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Gestern vor 70 Jahren: Die Whisky-Wodka-Linie wird „eröffnet“

geschrieben von: werra-meissner-bahnen

Datum: 18.09.15 20:04


Hallo,

am 17. September 1945 wird die Whisky-Wodka-Linie „eröffnet“.

Doch jetzt der Reihe nach:

Nach der Kapitulation Deutschlands am 08.05.1945 wird dieses in 4 Besatzungszonen aufgeteilt. Zwischen Hessen und Thüringen verlief die Grenze der beiden Besatzungsmächte USA und Sowjetunion.
In diesem Bereich verläuft auch die Nord-Süd-Strecke (Göttingen – Bebra). Die Strecke verläuft fast komplett auf hessischer Seite, außer auf fast 4 km, diese liegen auf thüringischer Seite. Der Grenzverlauf ging von Osten über die Werrabrücke nach Westen der Werra entlang, bis fast an Wendershausen heran, dann wieder nach Osten bis durch den Beberoth-Tunnel hindurch. Und dieses kurze Stück bereitete Probleme. Denn die Sowjets behinderten den Verkehr auf der Nord-Süd-Strecke teils erheblich. So sperrten sie die Strecke zweimal komplett. Obwohl die Amerikaner die Werrabrücke gerade wieder behelfsmäßig in Stand gesetzt haben. Ab dem Tag, als der Verkehr wieder aufgenommen wurde, sperrten die Sowjets vom 10.08. bis 23.08.1945 und dann noch mal vom 13.09. bis 15.09.1945 die Strecke.

Die Bahn von Nord nach Süd war für die Amerikaner besonders wichtig, war sie doch für den Nachschub von den Seehäfen nach Süddeutschland lebenswichtig.

Diese Sperrungen wollten die Amerikaner nicht länger hinnehmen, so wurde ein Treffen vereinbart. Auf dem Gut Kalkhof bei Wanfried trafen sich der amerikanische Brigadegeneral Sexton und sowjetische Generalmajor Askalepov. Hier wurde jetzt ein neuer Grenzverlauf festgelegt. Die Bahnstrecke sollte komplett auf hessischer (amerikanischer) Seite liegen.

Nur durch einen Gebietsaustausch konnte dieses Vorhaben möglich werden. Die thüringischen Dörfer Werleshausen und Neuseesen wurden Hessen zugeschlagen. Im Gegenzug gingen 5 Dörfer Hessens an Thüringen, und zwar Asbach, Hennigerode, Sickenberg, Vatterode und Weidenbach. Der Tausch war von der Fläche und der Einwohnerzahl annähernd gleich groß. Nach Hessen kamen 560 Einwohner und 845 Hektar, umgekehrt waren es 429 Einwohner und 761 Hektar Fläche. Dieses Vorhaben war zwar bekannt, aber keiner wusste, welcher Dörfer von Hessen nach Thüringen kamen. Erst durch den Einmarsch der Russen in den fünf Dörfern wussten diese erst, dass es sie getroffen hat. Die Einwohner waren davon nicht begeistert.

Karte Whisky-Wodka-Linie  Zeichnung werra-meissner-bahnen.jpg


Jetzt war die Strecke komplett auf hessischer Seite und der Verkehr konnte ungehindert laufen.

Die „neue“ Strecke, die jetzt durch dieses Abkommen vom 17. September 1945 entstanden ist, nennt der Volksmund, die Whisky-Wodka-Linie. Denn nach Abschluss des Vertrages, sollen die Amerikaner und Russen darauf kräftig angestoßen haben.

Mit der Gründung der deutschen Reichsbahn der DDR wurde dieser Grenzverlauf offiziell nicht anerkannt. In den ersten Jahren wurde im Kursbuch noch der alte Grenzverlauf zwischen Hessen und Thüringen angezeigt. Erst Mitte der fünfziger Jahre änderte sich das. Bis zu dieser Änderung war bei der neu gegründeten Bundesbahn die Planung einer Umleitungsstrecke auf altem hessischem Gebiet zwischen Oberrieden und Eichenberg, um das ehemalige thüringische Gebiet nicht mehr zu queren.

Mit der Grenzöffnung 1989 und dem Beitritt der neuen Bundesländer zur Bundesrepublik, war noch mal von einer Änderung des Grenzverlaufs die Rede. Einige Einwohner dieser fünf Dörfer wollten wieder zu Hessen, was aber von den Bürgermeistern nicht weiter verfolgt, bzw. abgelehnt wurde.

Link zu einen Filmbeitrag bei der Hessenschau vom 17.09.2015: [hessenschau.de]

Viele Grüße

Edgar
von
werra-meissner-bahnen

Mein HiFo - Inhaltsverzeichnis


http://www.werra-meissner-bahnen.de/bilder/logo-werra-meissner-bahnen.gif


Edit: Link zu Filmbeitrag eingefügt



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 2015:09:18:20:25:46.

Re: Gestern vor 70 Jahren: Die Whisky-Wodka-Linie wird „eröffnet“

geschrieben von: W-D Upphoff

Datum: 18.09.15 21:12

Hallo Edgar,

höchst interessanter Bericht mit ausgesprochen informativer Skizze.

Vielen Dank fürs Zeigen.

Ein schönes Wochenende wünscht mit freundlichen Grüßen aus Großbritannien

W - D Upphoff

http://abload.de/img/p1020873-1w0u2d.jpg http://abload.de/img/p1020874-1yuu2o.jpg http://abload.de/img/p1020878-1lpub4.jpg East Croydon Station

Re: Gestern vor 70 Jahren: Die Whisky-Wodka-Linie wird „eröffnet“

geschrieben von: TransLog

Datum: 18.09.15 22:29

Hallo,

schöner Bericht über diese interessante Episode der Nachkriegszeit.

Folgendes habe ich nicht ganz verstanden:
Zitat:
Mit der Gründung der Deutschen Reichsbahn der DDR wurde dieser Grenzverlauf offiziell nicht anerkannt. In den ersten Jahren wurde im Kursbuch noch der alte Grenzverlauf zwischen Hessen und Thüringen angezeigt. Erst Mitte der fünfziger Jahre änderte sich das.

Eine Gründung "der Deutschen Reichsbahn der DDR" gab es nicht, nur eine Gründung der DB. Danach existierte in der SBZ/DDR die DR einfach weiter. Es gab nur eine offizielle Übergabe der DR der Besatzungsmacht an die DDR ("in Volkes Hand").

Wenn die SMAD den neuen Grenzverlauf mit den US-Stellen so ausgehandelt hatte, dann dürfte dieser Grenzverlauf offiziell auch anerkannt worden sein. Wahrscheinlich hatte die Kursbuchstelle der DR einfach sehr spät darauf reagiert.

Gruß, Ulrich

Re: Gestern vor 70 Jahren: Die Whisky-Wodka-Linie wird „eröffnet“

geschrieben von: Rübezahl

Datum: 19.09.15 00:56

Interessanter Hinweis auf diesen einzigen Gebietstausch, den die USA im Interesse des Erhalts von Verkehrsweges mit der Sowjetunion durchgeführt hat. So entstanden später x zwichen Ost und West problematische Flaschenhälse und unterbrochene Bahnstrecken.

Ganz anders verhielt sich die britische Besatzungsmacht, die in größerem Umfang nördlich des Dreizonenbahnhofs Eichenberg Gebietstäusche vornahmen. Hier findet man nur noch gerade Schnitte über die Bahnstrecken.

Ein sehr interessantes Detail aus dieser Dreizonenecke ist, dass es die USA waren, die den Bahnbetrieb über Arenshausen nicht haben wollten und die Anstrengungen der "Ostseite" ins Leere liefen ließen (s.a. Paul Lauerwald, Halle-Kasseler Eisenbahn 2015).

Gruß

Rübezahl

Gestern vor 70 Jahren: Das Wanfrieder Abkommen.

geschrieben von: Carsten Friese

Datum: 19.09.15 12:32

Hallo zusammen,

dazu gab es auch mal beim MDR ein Fernsehbeitrag:

[www.mdr.de]

[de.wikipedia.org]

[www.coldwarhistory.us]

Gruß
Carsten

Material im Grenzmuseum Schifflersgrund

geschrieben von: Gruppentaste

Datum: 20.09.15 16:45

Hallo,

danke für diesen Beitrag. Zum ersten Mal hörte ich von diesem historischen Sachverhalt durch einen Artikel im Lokmagazin 09/2006.

Im Grenzmuseum Schifflersgrund gibt es einiges interessantes Material zum Wanfrieder Abkommen, u.a. auch eines der wenigen Duplikate der Originalkarte mit den Unterschriften der Beteiligten.

https://lh3.googleusercontent.com/-OvrNd3hkVWE/Vf7BVtAuS_I/AAAAAAAAF88/tNeciNUr8DQ/s1024-Ic42/DSC_8205.JPG
Bild 1: Infotafel zum Wanfrieder Abkommen

https://lh3.googleusercontent.com/-LF2SAcvQAEY/Vf7BZdLeTeI/AAAAAAAAF9Q/-z15GgRZ2Dc/s1024-Ic42/DSC_8227.JPG
Bild 2: Duplikat der Karte mit den Eintragungen zu den zu tauschenden Gebieten und den Unterschriften der Beteiligten.

https://lh3.googleusercontent.com/-0cvTVsaIHZc/Vf7Ba-_zboI/AAAAAAAAF9Y/hwK_ZYqnOyM/s1024-Ic42/DSC_8228.JPG
Bild 3: Detailausschnitt aus der Karte mit den Unterschriften

https://lh3.googleusercontent.com/-GNpRHjMDN7I/Vf7BcY-KfQI/AAAAAAAAF9g/iINhqlKi_gg/s1024-Ic42/DSC_8229.JPG
Bild 4: Detailausschnitt aus der Karte mit dem an Thüringen fallenden Gebiet

https://lh3.googleusercontent.com/-xTPaD5Xaa-k/Vf7Bd4HU5HI/AAAAAAAAF9s/74IfQ8kjWSw/s1024-Ic42/DSC_8230.JPG
Bild 5: Detailausschnitt aus der Karte mit dem an Hessen fallenden Gebiet

https://lh3.googleusercontent.com/-bZfq94AiXL0/Vf7BezACjsI/AAAAAAAAF90/SaeaTBgTXO8/s1024-Ic42/DSC_8231.JPG
Bild 6: weitere Infotafel zum Wanfrieder Abkommen

https://lh3.googleusercontent.com/-Z0XdSVCoXUA/Vf7Bf_YHN0I/AAAAAAAAF94/0aJKDxuG-6c/s1024-Ic42/DSC_8232.JPG
Bild 7: Ausschnitt mit schematischer Karte zum Wanfrieder Abkommen

Schöne Grüße

Gruppentaste

"Vor meiner Black Mamba geht jeder Schaffner in die Knie."
Harald Schmidt in mobil 04/2009 über seine BahnCard100

Gebietstausch Hessen/Thüringen

geschrieben von: Stefan Motz

Datum: 20.09.15 17:15

Hallo Edgar,
zu diesem Gebietstausch hatte ich auch einmal einen Beitrag verfaßt:
[www.drehscheibe-online.de]
Danke für Deine ausführliche Darstellung!
Viele Grüße
Stefan

http://foto.arcor-online.net/palb/alben/58/781958/6638303363633862.jpg http://foto.arcor-online.net/palb/alben/58/781958/3338386331616233.jpg

Re: Gestern vor 70 Jahren: Die Whisky-Wodka-Linie wird „eröffnet“

geschrieben von: Helmut Philipp

Datum: 20.09.15 17:31

Moin Edgar!

Für die übersichtliche und gelungene Darstellung danke ich Dir sehr!

Gruß
Helmut

Re: Gestern vor 70 Jahren: Die Whisky-Wodka-Linie wird „eröffnet“

geschrieben von: rolf koestner

Datum: 21.09.15 17:33

Deshalb konnte sich ja auch die topographisch schwierige Strecke Göttingen - Dransfeld - Hannoversch Münden noch längere Zeit halten, war ihr doch die Aufgabe als Ausweichstrecke zugedacht für den Fall, dass es wieder zu Ost-West-Konflikten und damit zur Unterbrechung der Eichenberger Liniegekommen wäre.

Danke für die Erinnerung


Bis neulich - natürlich im HiFo

Rolf Köstner


Re: Gestern vor 70 Jahren: Die Whisky-Wodka-Linie wird „eröffnet“

geschrieben von: cdb

Datum: 21.09.15 19:55

Hallo zusammen!
Ich bin in der Gegend auf dem Hohen Meißner aufgewachsen. Als wir einmal mit der Schulklasse auf der Jugendburg Ludwigstein waren, konnte ich in Werleshausen noch Augenzeugen sprechen. Eine ältere Frau erzählte mir damals, als bekannt wurde, welche Gebiete getauscht würden, seien über Nacht noch Bauern aus dem Nachbarort mit ihrem Vieh nach Werleshausen gekommen und hätten sich zusammen mit ihrem Vieh austauschen lassen. Damals lag übrigens eine Kopie des Abkommens im Archiv der Jugendbewegung auf dem Ludwigstein. Ostheim vor der Rhön und Bad Sachsa wurden zu gleicher Zeit an die Westzonen abgegeben. Später dann "floh" die Druckerei westlich der Werrabrücke bei Vacha nach Philipstal in Hessen, man mauerte den Eingang zu und öffnete einen Ausgang aus der Druckerei "in den Westen". Kurz vor der Wende gab es auch hier eine nachträgliche Grenzkorektur.
Carsten Dietrich Brink
82131 Gauting

Re: Gestern vor 70 Jahren: Die Whisky-Wodka-Linie wird „eröffnet“

geschrieben von: Gruppentaste

Datum: 21.09.15 21:04

Zitat:
Rübezahl schrieb:
-------------------------------------------------------
So entstanden später x zwichen Ost und West problematische Flaschenhälse und unterbrochene Bahnstrecken.
Das bringen Grenzziehungen nun mal mit sich.
Zitat:
Ganz anders verhielt sich die britische Besatzungsmacht, die in größerem Umfang nördlich des Dreizonenbahnhofs Eichenberg Gebietstäusche vornahmen. Hier findet man nur noch gerade Schnitte über die Bahnstrecken.
Sprechen wir da vom Gut Besendorf? "Gerade Grenzen" dürften da eher Zufall gewesen sein.

Schöne Grüße

Gruppentaste

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Harald Schmidt in mobil 04/2009 über seine BahnCard100

Die armen Orte

geschrieben von: Martin Rangow

Datum: 22.09.15 15:06

Also Asbach, Hennigerode, Sickenberg, Vatterode und Weidenbach hat es hart erwischt. Sie waren Verlierer dieser Aktion.

Re: Gestern vor 70 Jahren: Die Whisky-Wodka-Linie wird „eröffnet“

geschrieben von: Rübezahl

Datum: 22.09.15 15:30

Gruppentaste schrieb:

> Sprechen wir da vom Gut Besendorf? "Gerade
> Grenzen" dürften da eher Zufall gewesen sein.

Das Gut gehört zu den tragischen Ausnahmen. Die Passivität der Amerikaner zersägte oftmals wegen nur weniger Meter ganze Bahnstrecken, wie etwa Mühlhausen - Treffurt, Vacha - Motzlar oder den Tettauer Winkel. Die Flaschenhälse Großensee/Kleinensee oder Heldra/Großburschla wären ebenfalls durch simplen Tausch vermeidbar gewesen.

Gruß

Rübezahl

Re: Gestern vor 70 Jahren: Die Whisky-Wodka-Linie wird „eröffnet“

geschrieben von: werra-meissner-bahnen

Datum: 26.09.15 01:57

Hallo an alle,

hiermit möchte ich mich für eure Antworten bedanken.
Es freut mich, dass hier auf weitere Beiträge dieses Themas hingewiesen wird.

Viele Grüße
Edgar