Seit 1971 fotografiere ich Eisenbahnen, aber Ungarn war in fast 40 Jahren nie ein Thema. Letzten April zeigte ich meinem grösseren Sohn (13) im Internet Bilder von ungarischen Schmalspurbahnen. Für ihn war sofort klar: Da müssen wir hin! Gerne fügte ich mich seinem Wunsch. Ich deckte mich auf [
www.kisvasut.hu] mit aktuellen Fahrplänen ein und kaufte eine neue Strassenkarte.
Zum Glück hatten wir reichlich Zeit eingeplant für die Schmalspurnetze der ungarischen Staatsbahn MAV um Kecskemet und Nyiregyhaza. Dass beide Netze heute bereits stillgelegt sind, konnten wir damals noch nicht wissen.
Vom Balaton her kommend, erreichten wir das Netz von Kecskemet im westlichsten Endpunkt Kiskörös. Leider war der Zug gerade abgefahren. Wir vertrauten auf die Karte und fuhren auf den darin eingezeichneten Nebenstrassen möglichst den Gleisen entlang Richtung Kecskemet.
Am Ende des Dorfes Kaskantyu endete der Teerbelag. Feinkörniger Sand mit einzelnen Treibsandlöchern markierte nun den Verlauf der offiziellen Verbindungsstrasse nach Orgovany. Als erfahrener Verfolger von Garratt-Dampflokomotiven auf den Service Roads der National Railways of Zimbabwe konnte mich der Strassenzustand nicht wirklich schrecken, nur steuerte ich jetzt statt eines gemieteten Land Rovers meinen eigenen VW Sharan. Nach wenigen hundert Metern fand ich mich in einer Landschaft, die sich in Nichts von meinen Erinnerungen an Afrika unterschied: Sandboden, Sonne, Akazien und anderes Dorngestrüpp links und rechts! Jeden Moment konnten Giraffen, Elefanten oder Impalas meinen Weg kreuzen.
Die Landkarte war zuverlässig, zwar nicht in Bezug auf den erwarteten Strassenbelag, doch immerhin auf die Geografie: An der erwarteten Stelle kündigte ein Andreaskreuz einen unbewachten Bahnübergang an. Da kommen wir vielleicht nie mehr hin, also sofort dokumentieren: Sandpiste kreuzt Schmalspurbahn, mitten in Europa!
Ein Blick in den Fahrplan soll mir helfen, ob ich jetzt Gas geben oder warten soll. Ein absolut eisenbahnmässiger Pfiff klärt alles auf. Der "Puszta-Express" fährt auf uns zu, genau im richtigen Moment!
Die Kurve und das Birkengestrüpp verdecken gnädig die bescheidene Zugslänge: Mk48.2022 zieht nur gerade einen vierachsigen BD durch die Puszta.
Das glaubt uns in 20 Jahren keiner: Unsere Familienkutsche in einem unglaublichen Umfeld.
Am nächsten Tag fahren wir selbstverständlich mit dem Zug die ganze Strecke hin und zurück. Annäherung an den "schönsten Bahnübergang Mitteleuropas".
Ein letzter Blick zurück.
In Orgovany haben wir wieder festen Boden unter den Füssen bzw. eine asphaltierte Strasse unter den Pneus. Der "Bahnhof" Orgovany besitzt zwar 3 Gleise und 4 Weichen, aber sonst besteht er nur aus einem Namensschild und einer einfachen Wartebank. Drei Personen möchten einsteigen...
...und 2 steigen aus.
Ausfahrt Richtung Kekskemet.
Einen Tag später fotografiere ich den Bahnhof Orgovany aus dem Zug heraus in seiner vollen Pracht.
Blick das Dorf Orgovany.
Personalaufwändiger Unterhalt. Am letzten Bahnübergang im Dorf Orgovany winken sich Lokführer und Unterhalts-Mannschaft zu. Nicht weniger als 7 Personen schneiden das Gras neben und zwischen den Schienen - vielleicht zum letzten Mal überhaupt!
Am Bahnübergang zwischen Orgovany und Jakabszallas kann ich die Vorbeifahrt des "Puszta-Express" im Bild festhalten.
Vom Zug aus sieht das so aus: Im Hintergrund weidet die obligate Schafherde. Der vom letzten Regen verbliebene Tümpel zieht Kiebitze, Reiher und Störche an. Leider sind die Vögel schon weg, als wir mit dem Zug herantuckern.
Die eindrückliche Infrastruktur des Bahnhofes Köncsögpuszta. Der Zugchef hat eben dem Lokführer signalisiert, dass der Halt auf Verlangen nicht gewünscht wird. Die Mk48 beschleunigt wieder auf die zugelassene Höchstgeschwindigkeit.
"Kiss and Ride" auf Ungarisch. In Hatarcsarda wird die Bäuerin, welche in Kekskemet einkaufen gegangen ist, per Pferdewagen vom Zug abgeholt.
Mit diesem Bild beschliesse ich die erste Folge über die soeben eingestellten Schmalspurbahnen um Kecskemet.
3-mal bearbeitet. Zuletzt am 2015:02:25:21:15:56.