100 km Waldbahn mit Touristenzug über 32 km
In Ungarn sind noch mehrere Waldbahnen im Einsatz, bei denen die Holzabfuhr eine wichtige Rolle spielt. Die grösste unter ihnen ist die erst nach dem Jahre 2000 durch den Bau einer 9 km langen Neubaustrecke (!) zu einem einzigen Netz zusammengewachsene Waldbahn von Lenti und Csömöder. Sie befindet sich ganz im Südwesten des Landes, hart am Dreiländereck zu Slowenien und Kroatien. Von der Schweiz und von Süddeutschland aus ist sie mit dem Nachtzug über Budapest, dann mit einmaligem Umsteigen in Zalaegerszeg erreichbar. Auf der Normalspurlinie zum früheren Grenzübergansbahnhof Redics verkehren zurzeit die bekannten zweiachsigen Schienenbusse und natürlich tägliche Holzzüge für den Abtransport des Holzes. Auf der Strasse führt eine längliche Tagesafahrt via West- und Pyhrn-Autobahn nach Graz und von dort weiter über slowenisches Gebiet bis zum Autobahnende an der Grenze Slowenien/Ungarn in Redics.
Zum Fotografieren der Waldbahnzüge ist das Auto praktisch unerlässlich, ausser man verfügt über ein stabiles Mountainbike und eine kräftige Kondition. Die ungarische Wanderkarte 28 "Dél-Zala" zeigt im Massstab 1:60'000 alle Linien im Detail, mit Ausnahme des langen Nordastes. Auf Google Earth sind fast alle Strecke eingezeichnet und gut verfolgbar.
Wenn sich die Familie nicht so sehr für Waldbahnen begeistert, ist sie im gut ausgebauten Thermalbad mit grosszügigen Hallen- und Aussenbecken für mehrere Tage bestens bedient. Auch zum Reiten, Wandern und Radfahren ist die Gegend bestens geeignet, für ungarische Verhältnisse sind sehr viele Wege ausgeschildert. Als Thermalkurort verfügt Lenti über eine Vielzahl von Übernachtungsmöglichkeiten für jedes Budget.
Der Touristenzug befährt im Sommer täglich die Kernstrecke Lenti - Csömöder - Kistolmacs. Fasanen, Störche, Reiher, Hasen, Rehe sieht man praktisch auf jeder Fahrt, im Frühling sind auch Hirsch-Sichtungen sozusagen garantiert. Mit etwas Glück lassen sich selbst Wildschweine vom Zug aus beobachten. Die Spurweite von 760 mm ist zwar identisch mit jener der österreichischen Schmalspurbahnen, aber Gleislage und Geschwindigkeit lassen sich in keiner Weise vergleichen. 25 km/h sind das höchste aller Gefühle. Die offenen, vierachsigen Personenwagen haben die gleichen Untergestelle wie die Holztransportwagen. In der Übergangszeit verkehren echte Waldbahn-Personenwagen mit funktionierendem Holzofen! Etwa alle 2 Wochen verkehrt im Sommer ein Zug mit einer aus Rumänien gekauften Dampflokomotive.
Sowohl die Touristenzüge wie die Holztransporte werden ausschliesslich mit einer Flotte von einem Dutzend zweiachsiger Diesellokomotiven des Typs C50 abgewickelt. Die beiden modernen, vierachsigen Mk 48 fahren nur in Notfällen aus, zur Schneeräumung oder zur Entpannung eines liegen gebliebenen Zuges. Ein Holzzug umfasst generell 6 Flachwagen der Drehgestell-Bauart. Auf einzelnen Aussenstrecken werden bisweilen zwei Züge zusammengehängt, weil sie leer bergauf und beladen bergab fahren. Auf der Nordlinie und auf der Hauptstrecke mit ihren Gegensteigungen ist dies nicht möglich, lange Züge müssen wieder geteilt werden.
Wer freundlich fragt, kriegt vom deutsch sprechenden Betriebsleiter in Csömöder ebenso freundlich Auskunft über die vorgesehenen Fahrten der Holzzüge, allerdings immer nur für den betreffenden Tag. So kann man sich mit Hilfe der Wanderkarte rechtzeitig zu den guten Fotoplätzen begeben. Man darf sich allerdings keine Illusionen machen: Die nur der Holzabfuhr dienenden Aussenstrecken sind meist dicht eingewachsen und lassen nur wenige Möglichkeiten, einen beladenen Zug in seiner vollen Länge aufzunehmen. Jetzt zu den Bildern:
Kreuzung zweier Touristenzügen zwischen Lenti und Csömöder.
Kreuzung des Touristenzuges mit einem Holzzug, südlich von Csömöder.
Holzzug auf dem Nordast bei Szilvagy, dem Dorf mit dem grössten Waldbesitz in ganz Ungarn.
Holzverlad am nördlichen Streckenende bei Parasza.
Das Lichtraumprofil entspricht auf reinen Holzabfuhrstrecken nicht immer unseren Vorstellungen. Als Bremser muss man sich immer wieder vor den ins Profil ragenden Ästen in Acht nehmen. An Streckenfotos ist unter diesen Umständen gar nicht zu denken, ausser man heuert selber als Bremser an...
Auf der Fahrt von Szilvagy zum Sägewerk in Lenti.
Rückfahrt des leeren Zuges aus Lenti.
Beladung beim Gleisdreieck an der Hauptstrasse von Lenti nach Budapest.
Holzzug nach Lenti beim Bahnübergang Lentiszombathely.
Seltener 12-Wagen-Zug auf einem Aussenast bei Varfölde. Dichter Krautwuchs, darunter die sich epidemisch ausbreitende kanadische Goldrute, verunmöglicht einen Blick auf die Fahrwerke und das Gleis.
Die erste Hälfte des nun geteilten Zug auf der Hauptstrecke bei Kamahaza, ...
...bei der Verzweigung mit dem Streckenast nach Pördefölde, ...
...vor Kanyavar,..
...und bei der Einfahrt in den Bahnhof Csömöder, das betriebliche Zentrum der Waldbahn.
Zum Abschluss hier noch die "Nachgeburt" an einer bekannten Stelle.
6-mal bearbeitet. Zuletzt am 2015:02:25:21:02:22.