befindet sich hier: [
www.drehscheibe-foren.de]
Übersicht über die Reaktivierungsphasen in dieser Region: [
www.drehscheibe-foren.de]
Mehr zur TCDD: [
www.drehscheibe-foren.de]
Edit: Hierarchisierungsfehler korrigiert.
2-mal bearbeitet. Zuletzt am 2012:09:24:20:34:53.