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[JP] Reisebericht Japanreise 2004 (8) - (35B)

geschrieben von: tokkyuu

Datum: 26.09.07 21:46

Es geht weiter mit Teil 8 (Teil 7 ist hier: [drehscheibe-online.ist-im-web.de]) des Japan-Reiseberichts. In diesem Teil sind wir auf der Insel Shikoku und fahren quer durch die Insel nach Matsuyama und von dort mit der Fähre durch die Seto-Inlandsee, einem berühmten Nationalpark. Danach der erste Tag des Aufenthalts in Hiroshima bzw. auf der Insel Miyajima, wo unser Quartier war.

Von Kôchi quer durch die Insel Shikoku nach Matsuyama
14. Oktober 2004. Wir essen unser Frühstück in einem kleinen Lokal am Bahnhof, eine Art Buffet, bei dem man sich selbst bedienen kann und bei der Kassa zahlt. Es gibt zum Beispiel Kompott, Brot, Marmelade, Käse, Eierspeise, diverse Kuchen, Kaffee. Es kostete zusammen nicht mehr als 3 Euro. Dann müssen wir auch schon unseren Zug besteigen, wieder den tokkyû „Nanpû“ mit dem Diesel-Neigezug. Diesmal wählen wir den ersten Wagen aus, denn da kann man dem Fahrer über die Schulter schauen und die Landschaft aus einer anderen Perspektive sehen. Es ist zwar leider ein Raucherwagen, aber das akzeptieren wir halt. Auch das Pendolino-System kann man hier gut in den Kurven merken. Es ist eine wunderschöne Fahrt, das Wetter ist prächtig: blauer Himmel, Sonnenschein, warm.

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Unterwegs halten wir an der kleinen Station Ôboke, und ich kann kurz aus dem Zug springen, um einen Gegenzug mit Triebwagen kiha 32 inmitten schöner Landschaft aufnehmen.

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Während der Fahrt gelingt es mir, auch den Schaffner zu fotografieren. Er wirkt sehr als Amtsperson und respekteinflößend. Und er ist sehr höflich – aber Höflichkeit ist in Japan überall festzustellen.
In Tadotsu müssen wir umsteigen und haben etwa eine halbe Stunde Aufenthalt, um mit dem Schnellzug „Shiokaze“ (=Salzwind) nach Matsuyama weiterzufahren. Hier kann ich einige gute Aufnahmen machen, die mir sonst in Shikoku nicht gelingen würden. So habe ich vom kleinsten JR-Betrieb auch einen guten Querschnitt.

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Zunächst fällt mir ein eher seltener Dieseltriebwagen auf: Von der Reihe kiha 54 gibt es nur 17 Stück, und nur ein Teil davon befindet sich in Shikoku.

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Die neue JR-Shikoku-Baureihe 7000 sehe ich hier zum ersten Mal. 1990 wurden die 25 Garnituren geliefert. Es gibt 11 Zweiwagengarnituren, der Rest sind Einzeltriebwagen. Sie sind für den Regionalverkehr bestimmt. Nirosta-Wagenkästen sind in Japan relativ häufig.

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Aus dem Jahr 1992 stammt diese schnittige Schnellzug-Triebwagenreihe 8000. Es ist ein Neigezug, von dem es nur 6 Garnituren gibt, die allerdings teilbar sind (meist 5+3 Wagen pro Zug). Mit so einem Zug werden wir weiterfahren nach Matsuyama.

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Im Jahr 2004 lief gerade ein Umbauprogramm, und im Zuge dessen wurde nicht nur die Inneneinrichtung erneuert, sondern auch der Außenanstrich verändert. Das JR-Shikoku-Hellblau wich Orangetönen.

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Eine weitere Nirosta-Baureihe von Shikoku ist dieser Triebwagen Reihe 6000. 1996 wurde er für den Regionalverkehr beschafft, allerdings gibt es nur 2 dreiteilige Garnituren. Es war also durchaus Glück, ihn überhaupt zu sehen.

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Ein älterer Schnellzug-Triebwagen ist dieser Vertreter der Reihe kiha185 (Diesel). 1986 wurden noch von JNR diese 2- bis 4-teiligen Triebwagen angeschafft, 9 davon gehören heute zu JR-Shikoku, die restlichen 8 zu JR-Kyûshû. Sie sind allachsangetrieben.

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Schließlich sehen wir noch einen zweiten Vertreter der Shikoku-Abart der Reihe 113. Wie erwähnt, haben alle drei eine andere Lackierung. Hier ist einer in grün/blau.

Nun geht es weiter auf elektrifizierter Strecke und mit bis zu 130 km/h Geschwindigkeit, teilweise entlang der Küste der Seto-Inlandsee. Die Durchschnittsgeschwindigkeit beträgt immerhin 87 km/h. Unser Zug gehört der neuen JR-Shikoku-Baureihe 8000 an und hat ein etwas hübscheres Design als die meisten anderen Züge hier auf der Insel, obwohl er wie so oft in Nirosta gehalten ist. Wenn der Zug aber geteilt wird (wie zum Beispiel in Tadotsu), wirkt er an dieser Stelle wie abgeschnitten.

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Unterwegs haben wir hübsche Ausblicke auf kleine Gärten und Häuser. Je näher wir nach Matsuyama kommen, umso bewölkter wird es. Es ist hier auch kühler als in Kôchi und hat nur 19 Grad.

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In Matsuyama steht auch ein kiha185 herum, der als Schnellzug „Uwakai“ beschriftet ist. Er trägt eine etwas andere Lackierung als der gleichartige Zug in Tadotsu. Die Züge dieser Baureihe mögen von außen nicht besonders aussehen, innen sind sie aber sehr bequem.

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Auch dieser mit Manga verzierte Triebwagen Reihe 2000 steht im Bahnhof herum.

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Ich konnte leider noch nicht herausfinden, was die Aufschrift TSE auf diesem Triebwagen der Reihe 2000 bedeutet.

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Die andere Seite dieses Triebwagens hat einen Steuerwagen ohne Durchgangsmöglichkeit.

Straßenbahnen in Matsuyama

JR-Shikoku hat nur sehr wenige Elektrolokomotiven. Kein Wunder, bei nur 195 km elektrifizierter Strecke. Trotzdem kann ich eine Lok der Reihe EF65 entdecken, das Bild ist aber nicht besonders geworden.
Mein Freund entfernt sich ein wenig vom Bahnhof, um Straßenbahnen zu fotografieren, die unweit des Bahnhofs mit 90° eine Privatbahn kreuzen. Ich hingegen suche die Abfahrtsstelle des Busses zum Fährhafen. Es gibt eine große Bushaltestelle, aber alles ist nur Japanisch angeschrieben. Trotzdem finde ich relativ leicht die richtige Einstiegsstelle.

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Auf einer Tafel sind die nächsten Abfahrten angeschrieben. Die Aufschrift „1 gate“ ist entbehrlich. Wichtiger wäre für Fremde, die Ziele der Busse leserlich anzugeben. Auch wenn ich nicht viel lesen kann, kann ich immerhin entnehmen, daß in 6 Minuten der Bus zum Hafen Matsuyama abfährt, in 9 Minuten nach Takahama Bahnhofsvorplatz.
Mein Kursbuch hat recht gehabt, die Zeiten decken sich mit den hier angegebenen Abfahrtszeiten. Jetzt besteht noch die Frage, ob man die Fahrkarten vorher kaufen muß oder im Bus bekommt? Als dann ein Kappelträger daherkommt (ich weiß zwar nicht, ob er von einer Busgesellschaft ist oder von einer Fähre), frage ich ihn ganz einfach, wo man die Bustickets bekommt. Ich erfahre, daß es im Bus eine Zahlbox gibt. Die Fahrt kostet 450¥. Ich bin ganz begeistert, daß das auf Japanisch geklappt hat.
Nun, da ich weiß, daß unser Bus zur im Reiseplan schon notierten Zeit fährt, habe ich auch Zeit, mir einige Straßenbahnen anzusehen:

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Besonders sind die Bilder nicht, aber ich wollte mich in Japan hauptsächlich auf Eisenbahnen konzentrieren. Hier ein Beispiel für ältere Wagen.

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Eine modernere Bauart scheint nach dem Kastenprinzip gefertigt worden zu sein. Von Design jedenfalls keine Spur.

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Die Tele-Aufnahme verstärkt noch diesen Eindruck.

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Auch in zuckerlgrün gibt es diese Type.

Im Hafen Matsuyama

Als der Bus kommt, ziehen wir beim Einstieg einen Zettel aus dem Automaten bei der Türe. Darauf ist die Einstiegsstelle vermerkt. Beim Aussteigen können wir dann auf der vorderen Anzeigetafel ablesen, was wir bezahlen müssen. Mit LEDs werden zu jeder Haltestellennummer die derzeit aktuellen Fahrpreise angezeigt, sodaß man beim Aussteigen immer weiß, wieviel man zahlen muß. Unsere Einstiegstelle hat die Nr. 4. Wie der Kappelträger richtig sagte: 450¥ (3,30 Euro). Bei Haltestelle 3 wären es 550, bei Nr. 1 oder 2 600¥ gewesen. Das heißt also auch, daß es nicht mehr Stationen gibt, und der Bus bleibt auch nicht öfter stehen. Man wirft dann das Geld zusammen mit dem Zettel in die Zahlbox. Ob und wie der Fahrer das so schnell kontrollieren kann, weiß ich nicht und ist mir auch egal. Lustig ist die Busfahrt aber auch: Hinter dem Fahrer ist eine Anzeigetafel, die Lichtsignale für die Reisenden enthält. Beim Bremsen leuchtet ein Schriftzug „kyû-bureeki chûi“ (natürlich in chinesischen Zeichen), das heißt Achtung Schnellbremsung, beim Blinken leuchtet ein Schriftzug, entweder „hidari“ = links, oder „migi“ =rechts. So können die Fahrgäste vielleicht rechtzeitig gegensteuern? Keine Ahnung. Es ist ja ein Limousin-Bus, also ein Reisebus, und kein Innenstadtbus. Ich nehme also an, daß es hier gar keine Stehplätze gibt.

Am Hafen stelle ich fest, daß ich noch immer meine Ansichtskarten nicht aufgegeben habe. Einen Postkasten finde ich zwar, aber ob es auch eine Post hier gibt? Da der Schalter für die Fähren-Tickets erst um 13 Uhr aufsperrt, haben wir sowieso noch Zeit. Also frage ich kurzerhand – durch den sprachlichen Erfolg beim Kappelträger schon etwas mutiger geworden – eine Dame, die in einem Selbstbedienungs-Laden innerhalb der Schiffsstation allerlei Sachen verkauft, ob es hier ein Postamt gibt. Nein, gibt es nicht. Als ich dann sage, daß ich Briefmarken kaufen möchte, sagt sie freundlich, sie hat ja auch welche. Na prima. Auf die Idee wäre ich nicht gekommen. Ich brauche zwanzig Marken zu 70¥ (51 Cent), aber sie hat nur 10er und 50er, also kombiniert sie. Das macht 1400¥, aber sie will 5000¥ haben. Da muß ich sie aber doch aufmerksam machen, daß sie sich verrechnet hat, was sie dann auch bald einsieht. Es folgen Entschuldigungen und Lächeln und so weiter. Und das alles immer schön auf Japanisch. Mein Selbstbewußtsein steigt. Ich trau mich immer mehr.
Dann kaufe ich die Fahrscheine für die Überfahrt nach Hiroshima (18 Euro pro Person) und wir schauen hinauf zum Restaurant im oberen Stockwerk. Irgendein Getränk und katsu-don bestelle ich. Das ist also ein Reisgericht, über das etwas drübergeschüttet ist, nämlich etwas mit katsu, mit „Schnitzel“. Es ist also Fleisch dabei. Auch eine Nudelsuppe (udon) war beim Gericht dabei. Und all das um 10 Euro ist eigentlich nicht so arg.
Wir kommen dann rechtzeitig zum Platz, wo wir auf das Einsteigen warten können. Ein langer gläserner Gang führt dorthin. Wir sehen die Fähre ankommen, es steigen kaum Fahrgäste aus. Das Schiff sieht nicht anders aus als andere Fähren in Europa auch, nur hat es auch einen Raum, der an den Carpet-car erinnert. Also ein Abschnitt, der mit Spannteppich ausgelegt ist. Hier sitzen einige Leute auf dem Boden oder liegen auch, eben im alt-japanischen Stil. Manche finden das bequem. Es gibt aber die normalen Ledersessel, groß und weich, draußen die üblichen Holzbänke. Während mein Freund die meiste Zeit drinnen bleibt, ziehe ich es vor, außen zu sitzen und die Seeluft zu genießen, auch wenn es recht windig hier ist. Die Sonne scheint wieder und das Wetter ist wunderschön geworden. Während der Fahrt hierher war es meist bewölkt.

Durch den Nationalpark Seto-Inlandsee nach Hiroshima

Die Fahrt ist wunderschön. Die Seto-Inlandsee (Seto-naikai) ist ja zu einem Nationalpark erklärt worden. Und wir haben aus Klugheit die Fahrt nach Hiroshima anstatt mit der Bahn mit einer Fähre gewählt, denn so ersparen wir uns ein teures Rundfahrtschiff, um diese grandiose Landschaft zu besichtigen. Um 18 Euro haben wir also fast drei Stunden lang schöne Landschaft gesehen.

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Erinnerungen an Thailand werden wach…

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Das sieht fast wie ein Longtailboot in der Phang-Nga-Bucht aus. Es gibt zahllose größere und kleinere Inseln, an manchen Stellen wirkt die Landschaft wie in Thailand. Es gibt auch viele Schiffe, die unseren Weg kreuzen oder uns entgegenkommen. In Kure gibt es die einzige Zwischenstation kurz vor Hiroshima. Danach kommt die große Bucht, in der Hiroshima liegt. Wir fahren an einigen weiteren Inseln vorbei, auf einer ist ein richtiges Hochhaus erbaut, das wegen der Kleinheit der Insel sehr seltsam anmutet. Es scheint ein Bürogebäude zu sein. Aber wieso ist auf einer Insel so ein Gebäude, das nur mit einem Schiff erreichbar ist?
Nun werde ich schon aufgeregt, denn immerhin sind es 32 Jahre her, daß ich meinen Brieffreund Fumio zum ersten und letzten Mal gesehen habe. Seither haben wir nur brieflich miteinander kommuniziert. Ich habe ihn 1972 auf einer Interrail-Reise in Kopenhagen im Zug kennengelernt. Wir sind damals gemeinsam bis Narvik gefahren. Seither sind wir in Briefkontakt. Aber gesehen haben wir einander nie mehr. Als wir in den Hafen einfahren, sehe ich ihn schon von Weitem. Es gibt eine bewegende Begrüßung. Ein wirklich eigenartiges Gefühl. Es gefällt mir, daß ich diese Art der Ankunft gewählt habe. Auf diese Weise habe ich nicht nur die Inlandsee besser sehen können als von der großen Seto-Brücke, sondern auch mehr von Shikoku gesehen. Und die Ankunft ist nicht so „normal“, wie es mit einem Zug gewesen wäre. Fumios Englisch ist schlicht perfekt. Nun, er war ja jahrelang im Ausland, darunter auch in den USA, und er braucht die Sprache in der Firma unentwegt. Er arbeitet bei Mazda, seit April ist er Chef von Madza Thailand in Bangkok. Er kam eigens wegen meines Besuches nach Japan zurück. Nach einem halben Jahr hat er Anspruch auf eine Woche Heimatbesuch. Das traf sich also gut.

Lange Straßenbahnfahrt
Der Hafen von Hiroshima ist durch die Straßenbahnlinie 5 mit dem Bahnhof verbunden. Das wußte ich schon vorher. Als Fumio aber die nächste Bim zum Bahnhof sucht, finde ich sie, nicht er. Der Bahnhof ist etwa 6 km entfernt, die Fahrt dauert etwa eine dreiviertel Stunde. Und während dieser Zeit haben wir natürlich genug zu erzählen. Ich bin froh, daß mein Reisegleiter jetzt überall mitreden kann und auch alles versteht. Die Straßenbahnen von Hiroshima ähneln mehr als andere in Japan denen europäischer Länder. Es fahren hier ja sogar Combinos! Und es fahren verschiedene Wagen, die Hiroshima nach dem Krieg von anderen Städten als Geschenk erhalten hat, darunter auch Wagen aus Ôsaka. Hiroshima heißt übrigens übersetzt: Weite Insel. Die Stadt wurde auf den „Inseln“, die sich durch ein Flußdelta ergeben, erbaut. Die Straßenbahn ist ziemlich gut gefüllt, Fumio erklärt unterwegs allerhand und manchmal scheint mir, er geniert sich, daß wir mit der Straßenbahn fahren. Aber kein vernünftiger Mensch in Japan würde mit dem Auto jemanden hier abholen, schon gar nicht zur Hauptverkehrszeit – so wie jetzt. Am Bahnhof angekommen eilen wir zu unserem Zug. Auch hier warnt uns Fumio, daß alles voll sein wird, aber daß dies eben auch ein Erlebnis von Japan ist, in der HVZ zu fahren. Aber so arg empfinde ich es gar nicht. Auch nicht anders als z.B. in Wien.

Ab hier gibt es einen längeren Teil ohne Bilder und nur „Japan life“ – ohne Bahnbezug. Daher wieder in blau für alle jene, die das lieber auslassen.
Wir fahren bis Ajina. Fumio wohnt zwar in Hatsukaichi, aber sein Haus liegt näher zur Haltestelle Ajina. Hatsukaichi heißt übrigens übersetzt: „Markt am 20.“ Also hier war ursprünglich einmal jeden Monat am 20. ein Markttag.
Am Bahnhof Ajina holt uns Keiko, Fumios Frau, ab. Mit dem Auto. Es ist ein Ford, nicht gerade alltäglich in Japan, aber Fumio erklärt, daß das Modell von Mazda gebaut und vertrieben wird. Das ist irgendeine Kooperation. Wir fahren einen Hang hinauf, da es aber schon stockdunkel ist, kann ich mir nicht ein wirkliches Bild von der Umgebung machen. Es ist jedenfalls eine kleine Gasse, in der zwei Autos kaum aneinander vorbeikommen. Wir müssen auch unser Gepäck mit ins Haus nehmen, denn da sind ja Geschenke drin verstaut.
Und nun kommt noch ein bewegender Moment: die Begrüßung von Fumios Mutter Teruko. Sie ist 95 Jahre alt und noch sehr rüstig und lebendig. Fumio hat mir oft geschrieben, daß ich wie ein Familienmitglied gelte und daß sie oft Anteil genommen hat an dem, was ich Fumio geschrieben habe. Fumio ist ihr einziges Kind. Ein älterer Bruder starb bei der Geburt. Und sie war schon recht alt, als sie geheiratet hat, sodaß kein zweites Kind mehr möglich war. Teruko begrüßt uns mit Händeschütteln, was in Japan nicht selbstverständlich ist. Aber sie hat auch im Ausland gelebt. Als Fumio in Amerika wohnte, war die ganze Familie mit drüben. Teruko freut sich sehr, mich kennenlernen zu können. Sie fürchtete ja schon, sie würde eher sterben, als mich gesehen zu haben. Nun, ehrlich gesagt, auch ich habe häufig diese Befürchtung gehabt.

Ein japanisches Haus
Zunächst muß man etwas über das Haus erzählen. Wie in japanischen Häusern üblich, ist der Eingangsbereich sehr klein. Gerade daß ein Mensch hier stehen kann. Hier streift man seine Schuhe ab, bevor man die kleine Stufe auf den Holzfußboden des Vorzimmers hinaufsteigt. Wir bekommen auch Schlapfen angeboten. Das Vorzimmer ist klein, ähnlich wie das von vielen Wohnungen bei uns in Österreich. Dann betreten wir eine Art Wohn- und Eßzimmer. Gleich rechts ist eine Couch und ein niedriger Tisch. Fumio bedeutet uns, es sich bequem zu machen, und damit meint er, auf dem Boden auf einem Polster sitzen. Da ich das sofort ablehne wegen meiner Wirbelsäule und frage, ob ich nicht auf der Couch sitzen kann, meint er, wir könnten auch auf den normalen Tisch, der in der linken Hälfte des Raumes steht (mit vielen Stühlen drumherum) wechseln. Aber das möchte ich nicht. Immerhin sehe ich, daß der angeräumt ist mit allerlei Dingen und daß unser niedriger Tisch vorbereitet ist für das, was jetzt kommen wird.
An der anderen Wand des Raumes ist eine Art Wohnzimmerschrank. Ein Stilmöbel eigentlich. Ob amerikanisch oder europäisch, kann ich nicht sagen. Jedenfalls ist nichts hier zu entdecken, was es nicht auch bei uns geben würde, außer daß die Ziergegenstände etwas anders sind und mein Freund und Fumio auf dem Boden sitzen. Ich sitze so am Rand der Couch, daß mein Rücken aufrecht bleibt, ich aber trotzdem nahe am Tisch bin. So geht es gerade. Die kleine Küche befindet sich links hinter dem großen Eßtisch, den wir nicht benutzen. Dort sitzt auch Fumios Mutter, während Keiko die meiste Zeit in der Küche zu tun hat, während wir uns unterhalten – und essen. Aber das ist so Tradition und muß so sein.

Das ausgiebigste Essen der ganzen Reise
Fumio machte uns gleich nach dem Betreten des Hauses darauf aufmerksam, daß wir heute viel, viel essen müßten. Keiko hat insgesamt 10 Gänge vorbereitet. Und immer wieder hören wir: Fühlt Euch wie zu Hause. Es muß hier betont werden, daß es sehr ungewöhnlich ist, daß Japaner einen Gast nach Hause einladen. Wir hätten sogar hier schlafen können, aber Fumio zog es doch vor, uns in Hotels unterzubringen. Vor dem Essen möchte ich noch meine Geschenke anbringen, also bekommen Fumio und Keiko meine Keks überreicht und mein Freund übergibt ihnen eine Flasche Birnenschnaps. Fumios Mutter ist recht neugierig und das gefällt mir. Alle wundern sich, daß ich die Kekse selbst gemacht habe, aber ich kann dann schon erklären, daß das nicht normal ist, daß Männer solche Dinge machen. Es gibt eben auch Hobbys. Sie muß auch gleich einiges kosten und ist von den Trüffelkugeln ganz begeistert. Auch wir bekommen Geschenke: Teruko macht aus Waschlappen und Handtüchern Hunde und ähnliche Sachen. Aber bald nach der Übergabe meint sie, sie würde das doch lieber schicken. Fumio sagt auch, daß er – damit unser Gepäck nicht zu umfangreich wird – unsere Geschenke per Post nachsenden wird. (ein Modell eines japanischen Nahverkehrstriebwagens Reihe 209, japanische Süßigkeiten, etwas aus Stoff Gebasteltes von Keiko, eine traditionelle Bastelei aus Japan aus Papiermaché, und noch einige Dinge.
Und nun kommt das Essen: Es dauert natürlich lang. Auf dem Tisch liegen schöne, besonders lackierte o-hashi, also Eßstäbchen. Es gibt, wie schon erwähnt, 10 Gänge, das schreibe ich nebenher immer mit, damit ich nichts vergesse.
1. Tee und Wagashi. Letzteres sind japanische Süßigkeiten mit süßer Bohnenmusfülle.
2. Yakitori und Würstchen. Yakitori sind gebratene Hühnerspießchen, vorher speziell mariniert.
3. Etwas mit Kartoffeln, Zwiebel, Würstchen, schmeckt europäisch.
4. Sushi (die macht man nicht selbst, die läßt man sich kommen).
5. Salat mit Tofu.
6. Sukiyaki, ein japanisches Nationalgericht mit hauchdünnen Rindfleischscheiben und Gemüse und Tofu. Das wird in einer Art Soße gebraten. In die Eß-Schüssel gibt man ein rohes Ei, das heiße Essen wird darin gewälzt, dadurch kühlt es sich zugleich ab. Manche lassen das Ei auch weg, aber wir probieren es. Es ist natürlich glitschig, aber warum auch nicht. Es ist das erste Mal, daß ich Sukiyaki esse!
7. Okonomiyaki, das hatten wir auch schon in Nara. Hier ist es wieder anders, nona! (eine Art japanische Pizza)
8. Ochazuki, das hatten wir auch in Nara (etwas mit Reis und Tee gemischt). Und das lasse ich weg, denn ich bin schon satt. Es ist das erste Mal in Japan und das einzige Mal, daß ich nicht mehr kann und mir der Bauch vom Essen aufgebläht vorkommt.
9. Obst: Mikan (das sind Mandarinen) und Trauben. Ich weiß bereits, daß dieser Bund Trauben mindestens 10 Euro gekostet haben muß!
10. Tee und Torte. Ja, eine richtige Torte. Auf die Frage, ob das wohl noch geht, antworte ich natürlich sofort mit JA, und daß es bei uns heißt, daß wir noch einen Reservemagen für die Nachspeise haben. Das ruft Heiterkeit hervor. Aber auch Fumio hat während des Essen häufig gemeint, wir müssen Platz lassen für das, was noch kommt.

Natürlich geht das Essen viel gemütlicher zu als bei uns in Österreich. Erstens ist nicht alles warm, muß auch nicht immer ganz heiß gegessen werden. Zweitens gibt es immer wieder neue Tellerchen (von der Größe von Kaffee-Untertassen) oder Schälchen. Dazwischen haben wir viel zu erzählen und Fotos zu zeigen. Ich überreiche Fumio auch feierlich einen Brief, den mir sein Vater vor vielen, vielen Jahren geschrieben hat, als Fumio im Irak war und der Iran-Irak-Krieg ausgebrochen war. Damals machte ich mir Sorgen um ihn und schrieb nach Ôsaka zu seinen Eltern. Es fällt uns auch auf, daß Fumio mit Keiko häufig auch Englisch spricht. Sicherlich aus Höflichkeit uns gegenüber. Sogar Teruko bemüht sich immer wieder, einige Brocken Englisch zu sagen. Aber ich rede mit ihr trotzdem auch ein wenig Japanisch. Ich bin immer wieder beeindruckt von dieser Frau. Als würde ich sie schon Jahrzehnte kennen! Die Tochter kommt auch zwischendurch einmal heim, begrüßt uns kurz und wirkt auf uns ganz wie eine österreichische Jugendliche.
Plötzlich müssen wir eilen. Wir müssen die Fähre um 21.10 Uhr erwischen, damit wir noch rechtzeitig im Hotel einchecken können. Fumio hat alles vorbereitet, wir logieren im „mori no yado“, etwa: Wald-Unterkunft). Das ist ein Hotel auf der Insel Miyajima, einem der schönsten Plätze Japans. Fünf vor 9 fahren wir mit dem Auto ab, um die Fähre zu erreichen und sind kurz nach 9 dort. Fumio und Keiko begleiten uns auf die Fähre, Fumio hat telefonisch ein Hotel-Taxi geordert, das uns abholt. Natürlich gäbe es auch eine spätere Fähre (bis 22.40 Uhr), aber dann hätte Fumio nicht mehr zurück können. Er will aber sicher gehen, daß wir alles finden. Die Reservierung läuft auf seinen Namen. Es gibt nur einen Wermutstropfen (in den Augen von Fumio): er hat nur für eine Nacht ein Zimmer im japanischen Stil bekommen können, die erste Nacht ist in einem westlichen Zimmer und für die dritte Nacht mußte er außerdem ein anderes Hotel (am Festland) wählen, weil dieses hier schon voll war.
Wir fahren von der Fähre (die Überfahrt dauert 10 Minuten) mit dem Kleinbus zum Hotel und Fumio regelt die Details. Es wird uns erklärt, daß wir das heiße Bad benützen können, das im Erdgeschoß ist. Es ist bis 23 Uhr offen. Frühstück ist ab 7 Uhr möglich, wir müssen aber unser Gepäck in der Früh bei der Rezeption abgeben, weil wir die zweite Nacht in einem „Japanischen Zimmer“ sein werden. Wir verabschieden uns von Fumio und Keiko, damit sie ihre letzte Fähre erreichen können.

Abend im Hotel
Unser heutiges Zimmer ist riesengroß. Das größte bisher! Und es ist ruhig hier, hier gibt es nämlich fast keine Autos. Das Zimmer Nr. 403 hat auch einen Namen: Den könnte man wie Fuyu-ao-soyogo oder Tôsei-soyogo aussprechen. Da ich die Wörter nicht im Wörterbuch finden kann, kann ich nur die Zeichenbedeutung mitteilen: Winter-Blau, soyogo bleibt unbekannt. (Vermutlich ist es ein botanischer Name, denn es sind Pflanzen abgebildet an den Türen).
Wie üblich ist ein Yukata im Zimmer, aber diesmal auch eine dunkelblaue Jacke dazu. Herbert und ich beschließen um 22.15 Uhr, das Bad aufzusuchen und gehen im Yukata hinunter. Ein Handtuch kann man sich um 72 Cent ausborgen. Wir sind fast allein, nur ein anderer Mann ist auch noch da. Ansonstens ist das „furo“ ähnlich wie jenes von Nara, nur eben viel kleiner. Es gibt nur ein Becken, vielleicht 20 m² Wasserfläche, möglicherweise auch weniger. Wir benehmen uns wie gelernt und genießen das heiße Wasser, es ist aber nicht so heiß wie in Nara. Bedienung oder Rezeption bei der Garderobe gibt es nicht. Um 23 Uhr sind wir dann im Bett. Wir haben mit Fumio ausgemacht, um 9 Uhr in Miyajimaguchi zu sein, das ist die Fährstation auf dem Festland. Miyajima heißt „Schrein-Insel“. Der Zusatz „Guchi“ heißt eigentlich Mund oder Öffnung, manchmal auch (Schalter-)Fenster und bezieht sich hier auf den Zugang zur Insel.

Beschreibung der Insel Miyajima
Während die zwei Reisenden schlafen, können die Leser sich nun mit der Insel beschäftigen.
In allen Reisebüchern und auch in Japan selbst wird die Insel Miyajima („Schreininsel“) als eine der drei schönsten landschaftlichen Punkte Japans beschrieben. Die zwei anderen sind in europäischen Augen nicht so hoch bewertet, dieser Platz aber durchaus. In meinem Führer zum Beispiel als „Juwel der Sanyô-Küste“. Das im Meer stehende zinnoberrote „Torii“ des berühmten Schreins ist schon vom Festland aus zu sehen. Es steht etwa 200 Meter vor dem eigentlichen Schrein, der auf Stelzen ins seichte Wasser gebaut ist. Natürlich ist auch die Schreinanlage selbst in diesem Orangeton gestrichen, es ist ja eine typisch japanische Farbe, die man häufig trifft. Nach einer alten Tradition darf in Miyajima weder geboren noch gestorben werden. In der Praxis heißt das, daß es keine Gebärstation und keinen Friedhof auf der Insel gibt. Der größte Teil der Insel besteht aus Wald und Bergen, nur in der Umgebung des Hafens ist eine Ortschaft. Der Autoverkehr ist stark limitiert. Die Fähre transportiert aber dennoch Autos. Vermutlich dürfen nur die Bewohner mit Autos auf die Insel.
Der Schrein heißt eigentlich Itsukushima-gû, aber jeder nennt ihn Miyajima. Die große Anlage wurde vor etwa 5 Wochen von einem Taifun stark beschädigt. Der Wiederaufbau war während unseres Besuches gerade im Gang. Der Schrein wurde im Jahr 593 erbaut. Die heutigen Gebäude stammen fast alle aus dem 16. Jahrhundert. Bei Ebbe ist die Anlage nicht so hübsch, aber dafür kann man dann zu Fuß zum großen Torii gehen. Das heutige Torii stammt von 1875 und ist 16 Meter hoch. Aber schon im 12. Jahrhundert wurde das erste Torii in der Bucht gebaut.
Hinter dem Schrein geht es gleich steil bergauf zum Misen- Berg, der 455 Meter hoch ist und mit einer Seilbahn fast bis zum Gipfel erschlossen ist. Außer dem Schrein bietet der Ort auch einen buddhistischen Wallfahrtsort mit einer langen Stiege und vielen Steinfiguren sowie eine fünfstöckige Pagode, die aus dem Jahr 1407 stammt. Ein kleinerer Schrein (Kiyomori-Schrein) befindet sich unweit des großen Schreins nahe am Ufer und bietet eine gute Gelegenheit, das Wichtige eines Schreins zu entdecken.
Unser Hotel befindet sich etwa 20 bis 25 Minuten Entfernung (zu Fuß) von der Fähre entfernt und etwa 10 Minuten vom Itsukushima-Schrein. Es liegt sehr ruhig am Waldrand.
Auf der Insel gibt es – ähnlich wie im großen Tempelpark von Nara – zahlreiche zahme Rehe, die sich beim Fährhafen sofort auf die neu angekommenen Touristen stürzen. Auf der Insel gibt es täglich zahlreiche Touristen und Schulklassen. Nicht nur Ausländer natürlich, sondern noch viel mehr Japaner. Schon um 8 Uhr sind die ersten Gruppen da. Dementsprechend viele Souvenirshops gibt es in dem Ort.
Es gibt zwei Fähren: eine JR-Fähre (die ist für uns gratis, weil wir den JR-Railpass haben) und eine private gleich daneben. Wie die beiden überleben können, interessiert mich eigentlich nicht. Der Preis ist jedenfalls ziemlich gleich. Die JR-Fähre macht bei der Hinfahrt eine kleine Kurve zum Torii hin, damit man es von einer besonderen Seite aus sehen kann.


Gast sein in Japan
Was wir heute (Freitag, 15. Oktober) und am Folgetag erleben, läßt sich nur durch die jahrelange Brieffreundschaft erklären. Wir sind überwältigt von dieser Form der Gastfreundschaft. Und wir dürfen nichts selbst bezahlen. Kein Essen, keine Fahrkarten, auch nicht Hotel und Essen.
Es gibt ein japanisches Frühstück im Speisesaal. Der Saal hat zwei Teile: einen westlichen (mit normalen Tischen) und einen japanischen Teil (mit niedrigen Tischen, an denen man auf dem erhöhten Boden sitzt). Das Frühstück besteht aus Reis, Miso, Grapefruit, Tofu und Gemüse (gekocht am Tisch auf einem Öfchen), dazu extra eine Soße, Tsukemono, eine Art Kraut, einen gebratenen Fisch und Hijiki (das ist auch eine Art Seegemüse, das ich auch schon kannte), und dazu einen schwarzen Tee. Es ist das erste Mal, daß ich hier einen Schwarztee bekomme. Es ist köstlich – muß man das noch erwähnen?
Wir geben dann unser Gepäck in der Rezeption ab, denn die nächste Nacht werden wir ein Zimmer im japanischen Stil bekommen.

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Wir gehen zu Fuß zur Fähre und brauchen etwa 30 Minuten dazu, weil wir uns Zeit lassen, das berühmte Torii fotografieren und wunderschöne Fotomotive finden. Es sind Steinlaternen am Ufer, die sich gut als Vordergrund eignen. Auch besichtigen wir den kleinen Kiyomori-Schrein. Ein einfaches, kleines, rot gestrichenes Häuschen mit den Papierstreifen davor und einem kleinen Torii nur wenige Meter vor dem Schrein-Häuschen. Der Weg entlang der Uferpromenade ist schön. Wir sehen schon zahlreiche Reisegruppen, die alle Gruppenfotos vor dem Torii machen wollen. Auch an der berühmten fünfstöckigen Pagode kommen wir vorbei. Wir erreichen die Fähre um 8.40 Uhr,

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von der Fähre aus haben wir diesen traumhaften Blick auf das Torii. In Miyajima-guchi werden wir von Fumio schon erwartet.

Straßenbahnen und "Atomic dome" (Genbaku-dômu)
Fumio schlägt vor, für die Fahrt in die Stadt Hiroshima die Straßenbahn zu wählen. Die Gesellschaft heißt Hiroden, das ist natürlich eine Abkürzung für Hiroshima dentetsu, also „Hiroshima elektrische Bahn“. Wir warten auf einen Combino, ein Typ, der in Europa gebaut wurde und uns heimische Gefühle beschert.

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Ein Combino-Typ in der Endstation Miyajima-guchi.

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Es gibt aber eine Fülle von anderen Typen hier, auch der Anstrich ist nicht einheitlich.

Zunächst fährt die Linie neben der Straße auf einem eigenen Bahnkörper, ähnlich wie die Badner Bahn in Wien. Dann wechselt sie auf das Straßennetz. Die Fahrzeit ist nur wenig länger als mit der JR-Linie. Aber wir sind auf diese Weise schneller beim „Atomic dome“.

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Auf diesem Foto sieht man durch das Denkmal hindurch die Ruine der ehemaligen Industrie- und Handelskammer. 1914 wurde sie nach Entwürfen der österreichischen Architekten Hova und Letzel errichtet. Etwa 580 Meter oberhalb des Gebäudes explodierte am 6. August 1945 um 8.15 Uhr die erste Atombombe im Zweiten Weltkrieg. Die 400 Menschen, die im Gebäude waren, waren sofort tot. Die verdrehten Stahlträger und klaffenden Löcher, die Ruine des Gebäudes und die Trümmerhaufen wurden von der UNESCO zum historsichen Weltkulturerbe ernannt. Außer diesem Gebäude blieben nur wenige andere – auch aus Stahlbeton – als Ruinen stehen, alle hölzernen Gebäude – damals die große Mehrzahl – wurden vom Feuersturm (innerhalb von Zehntelsekunden erreichte die Temperatur im Stadtzentrum unvorstellbare 4000 Grad) sofort hinweggefegt, verglühten und verbrannten. Zehntausende Menschen waren sofort tot. Weitere 200.000 starben in den folgenden Jahren an den Folgen. Das Gebäude heißt heute „Atomic dome“.

Über eine Brücke erreichen wir ein Gebiet zwischen zwei Flußarmen; hier ist das Delta des Ôta-Flusses. Der frühere Stadtteil (vor dem Krieg) wurde hier nicht wieder aufgebaut, sondern ein großer Park zum Gedenken an den Atombombenabwurf angelegt. Ursprünglich dachte man, dieser Ort wäre für Jahrzehnte unbewohnbar, doch zeigte sich nach wenigen Monaten, daß Bäume wieder austrieben. Ein Baum von damals ist noch heute zu sehen, ein Teil ist noch immer verbrannt, aber er hat neu ausgetrieben. Das hat die Menschen damals ermutigt, ihre Stadt wieder aufzubauen. Heute erinnert nichts mehr an die Katastrophe – außer natürlich dieser Gedächtnispark. Es gibt einige Monumente, darunter das berühmte Kinder-Friedensmonument, das ein Mädchen mit ausgestreckten Armen darstellt, darüber ein Kranich (Symbol für langes Leben und Glück). Das Denkmal erinnert an das Schicksal eines Mädchens, das dachte, durch das Falten von 1000 Papierkranichen (Origami – Papierfaltkunst) gesund zu werden. Das Kind starb, aber Schulkinder aus ganz Japan schicken immer wieder neue Kraniche, die das Mahnmal schmücken. Eine Friedensflamme in der Nähe brennt so lange, bis es auf der Erde keine Atomwaffen mehr gibt. Quer über den Park hinweg steht das Peace Memorial Museum, ein Brückenbau. Dieses Museum besuchen wir.

Das Friedens-Gedenk-Museum
Und ich staune nicht schlecht, daß es hier – erstmals in Japan – Führer in verschiedenen Sprachen gibt. Darunter auch in Deutsch. Wir bekommen einen Kopfhörer, mit dem man bei den verschiedenen Ausstellungsstücken eine Information abhören kann. Wir lassen uns Zeit – denn Fumio betont mehrmals, daß wir uns Zeit lassen sollen. Er wird uns beim Ausgang erwarten. Am meisten beeindruckt mich das Modell der Stadt – zweifach angefertigt. Einmal um 8:10 Uhr und einmal und 8:20 Uhr – sozusagen. Also vor und nach der Bombe. Es macht deutlich, was damals angerichtet wurde. Auch andere Ausstellungsstücke sind beeindruckend: Verschiedene Modelle, wie die Menschen in der Nähe durch den Feuersturm verunstaltet waren, Fotos aus Krankenlagern, authentische Berichte von Augenzeugen. Auch die Stufen zu einer Bank, die den schwarzen Schatten eines Mannes zeigen, der dort zum Zeitpunkt des Bombenabwurfs gesessen war, wurden wieder aufgebaut. Der Mann wurde dort verbrannt, verschmort, zerstäubt. Aber der Schatten blieb bestehen. Auch wissenschaftliche Abhandlungen gibt es. Jedenfalls ist alles sehr beeindruckend und man vergißt die Zeit.
Unser nächstes Ziel ist ein japanischer Garten. Wir spazieren zu Fuß dorthin, teilweise durch Nebenstraßen, teilweise entlang einer Straßenbahnlinie, auf der noch recht alte Wagen fahren.


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Auf dem Weg zum Garten können wir mehrere Straßenbahnaufnahmen machen.

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Ein älteres Modell, möglicherweise ein Geschenk an Hiroshima nach dem Krieg.

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Dieser Wagen ist ein Geschenk von Ôsaka zum Wiederaufbau nach dem Krieg. Bemerkenswert ist der eigenartigen Stromabnehmer.

Shukkei-en heißt der Park, für den wir Eintritt zahlen müssen, wie für alle japanischen Gärten. Was heißt wir? Fumio zahlt natürlich. Wir machen einen Rundgang, es gibt einige sehr hübsche Plätze, einen Teich, zehn kleine Inseln, viele Brücken, interessante Bäume und Sträucher. Auch ein kleiner Tempel ist im Dickicht verborgen. Hohe Bambusbäume stehen in einem Teil des Parks. Nach diesem Rundgang gehen wir zum nahen Bahnhof, um etwas zu essen.

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Und plötzlich staunen wir nicht schlecht als wir lesen: „Backen Mozart“. Obwohl ich jede Konditorei gerne stürme, habe ich hier absolut keine Lust, mir auch nur näher anzusehen, was es hier gibt. Zu aufgesetzt kommt es mir vor. Abgesehen davon, daß der Ausdruck „Backen Mozart“ keine grammatikalisch richtige deutsche Bedeutung hat, wundert sich Fumio, daß wir das nicht kennen. Er dachte wohl, das sei eine österreichische Firma. Im weißen Feld der roten Tafel rechts steht übrigens auf Deutsch geschrieben: „Backen, nur mit Naturerzeugnissen, macht Freude!“ Das gleiche steht dann auch auf Japanisch darunter.
Beim Bahnhof machen wir bei der Endstation der Straßenbahn eine Pause, um einige Fotos von den zahlreichen Typen der Straßenbahn machen zu können. Fumio ist sehr geduldig und gibt uns Tipps.

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Vollwerbung, wie häufig üblich – aber auch ein typisch japanischer (=kurzer) Triebwagen.

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Ein Wagen aus Ôsaka im Stockgleis am Hauptbahnhof.

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Grün ist die Hausfarbe der Straßenbahnen Hiroshimas. Dieser hier sieht eurpäischen Typen sehr ähnlich.

Wieder zurück zur Insel Miyajima
Der Rest des Berichtes ist wieder im off-Bahn-Bereich angesiedelt.
Im Bahnhof suchen wir uns nun ein Lokal zum Mittagessen. Ich wähle etwas aus, dessen Namen ich mir nicht notiert habe. Es sind jedenfalls Austern in einem Backteig. Dazu gibt es so etwas wie Chinakohl und Soße und natürlich Reis. 5,50 Euro kostet das Gericht, bezahlen darf ich es natürlich nicht. Jedenfalls ist es sehr gut und wir nehmen den nächsten Regionalzug nach Miyajimaguchi, um mit Keiko und Teruko auf die Insel Miyajima hinüberzufahren. Wir haben zwar schon dort geschlafen, aber gesehen haben wir – außer dem ersten Eindruck auf dem Weg zur Fähre heute Morgen – noch nicht viel.
Wir fahren also, nachdem wir Keiko und Teruko getroffen haben, mit der Fähre hinüber auf die Insel. Zunächst suchen wir ein kleines Lokal, wo wir Tee und Kuchen zu uns nehmen. Wir treffen eine nette, freundliche Verkäuferin, und Teruko erzählt einiges über uns europäische Besucher. Wir bekommen dann „matcha“, das ist dieser grüne (pulverisierte) Tee, der mit einem Schneebesen gequirlt wird und ganz dunkelgrün und undurchsitig ist (KÖÖÖSTLICH!!). Dazu gibt es einen Kuchen in Form eines Momiji-Blattes, also eines Ahornblattes. Er ist dunkelbraun, wie ein Kakaokuchen, allerdings viel kleiner als bei uns Kuchenstücke sind. Und gefüllt mit Bohnenmus natürlich. Es gibt aber auch andere Füllungen wie Schokolade, Cream, Tee. Wir bekommen als Geschenk des Hauses einige Kekse und Kuchen mit, einfach so, weil wir Gäste von so weit sind. Dann gehen wir den berühmten Schrein besuchen. Keiko und Teruko begleiten uns dabei aber nicht. Sie gehen langsamer als wir spazieren und kehren dann zurück aufs Festland.

Itsukushima-Schrein
Über die Geschichte des Schreins habe ich schon berichtet. An dieser Stelle noch einmal zur Erklärung: ein Schrein ist ein Heiligtum des Shintoismus (Bei den Buddhisten heißt das Tempel). Bevor wir den Schrein betreten, gehen wir zum Torii, das wegen der Ebbe im Augenblick zu Fuß erreichbar ist. Wir spazieren durch den Schlick und staunen nicht schlecht, wie massiv und groß das Torii ist. Immerhin ist es 16 m hoch. Das merkt man erst, wenn man davor steht. Am Ufer sieht man Leute, die Muscheln suchen. Direkt beim Torii ist es nämlich verboten. Wir müssen manchmal Wasserläufe überspringen, damit wir nicht naß werden. Dann gelangen wir zum Eingang des Schreins.
Wir betreten ihn durch den Besuchereingang und gehen immer unter Dach, durch eine Art Säulengänge. Alles ist in orangerot lackiert. Wir sehen Fotos, die die Zerstörung durch den Taifun im September zeigen und natürlich auch die Renovierungsarbeiten an dem der See zugewandten Seite. Die Gebetshalle ist aber unversehrt. In einem Nebenraum sehen wir eine Reihe von Priestern warten, als ob sie bald zu einer Prozession aufbrechen würden. Sie sind in schöne Gewänder gekleidet, die vom Schnitt her aufwendig aussehen, aber vom Stoff eher schlicht wirken. Hier ist die Farbe Kennzeichen für den Rang. Fumio erklärt uns, daß dunkles violett den höchsten Priester kennzeichnet. Die meisten haben den hellblauen Farbton, der in Japan „wasser-farben“ heißt. Nur ein „Rock“ hat übrigens diese Farbe, der Rest des Gewandes ist weiß. Auch eine Kopfbedeckung wird verwendet.

Nun, wir haben keine Zeit, um zu warten bis und ob da etwas los ist. Wir sehen auch einen anderen Priester herbeikommen. Wie ich erfahre, sind diese Priester verheiratet und haben Familie und üben den Priesterberuf aus, wie anderen einen Beruf haben. Ich bin aber nicht sicher, ob ich wirklich alle Informationen, die ich eigentlich wissen will, erhalten habe. Wir gehen dann weiter und kommen zur Gebetshalle und der dahinterliegenden Haupthalle. Hier sehen wir gerade eine religiöse Handlung. Zwei Frauen sitzen auf ihren Fersen, weit nach vor verneigt. Rechts weiter vorne ein Priester, ebenso am Boden kauernd. Dieser Priester steht dann auf und nimmt den Wedel. Wie soll ich den Wedel beschreiben? Es ist ein Stab, darauf lauter Papierstreifen, aber so viele, daß es wie ein Staubwedel aussieht. Mit diesem Wedel bewegt er sich ein paar mal über die Köpfer der da knienenden Frauen, dann geht er vor, wedelt noch ein paar mal herum. Wir verlassen dann diese Halle und gehen weiter durch die Gänge. Auch einige Frauen in hübschen (priesterartigen) Gewändern haben wir gesehen, sie haben rote Röcke, die Überkleidung ist aber auch weiß. Es sind Schrein-Dienerinnen. Also so eine Art Angestellte. Sie nehmen Geldopfer entgegen oder richten Dinge für eine Zeremonie her. Beim Ausgang fällt mir ein Schild auf, des über dem Gang befestigt ist. Eines in mäßigem Englisch, es ersucht die Besucher, hier nicht hineinzugehen, sondern den richtigen Eingang zu benutzen. Das japanische Schild hingegen ist dreimal höflicher abgefaßt. Man müßte es wohl so ähnlich übersetzen wie: „Die werten Besucher werden höflichst ersucht, den Schrein beim Haupteingang zu betreten, da es sich hier um den Schreinausgang handelt…“ Fumio klärt uns auch darüber auf, daß in Japan fast nirgends strikte Verbote gefordert werden. Immer wird nur höflichst gebeten, etwas zu tun oder zu unterlassen oder so ähnlich. Die Sprache bietet ja eine Fülle von Höflichkeitsformeln. Alleine den Satz „Bitte setzen Sie sich“ können sie auf wenigstens sechs Arten sagen. Bei uns werden nur zwei Arten verwendet, neben der erwähnten noch „Setz Dich“. Wir können höchstens noch Zusatzwörter verwenden, so wie „Würden Sie so freundlich sein, sich niederzusetzen zu geruhen“. Naja. Auf Japanisch kann man sagen:
suwaro (einfache Befehlsform: auf Aufschriften, im Familienkreis, in Sprichwörtern)
(o-)suwari (freundlicher Befehl: nahe- oder tieferstehenden Personen gegenüber)
(o-)suwarinasai (höflicher Befehl, schon etwas formeller: nahe- oder tieferstehenden Personen gegenüber)
(o-)suwatte kudasai (höfliche Aufforderung oder Bitte, wenn man sozusagen „per Sie“ ist)
osuwari kudasai (höfliche Aufforderung oder Bitte)
Suwatte kure (Bitte an eine nahe- oder tieferstehende Person)
Die Formen mit „o-“ sind jeweils noch höflicher als ohne „o-“. Und das sind alles grammatikalisch unterschiedliche Formen, nicht etwa höfliche Zusatzwörter (außer o). Aber mit diesen Feinheiten der Sprache beschäftige ich mich kaum. Ich nehme immer die vierte Form von oben. Und wer weiß, es gibt vielleicht noch mehr Formen….

Daisho-in (Daisho-Tempel)
Unser nächstes Ziel ist ein buddhistischer Tempel. Er liegt nur unweit des Schreins, die dazugehörige hohe Pagode haben wir schon von Ferne gesehen. Das ist hier eine Art Wallfahrtsort. Eine lange Steintreppe führt hinter einem großen hölzernen Tor mit zwei Wächterfiguren auf eine erhöhte Plattform, wo es mehrere Tempelgebäude gibt. Schon neben den Stufen stehen viele kleine Gottheiten aus Stein, im Stiegengeländer sind Messingtrommeln, die sozusagen von selbst beten, wenn man sie dreht. Oben gibt es weitere Steinfiguren, es sind diese kleinen Kindern gewidmeten Gottheiten, die mit roten Lätzchen geschmückt sind. Mit Schöpfkellen aus Bambus schütten die Leute Wasser über diese Figuren, wenn sie für gestorbene Kinder beten. Fumio erklärt uns vieles, aber ich merke mir nicht alles.
Schließlich verabschiedet er sich für heute. Es ist schon 17 Uhr vorbei und wir kommen unten nicht mehr aus dem Tempelbereich heraus, weil schon geschlossen ist. Das haben wir übersehen. Also nimmt Fumio einen Weg durch einen defekten Zaunabschnitt in den Wald hinaus und wir gehen neben einem Bach hinuter zur Straße, sozusagen über Stock und Stein. Während Fumio zur Fähre geht, gehen wir zu unserem Hotel. Heute erwartet uns noch etwas ganz Außergewöhnliches: ein Zimmer im japanischen Stil. Und das mit allem, was dazugehört.

Das japanische Zimmer
An der Rezeption erhalten wir unser Gepäck und den Schlüssel für unser neues Zimmer. Wir werden gefragt, wann wir Abendessen wollen, und da es gerade gegen 18 Uhr geht, sagen wir um 19 Uhr. Auf die Frage, wo wir essen werden, kommt als Antwort „o-heya ni“, also „in Ihrem Zimmer“. Eigentlich wußte ich das ja. Auf japanischen Zimmern wird das Essen immer im Zimmer serviert. Wenn man fertig ist, ruft man an, daß das Geschirr abholbereit ist.


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Das Zimmer ist ein Traum. Es ist acht Tatami groß. Ein Tatami ist 90x180 cm groß. Solche Matten werden in Japan für die Flächenbezeichnung verwendet. Die Größen sind genormt. Die Anordnung einer 8-Matten-Fläche ist auch genormt. In der Mitte des Raumes steht ein Tisch, ganz niedrig, an beiden Seiten sind Sitzflächen mit Lehnen. Sieht aus wie Stühle ohne Beine. Und dazu auch noch je ein Sitzpolster. Ich bin froh, daß ich mich anlehnen kann, denn ohne Lehne bekomme ich sofort Kreuzschmerzen. Die Bettwäsche und die Futon (Matratzen) liegen im Schrank. Das Zimmer hat eine Art Vorraum, der aus etwa einem Quadratmeter Fußboden besteht, wo man seine Schuhe läßt (oder in den Schrank stellt). Dann steigt man eine niedrige Stufe hoch und befindet sich dann im Vorzimmer. Hier ist rechts eine Nische mit Waschmuschel und links die Türe zum Klo (westlich, aber mit den in Japan üblichen Toilettenpantoffeln). – In japanischen Wohnungen stehen vor der Klotüre Patschen, die man anzieht, wenn man das Klo betritt. Nur betrunkene latschen dann mit diesen Patschen auch ins Zimmer zurück! Normalerweise geht man in Socken in der Wohnung umher – oder mit anderen Hausschuhen. Das Bad ist an der anderen Seite durch eine Tür erreichbar. Der Fußboden ist hier aus Holz. Der Schrank für die Bettwäsche oder auch für Kleider ist auch in diesem Vorraum. Hinter einer Schiebetür beginnt dann das eigentliche 8-Matten-Zimmer.
An der rechten Seite ist ein kleines Fenster, man kann nur hinaussehen, wenn man die Papier-Schiebetür beiseite schiebt. Ein Shôji ist eine Gitterkonstruktion aus Holz, die freien Flächen zwischen den Gittern werden mit durchsichtigem Papier bespannt. Davor liegen zwei Schachteln am Boden, da sind die Yukata drin und die Jacken. Auch eine Blumenvase mit frischen Blumen steht an der Wand rechts. Und ein kleiner Schrank mit Fernseher und Teekocher.
Vorne blickt man zum großen Fenster. Eine Art Terrasse oder Fenster-Raum befindet sich hinter einer weiteren Papier-Schiebetür. In diesem kleinen Raum (zwei Tatami groß?) sind ein Tisch und zwei Lehnsessel (normale). Die ganze Zimmerbreite ist vom Fenster ausgefüllt. Nur eine Scheibe, in einem Metallrahmen. Schiebefenster, so wie hier meist üblich. Und ein traumhafter Ausblick auf die Hauptinsel Honshû gegenüber, 2 km entfernt, also auch auf das Binnenmeer. Wir ziehen uns aus und die Yukata an. Sie sind wirklich bequem, immerhin sind wir müde, etwas verschwitzt, und die Baumwollkleidung ist sehr angenehm zu tragen. Wir verwenden die Zeit bis zum Essen mit Tagebuchschreiben und anderen Kleinigkeiten. Es ist die einzige Nacht in Japan, die wir in so einem Zimmer verbringen.

Das Essen
Meiner Meinung nach war es das tollste Essen, das wir in Japan genossen haben. Vermutlich wegen des Ambientes. Bei Fumio war es ja auch toll, aber dort war es im Rahmen der Familie, hier aber im Hotelzimmer, in typisch japanischem Umfeld. Pünktlich um sieben läutet es an der Türe: „hai, dôzo“ antworte ich laut (Ja, bitte). Dann kommt eine Serviererin mit ihrem Wagen. Sie trägt zwei Tabletts ins Zimmer. Wir sitzen bereits am Tisch. Der Anblick läßt mir fast die Sinne schwinden. Einfach phantastisch. Nicht weniger als 15 Schüsseln, Schälchen und Tassen zähle ich. In Japan ißt man ja nicht in einer festgelegten Reihenfolge, sondern einfach von überall. Also, was war da alles drauf?


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Obere Reihe:
1: Auf einem kleinen Öfchen eine kleine Schale wie eine Pfanne. Die Serviererin zündet die würfelförmige Kohle an, das Gericht in dem Teller wird dadurch gebraten. Es besteht aus Ebi (Garnele), Broccoli, Karotte, Pilz, etwas kohlartiges, anderes Gemüse.
2: Eine gedeckte Schale mit kaltem Gemüse, Satsuma-imo (Süßkartoffel), Ebi, etwas, das wie Pilze aussieht, aber die Konsistenz einer Kartoffel hat. Grüne Erbsenschoten, etwas wie Melanzani.
3: Eine Schale mit einer Art Paprikaschote, ein Fischkopf, panierte Stücke von Fisch, eine scharfe organgefarbene Pasta.
4: Eine Schale Sashimi (roher Fisch), drei Arten, dazu Wasabi, Kresse, Gemüse wie eine Blume geschnitten, nudelig geschnittener weißer Rettich, ein Blatt als Dekor.
Mittlere Reihe:
5: Eine Schale mit einem Dip für den Salat (Dip ist eine Flüssigkeit zum Eintunken)
6: Eine Schale mit Salat, ähnlich wie bei uns, mit einem orangen Dressing (Blattsalate und Tomaten)
7: Eine zugedeckte schale Reis.
8: Eine Schale mit einem hellen Dip, vermutlich für das Tenpura.
9: Eine Schale Sojasoße.
Untere Reihe:
10: Chawanmushi. Übersetzt etwa Teeschalen-Dampf. Es ist ein Eiergericht, ursprünglich ein Restl-Essen. Man nimmt eine Suppe, gibt die Reste von Fisch, Gemüse und ähnlichem hinein, gibt Eier dazu und läßt das ganze im Wasserbad steif werden. Die Konsistenz ist dann wie Pudding – durch die Eier. Daher liegt ein Löffel daneben zum Essen. Mit den Stäbchen würde das nicht gehen.
11: Ein dekorativer rechteckiger Teller mit Lotoswurzelgemüse, rohem Oktopus, bunten Streifen von anderem Gemüse.
12: Ein rechteckiger Teller mit drei Dingen: Links ein Mini-Fisch, in der Mitte zerschnitten, kreuzweise die zwei Teile übereinander gelegt. Vermutlich in Soyasoße geschmort. In der Mitte ein Bastkörbchen mit verschiedenen Sachen drin, darunter etwas grünes wie zwei Kirschkerne groß, an Stengeln wie ein Paar Kirschen (das sind Gingko-Nüßchen). Ein Ebi (kleine Garnele). Etwas wie Chips. Rechts etwas, was ich nicht erklären kann. Gemüse vermutlich.
13: Ein kustvoll geschnittenes oranges Etwas, vermutlich Gemüse. Dazu weißes Gemüse, vielleicht auch aus Pilzen, das ganze in einer klaren, warmen Brühe.
14: Eine Schale mit orangefarbenem Fischrogen auf einer Gurkenscheibe, die auf einem Art Puddingwürfel (vielleicht Tofu) liegt, das ganze in einer kalten Suppe. Aber der Tofuwürfel schaut oben aus der Suppe raus.
Ganz unten:
15: Ein Teller mit Tsukemono (eingelegtem Gemüse). Rettich, Grünzeug, Baby-Fisch (winzig kleine Fischchen, nur Millimeter groß.

Dazu natürlich die Eßstäbchen und diesmal fehlt ausnahmsweise der Zahnstocher. Ach ja, ein Wasserglas ist auch dabei. Wir machen uns natürlich einen Tee.
Das Essen ist einfach köstlich. Es dauert natürlich lang, weil man alles so mit Genuß und Gefühl essen muß. So schön, wie das alles aussieht, kann man gar nicht schnell essen – obwohl ich trotzdem schneller esse als Herbert – wie üblich.

Spaziergang mit Geta und Yukata und Haori
Nach dem Essen, das wir mit Tee und Keks abschließen, beschließen wir, den Yukata auszuführen. Das heißt also, wir machen einen Spaziergang mit dem traditionellen Gewand, das wir im Zimmer vorgefunden haben und mit dem wir sowieso schon bekleidet sind. Drüber ziehen wir die Jacke an, die Haori heißt, und beim Ausgang wechseln wir unsere Hausschlapfen mit den dort bereitliegenden Geta, das sind Holzsandalen. Nun, Sandalen ist vielleicht nicht der treffende Ausdruck. Es sind also Holzsohlen, die oben mit einem Riemen versehen sind, damit der Fuß Halt hat. Die Sohle ist aber das Besondere: sie besteht aus zwei Holzstücken oder –leisten, das heißt, beim Gehen klappert man. Beim Auftreten ist die hintere Leiste am Boden, beim Abrollen wechselt man zur vorderen Leiste. Jedenfalls ist das System nicht schlecht. Man kann gehen. Schlecht ist nur die Kleinheit dieser Sandalen. Die Fersen hängen hinten raus. Naja, wir wollten es probieren, denn wir wurden sogar dazu ermuntert! Nicht nur im Reiseführer, auch vom Hotel-Rezeptionisten! Es war jedenfalls recht angenehm, draußen herumzuspazieren und die Ruhe zu genießen. Nach einem kleinen Rundgang besuchten wir wieder das Bad. Und wieder wird uns nicht ganz klar, warum sich die Japaner auch NACH dem Bad nochmals waschen (mit Seife und Shampoo). Um etwa 21 Uhr sind wir dann wieder in unserem Zimmer, trinken nochmals Tee und richten unsere Futons her, also die Matratzen.
Im Fernseher sehen wir schließlich, daß der Taifun Nr. 23 im Anzug ist. Er betrifft aber nicht uns, sondern nur Okinawa. Unnötig zu erwähnen, daß wir gut schlafen. Wir sind es ja von Roppongi schon gewohnt gewesen, auf dem Boden zu schlafen. Auch dort waren Futons aufgebreitet!



Fortsetzung Teil9: [www.drehscheibe-foren.de]



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