Im Juli 2009 fuhr ich mit der ganzen Familie nach Ungarn, um die dortigen Schmalspurbahnen zu besuchen, nachdem ich im Frühling eine ausgedehnte Erkundigungstour mit meinem Älteren unternommen hatte. Selbstverständlich gehörte eine Fahrt mit dem Puszta-Express Köskörös - Kecskemet und wieder zurück zum Programm. Es war sehr schön, aber auch unglaublich heiss, und gegen Ende der Hinfahrt sehnten wir uns wirklich auf den Besuch einer mir vom Frühling her bekannten Kneipe beim Bahnhof Kecskemet. Wir wollten uns auch mit frischen, gekühlten Getränken für die lange Rückfahrt eindecken.
OT, etwas Kulturgeschichte: Kurz vor dem Bahnhof Törökfaj, wo die Strecke aus Kiskunmajsa einmündet, fährt man in einem Bogen um eine Ortschaft mit dem schönen Namen Helvecia.
[www.helvecia.hu]
Dort steht ein Denkmal für einen gewissen "Weber Ede". Helvecia wurde tatsächlich 1892 von einem Schweizer aufgebaut! Das kam so: Als gegen Ende des 19. Jahrhunderts die aus Amerika eingeschleppte Reblaus europaweit verheerende Schäden am Weinbau verursachte, erkannte der Basler Lehrer Eduard Weber, ungarisiert Weber Ede, dass der sandige Pusztaboden der Reblaus ein wichtiges Entwicklungsstadium verunmöglicht. Er motivierte 92 Winzerfamilien aus dem Westen Ungarns, die soeben ihre Existenzgrundlage verloren hatten, in die Sandpuzta auszuwandern und ihr grosses Wissen über den Weinbau an einem reblaussicheren Ort anzuwenden. Weber Ede kaufte der Stadt Kecskemet ein riesiges Grundstück bisherigen Wald- und Weidelandes ab, liess ein Dorf mit kleinen Häuschen ("tanya" genannt) bauen, die von den Neusiedlern bald abbezahlt werden konnten. Das Experiment wurde ein dauerhafter Erfolg - für die Winzer, für Weber Ede und auch für die Stadt Kecskemet, die mit dem Erlös aus dem Landverkauf endlich ihr ersehntes Opernhaus bauen konnte! Helvecia hat heute 4000 Einwohner und ist Partnergemeinde von Sirnach im Kanton Thurgau.
Jetzt sind wir also in Törökfaj, wo der Zugführer telefonisch die Bewilligung zum Umstellen der Weiche und zur Weiterfahrt nach Kecskemet anfordert. Die Auskunft ist nicht wie gewünscht. Nach kurzer Beratung mit dem Lokführer teilt der Zugführer den neugierigen Fahrgästen (das ist in diesem Falle nur unsere vierköpfige Familie) mit, dass man uns jetzt "für 10 Minuten" stehen lassen müsse. Der Zug aus Kiskunmajsa habe einen Lokschaden. Sie müssten dem Zug entgegenfahren und ihn wohl abschleppen. Und schon kuppelt er die Lok ab signalisiert dem Führer, er könne abfahren.
Die Einfahrweiche Seite Kecskemet wird umgelegt, Mk48.2008 stösst ein kleine Rauchwolke aus und fährt an unserem Wagen vorbei Richtung Jakabszallas.
Da steht er nun, unser Privatwagen, in der Juli-Mittags-Bruthitze. Der dauernde Lärm der mit hoher Geschwindigkeit vorüberbrausenden Autos macht den Aufenthalt nicht angenehmer.
Nach 10 Minuten beginne ich Ausschau zu halten, doch es kommen nur Autos, und wenn's aus der Ferne schön gebrummt hat, leider nur Lastwagen. Der Gedanke, dass die Zeit bis zur Rückfahrt in Kecskemet nicht mehr zur beabsichtigten Einkehr reichen könnte, löst prophylaktisches Entsetzen aus. Wie lange sind "10 Minuten" auf einer ungarischen Schmalspurbahn? Geschlagene 40 Minuten harren wir aus, bis endlich ein anders gefärbtes Brummen aus der Ferne hörbar wird und die Umrisse einer Mk48 sichtbar werden. Wenigstens ermöglicht eine Lücke im dichten Strassenverkehr ein schönes Bild der vermeintlichen Mk48-Doppeltraktion vor dem Bahnhofgebäude.
Auch ein passabler Nachschuss kommt zustande.
Nach dem Umstellen der Weiche setzt der Zug zurück. Die schadhafte Lok Mk48.2013 strahlt im Neulack.
Unser Wagen wird sorgfältig angefahren.
Während der Bremsprobe mache ich noch rasch zwei Bilder. Das ist der längste Zug, den ich je auf dem Netz von Kecskemet gesehen habe.
Die nun folgende Fahrt zum Endbahnhof ist ausserordentlich rasant. Wir können unseren schon sehr eindrücklichen Durst löschen und fahren nach Kiskörös zurück. Zuvor aber noch ein letzter Blick auf die Werkstätte.
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