Hallo Volker,
das ist ja ein herrlicher Bilderbogen!
Als typisch für die Bauart Zempelin, wie sie im Eisenbahn-Ingenieur beschrieben ist, erachte ich die Grundabmessungen 2,8 x 3,0 m (eben nicht ganz quadratisch - vielleicht zur verwechslungssicheren Montage?), die zur Streckenbeobachtung tiefer gezogenen Fenster und das weit auskragende flache Zeltdach mit Holzverschalung. Diesem Typ entsprechen deine Bilder 1, 2, 8, 9, 10/11, 13, 14/15, 16, 17 und die Exemplare in Preetz Po 9, Meschede Po 217, Mörfelden Po 87, Rheine Po 210a und natürlich die drei im Zemplin'schen Artikel gezeigten Exemplare. Auch
Jagstheim Po 25 entspricht diesem Typ.
Der große Dachüberstand zwecks Sonnenschutz war für Stellwerkgebäude schon lange vorher typisch. Ab Mitte der 1920er Jahre wurde bei der RBD Essen gern eine dicke Eisenbetonplatte als Dach und Decke benutzt; die dürfte sich aufgrund ihrer hohen Wärmekapazität kaum unzuträglich aufgeheizt haben. Davon dürfte sich Herr Zempelin die Form abgeschaut haben, aber seine 3 cm Styropor haben sicher nicht viel Wärme abhalten können.
Meine Vermutung, dass das WC immer so sitzen müsste wie in der Zeichnung (von der Bahn gesehen rechts) trifft nicht zu.
Das WC musste in der Ecke sein, die sowohl aus Bahn- als auch aus Straßensicht die Feldseite war, damit der Wärter entlang der Bahn und entlang der Straße ausreichende Aussicht hatte. Auf zweigleisigen Strecken wird das Postengebäude vorzugsweise so aufgestellt, dass es rechts neben dem Gleis vor der Straße steht; dann wird es bei einem BÜ-Unfall wenigstens nicht beschädigt. Zu diesem Fall passt die Zeichnung und das Beispiel
Mörfelden Po 87 , wo man übrigens schön durch das zum Lüften geöffnete WC-Räumchen durchschauen kann. Ich zähle hierfür 14 Beispiele.
Für abweichende Lageplanfälle gab es dann auch die gespiegelte Ausführung (WC von der Bahn aus gesehen links), dazu finde ich 6 Beispiele. Das Artitec-Modell zeigt also den selteneren Fall, warum eigentlich? Posten 210a hatte das WC doch rechts!
Bei Posten 64 in Heilbronn handelt es sich um das bei
SWR Retro gezeigte Exemplar.
Die Ausführung mit Erker (Bild 4 = Reken Po 22, Bild 5 = Dortmund Po 3) scheint auf die BD Essen beschränkt zu sein, ist aber klar als Abwandlung der Bauart Zemplin zu erkennen. Grund für diese Ausführung könnte ein höherer Platzbedarf im Dienstraum oder bessere Beobachtung des Straßenverkehrs sein. Im Fall Dortmund Po 3 ist die maßgebende Straße aber schon lange beseitigt, der Posten sichert nur noch die Gleiskreuzung mit der Stadtbahnstrecke U47.
Dass man in Bonn Po 8 bei der Isolierung nachgebessert hat, möchte ich gern glauben. Troisdorf Po 7 zeigt auch nachträgliche Maßnahmen gegen tiefstehende Sonne. Der herunterhängende Kragen aus Blech bei Rheine Po 210a und Paffenhofen (Ilm) ist sich ähnlich, könnte also ab Werk so gewesen sein.
Die Bauweise auf den Bildern 6, 12 19 und 20 sowie
Tegerbach Po 3A zeigt eine etwas andere Bauart: Keine tiefergezogenen Fenster, kein Dachüberstand , stattdessen Sonnenschutzgitter aus Metall-Lamellen. Vielleicht eine Weiterentwicklung, vielleicht ein Konkurrenzprodukt zur Umgehung der Zempelinschen Patentansprüche - ich weiß es nicht! Ich kann nur vermuten, dass man das Dach ohne Überstand irgendwie besser isolieren konnte und die in den Sonnenschutzgittern die absorbierte Wärme eben nicht mehr zur Aufheizung des Dachs beträgt. Solche Sonnenschutzgitter hat die DB ab den 70er Jahren auch an Stellwerke gehängt.
Ich bin nun etwas traurig, dass der Posten 37 in Stockheim sowie die ähnlichen Posten 38 und 41 dort nicht dem "Zempelin Urtyp" entsprechen. Ungemütlich isoliert waren sie dennoch; ich zog den Besuch des im Bildhintergrund sichtbaren
Befehlsturms Sf nach Möglichkeit vor. Die Posten 37 und 38 verschwanden auch bereits 1993. Solche modernen Dinger waren damals nicht meine bevorzugten Fotomotive, aber ich habe einige ungescannte Bilder davon.
Die anderen gezeigten Gebäude sind natürlich auch interessant, aber haben nichts mit dem Fertigteilhäuschen von Zempelin zu tun.
LG,
Manja