Der Eschweiler Bergwerksverein (EBV) betrieb Anfang der 80er Jahre neben der Zeche in Alsdorf auch noch eine Zechenanlage im Bereich Ahlen (Westfalen) nahe Hamm. Gerüchteweise hatten wir immer wieder mal gehört, dass es dort noch Dampfloks geben soll. Das Zechen- und Kokereigelände war mit Mauern umgeben und schlecht einsehbar. Alle Informationen hatte etwas märchenhaftes. Das wäre ja zu schön um wahr zu sein, wenn es 1981 in erreichbarer Nähe noch echten Dampfbetrieb geben sollte!
Im September 1981 war ich diesem Gerücht schon einmal erfolglos nachgegangen (Siehe hier: [
drehscheibe-online.ist-im-web.de] und hatte die Meldung dem Bereich „Märchen" zugeordnet. Aber: Man wird ja wohl noch mal träumen dürfen ... !?
In den Herbstferien 1981 gab es dann einen heißen Tip: Im Bahnhof Ahlen hatte jemand eine Dampflok gesehen. Sonderfahrten auf DB - Gleisen gab es nicht - ob an der Geschichte doch was dran war? Mit einem Schulfreund sind wir trotz Regenwetters sofort losgeradelt, um genaueres herauszufinden.
So sind wir dann am 20.10.1981 völlig durchnäßt und durchweicht am Zechentor in Ahlen angekommen und sahen doch tatsächlich eine Dampflok! Wir haben nur noch die Räder an eine der Mauern gestellt, sind auf den Sattel gestiegen und haben mit der Kamera draufgehalten:
Bild 1+2: Lok Nr. 8 rangiert an der Zeche Ahlen. Von den Anlagen der Zeche Ahlen wurde später zunächst die Kokereianlage (im Hintergrund) aufgegeben und abgerissen, während die Förderanlagen und die Kohleverladung in Ahlen noch weiter liefen.
Mit der Dampflokherrlichkeit war es für uns dann aber schnell vorbei, da die Zeche in Ahlen über einen vorzüglichen Werksschutz verfügte, der uns sofort entdeckte. Wir wurden recht barsch in die Pförtnerbude gescheucht, mit dem Hinweis, dass so etwas unter Industriespionage fällt und jetzt gegen uns weitere Schritte eingeleitet würden. Aus der Traum?
Da saßen wir nun in der Pförtnerbude, die zum Glück über einen warmen Kohleofen verfügte und mit einem gesprächigen Mitarbeiter besetzt war. Der bot uns den Ofen zum Trocknen an und liess uns das Regenwetter erst einmal vergessen. Bis vom Werksschutz jemand da war, der entscheiden konnte, was mit uns zu geschehen hat, waren wir schon wieder trocken und munter. Wir hatten uns in der zeit auch ein Vorgehen überlegt, um den Werksschutz von der Harmlosigkeit unseres Treibens zu überzeugen. Nach einer knappen Stunde Aufwärmen verließen wir die Pförtnerbude - mit ein paar dringenden Ermahnungen versehen - aber gut durchgetrocknet.
Bild 3: Wir suchten erst einmal etwas Abstand vom Zechengelände und fuhren die Verbindungsstrecke zum Bundesbahnhof Ahlen ab. Von der Brücke der Beckumer Str. herab beobachteten wir Lok 2, die einen Leerzug zur Zeche brachte hatte. An dieser Stelle muss früher mal ein Gleis nach links abgezweigt sein, das ebenfalls zum Bf. Ahlen führte. So wäre es möglich gewesen, aus dem Zechengelände in Richtung Hamm (links) oder Neubeckum (rechts) abzubiegen. Erzählungen zufolge soll die Zechenbahn im zweiten Weltkrieg auch als Umleiterstrecke für den Bahnhof Hamm genutzt worden sein - da wären beide Abzweige hilfreich gewesen - weiss dazu jemand genaueres?
Bild 4: Als nächstes versuchten wir unser Glück am Schrankenposten in der Schachtstrasse und beobachteten zunächst Lok Nr. 2 beim Rangieren. Hier wurden wir vom Schrankenwärter beobachtet - ahnten Schlimmstes - wurden aber gleich auf das Stellwerk eingeladen. Der Posten war wohl weit genug von den wachsamen Blicken des Werksschutzes entfernt. Für den einsamen Schrankenwärter waren wir an diesem trüben Tag eine willkommene Abwechslung. Ein Kohleofen verbreitete behagliche Wärme, der freundliche Mann sass auf einem alten Sessel und wusste viel zu erzählen. Es war eine Zeitreise, immer wieder unterbrochen von den rangierenden Lokomotiven und den Zügen, die das Zechengelände Richtung DB - Bahnhof verließen. Hier stimmte einfach alles - das Ganze hätte sich auch um 1970 mitten im Ruhrgebiet ereignen können.
Bild 5: Aus der warmen Schrankenbude heraus bot sich zunächst dieser Blick auf die rangierende Lok Nr. 8.
Bild 6: Kurz darauf verließ Lok Nr. 2 mit einem kurzen Zug das Zechengelände Richtung Bundesbahnhof ...
Bild 7: ... um bald darauf Lz zurück zu kehren.
Bild 8 - 12: Etwas später (das Licht wurde nun doch etwas schwächer ...) zog Lok Nr. 8 dann einen schweren Kohlezug unter der Verladeanlage hervor und drückte ihn wieder zurück in die Abstellgleise.
Bild 13 + 14: Im letzten Licht des Tages haben wir dann noch einmal den Blick über die Mauer gewagt und Lok 8 ein letztes Mal beim Rangiergeschäft beobachtet. Auch wenn die Bildqualität nicht optimal ist - wir waren erst einmal begeistert. Dampfbetrieb in Westdeutschland im Jahre 1981, damit hatten wir nicht wirklich gerechnet! Wir machten uns zufrieden mit den Rädern auf den Heimweg ... und der Regen war uns erst einmal egal ...
Bild 15: Schlussbild des Tages: Lok Nr. 3 verläßt im Regen das Zechengelände Richtung Süden (Hamm - Uentrop / Kanalhafen).
Am Abend wurden die Bilder gleich entwickelt und der staunenden Familie präsentiert. Mein Vater beschloss, gleich am nächsten Tag (nun mit Auto) noch einmal dort hin zu fahren ... - aber davon später mehr.
Zum Einsatz der Fahrzeuge an diesem Tag: In Ahlen wurden bei unseren Besuchen 1981 und 1982 regelmäßig drei Loks gebraucht. Eine schwere Lok brachte die vollen Kohlezüge über eine Steigung von der Zeche herauf zum Bundesbahnbahnhof. Diese Aufgabe erledigte normalerweise Lok Nr 2. In der Zeche wurde eine weitere Lok mittlerer Leistung für den Verschub unter der Verladeanlage benötigt, eine dritte (kleinere) Lok war dann für weitere Rangieraufgaben und Fahrten auf der Strecke Richtung Hamm - Uentrop einsetzbar. Neben den Dieselloks Nr. 1-3 gab es Anfang der achtziger Jahre nur die Dampfloks Nr. 6 (Krupp 2902/1948) und Nr. 8 (Krupp 3079/1955) als Betriebsreserve. Sie kamen bei Ausfall oder Fristarbeiten der Dieselloks zum Einsatz, wenn alle drei Dieselloks ausfielen, wurden zusätzlich Leihloks heran geholt.
Die Fahrzeuge an diesem Tag (Danke für die „Dieseldaten" an Joachim Leitsch, ergänzt um unsere Unt. - Abschriften):
Lok Nr. 2": KHD 58241/68 (B'B'dh Typ DG 1000 BBM) Lebenslauf: 1993 an RAG 680 = 681, 02/94 -> OHE "120 070" (++ 08/2000)
Lok Nr. 3" KM 19456/71 (Cdh, Typ M 500 C, „16.4.1982 nächste Unt") Lebenslauf: 17.04.72 ex Krupp Bochum, KM Mietlok bis 197x, 1993 -> RAG 481, 04/95 -> NEWAG, 24.07.1995 an Böhler Edelstahl GmbH, Kapfenberg [A] "V"
Lok Nr. 8 (Krupp 3079/1955 Typ „Bergbau", Dh2t, „nächste Unt. 10.1983"). Lebenslauf: Am 19.01.1955 an Steinkohlenbergwerk Westfalen, Ahlen i.W. "8" 19XX übernommen von Eschweiler Bergwerksverein EBV, Grube Westfalen, Ahlen i.W. "8", 1983: a, 1985 Museumseisenbahn Paderborn MEP (Händler), 1985 Berliner Eisenbahnfreunde BEF "BERGBAU 8", 1998 Privat, Waggon-Union, Berlin-Borsigwalde , 06.2001 ++
Mit einem größeren Defekt war Lok 1" (KHD 57783/64) in Reparatur, als Reserve stand weiterhin Dampflok Nr. 6 (Krupp 2902/1948, später notiert: „Letzte HU, 9.8.1978 nächste Unt 7.9.1982".) im Schuppen.
Gruss - christoph beyer
Hier die Verweise zu allen Teilen:
- EBV Westfalen, Teil 1 (Vergebliche Suche - 05.09.1981): [
drehscheibe-online.ist-im-web.de]
- EBV Westfalen, Teil 2 (Dampflok Nr. 8 im Einsatz - 20.10.1981): [
drehscheibe-online.ist-im-web.de]
- EBV Westfalen, Teil 3 (Dampflok Nr. 8 im Einsatz - 21.10.1981): [
drehscheibe-online.ist-im-web.de]
- EBV Westfalen, Teil 4 (Pfingstausflug mit Dampflok Nr. 6 - 31.05.1982): [
drehscheibe-online.ist-im-web.de]
- EBV Westfalen, Teil 5 (Überraschungsgast - 27.07.1982): [
drehscheibe-online.ist-im-web.de]
- EBV Westfalen, Teil 6 (Mitfahrt auf Dampflok Nr. 6 - 30.08.1982): [
drehscheibe-online.ist-im-web.de]
- EBV Westfalen, Teil 7 (Die Zeit nach dem Dampfbetrieb - 21.8.1984):[
drehscheibe-online.ist-im-web.de]
Eine kurze Chronologie der Zeche Westfalen und Bilder vom Zustand der Anlagen in Ahlen nach der Betriebseinstellung finden sich hier: [
lostareas.urban-souls.net]
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