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Bodenwöhr Nord - Neunburg vorm Wald - Rötz, Spurensuche Teil 1 (m6B)

geschrieben von: Schwandorfer

Datum: 04.10.08 15:05


Servus!

Eigentlich hätte ich solch einen Bericht im HiFo gepostet, da aber dort Bilder mit einem Alter unter 10 Jahren offenbar strikt nicht mehr erwünscht sind, bringe ich das ganze hier im Allgemeinen. Sollten die Admins was dagegen haben, mögen sie mich bitte informieren - Danke!

Wir begeben uns für diese Spurensuche wieder in meinem Heimatregion, die Oberpfalz. Dünn besiedelt, fernab von allen wichtigen Verkehrsströmen im Grenzland zu Tschechien. Ja, auch dort gab es Nebenbahnen. ;-)

Es geht um die 28km lange Strecke von Bodenwöhr Nord (an der Hauptbahn Schwandorf - Furth im Wald) über Neunburg vorm Wald nach Rötz. Die Bilder sind dabei vom 28.10.2007 und vom 29.06.2008.
Soweit es möglich ist, werde ich für Vergleichsbilder auf veröffentlichte Fotos in verschiedenen Büchern hinweisen. Einscannen und mit in den Bericht einbinden geht leider nicht, da ich keine Veröffentlichungsrechte daran habe.

Deshalb also zunächst ein Überblick über die verwendete Literatur:
[1] Walther Zeitler: Eisenbahnen in Niederbayern und der Oberpfalz
[2] Udo Kandler: Eisenbahnreviere Oberpfalz
[3] Gerald Hoch, Andreas Kuhfahl: Nebenbahnen in der Oberpfalz
[4] Siegfried Bufe: Eisenbahn in der Oberpfalz
[5] Johannes Wiemann: Bodenwöhr – Neunburg vorm Wald – Rötz – Eine Eisenbahnstrecke in der Oberpfalz

Zunächst ein bißchen was zur Geschichte der Strecke:
Nachdem die Stadt Neunburg vorm Wald (im Folgenden nur Neunburg genannt) beim Bau der Hauptbahn von Nürnberg an die Grenze leer ausgegangen war (die Strecke Amberg – Schwandorf – Cham – Furth im Wald wurde gegenüber einer Alternativplanung Amberg – Schwarzenfeld – Neunburg – Rötz – Waldmünchen bevorzugt und deshalb auch verwirklicht), kam um 1882 in Neunburg erneut der Wunsch auf, einen Bahnanschluß zu bekommen. So gab es in den Folgejahren verschiedene Bittschriften, doch eine Nebenbahn von Bodenwöhr Nord, welches an der 1861 eröffneten Hauptbahn Schwandorf – Furth im Wald liegt, aus zu bauen. Bei der Planung der Streckenführung stellte insbesondere der Höhenzug bei Penting ein ernsthaftes Problem dar. Eine weitere Schwierigkeit war die Lage des Bahnhofs Neunburg, da die Bürger gerne eine stadtnahe Station bevorzugt hätten, während sich die Bay. Staatsbahn für eine etwas weiter außerhalb liegende Variante aussprach. Da sich auch in Rötz mittlerweile Bemühungen regten, einen Anschluß an die Nebenbahn zu bekommen und nur der von der Staatsbahn vorgeschlagene Ort für den Bahnhof einen Weiterbau nach Rötz zulassen würde, entschied man sich schließlich für diese Variante.

Der erste Zug erreichte Neunburg schließlich am 04. Juli 1896, die offizielle Eröffnung der Strecke war am 02. August 1896. Die Neunburger waren dabei hocherfreut, daß ihre langjährigen Bemühungen endlich von Erfolg gekrönt waren.
Die errichtete Strecke hatte eine Länge von 10,8km (die Bahnhöfe Bodenwöhr und Neunburg lagen Luftlinie 8,2km auseinander), unterwegs wurden in Erzhäuser (km 4,2) und Penting (km 7,1) Haltestellen errichtet. Erzhäuser bekam dabei ein hölzernes Agenturgebäude, während Penting – wie Neunburg auch – ein steinernes Empfangsgebäude bekam. Eine besondere Herausforderung stellte dabei tatsächlich die starke Steigung dar: Der Bahnhof Bodenwöhr Nord lag auf 379m, der Bahnhof Neunburg auf 397m. Der Scheitelpunkt der Strecke kurz vor Penting war allerdings auf einer Höhe von 487m über dem Meeresspiegel, was in beide Richtungen eine Steigung von 25 Promille zur Folge hatte.

Wie bereits erwähnt, hatte auch die Stadt Rötz Interesse an einem Bahnanschluß. Die Strecke von Bodenwöhr nach Neunburg sollte nach Meinung der Rötzer bis in ihre Stadt verlängert werden. Allerdings waren sie mit diesem Ansinnen nicht allein. Auch die Orte Schwarzhofen und Winklarn wollten einen Bahnanschluß – und zwar als Verlängerung der Strecke Bodenwöhr – Neunburg! Es begann nun ein Tauziehen, das zunächst danach aussah, als ob es auf eine Bahnstrecke Neunburg – Schwarzhofen – Winklarn hinauslaufen würde. Erst als die Strecke Nabburg – Oberviechtach im Jahr 1900 bzw. Oberviechtach – Schönsee im Jahr 1902, deren Trassierung in der Nähe der Orte Schwarzhofen und Winklarn verlief, genehmigt wurde, war das Projekt vom Tisch.
Dennoch war die Lokalbahn Neunburg – Rötz noch lange nicht genehmigt. Auch die Streckenführung lag noch nicht fest. Geplant war, von Neunburg aus entweder über Diendorf – Seebarn (Ort) oder über Kröblitz und das Schwarzachtal nach Rötz zu kommen. Entschieden hat man sich dann für die zweite Variante.
Außerdem war die Streckenführung im Bereich der Stadt Neunburg ein zwispältiges Thema: Sollte die Bahn westlich oder östlich an Neunburg vorbeiführen? In beiden Fällen war vorgesehen, daß Neunburg ein Kopfbahnhof werden würde. Gekommen ist es schließlich ganz anderes: Neunburg sollte einen neuen, etwa 300m vom alten entfernt liegenden Bahnhof erhalten und die Strecke östlich um die Stadt herumführen. Dabei war auch noch die Einrichtung eines näher zur Innenstadt gelegenen Haltepunktes Neunburg Ost möglich.

Am 07. August 1915 konnte dann endlich die Eröffnung des 17km langen Streckenabschnitts Neunburg – Rötz begangen werden. Die Gesamtstrecke von Bodenwöhr Nord war nun 28,5km lang. Neu eingerichtet wurden die Stationen Neunburg Ost (km 11,7), Kröblitz (km 13,7), Obermurnthal (km 15,9), Frankenschleife (km 17,7), Eixendorf (km 20,1), Seebarn (km 21,9) und Hillstett (km 24,8). Die stärksten Steigungen lagen dabei mit 25 Promille zwischen Neunburg und Neunburg Ost, sowie kurz vor Seebarn.
Aufgrund der anspruchsvollen Streckenführung waren auf der Gesamtstrecke zahlreiche Einschnitte und Dämme notwendig. Einige Steinbrücken führten Straßen über die Trasse. Das größte Bauwerk der Strecke war die dreibogige Steinbrücke in Neunburg.
Die Fahrzeit für die Gesamtstrecke betrug 1915 eine Stunde und 23 Minuten, 1969 waren es eine Stunde und zwölf Minuten.
Ein Kursbuchauszug von 1944 ist hier zu finden: [www.pkjs.de].

Da die sich die Nebenbahn Bodenwöhr – Rötz aufgrund der dünnen Besiedlung der Region schon von Anfang an nicht als besonders rentabel auszeichnete, gab es die ersten Absichten für die Einstellung des Personenverkehrs bereits 1931! Der endgültige Todesstoß für die Strecke sollte dann der Bau des ab 1954 geplanten Eixendorfer Stausees sein, für den die Strecke auf 4,2km Länge verlegt werden hätte müssen. Auch die Bitte des damaligen Rötzer Bürgermeisters, alternativ noch die ursprünglich angedachte Strecke Neunburg – Diendorf – Rötz zu realisieren, war erwartungsgemäß nicht erfolgreich. Der Deutschen Bundesbahn kam das alles gerade recht, denn ihr war der Abschnitt Neunburg – Rötz aufgrund der schlechten Auslastung sowieso ein Dorn im Auge. Nach der am 03.10.1969 erfolgten Genehmigung für die Stillegung, sollte der Betrieb eigentlich noch weitergehen, bis der Bau des Stausees die Strecke unterbrechen würde (man rechnete für das Jahr 1972 damit). Dennoch stellte die DB überraschend bereits zum 13.12.1969 den Personenverkehr auf der Gesamtstrecke Bodenwöhr – Rötz und den Gesamtverkehr zwischen Neunburg und Rötz ein! Der Gleisrückbau begann noch im selben Monat.
Die Bürger wollten sich die plötzliche Stillegung ihrer Bahn aber nicht gefallen lassen. Der Druck war so groß, daß in Rötz im Januar 1970 der Rötzer Bürgermeister, sowie der gesamte Stadtrat zurücktrat. Im Februar 1970 fand ein Protestmarsch mit Beteiligung von ca. 2000 Personen statt, die eine Reaktivierung der Strecke erreichen wollten. Da die Bemühungen umsonst sein sollten, lag die Wahlbeteiligung in Rötz für die im Frühjahr 1970 folgende Landratswahl bei lediglich 4,6%!

Der Güterverkehr im verbliebenen Abschnitt Bodenwöhr – Neunburg lief zunächst noch einige Jahrzehnte weiter. Am 17.10.1994 fuhr schließlich die letzte Übergabe, seit dem 20.04.1995 ist die Strecke offiziell stillgelegt. Zwischenzeitlich wurde auf der gesamten Strecke (mit Ausnahme des im Stausee versunkenen Abschnittes) ein Radweg errichtet.

Fahrzeugeinsatz:
Eingesetzt wurden zunächst fast ausschließlich bayerische Lokalbahndampfloks. Der Personenverkehr Wurde ab Mitte der 50er Jahre zunächst durch Dieseltriebwagen der Baureihe VT75.9 erbracht, die im Winterfahrplan 1959/60 durch die allseits bekannten VT98 abgelöst wurden. Auch im Güterverkehr wurden die Dampfloks Anfang der 60er ersetzt – und zwar durch V100. In den letzten Betriebsjahren kamen noch Maschinen der Baureihe 290 zum Einsatz.

Kommen wir nun zur eigentlichen Spurensuche:

Beginnen möchte ich im Bahnhof Bodenwöhr Nord, dem Ausgangspunkt der Nebenbahn. Er liegt an der eingleisigen Hauptbahn Schwandorf – Furth im Wald – Pilsen, wo auch heute noch recht reger Verkehr, auch mit internationalen Zügen stattfindet, die allerdings nicht in Bodenwöhr Nord halten.
Bodenwöhr Nord ist neben der Strecke nach Neunburg – Rötz noch Ausgangspunkt für eine weitere Nebenbahn, die über Bodenwöhr Ort und Bruck nach Nittenau führt. Die 10km lange Strecke wird auch heute noch im Güterverkehr bedient.

http://www.vt610.de/bilder/roetzer/roetzer01.jpg
Hausbahnsteig und altes Empfangsgebäude von Bodenwöhr.

http://www.vt610.de/bilder/roetzer/roetzer02.jpg
Mittelbahnsteig mit hölzerner Bahnsteigüberdachung. Nur noch für einen RB am Tag wird dieser Bahnsteig planmäßig genutzt. Siehe [2] S.54 oben.

http://www.vt610.de/bilder/roetzer/roetzer03.jpg
An der Westseite gab es zwischen Gleis 2 und 3 ein mittlerweile abgebautes Stumpfgleis, wo die Züge von und nach Neunburg begannen und endeten.

http://www.vt610.de/bilder/roetzer/roetzer04.jpg
Blick vom Mittelbahnsteig auf altes (links) und neues (rechts) Bahnhofsgebäude von Bodenwöhr. Seit das ESTW eingerichtet wurde, steht das alte Empfangsgebäude leer. Vgl. [2] S.67 oben.

http://www.vt610.de/bilder/roetzer/roetzer05.jpg
Das neue Empfangsgebäude von der Straßenseite aus.

http://www.vt610.de/bilder/roetzer/roetzer06.jpg
Straßenseitige Ansicht des alten EG.

Sollte Interesse bestehen, folgt der zweite Teil dann irgendwann in der kommenden Woche.

Viele Grüße

Tobias

Teile 2-5:
Teil 2: [www.drehscheibe-foren.de]
Teil 3: [www.drehscheibe-foren.de]
Teil 4: [www.drehscheibe-foren.de]
Teil 5: [www.drehscheibe-foren.de]


http://www.vt610.de/banner/bahnbilder-nordbayern.jpg




1-mal bearbeitet. Zuletzt am 2010:12:25:13:11:18.
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