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[JP] Reisebericht Japanreise 2004 (4) - (42B)

geschrieben von: tokkyuu

Datum: 16.09.07 20:30

Hier ist der vierte Teil des Reiseberichtes meiner dreiwöchigen Japanreise von 2004 (mit Japan Rail Pass). Insgesamt gibt es 13 Teile. Wie schon einmal erwähnt, sind auch viele Beschreibungen zu Nicht-Bahn-Themen enthalten. Die Bilder stammen von gescannten Dias, daher ist die Qualität nicht so besonders. Dafür sieht man von dort selten solche Bilder. Ich bitte also um Nachsicht. Noch eine kurze Erklärung zu den Buchstaben ô und û: das sind lange Vokale, man könnte also auch oo oder uu schreiben.

Japanisches Businessmen-Frühstück
Wir schreiben den 7. Oktober. Schon am Vorabend hat man uns bei der Rezeption mitgeteilt, daß man auch ein Frühstück haben kann, das im Zimmerpreis inkludiert ist. Alledings muß man rechtzeitig da sein, denn es gibt nur Frühstück, solange der Vorrat reicht. Gleich hier unten in der Lobby. Da wir ja den Tag nützen wollen und unser Zug, den wir nehmen wollen, um 8 Uhr abfährt, ist es also nicht schwer, um 7 beim Frühstück zu sein. Die Sonne scheint hell und freundlich und wir sind neugierig, was für ein Frühstück es geben wird.
Wir sind umgeben von japanischen Salarymen, wie sie hier heißen, eigentlich „Sarariimen“ geschrieben. Das sind also die Geschäftsreisenden die hier nächtigten und jetzt, bewaffnet mit einer Zeitung, auch frühstücken. Alle haben sie die hoteleigenen Schlappen an, teilweise die Krawatte noch nicht gebunden. Es gibt grünen Tee, Reis (Nigiri), eine Miso-Suppe und Pickles. Das ist das eingelegte Gemüse, leicht säuerlich, und es fehlt bei keiner Mahlzeit. Auch Umeboshi gibt es, das sind diese getrockneten, gesäuerten Pflaumen, rötlich und so klein wie etwa eine Kirsche. Nach dem Frühstück begeben wir uns zum Bahnhof, es herrscht traumhaftes, strahlendes Wetter. Unser Ziel ist heute ein nichtssagendes Dorf. Mir ging es darum, irgendwo in die Berglandschaft Hokkaidôs zu fahren, wo eigentlich „nichts“ los ist. Wozu wieder eine Stadt aufsuchen? Und einen Vulkan zu besuchen ging sich zeitlich nicht gut aus und ich konnte auch keine guten Informationen bekommen.
Um 8.02 Uhr fährt unser Zug – ein Neigezug Baureihe kiha 283 – ab. Gestern hab ich hier schon so viel fotografiert, daß ich mich heute nicht damit aufhalten muß. Der Zug (ganz in blau) sieht außen wie innen ganz toll aus und fährt sehr ruhig. Die LED-Anzeigen informieren über die nächsten Halte und allerlei andere Dinge. Die Landschaft wird ab Yûbari traumhaft schön. Bisher waren wir noch im Einzugsgebiet der Großstadt, aber jetzt kommen wir ins Gebirge, das ist jedoch nicht wie auf Honshû, sondern eher wie in Europa. Das haben mir schon die Kobayashis erzählt, daß Hokkaidô eine ähnliche Landschaft wie Europa hat. In Yûbari steigen übrigens einige deutsche Eisenbahnfans aus, die es auf die hier abzweigende Nebenbahn abgesehen haben. Wäre wohl auch ein lohnendes Ziel gewesen, die Bahn war eine Kohlenbahn. Aber wer wußte das schon? Es sind übrigens die einzigen Ausländer, die wir so bewußt wahrnehmen.
Wir schwingen uns durch Kurven und Tunnels immer höher hinauf, um schließlich in Serpentinen nach Shintoku hinabzugelangen, ein Abzweigbahnhof, dessen Bedeutung sicherlich nur in dieser Tatsache begründet ist. Der Ort ist ziemlich klein, aber er sieht aus wie ein europäischer Ort. Kleine Häuser, nicht im Stil der bisher gewohnten Landhäuser auf Honshû. Es gibt hier auch schon mehr Herbstfarben, gelbe und sogar schon ein wenig rotgefärbte Blätter. Rote Ahornblätter sind das Um und Auf der Japaner bei der Suche nach dem Herbst. Da geraten alle in Entzückung. Die Ahornblätter sind hier aber sehr klein, eine eigene Gattung also. Auch Schigebiete gibt es hier. Im Winter muß es viel Schnee hier geben, denn einige Weichenabschnitte bei manchen Stationen auf dem Berg sind mit Bretter-Tunnels eingehaust.

Aufenthalt in einem kleinen Ort
In Shintoku haben wir einigen Aufenthalt, denn wir wollen mit einer Nebenbahn zu einem kleinen Dorf in den Bergen fahren. Und Shintoku gefällt mir auch irgendwie. Man ist so richtig abseits der Menschenmassen und natürlich abseits jeglicher Touristenpfade. Der Bahnhof hat drei Bahnsteige, daneben noch einige Gleise, denn hier enden einige Regionalzüge.

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Die zugehörigen Triebwagen der Reihe kiha 40 stehen hier herum, im Hokkaidô-Lack gestrichen, das ist eine Art helles Grauweiß mit einer grünen Linie unterhalb der Fenster. Die Baureihengruppe kiha 40/47/48 wurde in etwa 1000 Exemplaren (Einzeltriebwagen) ab 1976 gebaut. Die Bauarten untescheiden sich in der Anordnung der Führerstände (beidseitig oder einseitig) sowie in der Ausrüstung für kalte oder warme Gegenden. Die einmotorigen Triebwagen erreichen 95 km/h.

Wir machen einen Spaziergang zu einem Bahnübergang. Am Weg dorthin kommen wir bei einem kleinen Supermarkt vorbei und ich nütze die Gunst der Stunde und schaue hinein, kaufe einiges ein: Trinken, Mikan (Mandarinen), Süßigkeiten, Knabbereien. Endlich kann ich mal in Ruhe schauen, was es alles so gibt und was es kostet. Natürlich erkenne ich trotzdem nicht alles. Aber alleine die Gemüsevitrine ist sehenswert. Beim Bahnübergang warten wir auf zwei Züge, unterdessen machen wir Picknick und essen von dem Gekauften. Dann kann ich einige gute Bilder machen:

http://schienenfahrzeuge.netshadow.at/bahngalerie17_500/2006_sg_01_109.jpg
Diesen kiha 40 (one man-Regionalzug) konnte ich als erstes fotografieren. Im Hintergrund sind schöne Herbstfarben zu sehen, wie sie im Süden noch nicht zu beobachten sind. Herbst ist in Japan etwas später als bei uns. Das Bild zeigt das typische Aussehen vieler Lokalbahn-Dieseltriebwagen, sie sehen sich alle ein bißchen ähnlich. Auch die Stirnfront von Elektrotriebwagen sieht sehr ähnlich aus. Die Fenster sind zu öffnen, aber hier ist der untere Teil des Halbfensters nach oben zu schieben.

http://schienenfahrzeuge.netshadow.at/bahngalerie17_500/2006_sg_01_110.jpg
Aber eigentlich habe ich auf diesen Zug gewartet, ich konnte also eines der wenigen Landschaftsbilder außerhalb von Bahnhöfen machen. Der kiha 283 fährt als „Super-Tokachi“ Richtung Sapporo. Es ist ein Nachschuß, aber das kann man schwer erkennen. Mit so einem Zug sind wir auch hierhergekommen.

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Ein späteres Bild zeigt einen ankommenden Zug der gleichen Bauart. Hier erkennt man die Lackierung der Türbereiche besser.

Auch die Häuser sehen hier etwas anders aus als im Großraum Tôkyô. Auf dem Bahnhof deutet mir der Beamte an der Sperre (gibt es in Japan eigentlich Bahn„beamte“?) und meint, mein Freund sei schon auf dem Bahnsteig, der Zug fahre von Gleis soundso ab. Ich bin überrascht! Sowas nenn ich Aufmerksamkeit! Hätte ich nicht erwartet! Wir sind hier als Europäer natürlich sofort erkennbar. So oft kommt hier kein Ausländer her! Übrigens ist selbst auf diesem kleinen Bahnhof der Bahnsteig durch Absperrung gesichert, man muß durch eine Sperre (Fahrkartenkontrolle) durchgehen.

Echte Lokalbahn: Ein noch kleineres Nest
Unser nächstes Ziel heißt Kanayama. Das Dorf hab ich in einer Landkarte ausgesucht. Ich wollte ein „no-name-Plätzchen“ besuchen, wo kein normaler Mensch hinfahren würde. Irgendwo an einer Lokalbahn mit wenig Verkehr. Mitten im Gebirge. Naja, Hochgebirge ist es nicht. Der kiha 40-Triebwagen gefällt mir, es ist ein typisches Lokalbahn-Erlebnis, das wir nun haben. Das finde ich interessant. Der Zug fährt ohne Schaffner, das heißt, wir dürfen nur vorne aussteigen und müssen dem Fahrer dann unsere Fahrkarte vorweisen. Die Fahrt geht wieder über die Serpentinen den Berg hinauf, über den wir gekommen sind. kurz vor einem Tunnel ist die Abzweigung von der Hauptstrecke nach rechts. Die Landschaft wird hübscher. Die Fahrt dauert etwa eine Stunde. Und in Kanayama haben wir dann fast drei Stunden Aufenthalt.

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Hier sieht man die Station. Unser Zug entfernt sich gerade. Der Platz trifft genau meine Erwartungen: es ist eine unbesetzte Haltestelle, klein, unscheinbar, richtig Provinz. Genauso hatte ich es mir gewünscht. Es wird vermutlich die einzige derartige Station bei unserer ganzen Reise sein – das wird sich auch (fast) bestätigen. Wir gehen nun ohne richtiges Ziel die Straße entlang zum Bahnschranken und dann in Richtung eines Stausees (den wir aber nicht erreichen). Die Ortschaft ist wirklich klein. Die Häuser unscheinbar, aber allem Anschein nach aus Ziegeln und nicht aus Holz gebaut. Wir verlassen schließlich die Ortschaft und kommen zu einer Abzweigung, wir wählen den Weg auf einen Hügel – und kommen zu einem Bauernhof mit Rindern! Toll!! Sowas hatte ich nicht erwartet. Das Haus ist recht groß, sieht nicht wie ein Bauernhaus aus. Die Stallungen bestehen aus mehreren runden Wellblechgebäuden.

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Zu sehen sind auf dem Bild die Wellblech-Stallgebäude und die Berglandschaft. Das Wohnhaus ist nicht zu sehen. Sieht eher amerikanisch aus. Wir sehen auch einige Kühe, Melkmaschinen usw. Werbung für Milch sieht man ja häufig in Japan. Milch wurde erst durch die westlichen Kontakte bekannt. Sie wird als gesundes Getränk angepriesen. Wir gehen dann weiter und kommen zu einem Wald, der Asphalt hört auf, eine Schranke versperrt den Weg. Es gibt hier mehrere Schilder, eine Fahne, allerlei Informationstafeln, die ich natürlich nicht alle verstehe. Ich kann soviel verstehen, daß man mit Feuer achtgeben soll und daß man nicht vom Weg abweichen soll, weil es hier Bären gibt, die gefährlich werden können. Na, das sind die kleinen japanischen Schwarzbären, die ich vom Tiergarten Schönbrunn (in Wien) kenne. Da ist es wohl besser, wir drehen um.
Das Hatschen ist zwar ermüdend, aber trotzdem bin ich zutiefst befriedigt, so richtig „Land“ kennengelernt zu haben. Allerdings eben in Hokkaidô. Das hat den Nachteil, daß es hier anders aussieht als im typischen Japan, andererseits den Vorteil, daß hier kaum Autos fahren, kaum Leute sind, und daher auch wieder etwas Besonderes. Wir kommen auch an einem Torii (Eine Art Tor, das immer als Eingang zu einem Schreinbereich dient - ein Schrein ist ein shintoistisches Heiligtum) vorbei, gehen durch das (aus Stahl errichtete) Torii durch und kommen zu einem kleinen Holzschrein, auf dem die Schriftzeichen „Wasser“ und „Gottheit“ stehen, also entweder „mizukami“ oder „suishin“ gelesen werden kann. Da das Wort im Windows-Japanisch-Schreibprogramm nicht als solches existiert, kann ich die richtige Aussprache nicht nachprüfen. Hinter dem schmucklosen Schreinhäuschen ist noch ein schöner Stein mit einer eingemeißelten Inschrift, darum ein Seil gebunden. So ein Seil ist immer ein Zeichen für die Heiligkeit eines Objektes. Ich finde es beeindruckend, daß wir das hier gefunden haben. Es liegt mitten im Dickicht, der Zugang ist nicht gemäht. Vielleicht so etwas wie ein alter, verfallener Bildstock in Österreich, der kaum mehr gepflegt wird.
Wir kommen etwa 45 Minuten vor Abfahrt unseres Zuges wieder bei der Haltestelle an. Hier gibt es ein Bahnhofsklo, das man nicht als WC bezeichnen kann. Es ist ebenso dreckig wie es in Italien oder oft auch bei uns der Fall sein kann. Daher verzichte ich auf eine nähere Inspektion. Daß es im japanischen Stil ist, brauche ich wohl nicht zu erwähnen… Auf dieser Strecke ist nur sehr ausgedünnter Verkehr und so haben wir keine große Auswahl an Zügen gehabt. Die folgende Fahrt dauert aber ziemlich lang, weil der Zug in allen Bahnhöfen stehenbleibt. Wir fahren mit dem Zug nach Norden bis Takikawa,. 1¾ Stunden geht die Fahrt durch ein breiter werdendes Tal, das wirklich sehr an Europa erinnert, ja sogar an das Alpenvorland. Immer wieder kommen mir die Worte von Dr. Kobayashi in den Sinn, daß Hokkaidô sehr ähnlich Europa sei. Unterwegs nimmt die Zahl der Fahrgäste immer mehr zu. Darunter sind auch viele Schüler, die heimfahren. Das Beobachten dieses Treibens finde ich auch sehr interessant.

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Als wir schließlich in Takikawa ankommen, reicht das Tageslicht gerade noch für ein Bild eines roten Elektro-Triebwagens der Reihe 711, von denen es nicht mehr viele gibt. Ich habe ihn vorher nur einmal in Sapporo gesehen, aber nur von Ferne. Die Reihe wird es bald nicht mehr geben. Wie man sieht, ist die Kopfform die altbekannte typisch japanische…

Abendessen in Sapporo
Mit dem Schnellzug „Rairakku“ (Lilac, Flieder), Baureihe 781, fahren wir nach Sapporo zurück. Das war der erste Wechselstrom-Schnellzugtriebwagen für Hokkaidô, der schon etwas in die Jahre gekommen ist.

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Im Bahnhof Sapporo gibt es Passagen mit verschiedenen Geschäften und Restaurants. Hier finden wir ein Thunfisch-Restaurant. Spezialitäten-Restaurants sind in Japan immer erste Wahl. Hier hat man die Gewähr, daß das Essen besonders gut ist. Wie üblich, ist die Auslage voll mit Plastikmodellen der verschiedenen Speisen. So können wir gustieren und aussuchen, bevor wir hineingehen. Wir wählen ein teishoku namens Maguro zukushi. Teishoku ist der Ausdruck für ein komplettes Menü auf einer Serviertasse, bestehend aus vielen einzelnen Teilen, wie es in Japan üblich ist. Man kann aber auch die einzelnen Dinge extra bestellen, was für uns Unkundige ungleich schwerer wäre. Maguro heißt Thunfisch. Der Preis des Gedecks beträgt 12,20 Euro.
Wir betreten das Lokal und warten, bis eine Kellnerin kommt und uns fragt, ob wir zwei Personen sind (es könnten ja noch welche nachkommen) und uns einige Tische anbietet. Man muß in Japan am Eingang warten und darf sich normalerweise nicht selbst einen Tisch suchen. Als wir dann bestellen wollen, hab ich natürlich den Namen des Gerichts wieder vergessen. Deshalb bitte ich den Kellner, ob ich ihm zeigen darf, was wir wollen. Und solcherart haben wir ganz einfach bestellt. Zum Trinken gäbe es Wasser gratis, vermutlich sogar Tee, aber wir leisten uns ein Bier. Es kostet 3 Euro. Das ganze Essen kommt uns also auf 15,20 Euro pro Person. Eigentlich nicht teuer für das, was geboten wird! Und da hört man immer, Japan sei teuer!

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Was haben wir also gegessen? Es heißt Maguro-zukushi. Auf dem Gedeck ist zunächst eine Thunfisch-Keule (links oben), sieht aus wie ein Rippenstück, das scheint in Soyasoße gebraten zu sein, dazu zwei Knödel, keine Ahnung woraus. Dann Reis mit Nori (ein Seegemüse) und Sashimi (rohe Fischscheiben) – links vorne. In einer anderen Schale eine weiße Soße, kalt, mit einem rohen Ei darauf schwimmend (könnte ein Wachtelei sein, weil es so klein ist) und ebenfalls Sashimi. Eine weitere Schale beinhaltet wieder Sashimi mit Daikon-Streifen (rechts hinten - Daikon ist ein japanischer Rettich). Schließlich eine Schale Miso (eine Suppe auf Bohnenbasis) mit Thunfisch-Stücken drin und einigen anderen Sachen (halb verdeckt durch das Schild). vorne ein Spieß mit paniertem Fischkuchen (nicht reines Fischfilet, sondern irgendeine Mischung) und Salat. Alles in allem ausgezeichnet und sättigend. Und ein Schmaus auch fürs Auge. Die verschiedenen Sashimi-Scheiben dürften für Kenner wohl Unterschiede aufweisen. Für uns Unkundige sieht es nur von außen unterschiedlich aus. Aber geschmeckt hat es köstlich! Wer von Euch hat jetzt nicht Lust, gleich mitzuessen?
Nach dem Essen haben wir noch genügend Zeit, um einen letzten Spaziergang in Sapporo zu machen. Da wir von den angeblichen Sehenswürdigkeiten eigentlich noch nichts gesehen haben, suchen wir den „tokeidai“, also den Uhrturm bzw. das Gebäude mit der Uhr drauf. Es wurde 1878 als Teil einer landwirtschaftlichen Hochschule gebaut. Die Uhr (aus den USA) wurde 1881 draufgesetzt. Das Gebäude ist heute ein Museum und eines der ältesten (oder sogar das älteste) Gebäude der Stadt – außerdem aus Holz! Lustig ist ein „Fotografier-Standplatz“ im Garten vor dem Gebäude: das ist ein Stein, auf den sich die zu fotografierenden stellen können, damit sie gut mitsamt dem Uhrturm aufs Bild kommen. Auch der Standplatz des Fotografen ist markiert. Das ist also Japan live! Sapporo hat übrigens 1,8 Millionen Einwohner.

Rückfahrt mit dem Nachtzug „Hamanasu”
Den Rest des Abends verbringen wir auf dem Bahnsteig und warten auf den Zug. Diesmal haben wir keine besonderen Liegesitze (trotz Reservierung!), sondern einen normalen Sitzwagen. Nun ja, was soll man machen. Wir drehen die vordere Sitzreihe herum, sodaß wir uns gegenüber setzen können. Irgendwie können wir dann ja doch schlafen. Es wird außerdem – was wir noch nicht wissen! – unsere letzte Nachtzug-Fahrt sein.

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Als wir in Aomori ankommen, ist es schon hell. Unser Anschlußzug „Tsugaru“ Nr. 2 steht schon bereit: es ist diesmal ein E751 und ich bin froh, auch mit dieser Baureihe fahren und sie auch fotografieren zu können.

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Von dieser Baureihe wurden nur drei 6-teilige Garnituren exklusiv für den 2002 eingeführten Schnellzug Tsugaru gebaut, der die Verbindung zwischen der vorläufigen Endstation Hachinohe der Tôhoku-Shinkansen-Strecke und der viel bedeutenderen Küstenstadt Aomori herstellt. Wenn der Shinkansen einmal bis Aomori verkehrt, werden die Garnituren wohl woanders weiterverwendet werden. Der Name kommt von der Tsugaru-Straße, so heißt die Meerenge zwischen den Hauptinseln Honshû und Hokkaidô.

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Wir können noch nicht in unseren Zug einsteigen, weil noch geputzt wird. Die Türen sind mit Ketten verhängt. Wir staunen nicht schlecht, als wir dort, wo sonst eine Schlange Menschen steht, eine Schlange Aktenkoffer steht. Hier wird nicht gestohlen und keiner hat Angst um seine Tasche. Aber die Reihenfolge ist wichtig. Über der Tür hängen übrigens Tafeln mit Angaben zu den Wagen, deren Türen hier zu stehen kommen.

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Auch einen Schnellzug „Inaho“ nach Niigata sehen wir hier, mit einer modernisierten Garnitur der Reihe 485. Bei der Ausfahrt aus dem Bahnhof Aomori sehe ich einen Güterzug mit einer roten Doppel-E-Lok. Schade, die hätte ich gerne fotografiert! Aber wir fahren ja nicht einmal eine Stunde und haben in Hachinohe sogar 20 Minuten Übergangszeit. Ich hoffe insgeheim, daß der Güterzug uns einholt und habe recht:

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Der Güterzug mit der EH500 hat uns eingeholt und ist gut zu fotografieren! Es ist das einzige Mal, daß ich diese Loktype sehe! Es ist eine Doppel-Lok (H = 8 angetriebene Achsen), gebaut ab 2000 für JR-Freight. Sie kann unter allen drei Stromsystemen fahren. 2004 gab es erst 22 Stück dieser Loktype. Fast alle Lokomotiven in Japan dienen nur dazu, Güterzüge zu befördern. Die neuen Typen sind daher für Langläufe konstruiert und können unter alle drei Systemen fahren: Gleichstrom 1500 V (in Zentral- und Westjapan und in Shikoku), Wechselstrom 25 kV und 50 Hz (in Nordjapan und Hokkaidô), Wechselstrom 25 kV und 60 Hz (einzelne Strecken im Norden von Zentraljapan sowie fast ganz Kyûshû).

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In Hachinohe hab ich auch noch eine bessere Gelegenheit, den E751 zu fotografieren, mit dem wir gekommen sind.

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Auch ein schön lackierter Dieseltriebwagen kiha 40 ist hier zu sehen.

Im Tôhoku-shinkansen „Hayate“ nach Sendai
Wir mußten für die Fahrt mit dem „Hayate“ die Sitze reservieren, das haben wir schon in Sapporo gemacht. Wir fahren mit einer E2-Garnitur. In Morioka werden wir mit dem „Komachi“ aus Akita zusammengekuppelt. In Sendai haben wir eine dreiviertel Stunde Aufenthalt, bis unser Eilzug abfährt. Aber auf dem Bahnhof von Sendai gibt es nur drei Typen: 701, 719 und 455. Immerhin wieder neue Farben und Formen.

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Ein E-Triebwagen der Reihe 455 in der lokalen Farbgebung mit grünem Band. Man sieht, das Äußere ist wie die Reihen 113, 115 usw. Aber es ist ein Zweisystemtriebzug, ursprünglich für Schnellzugverkehr gebaut.

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Die Baureihe 701 ist moderner. Ab 1992 wurde dieser Wechselstrom-Triebwagen in 98 Exemplaren gebaut. Er dient dem Nahverkehr in und um den Städten Akita, Sendai und Morioka.

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Die Baureihe 719 ist für den Lokalverkehr gebaut worden. Mit so einem Zug fahren wir – als Eilzug - nach Yamagata weiter. Es sind zweiteilige Triebwagen, gebaut ab 1989, etwa 60 Stück gibt es. Unser Eilzug bleibt ziemlich oft stehen. Aber die Landschaft ist recht reizvoll, es geht durch ein immer enger werdendes Tal und einen niedrigen Paß in das zentrale Tal, in dem Yamagata liegt. Man kann aber leider keine guten Bilder machen. Interessant ist dann die Einfahrt nach Yamagata von Norden: denn die Bahnlinie, die von Shinjô kommt, ist nur normalspurig (1435mm), denn der Abschnitt von Fukushima nach Shinjô ist ja für den Schmalprofil-Shinkansen umgespurt worden.

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Hier ist ein besonderer Zug: Baureihe 719-5000. Es gibt für den Regionalverkehr auf der Normalspurstrecke Kapspur-Züge, die man auf Normalspur 1435mm umgebaut hat. Triebwagen der Reihe 719 (Bild) und 701 wurden mit Normalspurdrehgestellen ausgerüstet. Man erkennt, daß dieser Zug auf dem Normalspurgleis steht, während im Vordergrund zwei 1067mm-Gleise liegen.


Aufenthalt in Yamagata
Nachdem wir uns auf dem Bahnhof ein wenig umgeschaut haben, wollen wir uns etwas in der Stadt anschauen. Immerhin soll es einige interessante Sachen hier geben, aber wir finden nichts. Die Stadt hat eigentlich kein wirkliches Gesicht, ein Zentrum ist nicht zu entdecken, alle Straßen sehen gleich aus, wo ist die „Innenstadt“? Wer weiß, ob es eine solche gibt. Wir spazieren halt entlang einer Hauptstraße, zweigen dann ab, finden immerhin zufällig eine alte Dampflok bei einem Kinderspielplatz.

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Hier ist das Bild einer typischen Seitengasse. Auffallend die vielen Drähte – bei Erdbeben lassen sich Leitungen schneller reparieren, wenn sie nicht in der Erde verlegt sind. Wir besuchen noch die alte Burg, aber erstens ist es nur eine Rekonstruktion, zweitens unfertig. Und außer dem rekonstruierten Tor der Burg und einer Reiterfigur ist nichts Interessantes zu sehen. Wir gehen wieder in Richtung Bahnhof zurück. Unterwegs finde ich ein kleines Postamt und kaufe mir dort endlich eine ausreichende Anzahl an Briefmarken, indem ich schon ziemlich selbstsicher auf Japanisch sage, was ich will. Und wieder erfahre ich, daß Marken nach Übersee (umgerechnet) nur 51 Euro-Cent kosten, egal, ob nach Amerika, Australien oder Europa. Der Schalterbeamte ist sehr höflich und scheint beeindruckt zu sein. Gottseidank bewegt sich die Konversation im Rahmen der mir bekannten Wörter. Komisch finde ich, daß der Schalterbeamte für die paar Marken aufstehen muß, zu einem Tresor geht, ihn aufschließt, eine dicke Mappe herausholt, wieder zum Platz kommt, die Marken herausnimmt, berechnet und sie mir verkauft, und danach die ganze Prozedur wieder umgekehrt. Wieso er die Mappe mit den Marken nicht am Schalter liegen hat, verstehe ich nicht. Mir fällt auch auf, daß er perfekt gekleidet ist: Anzug und Krawatte selbstverständlich. Und überaus freundlich, wie in Japan sowieso die Regel.

Schmalprofil-Shinkansen „Tsubasa”
Auch Yamagata ist mit einem Schmalprofil-Shinkansen ans Hochgeschwindigkeitsnetz angeschlossen. Die Züge der Baureihe 400 sind weiß/grau mit einer grünen Zierlinie dazwischen. 12 siebenteilige Garnituren wurden 1990 beschafft. Sonst gilt für diese Linie das gleiche wie für die jüngere Linie nach Akita.

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73 Minuten benötigt der Zug für die 87 km Schmalprofilstrecke bis Fukushima. Er bleibt ziemlich oft stehen. In Fukushima erleben wir das Zusammenkuppeln mit dem doppelstöckigen „MAX-Yamabiko“ von Sendai, und innerhalb von zwei Minuten geht die Fahrt weiter, diesmal mit 240 km/h Höchstgeschwindigkeit. Für die restlichen 273 km benötigt der Zug nur mehr 1 Stunde und 44 Minuten. Während der Fahrt wird es immer trüber und schließlich regnet es wieder, wie schon an drei von vier Tagen in Tôkyô. Bei der Ankunft in Tôkyô (16.24 Uhr) ist es zum Fotografieren schon zu finster, außerdem herrscht gerade Stoßzeit (normalerweise von 16 bis 19 Uhr). Aber es war auch nicht schlimmer als in Wien. Bei der Heimfahrt zur Wohnung lese ich in der S-Bahn die Wetterinformationen: am Sonntag wird es sonnig. Naja, aber morgen wird es wohl nicht so besonders werden. Wir planen ja die Fahrt durch das enge Kiso-Tal mit der alten Poststraße und der alten Poststadt. Wir werden also heute wieder mal naß und kommen um 18 Uhr in unsere Wohnung.
Auf dem Fußboden liegt eine Gewürzdose. Na, vielleicht gab es ja ein Erdbeben? Die Dose stand am Rand eines Kästchens. … Dann ruft Herr Kobayashi an. Ob wir das Erdbeben letzte Nacht (um 23 Uhr) gespürt haben? Nein, leider, wir waren ja unterwegs. So was Dummes. Und ich hätte mir so gewünscht, ein Erdbeben zu erleben. Mein Verdacht war also richtig. Ich gehöre zu den Verrückten, die gehofft haben, wenn sie drei Wochen in Japan sind, wenigstens einmal ein kleines Erdbeben zu erleben, was ja alle paar Tage passieren kann – man hört angeblich häufig das Geschirr scheppern…
Herr Kobayashi informiert uns auch, daß wir unseren geplanten Ausflug morgen nicht durchführen können, weil der Taifun Nr. 22 kommt. Daher wird unter anderem die Shinkansen-Strecke von Tôkyô nach Nagoya eingestellt sein. Bei Taifun-Warnung werden in Japan stets umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen ergriffen. In den betroffenen Gegenden wird der Bahnverkehr eingestellt und erst wieder eröffnet, wenn keine Schäden (Unterwaschungen, Muren, umgestürzte Bäume) festgestellt worden sind. Das heißt, wir können den morgigen Ausflug vergessen. Wohin sollen wir also fahren? Wir überlegen mögliche Ziele. Im Fernsehen wird gezeigt, welche Route der Taifun voraussichtlich nehmen wird, wo das Zentrum ist, wo es gefährlich wird, und um wieviel Uhr der Taifun in Tôkyô erwartet wird. Das ist um etwa 17 Uhr. Wir warten noch auf die morgigen Nachrichten. Nikkô wäre eine Alternative, dort gibt es viele Sehenswürdigkeiten, Schreine und Tempel und schöne Landschaft. Aber bei Regen? Außerdem Liegt der Ort auf der Strecke des Taifuns. Dann kommen wie womöglich nicht mehr zurück. Wir warten ab. Wir wollen auf jeden Fall wenigstens im Zug eine Rundfahrt machen, und außerhalb der Zone unterwegs sein, um nicht irgendwo festzusitzen.

“Flucht“ vor dem Taifun
Bei den Frühstücksnachrichten im Fernsehen geht es nur mehr um den Taifun Nr. 22. Erste Schäden aus Shikoku werden schon gemeldet. Dort ist ja die Stadt Kôchi jedes Jahr stark betroffen. Die Vorhersage zeigt, daß auch Nikkô noch im Einzugsbereich des Taifuns liegt, daher kommt es nicht in Frage. Nur die Nordküste von Honshû – am Japanischen Meer - ist außerhalb des Zentrums. Dorthin könnten wir fahren. Die Bergstrecke quer über die Alpen wäre auch interessant! Diese Fahrt mußten wir wegen Zeitmangel sowieso aus unserer Planung nehmen. Auch wenn es regnet, können wir zumindest vom Zugfenster aus die Landschaft ein wenig sehen. So beschließen wir also, diese Route zu wählen, dann sind wir nördlich des Taifun-Zentrums und können uns mit der Heimfahrt ab Nagano im Shinkansen Zeit lassen, bis der Taifun vorüber ist. Und so machen wir es dann auch.
Die zwanzig Minuten Fußweg bis zur U-Bahn-Station genügen vollauf, um waschelnaß zu werden – trotz Regenschirms. Es gießt in Strömen. Später erfahren wir, daß das bei einem nahenden Taifun typisch ist. Wir haben erste einen halben Tag in Tôkyô ohne Regen erlebt. Mit dem „Max-Toki“ Nr. 307 fahren wir wieder bis Takasaki. Dort kann ich endlich einige bessere Shinkansen-Bilder machen bevor unser Regionalzug abfährt. Wir haben ja fast eine Stunde Übergangszeit zum Regionalzug in die Berge.

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Da kommen nicht weniger als vier Baureihen vorbei: Hier ein Zug der Reihe E1 als „MAX-Toki“. Die Kennfarbe ist rosa.

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Ein dunkleres Rosa ist die Kennfarbe der Reihe E2, die als „Asama“ nach Nagano fährt.

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Auf dem Bahnsteig sind die Wagennummern angeschrieben. Die Türe zu Wagen 1 bei den Doppelstockzügen („MAX“) kommt genau hier zu stehen. Die Angabe gilt aber nur für 16-Wagen-Züge der Doppelstockbauart. Die weißen Linien bezeichnen den Platz, wo die Schlange zu warten hat.

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Auch die erste Bauart der Nordstrecke, Reihe 200 – Kennfarbe grün -, kommt vorbei: als „Tanigawa“ nach Yuzawa. „Tanigawa“ heißen die langsameren Züge, die überall halten und nur bis Yuzawa fahren, das liegt vor der Paßhöhe der Alpenquerung.

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Mit Gelb ist die Doppelstockreihe E4 (Entenschnabel) gekennzeichnet.

Durch die Japanischen Alpen
Nach der Wartezeit, in der es fast immer geregnet hat, besteigen wir unseren Triebwagen der Reihe 115. Wie schon erwähnt, einer der typischen alten Regionalzug-Triebwagen im Gleichstromnetz. Und zu meiner Freude auch in der alten, ursprünglichen Farbgebung grün/orange. Von der bergigen Landschaft – immerhin fahren wir in ein enges Tal hinein – sehen wir wegen des Regenwetters fast nichts.

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Unterwegs sieht man kleine Reisfelder. Die Landwirtschaft ist hier fast nur klein strukturiert.

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In Minakami, einer kleinen Station im Bogen an einem Berghang, müssen wir umsteigen. Mit diesem schönen Zug sind wir angekommen.

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Und noch ein Bild von der kleinen Station. Ich kann mich an diesem Triebwagen einfach nicht sattsehen!

Da der Durchgangsverkehr über die Alpen (ja, die heißen hier Alpen!!) fest in Hand der Shinkansen-Züge ist, ist der Regionalverkehr auf dieser Bergstrecke sehr gering. Über die Paßhöhe gibt es überhaupt wenig Züge, sodaß wir also warten müssen. Nach meinem Kursbuch dürfte der nächste Zug überhaupt erst viel später fahren, aber ich sehe einen Zug im „Niigata-Anstrich“, also weiß mit hellgrünen und dunkelgrünen Zierlinien. Ich lese auf den Anzeigen, daß es an bestimmten Tagen um 11.31 einen Zug nach Nagaoka gibt. Aber eigentlich nicht heute. Wieso steht dann der Zug da? Also frage ich, wann der nächste Zug nach Nagaoka abfährt und erhalte die Antwort, daß es um 11.31 Uhr soweit sei. Das freut uns. Die Wartezeit auf dem Bahnhof vergeht rasch, denn es kommt ein „tokkyû“ (das ist die Bezeichnung für Expresszüge) mit der Baureihe 185, die ich auch (theoretisch) gut kenne und ich bin froh, einige Bilder machen zu können.

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Der Zug nach Minakami heißt auch „minakami“, das Zugschild vorne trägt diesen Namen. 1981 wurde mit der Reihe 185 erstmals vom bisherigen Konzept der Expresszugtriebwagen abgegangen und eine völlig neue Form kreiert. Ohne Durchgangsmöglichkeit im Steuerwagen und mit einem für unsere Augen eher traditionell wirkendem Design. Solche Triebwagen wurden zwischendurch auch im Regionalzuverkehr eingesetzt, um Stehzeiten auszunützen. Heute verkehren sie in untergeordneten Diensten. Schon noch als Schnellzüge, aber auf weniger wichtigen Strecken - so wie hier: der Hauptverkehr liegt beim Shinkansen! Natürlich wurde auch bei dieser Type die Lackierung verändert - je nach Einsatzgebiet.

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Auf dem Nebengleis wartet der erwähnte Zug im „Niigata-Anstrich“. Mit diesem fahren wir weiter in die Berge hinein.
Die Japanischen Alpen heißen genaugenommen „Nihon arupusu“. (arupusu = alps - anders können es die Japaner ja nicht schreiben). Seit wann die so heißen, weiß ich nicht. Das Tal wird jetzt wirklich eng. Wir sehen auf der Fahrt die Shinkansen-Strecke im Tunnel verschwinden, manche sind etwa 20 km lang, sodaß wir nur hin und wieder ein kleines Stück der Trasse sehen. Wir selbst haben aber auch jede Menge Tunnels auf unserer Strecke, ein Bahnhof (Doai) liegt sogar mitten im Tunnel. Das Gegengleis hat teilweise eine andere Trassierung, da gibt es auch zwei Kehrschleifen in Tunnels. Leider sehen wir von der tollen Anlage nichts: erstens sind wir am falschen Gleis, zweitens ist es regnerisch-nebelig-trüb. Wir kommen auch an berühmten Wintersportzentren vorbei. Eines davon heißt Echigo-Yuzawa. Dieser Ort hat sogar einen eigenen Shinkansen-Kopfbahnhof, damit im Winter einige Züge von der Trasse abzweigen können und Tausende von Schifahrern abladen können, ohne den Bahnbetrieb zu sehr zu behindern. Als wir auf dem Standard-Spur-Bahnhof Halt machen, traue ich meinen Augen nicht: da steht ein Bonnet-Typ-Triebwagen Baureihe 489. Die japanische und englische Bezeichnung „bonnet type“ bezeichnet das, was man in Holland als Hondekop(Hundekopf)-Triebwagen bezeichnet. Bonnet heißt Haube. Die Steuerwagen haben einen runden Vorbau, wie auf dem Bild ersichtlich. Diese Bauart ist der Traum der Eisenbahnfans hier. Nur die jeweils ersten Garnituren der betreffenden Bauarten hatten solche Steuerwagen. Heute (2004) verkehrt nur mehr ein Nachtzug mit so einer Garnitur. Früher (in den 60er-Jahren) waren diese Züge einmal der letzte Schrei. Bald darauf wurden neue, gleichartige Triebwagen gebaut, die vorne einen anderen Vorbau mit Durchgangsmöglichkeit erhielten (wie der „Inaho“ zum Beispiel). Ich überlege schon, wie ich den Zug bei der Abfahrt durch das Fenster fotografieren kann, da sagt ein Japaner zu mir, daß wir fünf Minuten Aufenthalt haben, ich also ruhig aussteigen könnte, um ein Foto zu machen. Das ist natürlich toll, und es gelingt mir dieses Bild!

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Triebwagen der Reihe 489, ursprünglich gebaut 1971 für die Usui-Paß-Strecke, für alle drei Stromsysteme tauglich. Die Farbgebung creme mit dunkelroten Zierlinien war früher die Standardlackierung für Expresszug-Triebwagen. Jetzt merke ich erst, was auf dem Zug vorne draufsteht: rinji, also Sonderzug. Er fährt aber trotzdem als Schnellzug „Hakutaka“ über die vor wenigen Jahren neuerbaute Strecke der Privatbahn „Hokuetsu-kyûkô“ quer durch die Berge, fast nur durch Tunnels Richtung Westen.

Naoetsu am Japanischen Meer
In Nagaoka regnet es noch immer, und wir müssen uns beeilen, in den Schnellzug „Hokuetsu“ nach Naoetsu umzusteigen, denn wir kommen etwas verspätet an. Wir erwischen aber noch den Zug. Wir können trotz des schlechten Wetters für kurze Zeit auch die Küste des Japanischen Meeres sehen, bei Regenwetter natürlich nicht besonders beeindruckend. Der Zug ist ziemlich voll, sodaß wir uns mit einem Raucherwagen begnügen müssen. Wir fahren aber gottseidank nur etwa eine Stunde. In Naoetsu haben wir dann mehr als eine Stunde Aufenthalt.

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Mit diesem Zug sind wir angekommen, es ist die am häufigsten vertretene Expresszug-Baureihe 485, ursprünglich ebenso creme und dunkelrot lackiert. Hier aber schon im neuen „Hokuetsu“-Lack.

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Dieser Triebwagen der schon bekannten Reihe 115 trägt die Lackierung der Region Nagano.

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Der „Hakutaka“ fährt mit dem „Redesign“ 485-3000.

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Und das ist ein Privatbahnzug der Gesellschaft „Hokuetsu-Express“. Stammstrecke ist die fast ausschließlich aus Tunneln bestehende Querung der Alpen, die auch von dem vorhin erwähnten Bonnet-Triebwagen Reihe 489 befahren wurde. Es wäre eine Abkürzung auch für uns gewesen, aber wir hätten hier zahlen müssen: Privatbahn!

Wider Erwarten ist die kleine Stadt gar nicht so unansehnlich. Direkt neben dem Bahnhof beginnt eine schmale Straße mit kleinen Häusern, alles sieht sehr alt aus. Wir wollen die Zeit nützen, um etwas zu essen, aber wir können nichts finden. Es scheint hier überall Mittagspause zu sein. Und wo wir Auslagen finden, wirkt es nicht sehr einladend, beziehungsweise ich kann nicht alles lesen und verstehen, was da angeschrieben steht. So traue ich mich auch nicht, irgendwelche Lokalitäten im oberen Stock, die nur über eine Treppe erreichbar sind, zu suchen. Wir kommen daher nach einigen Fotos – immerhin hat der Regen im Augenblick fast aufgehört – wieder zum Bahnhof zurück.
Da entdecken wir ein kleines Eßlokal, gleich beim Bahnhof daneben – bei uns wäre das so eine Art Würstlhütte. Es herrscht hier Selbstbedienung, und es ist auch sehr wenig Platz in diesem „Lokälchen“. Es gibt einen Automaten für Essensmarken. Gut, daß außer den Namen auch Fotos von den Speisen abgebildet sind. Ich entscheide mich für Kareeraisu. Nun könnte der geneigte Leser versuchen, aus dem Wort, das eigentlich ein englisches Wort ist, den Namen der Speise zu erraten. Natürlich schreibt man das auf Englisch ganz anders, nämlich Curry-Rice. Es ist ein beliebtes Schnellgericht in Japan und ist auch recht scharf. Ich bin froh, einmal Gelegenheit zu haben, so etwas auch zu probieren. Man bekommt übrigens dazu einen Löffel und keine Stäbchen! Mein Essen kostet 3,50 Euro. Unnötig zu erwähnen, daß es in einer Box Eßstäbchen und Zahnstocher zur Selbstbedienung gibt. Wenn ich unbedingt wollte, könnte ich auch mit den Stäbchen essen, nur das tut kein Japaner bei Curry-Reis. Man darf das übrigens nicht mit einem Curry-Reis in Österreich verwechseln. Es sieht eher so dunkelbraun aus wie ein Gulasch und schmeckt auch so, nur eben viel schärfer. Der Reis dazu ist normal (also weiß und nicht etwa gelb).
Während des Essens trifft mich fast der Schlag, denn ich sehe einen Triebwagen der Reihe 681 einfahren. Durch das Fenster kann ich das erkennen. So ein Mist, den hab ich doch immer schon erhofft, aber so schnell schaffe ich es nicht. Ich versuche, zum Bahnhof zu laufen, oder wenigstens durch den Abgrenzungs-Zaun ein Bild zu machen. Es gelingt nur halbwegs. Als wir dann auf unseren Zug zur Weiterfahrt warten, kommt der Gegenzug mit der gleichen Baureihe: Ich habe also wieder Glück gehabt.

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Hier ist er, das Objekt meiner Begierde: der zuvor versäumte Triebwagen der Reihe 681. Ein ganz unjapansiches Aussehen hat er! Gebaut 1995 (Prototyp 1992), 160 km/h schnell – der schnellste Zug auf Kapspur in Japan und vielleicht auf der ganzen Welt. Nur 9 Garnituren gibt es davon, meist werden zwei zusammengekuppelt: eine dreiteilige und eine sechsteilige, weil sie unterwegs geflügelt werden. Auch eine Privatbahn (Hokuetsu-express) hat Züge der gleichen Bauart, nur ist die Zierlinie nicht blau sondern weinrot.

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Auch dieser Zug ist zweigeteilt: hier sieht man die beiden übergangsfähigen Steuerwagen zusammengekuppelt.

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Wieder ein Zug wie die Baureihe 113, 115, 455, aber es ist diesmal ein 413 (Dreisystem). Wie schon erwähnt, waren früher fast alle Regional- und Eilzugtriebwagen äußerlich fast gleich. Die Baureihe 413 im Lack der Hokuriku-Region wurde erst 1986 gebaut. Es ist ein Umbau aus ehemaligen Schnellzug-Triewagen Reihe 471 und 473 (die aber äußerlich gleich ausgesehen haben).

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Schließlich besteigen wir unseren Regionalzug (Baureihe 113, Gleichstrom, im Nagano-Lack, eine Art Türkis und Hellblau), und fahren nach Nagano. Ein wenig interessant ist es hier, die Leute zu beobachten, die ein paar Stationen fahren und die Gegend zu betrachten. Viele Leute spielen mit ihrem Handy, oder vielleicht schreiben sie Mitteilungen. Wann immer ich so ein Handy beobachten kann, sehe ich jedenfalls, daß geschrieben wird. Und das geht wegen der vielen Zeichen langsamer als bei uns. In Nagano haben wir wieder eine Stunde Aufenthalt. Wir rechnen uns aus, daß der Taifun wohl schon vorbei ist und wir in Tôkyô bei der Ankunft wohl alles hinter uns haben werden.
Im Shinkansen „Asama“ geht es dann zurück nach Tôkyô. Unterwegs geht die Sonne unter, was recht aufregend aussieht. Es war nämlich den ganzen Tag trüb und dunkel, wird plötzlich heller, rosa, der Himmel bekommt eine seltsam unwirkliche Farbe, plötzlich sind alle Wolken weg, der Himmel wechselt auf hellblau, tiefblau, dann wird es schlagartig finster (Unmittelbar nach einem Taifun wird das Wetter immer sonnig und klar). Wir fahren also diesmal auch den Abschnitt von Karuizawa nach Takasaki, durch diesen langen, steilen Tunnel, von dem ich in einem früheren Teil schon berichtet habe.
In Tôkyô merkt man die Auswirkungen des Taifuns: Der Bahnhof ist prall gefüllt mit hunderten von Leuten, die hier gestrandet sind, weil keine Züge fuhren. Überall lagern sie auf dem Boden, auf Decken, haben ihren Proviant dabei und warten geduldig, bis die ersten Züge wieder fahren. Ich habe vergessen, wann der Verkehr auf der Tôkaidô-shinkansen wieder aufgenommen worden ist. Der Taifun soll jedenfalls erst um 17 Uhr nach Tôkyô gekommen sein. Ob auch die Strecke, auf der wir zurückgekehrt sind, eine Zeit lang gesperrt war, kann ich nicht in Erfahrung bringen.

Wir kommen erstmals seit einer Woche wieder trockenen Fußes in unsere Wohnung: der Regen ist vorbei. Man sollte aber auch erwähnen, daß es trotz Regens nie wirklich kalt war. Wir müssen nun unser Gepäck richten, denn morgen geht es los zu einer fast zweiwöchigen Fahrt in den Westen und Süden Japans. Herr und Frau Kobayashi werden uns Nara und Kyôto in den nächsten zwei Tagen zeigen, danach setzen wir unsere Fahrt alleine fort und werden erst wieder drei Tage vor unserem Abflug nach Tôkyô zurückkehren. Wir bemühen uns, möglichst wenig Gepäck mitzunehmen, aber die Geschenke brauchen halt auch viel Platz.

Der Taifun hat gewütet
Der Taifun Nr. 22 hat während unserer Abwesenheit gewütet, das können wir in den ausführlichen Taifun-Nachrichten sehen und hören. Es gibt sechs Tote und einige Vermißte, ein Teil der U-Bahn in Tôkyô wurde unter Wasser gesetzt. Man sieht Aufnahmen von schweren Regenfällen und Sturm sowie Erdrutsche; man sieht, wie die Leute sich in einen Unterschlupf flüchten. Irgendwo ist ein Baum auf die Oberleitung der Bahn geworfen worden (daher also die vielen Streckensperren als Vorsichtsmaßnahme). Unweit des Kiso-Tales, in das wir eigentlich fahren wollten, gab es eine Zugsentgleisung, weil ein Hangrutsch die Bahntrasse unterspült hatte. Ich erkenne einen Triebwagen der Reihe 105 auf dem Bild. Na, da haben wir wohl Glück gehabt. Wir haben ja vorsorglich die Gartensessel vom Balkon hereingeholt, damit nichts wegfliegt und können sie nun wieder hinausstellen. Später kann ich herausfinden, daß das Sturmzentrum sich mit 75 km/h bewegte, in seinem Inneren gab es Windgeschwindigkeiten von bis zu 180 km/h. Es war der stärkste Taifun in der Kantô-Region, so wird die Region um Tôkyô genannt, seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Und es war der neunte Taifun in diesem Jahr, der das japanische Festland erreichte (gezählt werden aber auch alle anderen in der Region, daher Nr. 22). Und noch nie gab es so viele Taifune knapp hintereinander wie in dieser Saison! Taifun-Zeit ist üblicherweise September und nicht Oktober! Es sollte nicht der letzte gewesen sein! Am nächsten Morgen lese ich in der (englischsprachigen) „Japan Times“ einige Details: Erdrutsche, Häuser verschüttet, In unserem Bezirk in Tôkyô ist ein Arbeiter von einem Wasserschwall weggespült worden. 330mm Regen sind in Chiba innerhalb eines Tages gefallen. 380 Flüge fielen aus. 1500 Menschen mußten ihre Häuser verlassen und in Notquartieren warten. Wir haben also etwas erlebt! Klimawandelauswirkungen also auch hier in Japan.


Fortsetzung hier: [www.drehscheibe-foren.de]



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