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Auf Schienen vom Kapitalismus in den Sozialismus und zurück - 13.000km mit dem Zug durch Asien und ein bisschen Europa

Teil 1: Prolog


So, ich habe ja noch ein Versprechen einzulösen, nachdem mein letztes Rätsel in kurzer Zeit erfolgreich gelöst wurde. Eigentlich wollte ich ja schon früher damit anfangen, aber Beruf und Krankheit hielten mich zurück. Jetzt soll's aber losgehen mit meiner dritten Berichtsserie. Anfangen möchte ich mit zwei Fragen:


Wieso fährt man eigentlich mit dem Zug 13.000km durch die Gegend?
Dazu möchte ich zunächst einmal aus zwei Büchern von Paul Theroux zitieren, die mich auf der gesamten Reise begleitet haben:

"Trains seemed to be the happiest choice. You could do anything on a train; you could live your life and go long distances. There was little stress, there was sometimes comfort, and there was something romantic in the notion of boarding a train." Paul Theroux, The Great Railway Bazaar

"The train offers the truth of a place: horrible or savage as it may seem, the hinterland is also the present. I always felt lucky on a train, as on this one. So many other travellers are hurrying to the airport, to be interrogated and frisked and their luggage searched for bombs. They would be better off on a national railway, probably the best way of getting a glimpse of how people actually live - the back gardens, the barns, the hovels, the side roads and slums, the telling facts of a village life, the misery that aeroplanes fly over. Yes, the train takes more time, and many trains are dirty, but so what?" Paul Theroux, Ghost Train to the Eastern Star

Die Zitate geben eigentlich schon die Antwort. Natürlich hätte ich die zehn Länder samt ihren wichtigsten Sehenswürdigkeiten auch mit dem Flugzeug abklappern können. Das wäre schneller und wahrscheinlich auch billiger gewesen, denn in Asien gibt es mittlerweile auch jede Menge Billigfluglinien. Aber es macht eben einen riesigen Unterschied, ob man mit dem Flugzeug "Sightseeing Hopping" macht und Länder und Menschen nur aus zig Kilometer Entfernung sieht, oder ob man gemütlich durch die Gegend rattert und dabei intensiv Land und Leute kennenlernt. Oft hat man schon vor Antritt der Reise durch Reisebücher, Fernsehsendungen und Internet eine feste Vorstellung, was einen erwartet. Umso schöner und aufregender ist es dann, wenn diese Vorstellung in schaukelnden und rüttelnden Zügen ins Schwanken gerät und schließlich in sich zusammenbricht.

Wie Paul Theroux schreibt, ist es nicht immer komfortabel und manchmal hat man auch die Schnauze voll: der Abteilgenosse spuckt andauernd auf den Boden, die Zugtoilette ist vollgeschissen und das Essen ist so schlecht, dass man freiwillig Diät macht, denn Dünnpfiff bei einer vollgeschissenen Toilette macht nicht wirklich Spaß, vor allem auf langen Zugfahrten mit 20 und mehr Stunden Fahrtzeit. Am nächsten Bahnhof warten schon die Schlepper, die einen mit aller Macht in ihr Taxi ziehen wollen und es beginnt ein unter Umständen tagelanger Kampf, um eine Fahrkarte für die nächste Etappe zu bekommen. Dafür wird man mit Erlebnissen und Eindrücken belohnt, die alles das vergessen machen. Dazu mal ein kleiner Vergleich:


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Der Flughafen von Singapur: sauber, effizient, organisiert und sicher wie so viele andere Flughäfen auf dieser Welt. Aber auch steril und langweilig. Ganz im Gegensatz dazu die Wartehalle in einem chinesischen Bahnhof, wie ich in meinem Tagebuch vermerkt habe

In meinem Wartesaal saßen und standen mehrere tausend Menschen. Überall stapelte sich das Gepäck, Kartons und riesige Plastiktaschen, gefüllt mit Fernsehern, Computern und sonstigen Waren, an denen in der chinesischen Provinz wohl Mangelware herrscht. Auf dem Boden oder den Sitzen wurde geschlafen, Karten gespielt oder mit heißem Wasser, dass man überall an Wasserspendern bekommt, gekocht. Bei einigen hatte ich den Eindruck, dass sie sich für mehrere Tage hier einquartiert hatten. Größtenteils waren es Mongolen oder andere Minderheiten, darunter auch muslimische Uiguren, denn mein Zug fährt bis nach Yinchuan in der Inneren Mongolei."

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Auch wenn man sich aufgrund von Sprachbarrieren nicht immer mit den anderen Fahrgästen unterhalten kann, so ist alleine schon die Beobachtung interessant. Ein Lächeln oder eine geschenkte Orange sagt oft mehr als Worte. Und man noch vieles lernen, wie z.B. von diesem Fahrgast im Zug von Thazi nach Shwenyaung in Myanmar. Frühmorgens um halb fünf erstand ich bei Kerzenlicht im Büro des "Stationmaster" eine Fahrkarte. Danach stolperte ich über das stockdunkle Bahnhofsgelände auf der Suche nach dem wartenden Zug. Natürlich war es auch in den Waggons stockdunkel, aber die Einheimischen sind das gewohnt und wissen sich mit Kerzen zu helfen.

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Und hier noch ein Bild, das das erste Zitat von Paul Theroux unterstreicht. Man kann in einem Zug einfach alles tun. Man muss auf seine Gewohnheiten nicht verzichten und kann trotzdem weite Entfernungen überbrücken. So wie diese Thailänderin im Nachtzug von Bangkok nach Butterworth in Thailand. Stundenlang meditierte sie ungestört im Zug, im Flugzeug wäre das so nicht möglich gewesen.

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Und auch zum zweiten Zitat ein Bildbeweis, wenn auch in eigentlich nicht vorzeigenswerter Qualität. Im Zug sieht man Dinge in einem Land, die einem auf anderem Weg verborgen bleiben. Wer schon einmal in Singapur war, kennt die Stadt als blitzblank sauber in allen Ecken. Aus dem Zugfenster ergibt sich jedoch ein anderes Bild:

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Deswegen bin ich also über 13.000 Kilometer mit dem Zug gefahren. Der Weg war das Ziel und der Weg war der Zug. So wird es auch nicht so viele Bilder geben, die Züge und Eisenbahn von außen zeigen, was vielleicht manchen Leser enttäuschen wird. Aber schöne Züge in noch schöneren Landschaften abzulichten, das können andere in diesem Forum besser. Dafür möchte ich aber auch immer ein bisschen vom Geschehen auf und direkt neben den Schienen erzählen und zeigen.


Warum ausgerechnet von Pyongyang nach Singapur?
Singapur ist so eine Art zweite Heimat für mich, da ich dort schon zweimal gearbeitet habe und noch viele Beziehungen nach dorthin habe. Zudem begann hier vor fast acht Jahren meine innige Liebe zu Asien. Damals war Singapur für mich eine komplett neue Welt, heute mit etwas mehr Asienerfahrung weiß ich, dass Singapur nicht asiatisch, sondern absolut westlich ist. Trotzdem ist und bleibt es Dreh- und Angelpunkt meiner Reisen nach Asien. Eine Fahrt mit dem Zug nach Singapur schwirrte schon lange durch meinen Kopf. Die südliche Route über Türkei, Iran, Pakistan, Indien, Myanmar, Thailand und Malaysia ist aktuell aus politischen Gründen eher nicht ratsam. Und für die nördliche Route über die Transsibirische Eisenbahn hatte ich nicht genügend Vorbereitungszeit. So bot sich Nordkorea als nordöstlicher Aufsetzpunkt an, nachdem ich zuvor noch eine Woche Familienurlaub in der Schweiz absolviert hatte.

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Der "Große Führer" weist mir den Weg, hinaus aus seinem "sozialistischen Paradies" (O-Ton nordkoreanischer Reiseleiter) ...

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... in das kapitalistische Paradies Singapur, symbolisiert durch die Weihnachtsdeko in der Orchard Road



Bevor dieser Beitrag jetzt in ein Philosophie- oder Germanistikseminar ausartet, zeige ich lieber schon einmal im Vorgriff auf die nächsten Beiträge ein paar (eher nicht so gelungene) Zugimpressionen aus allen zehn Ländern:

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Die S3 aus Bad Soden fährt in Kürze in den Bahnhof Niederhöchstadt ein. Leider ist dieses Bild auch schon wieder historisch, denn seit letzter Woche wurden die Baureihe 420 auf dieser Strecke durch Plastikbomber vom Typ 423 ersetzt. Prompt hatte sie an zwei von vier Tagen diese Woche eine Verspätung von über einer halben Stunde.


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Ein Zug auf der Bernina-Bahn hat soeben den Bahnhof Cavaglia verlassen und macht sich auf den Weg hinunter nach Poschiavio


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Nördlich von Pyongyang wartet der Zug auf die Weiterfahrt an einem Bahnhof. Leider fuhr unser Bus in ein Schlagloch als ich auf den Auslöser drückte. Ich verspreche, es kommen noch bessere Bilder aus Nordkorea


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Am Bahnhof von Xi'an konnte ich diese Lokparade fotografieren


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Dieser Zug hat gerade den Bahnhof Hanoi verlassen und macht sich auf den Weg durch die Straßen Hanois in Richtung Süden


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Wie bereits im Rätsel erwähnt, gibt es aktuell keinen Zugverkehr in Kambodscha, daher nur ein Bild von abgestellten Güterwaggons am Bahnhof von Phnom Penh


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Dieser Zug hat gerade den Hauptbahnhof in Yangon verlassen und passiert auf seinem Weg in Richtung Bago eine Moschee


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In der Nähe des Hauptbahnhofs von Bangkok fuhr mir dieser Zug vor die Linse


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Ein Expresszug aus Kuala Lumpur fährt in den Bahnhof von Ipoh ein


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Auf Sentosa, der Heimat eines der beiden neuen Casinos in Singapur, verkehrt diese Einschienenbahn



Ich hoffe, dass ich euch mit diesen schlechten Bildern nicht vergrätzt habe und ihr bei meinem nächsten Beitrag wieder reinklickt. Über Kritik, Rückmeldungen und Fragen freue ich mich jederzeit.




Inhaltsverzeichnis

Teil 0: 13.000km mit dem Zug durch 10 Länder, aber wo? BÜ-Bilderrätsel mit 10 Bildern



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 2010:05:23:00:33:35.
Hej Flo,


dieser Reisebericht verspricht interessant zu werden. Absolut geil finde ich das Bild des Zuges

vor der Moschee in Yangon.


Ha det bra!

e-lok-woife
hallo Flo ?,

Der Beitrag war für sich schon ein Genuss und ich freue mich auf die Fortsetzungen.
Endlich etwas Lesenswertes zwischen den vielen Rechthabereien und leider auch unnötigen Beschimpfungen.
So macht Online-Bahnreisen Spaß ! :-))

Harald
Also irgendwie find' ich es unsportlich, zwischen der Schweiz und Nordkorea zu fliegen, um dann die vergleichsweise kurze Strecke nach Singapore mit der Bahn zurück zu legen! ;-))

Ich hab ja was ähnliches vor, wenn auch meine Frau nicht mehr arbeiten muss, schau'mer mal, würde der "Kaiser" sagen. Aber viele, viele Fragen liegen mir schon jetzt auf der Zunge. Ich halte mich nun aber mal nobel zurück.

Leider ist ja die südliche Strecke über Iran-Pakistan-Myanmar z. Zt. nicht wirklich zu empfehlen, aber die interessantere Route wäre es allemal. Vielleicht in einem der nächsten Leben - also immer schön brav sein!

Ostergruß aus Wien

P.S.: Zu Xi'an fiel mir eben noch folgendes ein: [www.drehscheibe-foren.de] - dort sah es vor einigen Jahrzehnten etwas anders aus.



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 2010:04:03:12:01:10.
JÖÖÖ, da freut man sich aber schon auf den Bericht. Der Vorspann ist schon herausragend, so macht Reisen Spaß! Da ich diese Tour sicher nie selbst machen werde können, werde ich sie also genießen und hoffentlich immer rechtzeitig die neuen Teile finden!
Vielen Dank für die Mühe, die Du Dir damit machst, uns alle teilhaben zu lassen!!
Und Frohe Ostern!
Ist demfall Sentosa nun fertig gebaut? Ich war im Mai 2007 das erste Mal in Singapur und damals wurde gerade der alte Teil, wo sich der Schiffsteg befand, komplett abgebrochen. Man konnte nur den Teil von Imbia in Richtung Süden anschauen. Der nördliche Teil der Insal war gesperrt bzw. im Umbau.
Schon mal vielen Dank für die positiven Rückmeldungen. Ich werde versuchen, das Niveau in den folgenden Beiträgen zu halten.

@Jörg Schwabel: Vielen Dank für den Xi'an-Link. Allzu viel hat sich dort seit 2005 nicht verändert

@tokkyuu: Ich werde am Ende jeden Berichts ein Inhaltsverzeichnis anhängen, dann ist es nicht so schlimm, wenn mal einen Bericht verpasst.

@Kusi: Wie man im Hintergrund des Fotos sieht, waren die Bauarbeiten im Dezember 2009 noch nicht ganz abgeschlossen. Die Bahn von Vivo City (der neue angesagte Shopping-Tempel in Singapur, Suntec ist längst schon wieder sowas von out) war aber schon fertig. Mittlerweile ist das Casino aber fertig und eröffnet, die Achterbahn im angeschlossenen Freizeitpark musste vor kurzem aufgrund technischer Mängel allerdings schon wieder geschlossen werden.
Mit diesem Prolog hast du dir aber ein ordentliches Niveau für den Reisebreicht selbst vorgelegt ;-) Eine hervorragende Einleitung!!!

Danke auch für die Theroux-Zitate, eines hätte ich auch noch (aus dem "Patagonien-Express", deutsche Ausgabe):

Wenn man etwas verstehen möchte, hilft es schon, mit dem Zug zu fahren. Verstehen war wie eine Garantie für Depression, aber es war eine Annäherung an die Wahrheit.



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 2010:04:11:19:47:24.