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Moin,
nachdem wir nun das große TV-Duell verdaut haben - Wrestling sieht anders aus - kommt jetzt der vierte Teil der Reise durch die Waldkarpaten. Dieser widmet sich der KBS 133, der Strecke Sanok- Lesko – Ustrzyki Dolne - Kroscienko – Chirow (Ukraine), die Strecke wird zwei Mal am Tag je Richtung befahren und ist durch polnische Zigarettenschmuggler und ukrainische Frauen, die nach Ustrzyki zum Einkaufen fahren, vergleichsweise gut besetzt. Der Oberbau ist wie auf allen Strecken der Region in schlechtem Zustand und erlaubt kaum höheren Geschwindigkeiten als 30 Kilometer in der Stunde. Auf jeden Fall ist dieses aber eine Fahrt, die man nicht vergisst. Warum, das ahnen sicher einige bereits, da die Strecke während meiner Reisezeit bereits ein Mal hier bei DSO zu sehen war.
Die Bilder sind wieder von West nach Ost geordnet.

http://img.webme.com/pic/t/taigatrommel/kros-20.jpg

http://img.webme.com/pic/t/taigatrommel/kros-15.jpg
Umsetzten der Zuglok SU42 506 in Sanok vor der Nachmittagstour.

http://img.webme.com/pic/t/taigatrommel/kros-1.jpg
Eine halbe Stunde hatte ich Zeit, um am Sonntagnachmittag von Nowy Zagorz (13-Uhr Triebwagen nach Jaslo) aus zum gewählten Motiv, der Sanbrücke, zu gehen. Dabei erwiesen sich die drei Kilometer doch als „länger“ als erwartet. Nachdem ich teilweise laufend zur Brücke eilte, kam ich gerade noch rechtzeitig an: Am anderen Ende des Flusses erschien schon überpünklich SP32 203 mit ihrem Wagen. Nach dem erklimmen des Bahndammes durch unschöne Brenesselfelder musste ich auch noch feststellen, das der Bewuchs das geplante Motiv gar nicht mehr möglich machte. Toll! Also ein Sprung auf die andere Seite und ein Notschuss aus viel zu tiefer Lage, in der man die Brücke nur auf dem zweiten Blick erkennt. Immerhin verirrte sich noch ein Doppeltelegrafenmast ins Bild.
Geplant war das Motiv wie folgt: [www.schienenstrang-nach-osten.de]


http://img.webme.com/pic/t/taigatrommel/kros-2.jpg
Die Rückfahrt eine gute Stunde später an der östlichen Ausfahrt von Nowy Zagorz. Es war das einzige Mal, dass ich eine SP32 in diesen Umläufen gesehen habe.

Wie ich heute erfahren habe soll der Einsatz dieser Baureihe in den Bieszczady schon in spätestens eineinhalb Monaten durch Unbeheimatung enden!!!

http://img.webme.com/pic/t/taigatrommel/kros-4.jpg
Das Bahnhofsgebäude in Uherce Mineralne mag zwar vom Baustil ungewöhnlich erscheinen, die hohen Dächer in Form eines ungleichmäßigen Dreieckes sind in der Region aber durchaus typisch (27.8.09).

http://img.webme.com/pic/t/taigatrommel/kros-3.jpg
SU42 506 hatte über zwei Stunden Verspätung bei der Fahrt aus der Ukraine und musste nochmals eine Dreiviertelstunde auf den Gegenzug warten, da es bis Nowy Zagorz keine Kreuzungsmöglichkeit mehr gibt.

http://img.webme.com/pic/t/taigatrommel/kros-14.jpg
Folglich gab es eine unplanmäßige Kreuzung in Uherce. Am Ersatzzug hing SU42 522. (beide Bilder 12.8.09)


http://img.webme.com/pic/t/taigatrommel/kros-17.jpg
Uherce bietet sich für einen kleinen Sprung nach Süden an: In Solina wurde in den 70er Jahren ein großer Staudamm errichtet, um den San zu stauen (auch in Myskowce gibt es einen kleineneren Damm.) Um den neu entstandenen See entstanden in der Folgezeit einige Touristenorte.

http://img.webme.com/pic/t/taigatrommel/kros-18.jpg
So werden beispielsweise Seerundfahrten angeboten.

http://img.webme.com/pic/t/taigatrommel/kros-19.jpg
Im See gibt es haufenweise große Fische, die aber natürlich nicht selbst den San hoch schwimmen können.

http://img.webme.com/pic/t/taigatrommel/kros-13.jpg
Dieses Bild der SU42 510 entstand zufällig in Ustjanowa: Ich hatte den Zug in Ustrzyki Dolne (Bild weiter unten) erlegt und war nun, 20 Minuten nach der Durchfahrt von meinem Vater abgeholt worden und auf dem Weg nach Solina, als wir den Zug an einem BÜ einholten. Eine Zugverfolgung wäre zwar problemlos möglich gewesen – und Motive gibt es genug – doch war meine zweite Reise in die Bieszczady innerhalb eines Monats ein Familienurlaub, bei dem es die Eisenbahn nur am Rande gab.

Kommen wir nun nach Ustrzyki Dolne. Hier hatte ich auf der zweiten Tour zwei Übernachtungen, wobei beide Male der Morgenzug um halb sieben mitgenommen werden konnte:

http://img.webme.com/pic/t/taigatrommel/kros-10.jpg
"Dran ein Nebelschwert vorüber strich": Der erste Versuch, das schmucke Bahnhofsgebäude als Motiv zu nehmen, versank jedoch völlig. Am Zug hing SU42 510.

http://img.webme.com/pic/t/taigatrommel/kros-11.jpg
Nach einem Sprint zur Bahnhofsausfahrt gelang noch ein Bild des Zuges.

http://img.webme.com/pic/t/taigatrommel/kros-12.jpg
Ein Motiv, das mir vom Zug aus schon gefallen hatte, war der Blick in den Ort von der westlichen Bahnhofsausfahrt. Mit +45 Minuten kam der Zug zurück aus der Ukraine gedieselt.

Alle vier Bilder der 510 stammen vom 28.8.09.

http://img.webme.com/pic/t/taigatrommel/kros-8.jpg
Am nächsten Morgen gelang die Aufnahme des Frühzugs sogar ohne Nebel. SU42 508 hat, wie am Wochenende üblich, nur einen Wagen am Haken, während das Laub bereits erste, frühherbstliche Färbungen zeigt.

http://img.webme.com/pic/t/taigatrommel/kros-9.jpg
Auch heute gelang noch ein Bild an der Ausfahrt des Bahnhofs.

http://img.webme.com/pic/t/taigatrommel/kros-5.jpg
Nun sind wir bereits am letzten Bahnhof auf polnischer Seite, Kroscienko. Die Grenzabfertigung selbst findet einige Kilometer weiter an einer neuen Grenzstation statt, die bereits vor drei Wochen hier im Forum Thema gewesen ist.

http://img.webme.com/pic/t/taigatrommel/kros-23.jpg
58 Minuten Zeitunterschied zwischen Polen und der Ukraine.

http://img.webme.com/pic/t/taigatrommel/kir.jpg
Sakrale Holzarchitektur, wie sie in dieser Region häufig anzutreffen ist. In Kroscienko siedelten sich in den 50er-Jahren übrigens verfolgte Kommunisten aus Griechenland an. Ein Denkmal für einen ihrer gefallenen Helden steht noch heute unweit des Bahnhofes vor einem Kindergarten. In den 70ern kehrten die meisten der Griechen wieder in ihre Heimat zurück, laut einer Touristenbroschüre gibt es heut noch vier griechische Familien im Ort.

http://img.webme.com/pic/t/taigatrommel/kros-16.jpg
Nach einer kleinen Wanderung um den Ort herum gab es zum Mittag eine WM15-Motordraisine.

http://img.webme.com/pic/t/taigatrommel/kros-7.jpg
Offensichtlich gab es an der Grenze einiges zu tun, denn der Zug kam mit hübschen +130 Minuten in den Bahnhof eingefahren….

http://img.webme.com/pic/t/taigatrommel/kros-6.jpg
…und hielt dort auch noch gute zehn Minuten. Also nochmals das Bahnhofsgebäude geknipst, dieses Mal von der anderen Seite aus betrachtet. Nun war auch das Wetter bereits besser geworden.

Im Zug gab es nun etwas zu sehen, was ich so nicht erwartet hatte. Der Schaffner war sichtlich über meinen wohl etwas überraschten Blick belustigt, ich fragte „3 Weltkrieg?“ und er antwortete lässig, den aktuellen Werbespruch der PKP für die Fußball-Europameisterschaft zitierend: „Nö – Die Eisenbahn für 2012!"
Auf weitere Kommentare verzichte ich und lasse die Bilder sprechen:

http://img.webme.com/pic/t/taigatrommel/kros-24.jpg

http://img.webme.com/pic/t/taigatrommel/kros-21.jpg

http://img.webme.com/pic/t/taigatrommel/kros-22.jpg

http://img.webme.com/pic/t/taigatrommel/kros-25.jpg


So, das war der Bericht vom Schmugglerzug. Fehlt nun also noch die Lupkowstrecke… beim nächsten Mal.

Bis dahin,
Grüße vom Schwejk

Akute Seuchenhinweise des Innenministeriums:
1. Wer von einem Zombie gebissen wird, wird selbst zum Zombie
2. Jeder Zombie infiziert im Durchschnitt drei weitere Zombies - Halten Sie Abstand
3. Aluhüte schützen saftige Gehirne nicht vor Zombie-Angriffen.


Inhaltsverzeichnis meiner Reiseberichte und Modellbauprojekte in den DSO-Foren [www.drehscheibe-foren.de]




4-mal bearbeitet. Zuletzt am 2018:07:16:19:08:16.
Danke,

hier wird alles gezeigt und gesagt über diesen Zug. Bestens, auch von der Stimmung her eingefangen.

Grüße
Alex
Salut Schwejki,

danke vielmal für den Bericht und die Bilder. Sehr interessant aber auch traurig. Da überlegt man es sich, ob man da mitfährt. :(.

Der Stausee, wo befindet er sich. Ist er weit vom Bf? Wie häufig fahren da die Schiffe, und was kostet das Ganze?

Herzliche Grüsse noch aus dem Berner Oberland.
Martin
Moin,
doch, mitfahren! Wenn Du sa sitzt, und plötzlich kommt ein alter Mann den ganz entlang und schraubt Dir gegenüber mal eben die Bank auseinader... ich fand's ein klasse Erlebnis. Das erste und letzte Abteil des Zuges (also dort, wo die Schafner sitzen) ist übrigens in einem ganz normalen Zustand. Aber das ist ja langweilig ;-)

Der Damm ist ca. 10 Kilomter von Uherce entfernt, am ehesten würde ich aber in Lesko am Busbahnhof auf eine Verbindung warten. Im Sommer fuhr jede Stunde ein Schiff, außerhalb der Saison sicherlich weniger. Eine einstündige Fahrt kostete letzten Monat noch 17 Zl, also nicht der Rede wert. Als Hamburger brauch man Wasser ja irgendwie, weshalb ich solche netten Wassertouren immer gerne "mitnehme".

Grüße



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 2009:09:14:17:39:26.
Moin!

Feiner Reisebericht! Bist du denn auch mit dem Zug mal in die Ukraine gefahren? Gibt es dort Anschluss in Richtung Inland? Ist der Schmugglerzug eingentlich ein Saisonverkehr? Eine Einreise in die Ukraine mal über diese Route würde mich durchaus reizen... :-)

Gruß

Andi
Moin,

ist ja eininteressanter Bericht!

Für mich stellt sich die Frage, ob die Zollbeamten nicht auch am Schmuggel beteiligt sind. Wenn so offensichtlich in den Wagen geschmuggelt wird, müssten die Beamten doch (fast) alles finden, so dass sich der Schmuggel nicht lohnt.

Haben die Schaffner denn versucht die Schmuggler an ihrer Arbeit zu hindern? Oder war es ihnen mehr oder weniger egal, dass die Schmuggler die Wagen so auseinandernehmen?

Gruß
Florian
Moin,
mein dämlicher Reisepass musste im Juni ja leider ablaufen, weshalb ich nicht rüber machen konnte. Okay, zugegeben, ich hätte da natürlich auch früher drauf achten können, aber die Ukraine läuft ja nicht weg, und anders als der Zug nach Lupkow (Bericht kommt morgen) verkehrt der Zug ganzjährig (ich glaube, nur an Weihnachten und Neujahr nicht).

Aber schau mal hier,da ist auch der östliche Teil der Strecke ausführlich beschrieben:
[www.drehscheibe-foren.de]

Grüße
Josef-Schwejk schrieb:
-------------------------------------------------------
> Moin,
> doch, mitfahren! Wenn Du sa sitzt, und plötzlich
> kommt ein alter Mann den ganz entlang und schraubt
> Dir gegenüber mal eben die Bank auseinader... ich
> fand's ein klasse Erlebnis.

Das habe ich 2006 als ich mit einem Osobowy von Kuznica Bialostocka nach Grodno fuhr, auch erlebt. Mir hat das gar nicht gefallen, und ich hatte ein mulmiges Gefühl.

> Das erste und letzte
> Abteil des Zuges (also dort, wo die Schafner
> sitzen) ist übrigens in einem ganz normalen
> Zustand. Aber das ist ja langweilig ;-)
>
> Der Damm ist ca. 10 Kilomter von Uherce entfernt,
> am ehesten würde ich aber in Lesko am Busbahnhof
> auf eine Verbindung warten. Im Sommer fuhr jede
> Stunde ein Schiff, außerhalb der Saison sicherlich
> weniger.

Ich habe mal Uherce eingegeben, und da nix gefunden. Wie heisst dieser Stausee?

> Eine einstündige Fahrt kostete letzten
> Monat noch 17 Zl, also nicht der Rede wert. Als
> Hamburger brauch man Wasser ja irgendwie, weshalb
> ich solche netten Wassertouren immer gerne
> "mitnehme".

Ich fahre auch gerne mit dem Schiff und nehme, wenn es drin liegt, solche Touren auch gerne mit. In CH war es sogar im GA inklusiv. Das wird mir wohl in PL fehlen.

>
> Grüße
Grüsse zurück.
Martin
Wie da noch was durchkommt, das versteht wohl keiner, der unbeteiligt ist.
Angeblich sammeln die Grenzer gute Mengen der Fracht ein, aber es wird sich trotzdem lohnen. Ob Schaffner oder Grenzer geschmiert sind? Keine Ahnung, aber zumindest ersterer wird nichts sagen, garantiert dieses Geschäft doch seinen Arbeitsplatz! Normale Fahrgäste kannst Du dort an einer Hand abzählen.
bei google maps "Uherce, polska" oder ebenso mit dem Ort Solina eingeben, da hat es bei mir geklappt.
Die Stimmung im Zug fand ich keineswegs bedrückend, die Schmuggler sind keine agressiven, glatzköpfigen 2-Meter-Schränke (um mal das Klischeebild zu nehmen) gewesen. Übrigens viele Frauen darunter. Auch lustige Gespräche hört man wie etwa: "Alex, wo machst Du's heute?" - "Erste und dritte (Bank), wie immer". Und wie geschrieben, wenn es Dir wiklich nicht gefällt, dann eben zum Schaffner setzten.

Übrigens, ob auf Masurischen Seen, Danzig- Westerplatte, Soppot - Hel oder eben hier in Solina, Bootstouren gibt es häufiger, als man eigentlich erwartet.



2-mal bearbeitet. Zuletzt am 2009:09:14:18:16:14.
Andreas F. schrieb:
-------------------------------------------------------
> Moin!
>
> Feiner Reisebericht! Bist du denn auch mit dem Zug
> mal in die Ukraine gefahren? Gibt es dort
> Anschluss in Richtung Inland? Ist der
> Schmugglerzug eingentlich ein Saisonverkehr? Eine
> Einreise in die Ukraine mal über diese Route würde
> mich durchaus reizen... :-)


Zum Thema Anschluss an den Abendzug habe ich hier was geschrieben: [www.drehscheibe-foren.de]
Florian86 schrieb:
-------------------------------------------------------
> Moin,
>
> ist ja eininteressanter Bericht!
>
> Für mich stellt sich die Frage, ob die Zollbeamten
> nicht auch am Schmuggel beteiligt sind. Wenn so
> offensichtlich in den Wagen geschmuggelt wird,
> müssten die Beamten doch (fast) alles finden, so
> dass sich der Schmuggel nicht lohnt.
>
> Haben die Schaffner denn versucht die Schmuggler
> an ihrer Arbeit zu hindern? Oder war es ihnen mehr
> oder weniger egal, dass die Schmuggler die Wagen
> so auseinandernehmen?


Ich bin im August in Richtung PL->UA mitgefahren. Die Schmuggler waren alle mehr oder weniger persoenlich bei der Grenzkontrolle bekannt. Die Schaffner haben mittlerweile resigniert und hindern niemand mehr an seiner Taetigkeit in den Wagen. Warum auch, das ist nur noch ein rollender Schrotthaufen. Aber es ist durchaus beeindruckend, was die Leute da an Werkzeug mitbringen, um die Bodenplatten anzuheben, um Dinge hinter der Heizung zu verstecken, um die Deckenlampen und -verkleidung abzuschrauben usw. Und auch die Geschaeftigkeit im Wagen nach dem Grenzuebertritt ist ein Erlebnis.

Trotzdem stellt sich die Frage, warum es diese Zuege ueberhaupt noch gibt. Zwischen Sanok und Ustrziki Dolne faehrt kaum jemand mit, kein Wunder bei dem Tempo und bei dem Zustand der Wagen. Dann der Personalaufwand (zwei Schaffner, zwei Lokfuehrer, Besetzung Bahnhoefe Kroscienko, Uherce und irgendwo ein Schrankenposten; wegen der Verspaetung wird auch noch eine zweite Zuggarnitur gebraucht). Das kann durch die Tickets ueber die Grenze niemals abgedeckt sein. Oder ist das irgendeine Forderung der EU, weil die einen neuen Hightech-Grenzuebergang gesponsort hat, dass dann auch Zuege zu fahren haben? Waere jedenfalls auch interessant, wie Reaktion aus Bruessel ausfallen wuerde, wenn man denen mal den Link zu den Berichten mit der Bitte um eine Stellungnahme schicken wuerde...
Super Bericht, danke. Der abgerockte Zug (innen) sieht ja etwas traurig aus, toll aber auch die Nebelfotos.
MP schrieb:
-------------------------------------------------------

> Trotzdem stellt sich die Frage, warum es diese
> Zuege ueberhaupt noch gibt. Zwischen Sanok und
> Ustrziki Dolne faehrt kaum jemand mit, kein Wunder
> bei dem Tempo und bei dem Zustand der Wagen. Dann
> der Personalaufwand (zwei Schaffner, zwei
> Lokfuehrer, Besetzung Bahnhoefe Kroscienko, Uherce
> und irgendwo ein Schrankenposten; wegen der
> Verspaetung wird auch noch eine zweite Zuggarnitur
> gebraucht). Das kann durch die Tickets ueber die
> Grenze niemals abgedeckt sein. Oder ist das
> irgendeine Forderung der EU, weil die einen neuen
> Hightech-Grenzuebergang gesponsort hat, dass dann
> auch Zuege zu fahren haben? Waere jedenfalls auch
> interessant, wie Reaktion aus Bruessel ausfallen
> wuerde, wenn man denen mal den Link zu den
> Berichten mit der Bitte um eine Stellungnahme
> schicken wuerde...

Das Verkehren dieser Züge ist eine sozial- und minderheitenpolitische Maßnahme.
Letzteres, da die Öffnung des Grenzüberganges Kroscienko/Smilnycja mit der Ermöglichung eines kleinen Grenzverkehrs für die lemkisch/bojkische Minderheit im Bieszczady begründet wurde, man diesen aber nicht zu Fuß stattfinden lassen möchte.
Der wesentlich entscheidendere Grund ist aber, daß die Schmuggelei in dieser Region für viele Menschen die einzig mögliche Erwerbsquelle ist, und dies zumindest auf regionaler Ebene den Verantwortlichen auch bewusst ist. Die EU würde solche "Schlupflöcher" lieber heute als morgen dichtmachen, aber in Rzeszów ist es der Wojewodschaftsverwaltung völlig klar, daß das Verkehren dieser Züge ihre eigenen Sozialkassen entlastet. Mir sind persönlich Menschen bekannt, denen auf dem Arbeitsamt in Przemysl gesagt wurde: "Versuchen Sie es doch mal an der Grenze...".
Und da die Beamt_innen des polnischen Grenzschutzes dies genauso wissen, wird zwar der Zug auf den ersten Blick völlig demontiert, aber da man sich ja auch kennt, wird den "Ameisen", wie diese Leute in Polen genannt werden(und es handelt sich dabei zu 90% um polnische Staatsbürger, Ukrainer_innen können sich das gar nicht leisten, denn dann ist das Dauervisum für den kleinen Grenzverkehr ganz schnell weg), zumindest ein Teil der Kontrabande gelassen. Mit offener Korruption hat dies eher wenig zu tun, eher mit "Leben und Leben lassen". Grenzbeamter Wlodzimierz nimmt Oma Agniezska (mit der er wahrscheinlich verwandt ist und weiss, wie hoch die Rente ist) eben nur jede zehnte Stange Zigaretten weg, dafür wird dann eben diese jede zehnte Stange groß dem Vorgesetzten (nicht dem am Grenzübergang, der weiß ja wie es läuft, eher gegenüber der EU) präsentiert und Wlodzimierz kriegt ein Bienchen ins Straz Graniczna-Muttiheft. Wirklich interessieren tut sich der SG nicht für das bisschen Zigarettenschmuggel, sondern eher für die großen Dinger, wie Menschen-, Waffen- und Drogenschmuggel, was Sachen sind, wo die ukrainischen Kollegen groß mit drin hängen.

Zusammengefasst: Diese Züge haben rein gar nichts mit Befriedigung eines regionalen Verkehrsbedürfnisses zu tun. Eigentlich könnte man die auch nur von Ustrzyki Dolne (Supermarkt direkt im ex-Güterschuppen, das ist eher das Ziel für Ukrainer_innen, da einige Lebensmittel und speziell Haushaltwaren und Kosmetik in Polen billiger und in besserer Qualität zu haben sind) und Chyriv oder meinetwegen dem ersten Zigarettenladen in der Ukraine verkehren lassen. Das würde 90% der Kundschaft auch befriedigen. Allerdings habe ich in den Zügen auch bisher jedes Mal mindestens 2 bis 3 Reisende gesehen, die auf weiterer Fahrt waren und möglichst billig die Grenze überqueren wollten. Das ging bis zu Aserbaidschanern, die tatsächlich aus Baku kamen, auf dem Weg nach Deutschland.

MfG
Martin

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Martin Kop. schrieb:
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> Das Verkehren dieser Züge ist eine sozial- und
> minderheitenpolitische Maßnahme.
> Letzteres, da die Öffnung des Grenzüberganges
> Kroscienko/Smilnycja mit der Ermöglichung eines
> kleinen Grenzverkehrs für die lemkisch/bojkische
> Minderheit im Bieszczady begründet wurde, man
> diesen aber nicht zu Fuß stattfinden lassen
> möchte.
> Der wesentlich entscheidendere Grund ist aber, daß
> die Schmuggelei in dieser Region für viele
> Menschen die einzig mögliche Erwerbsquelle ist,
> und dies zumindest auf regionaler Ebene den
> Verantwortlichen auch bewusst ist. Die EU würde
> solche "Schlupflöcher" lieber heute als morgen
> dichtmachen, aber in Rzeszów ist es der
> Wojewodschaftsverwaltung völlig klar, daß das
> Verkehren dieser Züge ihre eigenen Sozialkassen
> entlastet.


Wenn das tatsaechlich so ist, dann frage ich mich, warum es nicht viel mehr Zuege ueber die polnisch-ukrainische Grenze gibt. Warum wurde denn der Zug ueber den Grenzuebergang Hrebenne - Rawa-Russka eingestellt? Warum macht man das ganze ueberhaupt so kompliziert und schafft nicht gleich die ganzen Grenzkontrollen ab? Das waere doch mal eine sozialpolitische Massnahme. Das Minderheiten-Argument ist ja der Brueller. Schmuggelzuege als minderheitenpolitische Massnahme, selten so gelacht.

Das Problem wird sich spaetestens dann loesen, wenn die Strecke Sanok-Kroscienko unbefahrbar ist, was nicht mehr lange dauern duerfte. Oder wird es der PKP gelingen, die Strecke als irgeneinen wichtigen EU-Korridor einstufen zu lassen und fuer die Sanierung EU-Foerdermittel anzuzapfen?