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[BG] Veliko Tarnovo - Russe im Winter (m25B)

geschrieben von: FipsSchneider

Datum: 20.06.11 01:16

Auf einer kleinen Bulgarien-"Rundreise" um den 3. März 2011 waren meine Freundin und ich Veliko Tarnovo und Russe - die Hinfahrt von Sofia war mit dem Zug geplant, nur die Strecke Veliko Tarnovo - Russe sollte mit dem Bus absolviert werden. Normalerweise wäre ich da absolut nicht für, aber da er eine Stunde weniger braucht und erst 1,5 Stunden später fährt - 7:30 Uhr anstelle 6:00 Uhr ist durchaus ein Argument - lies ich mit mir reden.

Am Abend vorher jedoch machten wir uns nochmal aus dem warmen Hostel in die Kälte, da es am Abend noch die sehr beeindruckende "Sound und Light Show" in Veliko Tarnovo zu bestaunen gab. Daher beginne ich diesen Bericht mit einem nicht-Eisenbahnbild, das leider auch noch verwackelt ist. Aber die Show ist wirklich beeindruckend, die gesamte Zarevez-Festung wird in der Nacht in bunten Farben erleuchtet, dazu wird Musik gespielt. Jeder der einmal in dieser Gegend ist, sollte sich diese Show anschauen, sie ist wahrlich eine Reise (!) wert. Leider ist es nicht ganz einfach, herauszufinden, wann sie stattfindet. Bulgarische Feiertage - so wie hier der 3. März - sind aber auf jeden Fall ein Datum, an dem die Show gespielt wird, im Sommer angeblich jeden Samstag.

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Hier gehen vom Bergfried gerade zwei Laserstrahlen aus, Links wird die Festungsmauer erleuchtet. Leider besitze ich kein Stativ. Nächstes mal...

Während der gesamten Show und auch danach schneite es bis in die späte Nacht hinein ununterbrochen und sehr ergiebig. Die Aussicht auf eine Busreise bei vermuteten 15 cm Neuschnee, bulgarischen Straßen und bulgarischer Fahrweise lies jedoch selbst die Aussicht auf 1,5 Stunden mehr Schlaf eher unattraktiv erscheinen. Was diesen Beitrag dann schlussendlich auch erst möglich gemacht hat - über eine bulgarische Busreise kann ich bei Interesse ja an anderer Stelle berichten... ;-)

Am Morgen des 4. März war also früh aufstehen angesagt, es ging um 6:00 Uhr mit dem Taxi zum Bahnhof, um 06:36 Uhr sollte unser Zug fahren. In der Nacht hatte es etwa 5-15 cm Neuschnee gegeben, es war sehr kalt. Generell war das Wetter den ganzen Tag nicht besonders gut, aber trotzdem vielleicht besonders: ein Wetter und eine Stimmung auf dem Balkan, das man bei Eisenbahnfans und Interrailern vielleicht nicht gerade zur Hauptreisezeit finden kann...

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Bahnhof Veliko Tarnovo von fips_schneider auf Flickr

Die Fahrkarten im Bahnhof waren schnell gekauft, 5,90 Lewa (2,90 Euro) kostet die einfahre Fahrt für 125 km in 3:01 Stunden. Da das Wetter etwas einem "Schneechaos" in Deutschland entsprach, rechnete ich nicht wirklich mit einem pünktlichen Zug. Es gab aber eine beheizte Wartehalle. Leider war diese durch die Anwesenheit mindestens ungewaschener Personen so unerträglich, dass wir es doch vorzogen, draussen zu warten.

Noch 10 Minuten bis zur planmäßigen Abfahrt:
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Uhr von fips_schneider auf Flickr

10 Minuten nach der planmäßigen Abfahrt - es wurde bereits hell:
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Bahnhof Veliko Tarnovo von fips_schneider auf Flickr

Vom Zug war nichts zu sehen. Mit uns warteten etwa 10-15 weitere Leute auf die Fahrt nach Norden. Die Bahnhofsvorsteherin ließ sich aber nicht zu einer Auskunft hinreißen und so warteten wir.

Genug Zeit um auch mal in Richtung Norden ein Foto zu machen - Ausfahrt in Richtung Gorna Orjachowitza:

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Blick nach Norden von fips_schneider auf Flickr

Um 6:52 kam unser Zug dann aber an - 15 Minuten Verspätung. Ich hatte eine um einiges höhere Verspätung erwartet, da der Zug vorher durch das Balkangebirge/die alten Berge einen Pass auf knapp 700m überqueren muss. Veliko Tarnovo liegt auf etwa 220m über dem Meer. Auf dem Pass sollte die Schneehöhe höher sein. Es war auch der vordere Pantograph gehoben, vermutlich damit nicht zu viel Schnee von der Oberleitung auf die Lokomotive sondern vor ihr herunterfällt. Vielleicht war aber der hintere Pantograph einfach kaputt gegangen - wäre auch nicht das erste Mal, dass ich das hier erlebt hätte...

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Ankunft des PV 40112 von fips_schneider auf Flickr

Unser Wagen verkehrte wohl von Dimitrovgrad, Also ist möglicherweise der Schnellzug BV 4646 ausgefallen und wurde mit unserem Zug zusammengeführt. Dann hätte dieser Wagen knapp über 4,5h Verspätung. Vielleicht war aber auch nur das Schild falsch gesteckt.

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Zuglaufschild PV 40112 von fips_schneider auf Flickr

Unser Wagen war einer der ganz alten. Die Fenster sind rechteckig, ich vermute, weil das leichter herzustellen ist. Einfach vier Metallprofile auf Kerbe gesägt und fertig ist der Fensterramen. Aber es war *warm*! Ein Traum! So wirklich gerechnet hatte ich auch damit nicht, da insbesondere die alten Wagen die in Sofia beheimatet sind, öfter mal keine Heizung haben. Hier war der Wagen zwar alt, aber sehr gut in Schuss, es war alles gemacht, sauber und es gingen sogar alle Türen zu.... Dennoch ging es zeitweilig recht langsam voran - eine Langsamfahrstelle mit 15 km/h. Die Schienenstöße klangen auch etwas arg an der Stelle.

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Langsam: 15 km/h sind erlaubt von fips_schneider auf

Ein Blick zurück auf Veliko Tarnovo - die Stadt liegt sehr schön an einem stark mäandernden Fluss auf mehreren recht steilen Hügeln und Hängen, hat mich etwas an Fribourg oder Bern erinnert, von der Art der Landschaft zumindest. Eisenbahntechnisch vielleicht nicht ganz... ;-)

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Blick zurück auf Veliko Tarnovo von fips_schneider auf Flickr

Eine Viertelstunde später sind wir bereits in Gorna Orjachowitza. Hier mal eine für Bulgarien so typische Impression, ein - wenn ich's jetzt nicht total verwechsel - Wärterstellwerk im Weichenbereich. Da Gorna Orjachowitza ein ziemlich großer Bahnhof ist, gibt es davon auch eine ganze Menge. Oftmals sieht man den Bediensteten oder die Bedienstete des Stellwerks mit einer gehaltenen, zusammengerollten gelben Fahne in der Hand. Manchmal wird diese auch durch ein kleines geöffnetes Fensterchen gehalten. Sieht echt lustig aus - aber leider konnte ich es bisher nie fotografieren.

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Wärterstellwerk in Gorna Orjachowitza von fips_schneider auf Flickr

In Gorna Orjachowitza wurden wir dann unsere Lok los und bekamen eine Neue, obwohl kein Fahrtichtungswechsel nötig ist. Diese Rangierlok wurde dafür aber nicht benötigt, sie stand zufällig im Bahnhof.

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Rangierlok 55195.2 in Gorna Orjachowiza von fips_schneider auf Flickr

Das Wetter war sehr nebelig und die Stimmung sehr gedämpft. Es war kurz nach 7 Uhr am Morgen.

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Bahnhof Gorna-Orjachowiza im Nebel von fips_schneider auf Flickr

Weiter ging es durch den Nebel und den Schnee. Der nächste Bahnhof, "Prawda", lud nicht gerade zum Verweilen ein. Ob wohl in dem kleinen Kämmerchen links unten manchmal noch jemand seinen Dienst tut?

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Ehemaliger Bahnhof Pravda von fips_schneider auf Flickr

Da wir ja ein paar Minuten zu spät waren - so um die Zwanzig - musste der Gegenzug früher als vorgesehen vorbeigelassen werden. So direkt bekam ich das aber nicht mit, erstmal hielten wir eine ganze Weile. Dann fragte ich mich irgendwann, ob es wohl weitergeht - ein Blick in der Kursbuch lies erahnen, dass beschleunigte Personenzug "BV 4611 Russe - Sofia" natürlich Vorrang vor unserer Bummelbahn haben wird. Ich ging also zum Schaffner und fragte, ob wir hier länger stünden. Naja..wisse er nicht so genau - bis der andere Zug halt durch ist. "Gibt es Zeit für ein Foto?" - "Ja klar, nur wenn der Zug kommt, komm zurück" - "Kein Problem". Ich ging also den Bahnsteig nach vorne. Da meinte der Schaffner: "Hey, Du willst doch den ganzen Zug drauf haben!" und diverse Male hieß es "Maßstab" (das Wort ist im Bulgarischen aus dem Deutschen übernommen). Ich solle doch hier über das unbenutzte Nachbargleis drüber und da sei ein kleiner Weg (den man im Schnee natürlich nicht sah) und da sollte ich dann ruhig ein ganzes Stück nach vorne gehen, damit ich blos den ganzen Zug drauf bekäme. Super Service! :-) Man stelle sich das mal bei einem Schaffner der Deutschen Bahn vor - es wäre mindestens eine riesige Außnahme...

Gesagt getan - nach einem Stück passte der Zug ganz drauf. Man erkennt sogar, dass wir der erste Zug waren, der heute dieses Gleis benutzte, vor uns liegt noch Schnee auf den Schienen.

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PV 40112 von fips_schneider auf Flickr

Nun musste der Gegenzug ja auch noch irgendwann kommen. Und der Bahnhofsvorsteher kam schon an unseren Zug und stieg ein. Vielmehr: durch. Er musste dem anderen Zug ja kellenschwenkend die Durchfahrt signalisieren. Das Mittelbahnsteigchen von 1m Breite, schneebedeckt erschien dafür reichlich gefährlich - also blieb der Bahnhofsvorsteher einfach im Zug stehen. Ich war verrückt genug, es ihm gleich zu tun.

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Warten auf den durchfahrenden Zug von fips_schneider auf Flickr

Kurz später kam auch schon diese Reihe 44 auf uns zu. Der Schaffner im ersten Fenster grüßte seinen Kollegen und den Bahnhofsvorsteher aus dem Fenster heraus.

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BV 4611 bei der Zugkreuzung von fips_schneider auf Flickr

Nicht lange später fuhren wir dann auch weiter.

Hier ein Fahrgastwechsel in einem der nächsten Bahnhöfe. Man beachte die hohe Anzahl von Sitzbänken. Im Frankfurter Lokalbahnhof (mit der gefühlt mindestens hundertfachen Anzahl von Zügen) gibt es noch nicht einmal halb so viele Sitzplätze....

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Aussteigen von fips_schneider auf Flickr

Wenig später fühlte ich mich doch wieder nach Hessen versetzt. Ich glaube, dieser Bahnhof könnte auch an Lahn oder Dill stehen - Bjala:

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Gara Bjala/ Bahnhof Bjala von fips_schneider auf Flickr

Danach ging es dann über die Jantra.

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Über die Jantra von fips_schneider auf Flickr

Zum Glück funktionierte die Heizung ganz hervorragend, die Steuerung befindet sich bei diesen Wagen komischerweise in der Wagenmitte im Seitengang. Mehrsprachig ausgeführt kann man ihn zumindest mit den Sprachkenntnissen Bulgarisch/Russisch/Deutsch/Französich problemlos verstehen

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Heizungssteuerung von fips_schneider auf Flickr

Ein weiterer Gegenzug wurde in einem der späteren Bahnhöfe gekreuzt - die Lokomotive spricht für sich, was die Schnee-Menge angeht

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BDZ 44-103-0 mit PV 44111 von fips_schneider auf Flickr

Wie unglaublich schlecht die Sicht war, lässt sich ein wenig an diesem Bild erkennen

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Fahrt ins Graue von fips_schneider auf Flickr

Ein oder zwei Bahnhöfe später gelang es mir, einmal eine so - für mich - so typisch bulgarische Situation zu fotografieren. Der Bahnhofsvorsteher gibt "Abfahrt" - um das aus Deutschland zu kennen, bin ich wohl doch zu jung.

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"Abfahrt" von fips_schneider auf Flickr

Die Haltepunkte machen im Schnee einen noch trostloseren Eindruck

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Haltepunkt von fips_schneider auf Flickr

Dafür wirkt der kürzlich sanierte Bahnhof Russe wirklich Prachtvoll. Die Bezeichnungen "Zoll" und "Fahrdienst" stehen in Bulgarisch und Deutsch an - und nicht wie meistens in Bulgarisch und Französisch, sieht etwas ungewöhnlich aus. Der Anblick von Innen ist dann nochmal beeindruckender und ich denke, Russe ist einer der schönsten Bahnhöfe Bulgariens und sucht selbst in den angrenzenden Ländern seinesgleichen

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Bahnhof Russe von fips_schneider auf Flickr

Anschließend ging es dann in die Innenstadt von Russe, in das historische Museum (wirklich ein Besuch wert!) und ans Donau-Ufer. Das Wetter wurde und wurde nicht wirklich besser und so blieb uns mangels Zeit nur ein eher trüber Eindruck aus einer Stadt, von der mir viele Leute sagten, sie erinnere sie an Wien. Vielleicht wird es ja im Sommer noch einmal klappen, dann sollte die Stimmung nicht so gedämpft sein.

Am Nachmittag ging es dann zurück nach Sofia - auf der Fahrt entstanden natürlich auch Bilder, aber ich muss mal schauen, ob ich sie online stellen kann. Ist ja doch leider immer etwas Arbeit hier.... Sollte Interesse bestehen, lasst es mich wissen.

Ich hoffe, der Bericht gefällt trotzdem - und die Exotik möge die qualitativ nicht perfekten Bilder entschuldigen.

Edit: Bild "Abfahrt" korrigiert



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 2011:06:21:00:54:53.

sehr schöner Beitrag - vielen Dank!

geschrieben von: D299

Datum: 20.06.11 20:42

Weitere Bilder wären wilkommen :-)

D299 - Bruxelles 19.13 - Milano 07.10

meine Reiseberichte:
[www.drehscheibe-online.de]