Hallo zusammen,
am 12.10.2008 haben wir gegen 15:00 Kurtalan erreicht. Der Zug ist hinter Batman nicht mehr voll und von den sechs Fahrgästen im Schlafwagen seit Istanbul sind wir zwei übrig geblieben.
Mit einem gesunden Gespür für Eisenbahnrelikte kann man sich gelegentlich solche Ausflüge ins Niemandsland erlauben. Denn das Ziel dieser Reise war das Gleisdreieck von Kurtalan.
Wie die meisten Gleisdreiecke sind sie Überbleibsel aus der Dampflokzeit, werden aber immer noch gebraucht, da die meisten nichtelektrifizierten Strecken in der Türkei mit Maschinen vom Typ De 22 oder 24 befahren werden, deren Streckensicht vom langen Vorbau aus sehr schlecht ist. Somit gibt es eine einfache Lösung diesen Konstruktionsnachteil auszugleichen und Lokomotiven und Züge zu wenden, wo dies noch möglich ist. Damit haben die Gleisdreiecke immer noch eine betriebliche Existenzberechtigung.
Andere Leute fahren nach Nordkorea, Workuta oder tapsen auf stillgelegten Bahnlinien in Albanien herum – und das ist auch gut so, die Historie von morgen beizeiten anzulegen.
Nach Kurtalan fahren nur sehr wenige Touristen, um die kulturell historischen Highlights zu entdecken, wenn es weiter nach Siirt und die östlichen Provinzen gehen soll, die Gegend zu erkunden oder wie bei uns, um neben der sagenhaften Landschaft das Gleisdreieck zu fotografieren. Prioritäten mussten gesetzt werden, da wir am nächsten Morgen nach Malatya zurückfahren mussten.
Der Schlafwagenschaffner konnte sich in seiner Einschätzung bei der Abfahrt vor zwei Tagen im Bahnhof Haydarpasa bestätigt fühlen. Hat er ja auch irgendwie im oben genannten Sinn recht gehabt. Andere Bahnfreunde haben uns ebenfalls mit ähnlich gelagerten Vorhaben weiße Flecken der Bahnwelt erschlossen.
Jedenfalls war die gelieferte Übersetzung von Mistral stimmig, was Gleisdreieck auf Türkisch heißt, und er konnte uns bei der Einfahrt in den Bahnhof das Gleisdreieck zeigen. Danke noch einmal dafür.
Nur, wie würde es in Kurtalan aussehen, welche Bewegungsfreiheit gibt es, Übernachtungsmöglichkeiten und würden wir, falls nicht vorhanden, vor Einbruch der Dunkelheit überhaupt nach Diyarbakir zurückfahren können? Ein Zug würde nicht fahren, da der Güney erst am nächsten Morgen um 8:15 nach Istanbul zurückkehrt. Eine Alternative wäre der Yolcu um 3: 58 gewesen.
Zu den Gegebenheiten in Kurtalan im Jahr 2008 möchte ich vorab Ulrich Steuber zitieren, wie er den Bahnhof 1991 erlebt hat:
„In Kurtalan gibt es ein Gleisdreieck, ich glaube, auf der Nordseite des Bahnhofs (aber da bin ich mir nicht mehr ganz sicher).
1991 habe ich mal im Wartesaal übernachtet. Nachdem der Bahnhofsvorsteher bemerkt hatte, dass ich draußen in der Pampa pennen wollte, schloss er mich nämlich dort weg, um mich vor den vielen Terroristen in der Gegend zu schützen. Erst als ich im Morgengrauen mit einem dolmus nach Siirt fahren wollte, durfte ich wieder raus.
Im äußersten Südosten ist es überhaupt nicht ganz leicht, manche Bahnhöfe zu verlassen. Am folgenden Tag in Kapiköy wurde ich noch auf dem Bahnsteig von zwei Zivilpolizisten mit Maschinenpistolen aufgegriffen, die mir schon unterwegs im Zug wegen ihrer neugierigen Blicke (dort noch ohne MP) aufgefallen waren. Sie steckten mich über Nacht in einen abgestellten Abteilwagen, der am nächsten Morgen zurück nach Van fahren sollte. Einer von den beiden kam dann kurz nach Mitternacht ins Abteil und wollte Geld tauschen. Er bot einen guten Kurs, und schon ging das Geschäft im Schein seiner Taschenlampe über die Bühne - eine unvergessliche Szenerie. Dafür hatte ich erst mal wieder ausreichende Landeswährung in der Tasche.
Du kannst ja dann mal erzählen, was Du dort erlebt hast. Dolmus würde ich in dieser Gegend aber heute nicht mehr nehmen. Man weiß nie, wer wirklich an einer Straßensperre steht.
Gute Reise!“
Ulrich, es hat sich nichts geändert. Wir waren natürlich die Attraktion in dem Bahnhof und die ersten Touristen hier in diesem Jahr. Der Müdür sprach sehr gut Englisch, arbeitet hier auch erst seit zwei Monaten und muss von Diyarbakir aus jeweils 120 Kilometer pendeln, da er selbst nicht in Kurtalan bleiben durfte. Er sagte uns auch, dass wir hier nicht übernachten dürfen und mit dem Minibus um 16:15 nach Batman zurückfahren müssen. Hier gab es einen Anschluss mit einem Minibus nach Diyarbakir. Aus welchen Gründen in Kurtalan so restriktiv verfahren wird, blieb uns verschlossen.
Wir hatten somit eine Stunde Zeit für den Bahnhof Kurtalan. Jetzt war natürlich die Frage für uns, ob in dieser Zeit der Zug überhaupt auf dem Gleisdreieck gewendet wird? Nach seiner Auskunft würde das in ca. 10 Minuten geschehen und mir wurde erlaubt Aufnahmen zu machen, die euch hier zeigen möchte.
Allerdings war dies nur aus Sicherheitsgründen (keiner will Entführungen, Anschläge verantworten) nur vom sicheren Bahnhof aus möglich und nicht zwischen den beiden Schenkeln des Dreiecks, was natürlich besser gewesen wäre. Zuerst ein Bild vom Bahnhof Kurtalan:
Bild 1:
© BrakerBahn
Aufgenommen bei der Einfahrt in den Bahnhof, nachdem wir die Brücke unterfahren hatten. Hinter der Weiche zweigt der rechte Schenkel des Gleisdreiecks ab, kreuzt die Straße, um hinter dem Fabrikgebäude rechts in Höhe des blauen Blocks zu enden. Der andere Schenkel mündet in Höhe des gedrungenen grauen Hochhauses in den Bahnhof Kurtalan:
Bild 2:
© BrakerBahn
Das Gleisdreieck liegt rechts vor dem Bahnhof außerhalb der Gleisanlagen. Nach der Einfahrt unter einer Brücke in den Bahnhof zweigt es rechts ab. Bei der Einfahrt des Zuges aus dieser Perspektive natürlich links betrachtet:
Bild 3:
© BrakerBahn
Der Güney Express steht im Bahnhof Kurtalan auf Gleis 1:
Bild 4:
© BrakerBahn
DE 22024 drückt den Zug nun Richtung Brücke. Beachtet auch die zwei Kupplungssysteme an der Lok. Die Maschine war mindestens seit Malatya die Zuglok und wird den Güney-Express am nächsten Tag bis Malatya ziehen. Ich gehe davon aus, dass sie ebenfalls auf der Strecke nach Tatvan eingesetzt wird und deshalb über das doppelte Kupplungssystem verfügt.
Hinter der Weiche schließt sich der andere Schenkel des Dreiecks an. Hinten ist die Brücke in Fahrtrichtung Diyarbakir zu erkennen:
Bild 5:
© BrakerBahn
Links läuft auf der Rampe neben dem Ladegleis der Müdür, alles kontrollierend. Die Weiche wird von einem Mitarbeiter umgelegt. Ein Aspekt ist hier noch wichtig: die fehlenden Weichen zwischen Gleis 1 und 2:
Bild 6:
© BrakerBahn
Bild 7:
© BrakerBahn
Bild 8:
© BrakerBahn
Bild 9:
© BrakerBahn
Hinter den drei Frauen wird der Zug gleich zurück in den Bahnhof gedrückt:
Bild 10:
© BrakerBahn
Der Zug hat nun den Schenkel des Gleisdreiecks aus Richtung Diyarabkir erreicht und fährt gleich links in das Dreieck:
Bild 11:
© BrakerBahn
Es ist nicht das beste Bild, wo der Zug in der Ferne in das Dreieck fährt:
Bild 12:
© BrakerBahn
Nach ca. zwei Minuten taucht der Zug gewendet mit dem Zugschluss auf dem anderen Schenkel wieder auf:
Bild 13:
© BrakerBahn
Und wird auf Gleis 1 gedrückt:
Bild 14:
© BrakerBahn
Bild 15:
© BrakerBahn
Der Zug steht nun gewendet in der richtigen Fahrtrichtung zur Fahrt nach Istanbul am nächsten Morgen bereit.
Da der Zug auf Gleis 1 für den Yolcu Platz machen muss, der abends ankommt und um 3:58 am nächsten Morgen wieder abfährt, wird er die Nacht auf Gleis 2 geparkt. Es ist davon auszugehen, dass ebenfalls der Yolcu gewendet wird und deshalb das freie Gleis 1 gebraucht wird. Im ersten Teil seht ihr die Maschine auf der Drehscheibe in Diyarbakir.
Da Gleis 2 vom Dreieck aus nicht direkt angefahren werden kann, fährt der Zug noch einmal zur Brücke …
Bild 16:
© BrakerBahn
Bild 17:
© BrakerBahn
… hat sie fast erreicht …
Bild 18:
© BrakerBahn
… und wird auf Gleis 2 gedrückt …
Bild 19:
© BrakerBahn
Der Zug hat fast seine Haltposition erreicht …
Bild 20:
© BrakerBahn
... und verbringt hier die Nacht bis zur Abfahrt am nächsten Morgen:
Bild 21:
© BrakerBahn
Während des Wendevorgangs werden noch die defekten Scheiben ausgetauscht. Kein Meisterfoto, aber immerhin gehört es auch dazu:
Bild 22:
© BrakerBahn
Da Aufnahmen von Wendevorgängen auf Gleisdreiecken in der Türkei allzu selten zu finden sind, waren wir froh, das selbst erleben zu dürfen. Da wir den Bahnhof nicht verlassen durften, hat sich auch mein Vorhaben, das Gleisdreieck zu Fuß abzulaufen, erledigt. Ob es jemals Pläne der TCDD gab, die Strecke bis Siirt zu verlängern, entzieht sich meiner Kenntnis. Somit endet die Streckenbereisung im überdimensionierten Endbahnhof Kurtalan.
Ein ausführlicher Epilog folgt im fünften und letzten Teil.
Hier die Links zu den anderen Teilen:
Teil 1: [
drehscheibe-online.ist-im-web.de] Die Strecke Diyarbakir - Kurtalan
Teil 2: [
drehscheibe-online.ist-im-web.de] Von Cöltepe nach Batman
Teil 3: [
drehscheibe-online.ist-im-web.de] Von Batman nach Kurtalan
Teil 5: [
drehscheibe-online.ist-im-web.de] Epilog
Viele Grüße
Alex
4-mal bearbeitet. Zuletzt am 2008:12:08:18:11:46.