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Nachdem ich im letzten Bericht das rollende Material der Namtu Mines Railways vorgestellt hatte, wollen wir nun natürlich auch einmal damit fahren. Dazu muss ich aber ein bisschen ausholen.

Namtu liegt in einer sehr abgelegenen Region, dass nur mit einer speziellen Genehmigung, die normalerweise nur an organisierte Gruppen vergeben wird, betreten werden darf. So war ich eigentlich schon recht zufrieden, dass ich als Individualreisender diese Genehmigung gegen Bezahlung einiger Dollars bekommen hatte. Hauptgrund meiner Reise nach Namtu war eigentlich eine Zugfahrt von Namtu nach Bawdwin. Auf diesem spektakulären Streckenabschnitt geht es u.a. durch eine Schlucht und einen Doppelkreisel. Als ich per e-Mail die Info bekam, dass die Genehmigung da sei (es mussten Innen-, Minen-, Verteidigungs- und Tourismusministerium zustimmen), wurde mir auch schriftlich zugesichert, dass ich mit dem regulären Dieselzug von Namtu nach Bawdwin fahren könnte.

In Myanmar angekommen hieß es im Tourismusbüro in Mandalay aber plötzlich, dass keine Züge mehr zwischen Namtu und Bawdwin verkehren würden. Meine Antwort war, dass ich das nicht glauben würde und gerne direkt mit dem Minenministerium sprechen würde. Über so viel Renitenz war man überrascht, denn in Myanmar nimmt man normalerweise alles klaglos hin, was einem die Regierung sagt. So telefonierte ich mit einem Dolmetscher mit dem Ministerium in der neuen Hauptstadt Naypidaw. Im Gespräch bot man mir dann an, für 420$ von Namtu nach Bawdwin zu fahren. Darauf sagte ich, dass ich schon ein Haufen Geld für die Genehmigung bezahlt hätte und nicht 420$ für die ca. 20km lange Mitfahrt in einem Zug bezahlen würde. Nein, es wäre keine Mitfahrt, sondern es wäre ein dampfbetriebener Sonderzug ganz für mich alleine. Da erschienen die 420$ plötzlich in einem ganz anderen Licht und ich erbat eine Stunde Bedenkzeit (im Nachhinein vielleicht ein Fehler).

Das Geld würde zwar direkt an die Militärregierung gehen, aber schließlich rang ich mich durch und rief zurück, dass ich die Zugfahrt gerne machen würde. Jetzt war aber plötzlich nicht mehr von 420$, sondern von 470$ und 65.000 Kyat (ca. 50€) die Rede, denn es müssten mich mehrere Soldaten begleiten. Das Geld sollte ich per Eilkurier nach Naypidaw schicken, dort würde sofort die Genehmigung schriftlich erteilt werden und der Eilkurier würde mir das Dokument zurückbringen. Die Sache hatte zwei Haken. Zum einen war mir die Sache mit dem Eilkurier nicht ganz geheuer, zum anderen hatte ich nicht soviel Kyats einstecken. Also musste ich zunächst zurück ins Hotel, um meinen dort deponierten Euro-Notgroschen zu holen und auf dem Schwarzmarkt gegen Kyats zu tauschen.

Kaum hatte ich das Geld getauscht, bimmelte das Handy meines Dolmetschers. Das Ministerium war dran und forderte nach Rücksprache mit dem Minister und dem Minenleiter vor Ort jetzt plötzlich 520$ und 321.000 Kyat, denn ich müsste ja auch einen Personenwaggon chartern und die Kohle müsste auch bezahlt werde. Nun musste ich die Segel streichen, denn soviel Geld hatte ich nicht dabei. In ganz Myanmar werden wegen des Wirtschaftsembargos keine Kreditkarten oder Traveller Cheques akzeptiert, von Geldautomaten ganz zu schweigen. Also ging es zunächst von Mandalay nach Namtu, ohne die Bestätigung, dass ich mit dem Zug nach Bawdwin fahren könnte.

Zwei Tage später kam ich in Namtu an, wo mich der Minenleiter empfing, den ich dann gleich zum Mittagessen in das beste Restaurant Namtus einlud. Nach dem Essen fingen die Verhandlungen an. Ich könne mich in Begleitung auf dem gesamten Bahnhofsgelände bewegen und Fotos machen. Aber eine Fahrt nach Bawdwin wäre zu gefährlich und für Touristen nicht erlaubt. Ich argumentierte, dass ich eine spezielle Genehmigung für die Fahrt nach Bawdwin hätte und bis zu 150$ für die Fahrt mit einem regulären Dieselzug bezahlen würde. Aber ich biss auf Granit. Anweisung von oben. Nichts zu machen. So fuhren wir nach dem Mittagessen zum Bahnhofsgelände, wo mich die folgende Szenerie erwartete:

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Der Schienentraktor mit dem Personenwaggon war gerade bereit zur Abfahrt nach Bawdwin. So bettelte ich den Minenleiter nochmals an und schließlich einigten wir uns darauf, dass ich für 15.000 Kyat knappe 2km mitfahren könnte, dann aussteigen und zu Fuß zurücklaufen müsste. So und kletterte unter erstaunten Blicken aller Umstehenden auf den Schienentraktor. Auf dem anderen Gleis wartete sogar noch ein zweiter Zug auf die Abfahrt:

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Kurz nachdem ich meinen Stehplatz eingenommen hatte, schaukelte und ratterte der Zug im Schritttempo los:

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Arg viel schneller wie mit Schritttempo war der Zug nie unterwegs, was aber kein Wunder ist, wenn man sich mal den Zustand der Gleise und des Gleisbetts anschaut:

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Kurz nach der Abfahrt passieren wir die Wagenhalle im Bahnhof in Namtu, die ich bereits in diesem Beitrag vorgestellt hatte. Die Damen an Bord amüsierten sich prächtig. Ob sie sich am neuesten Dorfklatsch oder doch eher an der Anwesenheit eines durchgeknallten, hochgewachsenen und bleichen Ausländers erfreuten, blieb ungeklärt:

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Die Strecke verlässt den Bahnhof und führt zunächst entlang des Namtu-Flusses, der durch die Einleitungen aus dem Hüttenwerk eine tiefe, türkisgrüne Färbung hat...

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... immer steiler hinauf in Richtung Bawdwin:

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Einen guten Kilometer später zweigt die Strecke in ein Seitental nach Bawdwin ab:

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Es sind übrigens fast ausschließlich bestens gekleidete Frauen an Bord, denn sonntags ist Markttag in Namtu und die Frauen verkaufen dort ihre selbstangebauten oder selbstgebastelten Produkte. Im Gegenzug kaufen sie dann Produkte, die sie nicht selbst herstellen können, und fahren nachmittags zurück in Richtung Bawdwin. Aufgrund des großen Andrangs müssen daher auch zwei Züge fahren.

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Nach einem weiteren Kilometer überquert die Strecke den Bach im Seitental und führt in die Wallah-Gorge hinein:

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Vor der Brücke wurde dann ein Bedarfshalt eingelegt und ich musste den Zug leider verlassen:

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Bevor ich mich mit meinem Guide wieder zu Fuß auf den Weg in Richtung Bahnhof Namtu machte, schoss ich erst noch ein Bild, wie der Zug den Bach überquert. Wie man unschwer erkennen kann, wurde die Brücke in der Regenzeit immer wieder vom Bach weggerissen und auch die aktuelle Konstruktion wird wohl nicht mehr allzu lange halten:

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Auf dem Rückweg passierten wir dann eine aufgelassene Ladestelle für Steine, im Hintergrund ein Masten der Stromleitung vom Hüttenwerk in Namtu zur Mine bei Bawdwin:

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Auch einen kleinen Bach mussten wir auf dem Rückweg überqueren:

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Wenige Minuten später kam uns dann der zweite Zug aus Namtu nach Bawdwin entgegen:

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Besonders gut sieht man im folgenden Bild die originellen Lösungen für die Besandungsanlage (man nehme einfach zwei Metallhalterungen und zwei Säcke Sand), den Kraftstoffbehälter auf dem Dach (der den Verzicht auf eine Kraftstoffpumpe ermöglicht) und das Antriebsaggregat (es müssen ja nicht immer schwere Kuppelstangen sein, um mit einer Blindwelle zwei Achsen anzutreiben):

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Der Nachschuss zeigt auch, dass der zweite Zug anstatt eines Personenwaggons einen leeren Selbstentladewaggon hat. Man ist also durchaus auf effizienten Betrieb bedacht, denn der leere Waggon müsste sowieso zurück zur Mine nach Bawdwin gebracht werden:

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Das folgende Bild zeigt recht schön, wie sich die Strecke durch das Seitental schlängelt:

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Nochmal ein Schuss zurück. Ganz im Hintergrund kann man erkennen, wie der zweite Zug kurz vor der Bachüberquerung steht:

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Die ehemals dichten Wälder rund um Namtu sind längst abgeholzt und so wächst nur noch dichter Bambus:

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Weiter geht es zurück in Richtung Bahnhof Namtu. Vor mir stiefelt mein Guide zurück, während uns ein Einheimischer entgegenkommt, der wohl die beiden Züge verpasst hat:

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Wir sind schon fast wieder im Bahnhof angekommen. Rechts stehen die ersten Hütten Namtus und im Hintergrund kann man die Wagenhalle am Bahnhof erkennen:

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Fazit: Umgerechnet auf die Streckenlänge war es die bisher teuerste Zugfahrt meines Lebens, zudem musste ich den Rückweg zu Fuß antreten. Trotzdem hat es sich auf alle Fälle gelohnt, oder ist jemand anderer Meinung? Im nächsten Beitrag geht es dann um die Diesellokomotiven der Namtu Mines Railways, die fast ausschließlich aus deutscher Produktion stammen.



Bisherige Berichte dieser Serie:

Teil 1: Mal wieder Myanmar (Burma) – Yangon Hbf (12 Bilder)
Teil 2: Ausbesserungswerk Insein - Teil 1 (12 Bilder)
Teil 3: Ausbesserungswerk Insein - Teil 2 (16 Bilder)
Teil 4: Übersicht Dampflokgattungen Myanmar/Burma - Teil 1 (25 Bilder)
Teil 5: Übersicht Dampflokgattungen Myanmar/Burma - Teil 2 (25 Bilder)
Teil 6: Von Nyaung U (Bagan) nach Mandalay, Teil 1 (18 Bilder)
Teil 7: Von Nyaung U (Bagan) nach Mandalay, Teil 2 (15 Bilder)
Teil 8: Mit Krupp von Mandalay nach Myitkyina, Teil 1 (24 Bilder)
Teil 9: Mit Krupp von Mandalay nach Myitkyina, Teil 2 (20 Bilder)
Teil 10: Mit Krupp von Mandalay nach Myitkyina, Teil 3 (18 Bilder)
Teil 11: Zugverkehr in Myitkyina (17 Bilder) + Rätsel
Teil 12: Namtu Mines Railways - Einführung & Appetitanreger (21 Bilder)
Teil 13: Namtu Mines Railways - Rundgang Teil 1 (27 Bilder)
Teil 14: Namtu Mines Railways - Rundgang Teil 2 (24 Bilder)
Teil 15: Namtu Mines Railways - Rollendes Material (22 Bilder)
Interessant, danke!

Was ich aber nicht ganz verstehe, wo ist das Problem, dass man da nicht "einfach mal so" mitfahren kann.

>>Aber eine Fahrt nach Bawdwin wäre zu gefährlich und für Touristen nicht erlaubt.

Vor was fürchtet man sich, wenn man einen Tourist da fahren lässt?

En Gruess

Übersicht über meine Reiseberichte in diesem Forum: [www.drehscheibe-foren.de]

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Leben und Leben lassen ...
"Einfach mal so" geht in Myanmar leider nicht. Bis vor wenigen Jahren wurde das Gebiet um Bawdwin noch von Rebellen kontrolliert, die gegen das Militärregime gekämpft hatten. Deswegen benötigt man auch noch immer eine Ausnahmegenehmigung, um nach Namtu zu gelangen. Die Verantwortlichen vor Ort folgen genau den Befehlen von oben und die gaben wohl die Devise aus, dass ich nicht nach Namtu darf, nachdem ich mich geweigert hatte, einen ganzen Zug nach Bawdwin für hunderte von Dollar zu chartern. Wer gegen die Befehle von oben zu verstößt, landet unweigerlich Gefängnis oder Arbeitslager. Ich habe schon einige Gefängnisse in Myanmar von außen gesehen oder Straßenbaustellen passiert, wo Strafgefangene in Ketten Steine schlagen mussten. So ist es für mich absolut nachvollziehbar, dass die Verantwortlichen vor Ort sich geweigert haben, mich nach Bawdwin fahren zu lassen. Die mir genannten Gründe waren eher nur vorgeschoben.
Flo1979 schrieb:
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> Fazit: Umgerechnet auf die Streckenlänge war es
> die bisher teuerste Zugfahrt meines Lebens, zudem
> musste ich den Rückweg zu Fuß antreten. Trotzdem
> hat es sich auf alle Fälle gelohnt, oder ist
> jemand anderer Meinung?

Ich bin ganz deiner Meinung! Für mich hat das noch richtig was vom "Reise um die Erde in 80 Tagen"-Flair. Toll!

Wahnsinns-Geschichte! :-) (o.w.T)

geschrieben von: Roni

Datum: 17.05.09 21:02

(Dieser Beitrag enthält keinen Text)
lg, Roni - [raildata.info] - Folge auf Twitter: [twitter.com] - Meine DSO-Reportagen Teil 2 (neueste): [www.drehscheibe-online.de] - Teil 1 (2005 bis 06/2019): [www.drehscheibe-online.de]
http://raildata.info/raildatabanner1.jpg

Hallo Florian,

Hasst du für die 7500 Kyat/Km Fahrt auch eine Fahrkarte bekommen?

Thomas.
Übrigens, hier [www.farrail.com] kann man sehen, wie es weiter oben auf der Strecke aussieht.

Thomas.
Nein, leider nicht. Fahrkarten gibt's auch keine, denn die Passagiere (entweder direkt bei der Mine angestellt oder Angehörige) dürfen kostenlos mitfahren.