Moin!
Endlich ist es mal wieder an der Zeit, einen Reisebericht zu schreiben ;-)
Zwei Wochen Balkan liegen hinter mir. Die Schwerpunkte lagen im Kosovo (mit Frick-Reisen) und in Bosnien-Herzegowina.
Über Nachfragen und Ergänzungen würde ich mich wie immer freuen.
Viel Spaß beim Lesen!
Jan
Zwischen Amselfeld, Adria und Bosnatal - Balkan Juni 2010 (1)
Prolog
Im vergangenen Jahr hatte Michael Frick ja eine Fahrt im NOHAB-Sonderzug von Deutschland bis in den Kosovo organisiert. Die Fahrt war ein einzigartiges Erlebnis gewesen. Der Aufenthalt im Kosovo war jedoch extrem kurz gewesen und krankte zudem am Wetter, das nicht viele brauchbare Fotos von den interessanten Rundnasen mit ihren Zügen zuließ. Unter den fotobegeisterten Teilnehmern der Fahrt wuchs der Wunsch, mal eine speziell auf Fotografen ausgerichtete Tour in den Kosovo zu unternehmen. Damit das Programm nicht wieder am Wetter scheiterte, sollte die Aufenthaltszeit im Kosovo ein wenig großzügiger bemessen sein.
Bald gab Michael Frick bekannt, dass er solch eine Tour organisieren würde, da er eh unten sei, um eine Lok neu zu lackieren (die vierte und letzte!). Vom 29.5. bis 5.6.2010 sollte dann eine Tour mit kleinem Teilnehmerkreis in den Kosovo stattfinden. Ein spezieller Fotozug sollte nur am Sonntag auf der Weststrecke zum Einsatz kommen, da man dort per Auto nicht an die landschaftlich schönsten Motive rankommt. Ansonsten sollte auf Planzüge - Güter und Personen - Jagd gemacht werden.
Zusammen mit Nico hatte ich einen Germanwings-Flug Samstag ab Hamburg nach Pristina gebucht. Schade war nur, dass der Flug einige Zeit später gestrichen wurde. Und jetzt machten wir einen blöden Fehler. Germanwings bot alternativ einen Flug ab Stuttgart an. Also haben wir diesen gebucht. Erst zu spät sahen wir, dass man zwar nicht mehr mit Germanwings, wohl aber noch mit Air Berlin wunderbar am Samstag von Hamburg nach Pristina gekommen wäre. So ein Mist! So musste ich halt am Freitag schon zu Nico nach Frankfurt runterfahren, denn die Anreise nach Stuttgart am Samstag wäre eine arg knappe Sache geworden.
Nico wollte nur die eine Woche Kosovo mitmachen, ich hingegen hatte anschließend noch eine Woche Bosnien mit Oliver Heckmann geplant. Nachdem ich nun Griechenland und Kroatien gut kennengelernt habe, bin ich neugierig auf das, was noch so dazwischen kommt. Für den 5.6. hatte ich einen Flug mit Croatian von Pristina nach Zagreb gebucht. Gern hätte ich die Verbindung auf dem Boden genutzt, aber da ich direkt in den Kosovo einfliegen wollte, konnte ich nicht über Serbien nach Bosnien gelangen. Beim Grenzübertritt Kosovo - Serbien gibt es ja keinen serbischen Einreisestempel. Somit wäre man illegal in Serbien und hätte spätestens bei der Ausreise massive Schwierigkeiten bekommen. Alternative wäre der Landweg über Mazedonien oder per Bus über Montenegro gewesen, aber auf diese Weise hätte man zwei Tage in den Sand gesetzt.
Am Mittwoch und Donnerstag vor der Tour dann erste Blicke in den Wetterbericht für die Zielregion. Der blanke Horror schlug einem entgegen. Von Sonntag bis Dienstag und später auch Mittwoch war nur Regen und keinerlei Sonne angesagt! Das konnte ja heiter werden. Ich spielte schon mit dem Gedanken, vielleicht gar nicht loszufahren. Da aber alles schon gebucht und bezahlt war, entschieden wir uns nach einem frustrierten Telefonat am Donnerstag Abend doch für das Losfahren. Am Freitagmorgen sah der Wetterbericht immerhin schon eine Nuance besser aus: Wetter-online blendete an einigen Tagen immerhin schon mal wieder eine kleine Sonne neben der großen schwarzen Wolke ein und wetter24.de wollte sogar immerhin etwas von einem sonnigen Montag wissen.
Und damit beginnt diese Geschichte.
Schon mal ein Bild. Aber alles der Reihe nach...
Freitag, 28.05.2010: Hamburg - Schwalbach
Glücklicherweise kam ich rechtzeitig von der Arbeit los, um noch kurz zuhause zu essen und mich frisch zu machen. Dazu hatte ich dann auch keine Minute zu viel... Dachte ich jedenfalls. Der ICE nach Frankfurt war allerdings mit +15 angekündigt. Das war aber noch gar nichts. Ein ICE aus Berlin sollte gar +170 haben (der Mann am Lautsprecher musste erstmal nachrechnen; eine simple Nennung der erwarteten Ist-Ankunftszeit wäre wohl für alle Beteiligten schlauer gewesen...). Unser ICE war jedenfalls durch eine improvisierte Kurzwende in Altona aus dem Zug, der dort 16.08 aus München angekommen war, verspätet. Und da waren 15 Minuten wirklich gute Arbeit, zumal der Zug durchaus einen gereinigten Eindruck machte.
ICE 671 Hamburg Hbf 16.24+17 > Frankfurt am Main Hbf 20.00+8
Trotz starkem Freitagsverkehr bekam ich noch einen guten Platz und konnte schon mal den Prolog des Reiseberichtes schreiben - jedenfalls, wenn ich kein Nickerchen gemacht habe. Zwar musste immer wieder jemand am Handy den ganzen Wagen mit irgendwelchen Banalitäten beglücken, aber das war zum Glück jeweils nur temporär. Die Leute merken es einfach nicht, wie laut sie in ihre Telefone brüllen.
S3 Frankfurt am Main Tiefbf 20.14 > Niederhöchstadt 20.30+6
Der Anschluss hatte ja noch wunderbar geklappt. In Kassel hatte ich noch nicht hundertprozentig damit gerechnet, aber wir kamen dann gut durch. In der S-Bahn saß ich gleich hinterm Fahrer. Da gab es für mich dann tatsächlich mal ein Novum auf deutschen Gleisen: Wir befuhren den Bahnübergang einer innerstädtischen Hauptstraße vor der Station Eschborn ohne jegliche technische Sicherung. Vor der Einfahrt hatte es natürlich einen Befehl gegeben. Aber da der BÜ über keinerlei HET verfügte, mussten wir also nach kurzem Stopp und Achtungspfiff so rüberfahren. Ein Fußgänger ließ sich nur durch gestikulierendes Winken des Tf bewegen, die Warnkreuze zu beachten und auf die Durchfahrt des Zuges zu warten.
In Niederhöchstadt holte mich Nico mit seinem BMW ab, den ich noch gar nicht kannte. Null auf Achtzig in gefühlten drei Sekunden, schick! Wir brachten das Gepäck in die Schwalbacher Wohnung, dann ging es noch zum Italiener nach Bad Soden. Wir waren nach Bad Soden ausgewichen, weil in Schwalbach gerade Stadtfest und die Stadt sicherlich voll war. In Bad Soden war aber auch gerade Stadtfest. Nur mit Glück gab es einen Parkplatz.
Zurück zuhause schauten wir noch paar Fotos, schauten nochmal hoffnungsvoll in den Wetterbericht und gingen dann auch bald schlafen.
Samstag, 29.05.2010: Schwalbach - Fushe Kosove
Wenigstens mussten wir nicht vorm Aufstehen aufbrechen.
S4 Niederhöchstadt 8.14 > Frankfurt am Main Tiefbf 8.31
ICE 373 Frankfurt am Main Hbf 8.50 > Mannheim Hbf 9.28
Erstmal lecker gefrühstückt. Als der Kaffee auf war, mussten wir auch schon wieder aussteigen.
ICE 513 Mannheim Hbf 9.32 > Stuttgart Hbf 10.08
Auch diese Fahrt verging mit Lesen von Nicos Kosovo-Reiseführer wie im Fluge. Bei der Stuttgarter S-Bahn wurde gerade gebaut; die Rampe in den Tiefbahnhof war gesperrt. Offenbar befuhren nur die Flughafen-Linien den Innenstadttunnel und wendeten am Hbf. Wir hatten einen schön leeren Langzug.
S2 Stuttgart Tiefbf 10.15 > Stuttgart Flughafen / Messe 10.52
In der großen schönen Halle des Terminal 3 wies ein verschämter kleiner Wegweiser den Pfad zu unserem Terminal 4. Man merkte gleich: Das war das Randgruppenterminal. Über einen langen Gang und eine Treppe abwärts landeten wir in einer Halle mit Lagerhallen-Atmosphäre. Es wurde schnell deutlich, dass hier planmäßig nur die Kosovo-Flüge abgefertigt werden. Wir wickelten ohne große Störungen das Einchecken und die Kontrollen ab. Dann begaben wir uns aber aus unserem "verbotenen Keller" über eine Treppe, auf der uns lärmende Malle-Touristen entgegen kamen, hoch in die Zivilisation der anderen Terminals, wo es dann auch Gastronomie gab. Dort konnten wir auch noch gut die überschüssige Zeit überbrücken. Allerdings mussten wir damit rechnen, dass Aufrufe aus dem Randgruppenterminal hier nicht zwangsläufig aufliefen...
4U 2948 Stuttgart 12.40 > Pristina 14.45
Der Flug war sehr angenehm. Am Flughafen trafen wir Klaus ("Nohab-Pappi") und Jürgen. Klaus, der extra Fenster gebucht hatte, musste sich seinen Platz hinter uns ein wenig erkämpfen. Durch vereinzelte Wolkenlücken konnten wir nach unten schauen, doch zwischen den Bahnhöfen von Plochingen und Bablac konnten wir nichts lokalisieren. Der Anflug auf Pristina war sehr interessant. Rechts kam die Küste bereits in Sicht, da bogen wir ostwärts ab und flogen über schneebedeckte Berge auf Skopje zu. Als die Hauptstadt Mazedoniens in Sicht kam, drehten wir nordwärts ab und flogen im Sinkflug durch fette Wolken parallel zur Bahnlinie Skopje - Fushe Kosove. Erst überm Amselfeld konnten wir unten paar Bahnstationen erkennen, an denen wir vor einem Jahr Fotohalte eingelegt hatten: Bablac, Fushlot, Lipjan mit dem Supermarkt am Bahnhof. Doch zur Landung waren wir noch viel zu hoch, und wir hatten ja auch noch gar nicht das ganze Land gesehen. So ging es mit Top-Ausblick auf den Knotenpunkt Fushe Kosove und Pristina weiter nordwärts. Vor Mitrovice drehten wir erst um und flogen mit Ausblick auf den Bahnhof Bardh direkt auf die Landebahn zu.
Der Grenzer (der sicher kein Kosovare war) schaute sich den Pass genau an. Wir fielen halt doch etwas in der Menge der vorrangig kosovarischen Fluggäste auf. Ich musste etwas länger auf meinen Koffer warten, aber irgendwann wurde alles gut. Auch der Flughafen von Pristina hatte diese Tür, durch die man tritt und plötzlich die Meute erwartungsvoller Abholer vor sich hat. Der Unterschied zu anderen Flughäfen war jedoch, dass diese Meute im Freien warten musste, denn man trat vom Zoll geradewegs ins Freie. Deutsch wurde hier auch gesprochen, als Klaus über jemanden murrte, weil der in den Weg lief, wurde er in fließendem Deutsch als "Wichser" betituliert. Willkommen im Kosovo!
Michael Frick erwartete uns dann auch irgendwo und verfrachtete uns in ein Taxi. Der alte Peugeot war etwas hinüber. Der Motorsound war allerdings einer NOHAB-Tour angemessen... Auf der Einfallstraße kamen wir an einem Reisebus mit zerplatzten Reifen vorbei. Ganz genau wusste der Taxifahrer auch nicht, wo unser Hotel lag. Aber irgendwann fand er es doch. Er wollte 30 Euro für die Fahrt haben, damit hätte er für die nächsten zwei Tage ausgesorgt gehabt... Michael versuchte ihn etwas runterzuhandeln und irgendwann klopfte man sich auf die Schultern und der Fahrer zog mit nicht ganz so vielen Scheinen wie verlangt von dannen.
Auch die Zimmerverteilung war kosovarisch-chaotisch. Der erste Schlüssel war für ein bereits besetztes Zimmer, doch das merkte Michael rechtzeitig. Der zweite Schlüssel passte, und wir hatten sogar zwei getrennte Betten. Wir brachten kurz die Sachen aufs Zimmer, dann wartete unten schon eine Taxe zum Bahnhof. Dieses Taxi hatte sogar einen Taxameter, und mit drei Euro lag der Preis schon eher im Bereich des erträglichen. Das Wetter war ziemlich bewölkt, paar blaue Flächen gab es allerdings am Himmel.
Am Bahnhof trafen wir bereits die meisten anderen Gruppenteilnehmer. Auch Nil und Pascal waren schon da; sie waren 18 Stunden aus der Schweiz durchgefahren. Nach einer halben Stunde gab es für uns zu tun. Der Lokalzug TL 761 kam von Pristina nach Peje durch. Zuglok war die 007 vor drei Schlierenwagen. Und wir hatten ein Riesenglück: Der Zug kam sogar bei vollem Sonnenschein eingefahren. Nur zur Ausfahrt ging das Licht aus. Aber das war ja trotzdem schonmal ein netter Anfang.
Wider Erwarten ging gleich die erste Zugfahrt mit Sonne: Einfahrt aus Pristinë in den Bahnhof Fushë Kosovë, vorbei am historischen Empfangsgebäude.
Danach war allerdings erstmal nichts zu tun. Wir bildeten eine große Klönrunde mitten auf dem Bahnsteig - sehr zur Belustigung der einheimischen Bevölkerung. Irgendwann verpflanzten wir uns in das Stationscafé, wo es einen leckeren Kaffee und ein Glas Wasser gab.
Klönrunde auf dem Bahnsteig.
Spielerei mit Schwedenwagen.
Zusammen mit Nil und Pascal fuhren Nico und ich nun in deren Wagen dem nächsten Zug, dem IC aus Skopje, entgegen. Um nicht den Umweg der Hauptstraße durch die Innenstadt mitmachen zu müssen, hatte Michael uns eine Nebenstraße durch eine Serbensiedlung am Rand von Fushe Kosove empfohlen. Die Straße war in schrecklichem Zustand und die Häuser links und rechts zeugten von extremer Armut. Überall wurden wir neugierig beäugt. Aber die Straße erfüllte ihren Zweck, und wir gelangten bald auf die Hauptstraße von Pristina nach Skopje. Auf dieser überholte Nil gerade ein anderes Auto, als ein Polizeiposten am Straßenrand kam. Er winkte uns allerdings nicht raus, sondern zeigte nur durch eine Handbewegung, dass Langsamkeit geboten sei.
In Lipjan bogen wir wieder ab in den Ort hinein. Wir schauten als erstes, ob am Bahnhof etwas ginge, doch dort wuchsen schon die Schatten. Die Sonne hatte jetzt die ganze Zeit verstärkt geschienen, doch nun näherte sie sich einer Schmodderschicht. Es war ein Wettlauf, wer schneller zog: Die Sonne oder die abziehende Schicht. Wir schauten mal weiter zum Hp Fushlot mit dem zerfallenen Empfangsgebäude und probierten auch noch, in Richtung Bablak weiterzukommen. Doch letztendlich entschieden wir uns für den Hp. Die Sonne war leider vorübergehend in den Schmodder eingetaucht, doch während uns noch ein deutsch sprechender Spaziergänger nach dem Woher und Wohin (und vor allem Warum) gefragt hatte, zeigte sich die Sonne wieder mit zunehmender Intensität. Diesmal war es gut gewesen, dass der Zug 17 Minuten Verspätung hatte. Wir konnten ihn bei tollem Abendlicht aufnehmen. Zuglok des IC 892 war sogar die von Michael frisch lackierte 005. Wahnsinn! Mit dieser Ausbeute hatten wir angesichts des Wetters nie und nimmer rechnen können!
Der IC aus Skopje beschleunigt aus dem Hp Fushlot.
Wir fuhren daraufhin wieder nach Pristina hinein. Dort hätten wir den Zug auch noch im Stadtbereich machen können, doch waren derartig viele Neubauten emporgezogen worden, dass die ganzen Häuser der Bahn zu dieser fortgeschrittenen Stunde das Licht nahmen. Somit beließen wir es dabei und fuhren zum Restaurant Garden, das uns ja noch vom letzten Jahr bekannt war, und wo man in einer Art Pavillon schön draußen sitzen konnte. Es gab viel zu erzählen und die Gruppe erwies sich als sehr netter "Haufen". Und nach dem Tag schmeckte die gemischte Grillplatte wunderbar! Zur Rückfahrt in die Hotels verteilten wir uns auf mehrere Autos, denn es waren nicht nur die Schweizer mit PKW angereist.
Abendessen im Restaurant Garden in offenen Pavillons.