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 08/01 - Auslandsforum "classic" 

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Nachdem wir den Bergaufstieg passiert hatten (siehe hier), machte mir mein Begleiter unmissverständlich klar, dass ich jetzt keine Fotos mehr machen dürfte. Die Strecke führte ab jetzt nämlich durch das weitläufige Gelände der "National Defense Academy". Dort bildet das Militärregime seinen Nachwuchs aus. Aber außer ein paar nagelneuen und recht luxuriösen Kasernengebäuden (u.a. mit Swimming Pool) gab's nichts zu sehen. Schließlich erreichten wir nach knapp zwei Stunden den Bahnhof Pyin Oo Lwin (Maymo):
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Mittlerweile hatte mein Begleiter seine "Stasi"-Manieren abgelegt und plauderte aus seinem Leben. Er sei 72, war früher Soldat bei der Regierung und kämpfte in den Bürgerkriegen mit. Nach und nach sprachen wir über europäische und asiatische Geschichte, Politik und Wirtschaft. Er war sehr wissbegierig, wollte u.a. wissen, aus welchem Deutschland ich kommen würde (von der deutschen Wiedervereinigung hatte er noch nichts gehört) und ob Otto Grotewohl noch immer "german president" wäre. Als der nämlich in Myanmar auf Staatsbesuch war, hätte er in der militärischen Ehrengarde gestanden. So wurde die Fahrt sehr kurzweilig und bald erreichten wir die nächste Hauptattraktion, das Gokteik-Viadukt:
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Dieses stählerne Viadukt überbrückt die Gokteik-Schlucht auf halber Höhe. Der Auf- bzw. Abstieg auf halbe Höhe wird mit zwei bzw. sogar drei Kehren auf der anderen Seite erreicht. Das Viadukt selbst ist 2.200 Fuß lang und bis zu 350 Fuß hoch, der Fluss liegt mehr als 800 Fuß tiefer.
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Schematische Streckenübersicht des Gokteik-Viadukts (aus der Festschrift zum 100-jährigem Jubiläum der burmesischen Eisenbahn, daher bitte die schlechte Qualität entschuldigen)

Der Bau des Viadukts wurde ausgeschrieben und lediglich die amerikanische Firma "Pennsylvania Steel Company" traute sich den Bau zu. Das war (und blieb) einzigartig in der Geschichte des britischen Empires. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Viadukt teilweise zerstört, aber anschließend wieder aufgebaut.
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Bilder vom Bau und Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg (aus der Festschrift zum 100-jährigem Jubiläum der burmesischen Eisenbahn, daher bitte die schlechte Qualität entschuldigen)

Angeblich war das Viadukt seit der Fertigstellung 1903 für hundert Jahre gegen Einstürze durch eine englische Bank versichert. Deswegen hätte die Militärregierung das Viadukt vergammeln lassen und erst nach Auslaufen der Versicherung eine umfassende Renovierung veranlasst. Heute erstrahlt das Viadukt wieder in neuem Glanz und scheint wieder in einem recht guten Zustand zu sein, auch wenn der Zug nur im Schritttempo darüber fährt.
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Das Gokteik-Viadukt kurz nach der Fertigstellung 1903 (aus der Festschrift zum 100-jährigem Jubiläum der burmesischen Eisenbahn, daher bitte die schlechte Qualität entschuldigen)

Das Viadukt hat natürlich (militär)strategisch eine enorme Bedeutung. Das Militärregime befürchtet auch heute noch, dass "Terroristen" aus den abtrünnigen Gebieten einen Anschlag auf das Viadukt verüben könnten. Daher sollen im Gebiet um das Viadukt unzählige Minen liegen und Fotos von dem Viadukt zu machen ist eigentlich strengstens verboten. Bereits nach dem Zweiten Weltkrieg wurde parallel eine zweite Strecke angelegt, die in zahlreichen Spitzkehren tiefer in die Schlucht hineinführte und am Grund den Fluss auf einem kleineren Viadukt überquerte. Seit Mitte der 90er Jahre wurde diese Strecke aber wohl wieder aufgegeben, das kleine Viadukt steht aber noch, wie man auf dem nächsten Bild sieht, das ich auf der Fahrt über den Viadukt machen konnte:
http://farm4.static.flickr.com/3133/2318757939_3d44210c40_o.jpg


Gegen 18 Uhr erreichte mein Zug schließlich den Bahnhof Hsipaw, wo ich ausstieg, da die weitere Strecke nach Lashio nicht mehr so interessant ist. Vorab gab sich mein Begleiter aber noch als Spion zu erkennen und entschuldigte sich, dass er mich die ganze Fahrt belästigt hätte. Aber seine karge Rente von 5 Euro im Monat reicht nicht zum Überleben aus und so braucht er eben einen Zusatzverdienst. Fazit: Für ca. 200km Strecke war ich über 11 Stunden unterwegs, aber jede einzelne Minute davon hat sich gelohnt.


So, damit geht meine Berichtsreihe über Myanmar leider zu Ende. Ich hoffe, dass meine Berichte ein bisschen Interesse für dieses sonderbare, recht unbekannte Land geweckt hat und bedanke mich an dieser Stelle nochmal für die bisher sehr positiven Rückmeldungen. Wer die Dampfloks in Myanmar noch im Planbetrieb erleben will, sollte sich beeilen. Allzu lange werden die Dampfloks nicht mehr unterwegs sein. Aber wie dieser Bericht zeigt, hat Myanmar eisenbahntechnisch noch viel mehr als nur Dampfloks zu bieten. Auch wenn der eine oder andere vielleicht Bedenken hat, Myanmar ist für Touristen ein sehr sicheres Land. Neben der Eisenbahn gibt es auch jede Menge Kultur und Natur zu sehen. Und die Menschen in Myanmar sind die vielleicht freundlichsten der Welt. Wäre da nicht die schreckliche Militärregierung, es wäre wohl das schönste Land der Welt. Weitere Informationen und Bilder von mir aus Myanmar finden sich auf meiner Homepage und auf Flickr:
* [www.florian-grupp.de]
* [www.florian-grupp.de]
* [www.flickr.com]

Wenn ich wieder etwas Zeit finde, werde ich eine animierte Streckenkarte des burmesischen Eisenbahnnetzes und ggf. weitere Informationen über die Eisenbahnen in Myanmar ins Internet stellen. Außerdem hoffe ich, dass der nächste Myanmar-Besuch nicht zu lange auf sich warten lässt.

Zum Abschluss gibt es noch ein Bild aus dem motorisierten Nahverkehr in Mawlamyaing (Moulmein):
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Bisherige Berichte:

Teil 0: In welchem Land ist dieser Wohnwagen auf Schienen unterwegs?
Teil 1: Dampf, Elefanten, Opium - Die Burma/Myanma Railways (16 B.)
Teil 2: Streckenübersicht & Bahnhöfe in Myanmar/Burma (15 B.)
Teil 3: Dampflokgattungen in Myanmar/Burma (17 B.)
Teil 4: Rollendes Material in Myanmar/Burma (13 B.)
Teil 5: Wie dreht man in Myanmar einen Schienenbus? (9 B.)
Teil 6: Verfolgung eines Dampfgüterzuges, Teil1 (14 B.)
Teil 7: Dampflokbetriebswerke in Myanmar/Burma (14 B.)
Teil 8: Bereitstellen einer Dampflok mit Hindernissen (16 B.)
Teil 9: Signale & weitere Besonderheiten (11 B.)
Teil 10: Verfolgung eines Dampfgüterzuges, Teil2 (20 B.)
Teil 11: Spione, Spitzkehren und Stahlviadukte: Mandalay - Lashio, Teil 1 (10 B.)


Edit: Bildlinks angepasst



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 2008:12:21:18:09:00.
Klasse Berichtserie! Das hat meine Vorstellung von Burma wirklich positiv beeinflusst und neu bewertet. Wie die Bewohner des liebenswerten Landes trotz aller Sorgen immer freundlich lächeln können, bleibt mir aber ein Rätsel.
Hallo,

danke dass du uns das gezeigt hast, mir hat es sehr gefallen. Du schreibst "Neben der Eisenbahn gibt es auch jede Menge Kultur und Natur zu sehen. Und die Menschen in Myanmar sind die vielleicht freundlichsten der Welt. Wäre da nicht die schreckliche Militärregierung, es wäre wohl das schönste Land der Welt." Bis das mit der Militärregierung trifft das auch auf Indonesien zu, genau so könnte ich das auch schreiben. Wenn du da mal hin willst, kontaktiere mich, ich kann dir da unendlich viele Tipps geben. Ob ich mal nach Myanmar komme, kann ich mir nicht vorstellen, wenn ich in die Richtung fliege, komme ich kaum um Java herum, um so besser, dass ich Myanmar wenigstens mal so sehen kann.

kondensierte Grüße, Stefan

https://www.drehscheibe-online.de/foren/file.php?099,file=190387
Kondenslok.de + Industrial Railways of Indonesia SIG (fc)
Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten. Wer sich über Signaturen aufregt, hat sonst nix zu sagen.
Eigentlich hat es mich bei meinem Kurzbesuch dort (bloss eine Woche, ums mal auszuprobieren) so getroffen wie ganz ähnlich eigentlich Myanmar=Birma und Indonesien (eher Sumatera insel als Java/bali) sind - die Leute, Diktatur, schrechliches Lokalessen, usw sind, aber nicht Sprache und Alfabet. Ganz anders als Thailand nebenan.

Gäbe es hier...

geschrieben von: Joachim Leitsch

Datum: 29.04.08 21:40

.... eine Hall of Fame, würde ich mit jeder Faser meines Körpers dafür stimmen, diese wundervolle Serie dorthin zu verschieben. So bleibt mir nur ein herzliches Dankeschön, Florian, für diese Reise in ein unbekanntes Land! *clapclapclap*

edit Tippfühler



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 2008:04:29:21:41:52.