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 04 - Historisches Forum 

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Hallo,
heute geht es mit dem 33.Teil weiter

Rückblick auf den 32.Teil [www.drehscheibe-online.de]


Bevor wir heute mit diesen Beitrag anfangen, möchten wir ein paar Worte anmerken:

Wie die gesamte Reichsbahn, so wurde auch die Kanonenbahn von der dunklen Geschichte des NS-Regimes nicht verschont.

Hiermit möchten wir allen denen gedenken, die Opfer des Regimes wurden und hoffen, dass es so etwas nie wieder gibt.


Gedenkstein am Judenrain in Reichensachsen (Foto  Hermann Josef Friske am 4. Mai 2003).jpg

Gedenkstein am Judenrain in Reichensachsen (Foto: Hermann Josef Friske am 4. Mai 2003)


Die ehemalige Synagoge in Eschwege (Foto Hermann Josef Friske am 7. September 2008).jpg

Die ehemalige Synagoge in Eschwege (Foto: Hermann Josef Friske am 7. September 2008)


Das Mahnmal für die Judendeportationen am Eschweger Stadtbahnhof (Foto Hermann Josef Friske am 8. September 2012).jpg

Das Mahnmal für die Judendeportationen am Eschweger Stadtbahnhof (Foto: Hermann Josef Friske am 8. September 2012)



Teil 33: Die Judentransporte vom Eschweger Bahnhof


Stellvertretend für alle Städte an der Kanonenbahn möchte ich ein ganz dunkles Kapitel der Bahngeschichte
an Hand der jüdischen Bevölkerung im Landkreis Eschwege und deren Abtransport per Bahn in das Ghetto
von Riga sowie die Läger Sobibôr und Theresienstadt etwas näher beleuchten.

Im Altkreis Eschwege gab es seit Alters her einen unterschiedlich starken Anteil an Juden in der
Gesamtbevölkerung. Orte mit starkem Judenanteil waren z. B. Eschwege, Reichensachsen (bei 5 %) und
Netra. An mehreren Orten im Kreis zeugen noch heute die jüdischen Friedhöfe von der einstmals zahlreich
verbreiteten Glaubensgemeinschaft. Im Jahre 1890 gab es im Kreisgebiet 1330 Juden, das waren erheblich
mehr als es Katholiken dort gab. In den Jahren danach sank der Anteil an der Gesamtbevölkerung
beträchtlich.
Waren es im Jahre 1925 noch 819 Juden, so sank die Zahl bis 1933 auf 771, von denen im Jahre
1939 lediglich 317 Einwohner jüdischen Glaubens übrig geblieben sind. Der Rest war inzwischen
ausgewandert oder verstorben, von denen einige auch aus Angst vor den Repressalien der Nationalsozialisten
ihrem Leben selbst ein Ende bereitet hatten.
Aber selbst der verbliebene Restanteil an Juden im Kreisgebiet
war der NSDAP zu hoch. Die Drangsalierung der Juden begann bereits kurz nach der Machtergreifung mit
Einkaufsverboten der „arischen“ Bevölkerung in jüdischen Geschäften, das Tragen des Judensterns, Verbot
der Berufsausübung für Juden, willkürliche Verhaftungen sowie Hausdurchsuchungen usw. folgten, bis mit
der Reichs-Kristallnacht am 9. November 1938 ein erster Höhepunkt des Judenhasses erreicht wurde. In
Eschwege wurden in dieser Nacht jüdische Geschäfte und Gaststätten sowie die Synagoge demoliert und
teilweise von dem deutschen Mob geplündert.
Doch es sollte während des Krieges alles noch viel schlimmer kommen. Im Jahre 1941 kam es überall im Reich
zu ersten Deportationen von Juden. Diese so genannte „Judenumsiedlung“ griff auch in Eschwege, wo bereits
3 Wochen nach Entstehen des Papiers über dieses Thema, am 8. Dezember 1941 die erste Deportation von Juden
aus dem Kreis Eschwege durchgeführt wurde.

Die Menschen wurden von der Ordnungspolizei aus ihren Häusern geholt und zum Bahnhof getrieben.
Insgesamt 103 Menschen jüdischen Glaubens aus Eschwege (65), Reichensachsen (20), Herleshausen (7),
Abterode (7) und Datterode (4) wurden mit einem „Zuleitungszug“, der aus älteren Personenwagen bestand,
vom Eschweger Bahnhof aus über Waldkappel nach Kassel zur Sammelstelle befördert. Am kommenden Tag
wurden die Juden gemeinsam mit Juden aus Kassel und aus anderen Orten im Umkreis zum Kasseler
Hauptbahnhof getrieben. Von dort aus ging es in Abteilwagen 3. Klasse als „Gesellschafts-Sonderzug DA 36“
ins Rigaer Ghetto. Vier Tage nach ihrer Abfahrt in Eschwege kamen sie mit dem ganzen Transport in Riga
an, insgesamt 1034 Menschen, darunter 90 Kinder. Von diesem Transport haben lediglich 100 Menschen
überlebt.

Der zweite Transport ging mit Juden aus dem Kreis Eschwege verließ den Eschweger Bahnhof am Sonntag,
den 31. Mai 1942. Dieses Mal fuhren lediglich 17 Personen aus dem Kreis Eschwege mit dem Zug nach
Kassel, um von dort aus mit dem Transport „DA 57“ von weiteren Juden aus Kassel, sowie Nord- und
Mittelhessen am Tag darauf, Montag, den 1. Juni 1942, nach Sobibôr verfrachtet wurden. Unterwegs stieß ein
weiterer Transport mit ca. 500 Juden aus Halle-Merseburg und Chemnitz auf den Transport aus Kassel, der
nun in Richtung Lublin fuhr. Dort wurden die Deportierten selektiert und aus dem Transport von über 1000
Menschen wurden zwischen 98 und 115 Männer ausgewählt, die zur Zwangsarbeit in das
Konzenterationslager Majdanek eingewiesen wurden. Der Rest von über 900 Juden wurde wahrscheinlich
direkt in das Vernichtungslager Sobibôr weitergeleitet und dort umgebracht.

Für den dritten und zugleich letzten Judentransport, der am Eschweger Bahnhof abfuhr, mussten die Juden aus
Eschwege und Umgebung ihr Sammelquartier in der jüdischen Schule an der Synagoge auf dem Schulberg
bereits um 4.30 Uhr verlassen. Von dort aus wurden sie noch in der Dunkelheit mit ihren wenigen verbliebenen
Habseligkeiten auf dem Buckel zum Bahnhof getrieben. Pünktlich um 5.23 Uhr am Sonntag, den 6. September
1942 verließ der Zug mit den letzten 53 verbliebenen Juden aus dem Kreis Eschwege und deren Bewacher
den Bahnsteig 2 auf dem Eschweger Bahnhof und begab sich auf den Weg nach Kassel, von wo aus am
folgenden Morgen, den 7. September 1942 der letzte große Judentransport aus Kassel, der überwiegend aus
älteren Juden bestand, den Weg nach Theresienstadt nahm. 755 Personen waren es, die zum Teil noch im
hohen Alter ihre Heimat verlassen mussten, darunter alleine 323 Juden aus Kasseler Altersheimen. Der
Sonderzug „DA 511“ nahm folgenden Weg:
Er fuhr über Bebra, Erfurt und Weimar nach Chemnitz, wo nochmals zwischen 63 und 90 Juden aus dem
südwestlichen Bereich von Sachsen im Zug aufgenommen wurden. Bereits am nächsten Tag war der Zug am
Zielort Theresienstadt eingetroffen. Es sollte der einzige große Transport aus Kassel nach Theresienstadt
bleiben.

Als Beispiel dafür, wie die Juden zwischen den Konzentrationslagern hin und her geschoben wurden, soll an
Hand dieses Transportes dargestellt werden. Bereits im September und Oktober wurden 207 Personen weiter
nach Treblinka deportiert und im Frühjahr 1943 wurden 87 Juden nach Auschwitz übergeben, in 1944 wurden
weitere 157 Insassen aus dem Transport nach Auschwitz weiter transportiert. Lediglich 70 Personen des
Transports überlebten noch die Befreiung von Theresienstadt.

Seitdem sind über 70 Jahre vergangen. Im Jahre 2012 haben sich die Eschweger Stadtväter dazu
durchgerungen, anlässlich des 70. Jahrestages des 3. Transportes am 6. September 2012 in einem
Schweigemarsch morgens um 4.30 Uhr den gleichen Weg zum Bahnhof zu gehen, den auch die Juden damals
gehen mussten.
Im Anschluss daran wurde auf dem Stadtbahnhof ein Denkmal zur Erinnerung an die
Judentransporte enthüllt. Seitdem steht am Gleisanfang des Eschweger Stadtbahnhofs ein Bronzekoffer mit
der dazu gehörigen Hinweistafel zum Gedenken und zur Mahnung. (Hermann Josef Friske)



Wer Bilder und Geschichten zur Kanonenbahn und anderen Bahnen im Werra-Meißner-Kreis hat, würde uns helfen, diese Serie zu vervollkommnen. Gerne darf dieses hier angehangen werden oder per PN an mich
Internetseiten über Bahnen in dieser Region würden uns auch interessieren.

Edgar
von
werra-meissner-bahnen

Weiter zu Teil 34: [www.drehscheibe-online.de]


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