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Im 7. Teil befinden wir uns zunächst in der lettischen Hauptstadt Riga, unser Quartier ist gegenüber des Bahnhofs.

Es erscheint uns aber etwas komisch, daß nur der 4. und 5. Stock zum „Hostel“ gehört. Der Rest des Hauses ist ein Internet-Café und irgendwelche Büros. Wir erfahren, daß es kein Frühstück gibt (im Internet stand etwas von 7 Euro für ein Frühstück) und erkennen, daß das Hotel fast wie eine Jugendherberge geführt wird. Wir haben aber das Glück, eins der wenigen Zimmer mit Dusche bekommen zu haben – das (teurere) habe ich ja auch bestellt (Preis pro Person und Nacht 29,50 Euro). Allerdings heißt „Zimmer mit Dusche“ nicht, daß es auch eine Waschmuschel gibt. Zum Waschen muß man das WC aufsuchen, und das ist am Gang! Ich fühle mich irgendwie betrogen. Es wimmelt von Verboten und Geboten, die auf einem Merkblatt zu lesen sind, das wir bekommen. Man wird auch gewarnt, niemandem zu öffnen, der etwa vorgibt, er hätte seine Karte vergessen. Es dürften rauhe Sitten hier herrschen, kommt mir beim ersten Eindruck vor. Die Angestellte des Hostels ist nur gezwungen freundlich, nicht wirklich nett. Ein Handtuch kann man nur für 1 Lats (1 Lats = 1,50 Euro) mieten. Telefonieren kostet 50 Santim je Minute, das sind stolze 75 Eurocent! Aber ich muß einen Freund anrufen, damit wir wissen ob und wann wir uns wo treffen. Die lettische Sprache ist übrigens sehr kompliziert, obwohl sie indogermanisch ist.

Erster Spaziergang in Riga
Wir machen noch einen Abendspaziergang, werden getäuscht durch eine Wechselstube, die stolz 70.25 Lats für 100 Euro verkündet, aber damit ist gemeint, daß man um diesen Preis Euro kaufen kann. Nur steht das nicht dabei. Und: welcher doofe Tourist will in Lettland Euro einkaufen? Die Täuschung merkt man erst beim Wechseln, denn man bekommt nur 60,25 Lats. Auf meine Reklamation verweist mich die unfreundliche Dame hinter dem Fenster mürrisch auf einen Computerausdruck, auf dem die Wechselkurse in Miniaturschrift abgedruckt sind, sodaß ich meine Brille runternehmen muß, um es entziffern zu können. Der Ärger dauert einen Tag lang! Für mich ist das Betrug und schlagartig habe ich einen schlechten Eindruck von Lettland, als ob hier alle geldgierig wären. Was nicht einmal ganz falsch ist, wie ich dann von meinem (österreichischen) Freund hören werde, der hier seit 10 Jahren lebt.
Riga scheint an diesem Abend fast nur aus Wechselstuben zu bestehen… Die Stadt kommt mir laut vor. Es ist überall viel los, viele Leute auf den Straßen trotz beginnender Dunkelheit. So eine Art Nachtleben, überall irgendeine Musik, aber keine angenehme. Ich fühle mich nicht besonders wohl. Die Straßen und Gehsteie sind noch nicht besonders hergerichtet, man hat die Gelder der EU wohl zunächst für andere Zwecke verwendet. Nach 22.30 Uhr wird es dann wirklich dunkel.
Kurzinfo zu Lettland: der lettische Anteil der Bevölkerung sank zwischen 1935 und 1989 von 77 auf 52 Prozent, der russische Anteil stieg von 9 auf 24 Prozent.
Kurzinfo zu Riga: Es ist die einzige wirkliche Großstand im Baltikum und hat 730.000 Einwohner, also weit mehr als die nächst kleineren Städte. Die Bevölkerung war früher noch höher (1990: 910.000), denn etwa 180.000 Menschen sind nach der Unabhängigkeit seit 1990 abgewandert. Hauptsächlich Russen und Ukrainer, aber auch viele Letten verließen das Land, um in Amerika oder in Europa eine bessere Zukunft zu suchen. 1867 sprachen noch 43 Prozent der Stadtbevölkerung Deutsch (je 25% Russisch und Lettisch), 1913 waren es nur mehr 17 Prozent Deutsche. Russisch stieg bis 2001 auf 44 Prozent (mehr als Lettisch, das von 42 Prozent der Einwohner gesprochen wird). Trotzdem findet man kaum russische Aufschriften, lediglich an Zeitungskiosken erkennt man, daß Russisch wichtig ist.

In der Früh ist der erste Weg zum Bahnhof. Hier beobachte ich zunächst den Zug von Sankt Petersburg.
http://img266.imageshack.us/img266/377/a4025lz9.jpg
Er kommt mit einer TEP 70 der LDZ an, leider ist er nur mit Gegenlicht zu fotografieren.

http://img266.imageshack.us/img266/5583/a4030ag8.jpg
Die Wagen tragen einen meiner Ansicht nach nicht sehr gefälligen hellbraunen Lack mit blauen Zierlinien und teilweise auch Aufschriften – hier für den Zug „Baltija“. Dieser Zug 37 aus St. Petersburg fährt täglich. Das LDZ-Symbol ist über der im alten Schema gehaltenen Wagennummer sichtbar. UIC-Nummern gibt ex bei der LDZ noch nicht.

http://img403.imageshack.us/img403/6610/a4027yn7.jpg
Das Zuglaufschild des „Baltija“ und das Emblem von „Latvijas Ekspresis“, der Fernverkehrssparte von LDZ, in dem die lettische Flagge integriert ist.

http://img266.imageshack.us/img266/2512/a4028mb7.jpg
Sogar einen Speisewagen gibt es!

Natürlich kann ich beim Warten auf diesen Zug auch etliche Elektrotriebwagen der Reihe ER2 in verschiedenen Farbgebungen und Modernisierungsstufen sowie Dieseltriebwagen Reihe DR1 sehen:

http://img146.imageshack.us/img146/369/a4017hu5.jpg
ER2-31001 hat die alte, runde Kopfform, aber schon die neueste Lackierung. Die Art der Numerierung ist mir unklar. Manchmal gibt es Punkte (Kontrollziffern?), manchmal fehlen sie, es gibt 4-, 5- und 6-stellige Nummern. Hier vermute ich, es handelt sich um den Wagen 3100.

http://img266.imageshack.us/img266/4880/a4003fs2.jpg
Die Personenzüge gehören zur Sparte „Passažieru Vilciens“ (Passagier-Züge) und sind auch entsprechend mit dem Logo PV gekennzeichnet – zusätzlich zum LDZ-Symbol.

http://img266.imageshack.us/img266/3973/a4012hq8.jpg
Manche Triebwagen haben auch zusätzlich einen Namenszug aufgemalt, der auf das Fahrtziel hinweist. Der Zug nach Daugavpils heißt zum Beispiel Dinaburga (Dünaburg war der deutsche Name).

http://img442.imageshack.us/img442/1715/a4009er2t7117rigaea4.jpg
Der ER2T-7117.01 hat sogar eine achtstellige Nummer. Noch nicht alle Einzelwagen sind umlackiert. Grau/grün war die frühere Lackierungsform.

http://img258.imageshack.us/img258/7473/a4004er21317rigaha5.jpg
Beim ER2T-1317.01 ist die Farbgebung genau umgekehrt: die Zwischenwagen sind neu, die Steuerwagen hingegen alt lackiert.

http://img258.imageshack.us/img258/4310/a4014oj8.jpg
Die meisten Dieseltriebwagen tragen noch den älteren, sehr hübschen rot/weißen Lack, so wie hier DR1A-222, während rechts der DR1A-311.1 schon den neuen Einheitslack trägt.

http://img266.imageshack.us/img266/4200/a4016dr1a290ju9.jpg
Wie frisch aus der Lackiererei: DR1A-290.1 (eigentlich hier DR1A290 1 – eine einheitliche Beschriftungsform gibt es in Lettland anscheinend nicht.)

http://img266.imageshack.us/img266/4968/a4002ua8.jpg
Ein Zungenbrecher ist für uns die Bezeichnung der Lettischen Eisenbahnen: ausgesprochen wird das etwa wie Latvijas Dsels-dselsch, wobei das erste L sehr hart klingt, das zweite weich (die Sonderzeichen werden hier nicht unterstützt).

http://img406.imageshack.us/img406/4418/a4034qt6.jpg
Das Fahrgast-Informationssystem funktioniert recht gut. Es gibt Fahrpläne an den Säulen dieser Zugzielanzeiger und auch ein Kursbuch (Inland) kann man kaufen. Es ist nur ein Heftchen, weil es wenige Inlandsverbindungen gibt. Näheres zum Streckennetz später.

Nach dem Frühstück treffen wir einen alten Bekannten aus Wien – nennen wir ihn Anton -, der seit 10 Jahren in Riga lebt. Er fährt uns mit seinem Wagen über teilweise abenteuerlich schlechte Straßen Richtung Osten zu einem Freilichtmuseum. Die Aufnahmen durch die Windschutzscheibe sind zwar nicht besonders, aber sie geben einen Eindruck vom Straßenbild Rigas außerhalb des Zentrums.

http://img519.imageshack.us/img519/4594/a4036qt4.jpg
Sonntag Vormittag schläft der normale Lette, daher sind die Straßen ziemlich leer. In Riga verkehren Wagen vom Typ T3 und T6.

http://img406.imageshack.us/img406/3368/a4039vu2.jpg
Es gibt sehr viele Vollwerbewagen. Die Numerierung der Fahrzeuge dürfte noch nach dem sowjetischen bzw. russischen System erfolgen: vor der eigentlichen Nummer eine Zahl, die das Depot kennzeichnet. Wie man sieht, haben die Straßenbahnwagen in Riga noch Stangenstromabnehmer, noch dazu in eigenartiger Weise gebogen.

http://img406.imageshack.us/img406/4489/a4038gt6.jpg
Die normale Farbgebung besteht aus hellblau, dunkelblau und weißgrau.

Kurz hinter der Stadtgrenze erreichen wir schließlich einen Wald, in dem sich das Freilichtmuseum befindet. Hier stehen zahlreiche alte Holzgebäude aus allen Teilen Lettlands.
Da Anton schon zehn Jahre lang hier lebt, kann er mir zwischen den Besichtigungen der Häuser viele Fragen beantworten und wir erfahren viel mehr, als z.B. über Estland. So zum Beispiel sind nur die Hälfte der Einwohner Lettlands Letten. Und die Bevölkerung schrumpft, weil viele gut ausgebildete lieber ins Ausland gehen, wo sich oft zehn mal mehr verdienen läßt als hier. Es gibt zudem noch immer Gebietssstreitigkeiten mit Rußland und die russische Bevölkerung hat keine Staatsbürgerschaft, bzw. ist diese nur durch aufwendige Prozeduren und Sprachprüfungen zu erwerben. Beim EU-Beitritt hat die EU angeblich so auf Eile gedrängt, daß den Letten nicht viel Zeit zum Überlegen blieb, um eine schnelle Unterzeichnung zu gewährleisten. Nun wollen die Letten den Russen nicht viele Rechte zugestehen, weil die Angst tief sitzt, daß sie wieder vereinnahmt werden könnten. Bei nur 1,2 Millionen Letten und fast ebensovielen Russen ist diese Angst eigentlich verständlich. Die russische Sprache tritt öffentlich eigentlich kaum in Erscheinung. So gibt es fast keine zweisprachigen Aufschriften in der Straßenbahn oder sonst im öffentlichen Raum. Lediglich auf dem Hauptbahnhof gibt es auch russische (und englische) Aufschriften. Hin und wieder sieht man Werbeplakate mit russischen Zeilen, am ehesten noch am Zeitungskiosk erkennt man, daß es eine starke russische Bevölkerungsgruppe geben muß.
Wie Anton erzählt, pflegen die Letten auch kaum Beziehung zu den beiden Nachbarn Estland und Litauen. Man kocht sein eigenes Süppchen sozusagen und ist ein wenig neidisch auf Estland, das wohl etwas eifersüchtig als südlichste Provinz Finnlands bezeichnet wird. Im Gegensatz zu Litauen hat Lettland keine lange Staatsgeschichte. Es war in der Geschichte immer Spielball verschiedener Mächte und hat heute wohl Schwierigkeiten, sich zu positionieren. Am meisten bemüht man sich noch um Kontakte mit Deutschland.
Bevor wir das Gelände wieder verlassen, sehen wir eine alte Schmalspurdampflok in einem vergitterten Kasten. Wir konnten aber nicht herausfinden, welche Geschichte die Lokomotive hat.

http://img406.imageshack.us/img406/9518/a4122hm1.jpg
Sie trägt auf der Rückseite die Bezeichnung MI-628. In Lettland gab es eine große Anzahl Schmalspurbahnen in verschiedenen Spurweiten, doch darüber später mehr.
Nach einem guten Mittagessen in einem riesigen Restaurant der LIDO-Kette (in einem Vergnügungspark für Kinder) will uns Anton, der auch dem Eisenbahnhobby nicht abgeneigt ist, noch etwas zeigen. Zunächst geht es zu einem Straßenbahndepot. Es ist also Zeit, etwas mehr über die Straßenbahn in Riga zu erzählen.

Straßenbahn in Riga
Wir halten daher bei der Straßenbahnendstation der Linie 10 bei einer Remise, wo uns Anton einen Wassersprühwagen zeigt. Er erklärt uns, daß die Schienen in Riga auf Holzschwellen verlegt sind, darüber ist das Pflaster gelegt, und der Wind vertreibt sehr leicht den Sand zwischen den Pflastersteinen, daher ist es nötig, daß bei Trockenheit immer die Gleistrasse feucht gehalten wird, um zu verhindern, daß der Untergrund zu locker wird.

http://img406.imageshack.us/img406/6199/a4133jm7.jpg
Diese Wasserwagen kann man öfter im Netz fahren sehen. Ich sah sie nur von Ferne und konnte nur dieses mäßig gute Bild im Depot machen.

http://img266.imageshack.us/img266/1251/a4134zt7.jpg
Auch dieses seltsame Fahrzeug stand in diesem Depot.

Man hat in Riga schon geplant, neue Niederflurfahrzeuge anzuschaffen, aber das schlechte Gleisnetz scheint das momentan zu verhindern. So besteht der Fuhrpark derzeit nur aus den T4 und T5-Wagen aus tschechischer Produktion.
http://img135.imageshack.us/img135/7399/a4137xe0.jpg
Ein Solo-T3 auf Linie 10 befährt soeben die Gleisschleife um den Betriebsbahnhof.

Wie dieser sind viele Wagen sind mit einem neuen Lack in hellblau/dunkelblau/weiß versehen, aber es gibt auch zahlreiche Vollwerbewagen.

http://img243.imageshack.us/img243/2182/a4136vb4.jpg
Wir sehen auch eigentümliche Weichen mit nur einer Zunge. Auf dem Bild ist aber auch die nicht besonders gepflegt aussehende Pflasterung gut zu erkennen.

Leider findet sich im Internet kein echter Liniennetzplan der Straßenbahn Riga. Es gibt zwar auf der Website auch eine englische Seite, sogar deutsche Informationen, aber nur über die Linien und Haltestellen. Ein interaktiver Netzplan, der je nach Eingabe eine Linie einblendet, ist schwer zu handhaben, weil man sich mit Lettisch herumplagen muß: [www.rigassatiksme.lv]
Hier erkennt man übrigens, daß die Fahrpläne der einzelnen Linien neben Lettisch und Englisch sogar auf Litauisch, Estnisch und Russisch abrufbar sind, nicht jedoch auf Deutsch: [bus.rigassatiksme.lv].
Kurz gesagt besteht das 1524mm-Netz in Riga mit den bemerkenswerten Stangenstromabnehmern aus 8 teilweise recht langen Streckenästen, die alle den Zentralmarkt (Central Tirgus) – den Mittelpunkt des Netzes am südlichen Rand der Altsadt, beürhren, wo alle 11 Linien zusammentreffen. Manche Linien verkehren selten (Linie 9 nur HVZ, Linien 1, 3 und 8 etwa stündlich), die übrigen in ziemlich dichten Intervallen. Die Innenstadt (Altstadt) wird nur am südlichen und östlichen Rand gestreift. Wie mir Anton mitteilte, gilt noch das alte Fahrscheinsystem, also ein Fahrschein nur für die soeben gewählte Linie. Dementsprechend gibt es natürlich auf den wichtigen Streckenästen bis zu drei Linien, um möglichst wenig Umsteigezwänge zu haben. Leider ist es uns nicht gelungen, auch eine Straßenbahnfahrt zu machen.

Lokomotiv-Depot und Eisenbahnbrücke Jelgava
Nun fährt Anton mit uns Richtung Süden. Ziel ist die etwa 45 km entfernte Stadt Jelgava. Es geht auf irgendwelchen Schleichwegen, die sich in entsetzlichem Zustand befinden, nahe zum Lok-Depot, wo mehrere alte Lokomotiven herumstehen. Wir gehen dann zu Fuß – so wie die hiesigen Anrainer auch – quer durch Anlagen, durch die ich mich alleine nie im Leben zu gehen getraut hätte. Wir sehen nicht nur ein Schmalspurlok-Denkmal sondern auch eine große Dampflok sowie einige Dieselloks.

http://img408.imageshack.us/img408/3222/a4144bm5.jpg
2M62U-0093 und einige Schwestern. Die Nummer ist noch cyrillisch angeschrieben.

http://img171.imageshack.us/img171/992/a4148ly1.jpg
Auch die CME3-6208 hat cyrillische Beschriftung, aber die Nummer ist groß an der Seite angeschrieben.

http://img441.imageshack.us/img441/4985/a4146ex0.jpg
Die Schmalspurlok hat keine Nummer mehr.

http://img441.imageshack.us/img441/4549/a4152ss9.jpg
Die L-0460 sieht sehr verrostet oder verbrannt aus.

http://img441.imageshack.us/img441/1212/a4155vv7.jpg
Wir spazieren dann entlang der Gleise Richtung Brücke über den Fluß Lielu. Und dann kam ein Glücksfall: Es kommt zufällig gerade der Zug 181 von Riga nach Simferopol (nur an ungeraden Tagen) vorbei, bespannt mit einer TEP60 der Litauischen Eisenbahn (LG), die auf dieser Strecke alle internationalen Züge und auch die Güterzüge von Riga nach Litauen führt. Die Lettische Eisenbahn hat keine Loks dieser Type mehr im Einsatz.

http://img441.imageshack.us/img441/2331/a4166fh3.jpg
Wir gehen auch über die Brücke, vorher versuche ich noch ein Bild der Brücke mit einem Güterzug.

http://img441.imageshack.us/img441/9517/a4172kx5.jpg
Auf der anderen Seite kommt die 2M62-0923 daher, und der aufmerksame Beobachter erkennt, das ist keine LDZ-Lok, sondern eine LG-Lok (aus Litauen also).

http://img441.imageshack.us/img441/2506/a4173qp6.jpg
Hier sieht man das kleine LG-Emblem besser.

http://img171.imageshack.us/img171/7472/a4174vm3.jpg
Auch eine Elektrischka kommt. Jelgava ist der südlichste Punkt des S-Bahn-Netzes von Riga. Der ER2-131707R hat eine noch größere Nummer als die bisher gesehenen. Aber ich habe keine Ahnung, was die eigentlich Nummer gewesen ist (1317?). Der Buchstabe R dürfte auf eine Unterbauart oder Modernisierung hinweisen.

http://img171.imageshack.us/img171/4939/a4177ed8.jpg
Während wir auf unsere S-Bahn zurück nach Riga warten, kommt auch ein Dieseltriebwagen vorbei. Hier die Steuerwagenansicht des DR1A-246 in seiner hübschen rot/weißen Farbgebung.

http://img441.imageshack.us/img441/976/a4178dn0.jpg
Beeindruckend sind die langen achtachsigen Kesselwagen, hier eine Exemplar der LG. Die Güterwagen scheinen die alten vielstelligen Nummern aus der SZD-Zeit behalten zu haben, aber das Eigentümerkennzeichen und die UIC-Kennzahl (20 RZD, 21 BC, 22 UZ, 24 LG, 25 LDZ, 26 EVR) sind in der Nähe der Nummer doch deutlich sichtbar.

http://img171.imageshack.us/img171/6694/a4181xk9.jpg
In der Nähe der Station ist eine Dependance eines Eisenbahnmuseums: einige kleine Objekte und ein Gebäude. Unter anderem stand hier dieses Ensemble.

Mit dem Elektro Vilciens zurück nach Riga
Der Fahrkartenkauf für die 43 km Strecke nach Riga geht einfach vor sich: „divi Riga, ludzu“ (ist zwar grammatikalisch nicht ganz richtig, aber mit Fingerzeigen für „zwei“ es wird natürlich verstanden. Und „paldies“ mit schönem meidlinger bzw. russischem „L“ kann ich auch schon (Danke). Kosten: 74 Santimi – etwas mehr 1 Euro. Es gibt auch ein Kursbuch hier und natürlich kaufe ich das auch sofort: 50 Santimi. Es ist natürlich nur ein Hefterl für die paar Linien, die es in Lettland gibt (Inland). Die Rechnung sieht nicht viel anders aus als der Fahrschein, der nur eine Art Kassazettel ist:

http://img131.imageshack.us/img131/8421/a4184jr7.jpg
Unser Zug ist ein E-Triebwagen Reihe ER2T. Das Bild zeigt unseren Zug vor der Abfahrt von Jelgava. Er ist noch nicht in den neuen Farben gelb/blau lackiert, sondern trägt noch den alten grün/grauen Lack und sieht auch innen noch entsprechend altertümlich aus. Der ER2T-7114 hat innen harte Holzbänke, die nicht sehr bequem sind. Elektro Vilciens steht im Stirn-Fenster, das heißt: Elektrischer Zug. Wohl die lettische Entsprechung für Elektrischka (Russisch).

http://img441.imageshack.us/img441/5071/a4187gq8.jpg
Diese Sitze sind extrem hart und man rutscht leicht davon! Holzleisten-Sitze (die sehen wir am übernächsten Tag) wären bequemer! Der Mittelgang im Waggon ist sehr breit, obwohl links und rechts je 3 Plätze pro Reihe sind!

http://img171.imageshack.us/img171/1439/a4188au9.jpg
In einem anderen Wagen sind die Sitze mit einer Kunststofffolie überspannt, darunter aber gleich hart, ohne Polsterung.

Unterwegs höre ich immer wieder die Stationsansagen mit nervtötendem Glockenton – es sind immerhin 11 Zwischenstationen. Noch immer im Ohr habe ich die Ansage: „Nakama pietura Tornakalns“. Nächste Station Tornakalns. Besonders auffallend, wie die Letten den Ortsnamen aussprechen! Es klingt eher wie Tuornjakalns, wobei auch die zwei a sehr dumpf und das ganze irgendwie mit russischem Akzent klingt – inklusive dem harten L. Apropos Russisch: im Zug hören wir viel Russisch! Die Schaffnerin sieht aus wie eine Marktfrau, schon etwas älter, bewaffnet mit einem großen Buch und einem großen Stempel (wie ein Firmenstempel mit integriertem Stempelkissen). Sie legt den Fahrschein auf ihre dicke Mappe und stempelt ihn. Eine meiner Ansicht nach recht umständliche Methode. Die Fahrkarten sehen aus wie Kassabons, der Stempelabdruck wie ein Zollstempel. Zugnummer und Datum (ohne Jahr) sind auf dem Stempel erkennbar. Die Zugnummer steht bei Fernzügen (Dieselzüge) übrigens auch auf dem Fahrschein drauf!

http://img131.imageshack.us/img131/3584/a4000fahrscheinyr8.jpg
Interessant ist, daß im Kopf des Fahrscheins die Bahnstation mit genauer Postanschrift angegeben ist (links). Einzig die Rückseite (rechts) läßt erkennen, daß es kein gewöhnlicher Enkaufszettel ist, sondern ein von PV herausgegebener Fahrschein ist. Der Druck ist so schwach, daß Abfahrts- und Zielbahnhof nicht lesbar sind. „Vienreizeja bilete (turp)“ bedeutet: Einfaches Billet Hinfahrt. Auch die Steuer ist getrennt ausgewiesen.

Nach der Ankunft in Riga spazieren wir durch die Shoppingmeilen und kaufen uns etwas zu essen. Um halb 11 Uhr kommen wir ziemlich müde in unser „Hostel“, aber der Eindruck von Riga hat sich seit gestern doch etwas gebessert.

Fortsetzung folgt!

Wer die frühere Teile lesen möchte:
1. Teil: [drehscheibe-online.ist-im-web.de] – Finnland: Helsinki
2. Teil: [drehscheibe-online.ist-im-web.de] – Finnland: Helsinki
3. Teil: [drehscheibe-online.ist-im-web.de] – Finnland: Ausflüge nach Norden (Turku, Tampere, Savonlinna, Kuopio)
4. Teil: [drehscheibe-online.ist-im-web.de] – Estland: Tallinn.
5. Teil: [drehscheibe-online.ist-im-web.de] – Estland: Tallinn Nahverkehr.
6. Teil: [drehscheibe-online.ist-im-web.de] – Estland: Tartu, Pärnu.



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 2007:12:18:21:25:53.
Ein ausgezeichneter Reisebericht, unterlegt mit zahlreichen historischen und politischen Fakten!

Zitat:
im Internet stand etwas von 7 Euro für ein Frühstück

Sehr, sehr teuer!

Zitat:
Wir machen noch einen Abendspaziergang, werden getäuscht durch eine Wechselstube, die stolz 70.25 Lats für 100 Euro verkündet

Solche reißerischen Wechselstuben sind mir in Riga bisher nicht begegnet. Aber ich habe ja auch immer bei der soliden Parex-Bank mein Geld gewechselt, die haben sogar meist den besten Wechselkurs. Solide nenne ich die Parex-Bank deshalb, weil sie schon seit ca. 15 Jahren existiert und mittlerweile sogar eine Filiale in Berlin eröffnet hat.

Zitat:
Manche Triebwagen haben auch zusätzlich einen Namenszug aufgemalt, der auf das Fahrtziel hinweist. Der Zug nach Daugavpils heißt zum Beispiel Dinaburga (Dünaburg war der deutsche Name).

Das ist ein Schnellzug mit erhöhtem Komfort und Fahrpreis im Vergleich zu den anderen Zügen nach Daugavpils. Also eine Art "firmennyj poezd".

Zitat:
Nun wollen die Letten den Russen nicht viele Rechte zugestehen

Also dass man sogar Russen, die vor 1992 in Lettland geboren worden sind, nach der Zerfall der Sowjetunion zu Staatenlosen gemacht hat, ist wirklich einmalig. In Litauen haben z. B. 1992 alle Menschen mit festem Wohnsitz in Litauen einfach die litauische Staatsangehörigkeit bekommen. Bei Vorhandensein solcher ethnischer Diskrimierungsmaßnahmen gehört Lettland meiner Meinung nach nicht in die EU. Komisch, dass bei der EU-Osterweiterung die schlechte Lage der Russen in Lettland irgendwie "übersehen" wurde.

Zitat:
weil die Angst tief sitzt, daß sie wieder vereinnahmt werden könnten.

Also eher sterben die Letten wohl von selber aus, als dass das große Russland es für nötig erachtet, das winzige Lettland gewaltsam einzuverleiben.

Zitat:
Wir spazieren dann entlang der Gleise Richtung Brücke über den Fluß Lielu.

Eigentlich heißt der Fluss Lielupe.

Zitat:
Die russische Sprache tritt öffentlich eigentlich kaum in Erscheinung.

Ja, die russische Sprache wird in Lettland massiv unterdrückt. Aushänge in Russisch sind strikt verboten.


--------------
Max Schmied



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 2007:12:19:03:07:51.
Vor sechs Jahren waren fast alle Straßennamen in Riga noch zweisprachig, nur hatte man die russischen Namen ziemlich stümperhaft mit einem Pinselstrich übermalt.

Würde man mit den Katalanen in Spanien so umgehen wie mit den Russen in Lett- und auch in Estland, dann hätten wir nächste Woche Revolution in Barcelona und die EU würde intervenieren. Der Anteil an Russen im Baltikum ist so hoch, dass es ohne weiteres für die Anerkennung als Regionalsprache reichen müsste - wenn es sich nur nicht um Russisch handeln würde. War nicht mal was mit »gleiches Recht für alle«?

Falk
MaxSchmied schrieb:
Vielen Dank für die anerkennenden Worte und vor allem für die zusätzlichen Informationen!

> Aber ich habe ja auch immer
> bei der soliden Parex-Bank mein Geld gewechselt,
> die haben sogar meist den besten Wechselkurs.


Ja, das hab ich am nächsten Tag auch entdeckt und dann den Rest dort gewechselt!


> Das ist ein Schnellzug mit erhöhtem Komfort und
> Fahrpreis im Vergleich zu den anderen Zügen nach
> Daugavpils. Also eine Art "firmennyj poezd".


Sehr interessant! Es gab ja auch den "Kurzeme" und andere, aber im Fahrplan fand ich keine Hervorhebung dieser Züge.


In Litauen haben z. B. 1992
> alle Menschen mit festem Wohnsitz in Litauen
> einfach die litauische Staatsangehörigkeit
> bekommen.


Ja, das habe ich auch erfahren und es kommt auch im Litauen-Teil vor.



Bei Vorhandensein solcher ethnischer
> Diskrimierungsmaßnahmen gehört Lettland meiner
> Meinung nach nicht in die EU. Komisch, dass bei
> der EU-Osterweiterung die schlechte Lage der
> Russen in Lettland irgendwie "übersehen" wurde.

Mein Freund meinte, man hat das - vom Westen her, also von der EU her - einfach viel zu schnell über die Bühne ziehen wollen, ohne Rücksicht auf Details, die Letten (und die anderen) wurden einfach über den Tisch gezogen bzw. vor Tatsachen gestellt, ins Detail sei man eigentlich fast nicht gegangen. Jetzt hat man dafür "den Scherm auf", wie wir Österreicher sagen würde.




> weil die Angst tief sitzt, daß sie wieder
> vereinnahmt werden könnten.

Ausgerechnet als EU-Mitglied sollte so eine Angst ja wirklich vorbei sein.


> Wir spazieren dann entlang der Gleise Richtung
> Brücke über den Fluß Lielu.
>
> Eigentlich heißt der Fluss Lielupe.

Ja, ich habe da wohl schlampig notiert und dann nicht auf der Karte nachgeprüft...



> Ja, die russische Sprache wird in Lettland massiv
> unterdrückt. Aushänge in Russisch sind strikt
> verboten.

Ich fand nur ein Straßenschild - am Museumsgebäude in Jelgava -, wo noch ein zweisprachiges Straßenschild befestigt war. Vielleicht eben aus "Museumsgründen"?


@falk:
Ja, ich finde auch, daß bei den Minderheitensprachen in der EU es eigentlich nicht erklärlich ist, warum nicht zumindest in Estland und Lettland Russisch als Minderheiten-Sprache mit irgendwelchen Rechten ausgerüstet wird. Das ist sonst auch nicht anders als die ethnische Säuberung in exJugoslawien. Man wollte die drei Länder scheibar auf Biegen und Brechen einverleiben, ohne von ihnen zu viel zu verlangen. Seltsam!
Ich sah einige Letten (naja, eigentlich Russen mit Wohnsitz in Lettland) im Zug Richtung Ukraine mit einem Reisedokument, das aber kein Paß war.



2-mal bearbeitet. Zuletzt am 2007:12:19:08:19:35.
Zitat:
Es gab ja auch den "Kurzeme" und andere, aber im Fahrplan fand ich keine Hervorhebung dieser Züge.

Genau, das ist der zweite lettische "firmennyj" Schnellzug im Binnenverkehr, weitere gibt es nicht.

Zitat:
Mein Freund meinte, man hat das - vom Westen her, also von der EU her - einfach viel zu schnell über die Bühne ziehen wollen, ohne Rücksicht auf Details, die Letten (und die anderen) wurden einfach über den Tisch gezogen bzw. vor Tatsachen gestellt, ins Detail sei man eigentlich fast nicht gegangen.

Naja, man hätte von der EU-Seite halt Forderungen stellen sollen, die vor einem Beitritt erfüllt werden müssen. Aber war es nicht so, dass Lettland so schnell wie möglich der EU beitreten wollte? Ich dachte, der Druck kam da gerade von der anderen Seite.

Zitat:
Ich sah einige Letten (naja, eigentlich Russen mit Wohnsitz in Lettland) im Zug Richtung Ukraine mit einem Reisedokument, das aber kein Paß war.

Das ist ein sogenannter "Wolfspass", der Pass eines Staatenlosen, ausgestellt von der Republik Lettland. Als Inhaber eines solchen Passes kommt man sich als Mensch zweiter Klasse vor. Die Letten wollten sogar verhindern, dass Inhaber des lettischen Wolfspasses visafrei EU-weit reisen können. Das hat die EU dann aber zum Glück doch anders entschieden.

---------------
Max Schmied



2-mal bearbeitet. Zuletzt am 2007:12:19:15:00:36.
tokkyuu schrieb:
> Wir machen noch einen Abendspaziergang, werden
> getäuscht durch eine Wechselstube, die stolz 70.25
> Lats für 100 Euro verkündet, aber damit ist
> gemeint, daß man um diesen Preis Euro kaufen kann.
> Nur steht das nicht dabei. Und: welcher doofe
> Tourist will in Lettland Euro einkaufen? Die
> Täuschung merkt man erst beim Wechseln, denn man
> bekommt nur 60,25 Lats. Auf meine Reklamation
> verweist mich die unfreundliche Dame hinter dem
> Fenster mürrisch auf einen Computerausdruck, auf
> dem die Wechselkurse in Miniaturschrift abgedruckt
> sind, sodaß ich meine Brille runternehmen muß, um
> es entziffern zu können. Der Ärger dauert einen
> Tag lang!

Diese Art von Betrug bzw. Täuschung findet man in einigen Städten in Osteuropa. Sehr verbreitet sind verschiedene Täuschungstricks an Wechselstuben in Prag. In Riga habe ich dasselbe diesen Sommer ebenfalls beobachtet - entweder genau hinsehen oder im Zweifelsfall eine Bank aufsuchen, die haben eigentlich ganz gute Kurse, sogar die Bank am Flughafen.
Ganz arg ist die Situation auch in Sofia - dort bin ich selbst letztes Jahr reingefallen, als man mir für 50 € nur 60 Leva gab anstatt 95. Da war ich auch sehr wütend, rief die Polizei und bekam mein Geld (nach längeren Verhandlungen und einem Telefonat ins Finanzministerium) zurück - allerdings nur, weil ich die Quittung mit einem Krabbel anstatt meiner richtigen Unterschrift unterschrieben hatte, womit die Transaktion ungültig wurde.
Mein Problem war ja, daß es bereits 20 oder 21 Uhr war, und die Banken schon zu waren. Ohne Geld wollte ich aber nicht spazieren gehen (und durstig war ich ja auch). Natürlich bin ich sonst eh immer auf eine Bank gegangen und immer gut gefahren damit.
tokkyuu schrieb:
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> Mein Problem war ja, daß es bereits 20 oder 21 Uhr
> war, und die Banken schon zu waren. Ohne Geld
> wollte ich aber nicht spazieren gehen (und durstig
> war ich ja auch). Natürlich bin ich sonst eh immer
> auf eine Bank gegangen und immer gut gefahren
> damit.

Es kann natürlich auch gut sein, dass nach Betriebsschluss der Banken die Wechselkurse schlechter werden. Das habe ich z.B. in Chisinau erlebt, dort gibt es einige 24-h-Wechselstuben, allerdings verändern sich die Margen je nach Tageszeit.
Ja genau! Ich fand auch etliche Wechselstuben, die auch nachts geöffnet waren, die aber tagsüber einen normalen Bankkurs hatten, in der Nacht aber einen teureren Kurs.