Immer wieder einmal steht die Kleinbahn Weidenau-Deuz und damit auch der Übergabebahnhof zur DB im Mittelpunkt des Interesses. Angeregt durch einen Beitrag hier im HiFo bei DSO möchte ich anhand von vergleichenden Fotos, die über einen Zeitraum von rund 50 Jahren entstanden sind zeigen, wie sich der „Hauptbahnhof“ Weidenau verändert hat bzw. Veränderungen unterworfen wurde. Als „Hauptbahnhof“ bezeichne ich ihn an dieser Stelle deshalb, weil der Bahnhof der KWD „Weidenau Vorbahnhof“ heißt. Es handelt sich zwar eher um eine heimatkundliche Betrachtung, die optische und verkehrliche Entwicklung des Bahnhofs steht aber wohl für eine Vielzahl ähnlicher Stationen.
Weidenau ist „mein“ Bahnhof an der Ruhr-Sieg-Strecke. Wie oft bin ich im Laufe der Jahrzehnte von hier losgefahren oder angekommen. Als Fahrschüler nachmittags mit dem Eilzug – in der Regel anfangs gebildet aus Vorkriegswagen - das Siegtal herauf kommend bis Siegen, von dort die letzten Kilometer mit dem Schienenbus, der in Weidenau Anschluss an einen D-Zug nach München herstellte. Samstags fuhr in früherer Zeitlage ein Eilzug von Köln als Wendezug, geschoben von einer 215, durch bis Weidenau, um ebenfalls dort den Anschluss an einen D-Zug herzustellen. Regelrecht stolz war ich, auf den Abfahrtsplänen des Kölner Hauptbahnhofs neben fernen Zielen wie Amsterdam, Basel, München oder Berlin eben auch „Hüttental-Weidenau“ zu lesen! Wehrdienst, Studium, Beruf, Freizeit – ich weiß nicht, wie oft ich durchs Empfangsgebäude durch die Unterführung zum einzigen Mittelbahnsteig treppauf, treppab gegangen bin. Ein einziger Mittelbahnsteig nur! Und das bei einem Bahnhof, an dem auch Fernzüge hielten, selbst ein „Nest“ wie Niederschelden besaß zwei Bahnsteige!
Der D 817 verkehrte 1981 von (Norddeich)-Münster/Düsseldorf nach Frankfurt mit Aufenthalt in Weidenau von 19:40 bis 19:43 Uhr. Beim E 3338 handelte es sich um den Eilzug Hagen-Siegen-Au (Sieg). Der Postwagen könnte in Siegen auf den E 3561 nach Gießen übergegangen sein.
Wie bereits erwähnt, konnte man nach Oberstdorf im Allgäu, München oder nach Norddeich Mole ohne umzusteigen reisen. Nicht zu vergessen saisonale Schnellzüge wie etwa im Sommer 1974 von Mönchengladbach nach Innsbruck (D 1421) oder Münster-Berchtesgaden (D 1525) mit dem Laufweg über Friedberg-Aschaffenburg. Samstags spielte sich fast im Blockabstand zwischen 8:59 Uhr und 9:08 Uhr dieses Fernweh erzeugende Ereignis ab. An dieser Stelle kann man nur aus dem Gedicht „Schienensehnsucht“ von Mascha Kaleko zitieren: ... „Manch einer findet nur schnittige Acht-Zylinder schön, ich aber habe seit langen, sehnsuchtsvollen Jahren eine Schwäche für rauchgraue D-Zug-Schlangen, die in entlegene Länder fahren.“ Und dann eben der ungewöhnliche Laufweg des D 1525 über Wetzlar-Bad Nauheim-Aschaffenburg-Regensburg-Landshut-Mühldorf-Freilassing! Ankunft in Berchtesgaden um 18:01 Uhr nach knapp neun Stunden Reisezeit. Nebenbei, der D 1525 führte zusätzlich noch Kurswagen nach Bayerisch Eisenstein. Einmal war es mir vergönnt, mit dem D 1421 bis Würzburg zu reisen Ganz zu schweigen dann von den Autoreisezügen ebenfalls in den Süden der Republik nach München, Sonthofen und zeitweilig Villach in Kärnten.
Wie oft wartete man geduldig – trotz Unterführung – am Bahnübergang „Auf den Hütten“ vor geschlossenen Schranken auf die zahlreichen Güterzüge. Auch wenn ich selbst keine Fotos davon besitze, an Züge, bespannt mit der E 19 um 1970 oder Güterzüge mit E 94 erinnere ich mich noch sehr genau, denn nach der Elektrifizierung der Ruhr-Sieg-Strecke im Jahre 1965 zog mit E 10, E 40 und E 41 die Moderne ein, die im Nachhinein für einen Jugendlichen weitaus fesselnder erschien als der Dampfbetrieb, der immerhin bis Anfang 1976 noch durch 44er und zuletzt 50er des Bw Betzdorf eine Rolle spielte.
Weil am 14.05.2015 die Elektrifizierung der Ruhr-Sieg-Strecke ihr fünfzigjähriges Bestehen feiert, hier nochmals ein Bild es Eröffnungszuges aus Hagen, der zeitgleich mit dem aus Frankfurt in den Siegener Hauptbahnhof einfuhr. (E 10 1312 mit RHEINGOLD in Weidenau 14.05.1965).
Dann gab und gibt es natürlich auch heute noch das Streckendreieck zwischen Weidenau, Siegen und Siegen-Ost. 1915 wurde die Strecke nach Haiger eröffnet, um den Umweg durchlaufender Züge zwischen Ruhr und Main über Betzdorf und das Hellertal zu vermeiden. Im Zuge des Streckenbaus entstanden die beiden Giersbergtunnel, zweigleisig zwischen Weidenau und Siegen-Ost, eingleisig zwischen Siegen-Ost und Siegen. Der Tunnelmund des eingleisigen Giersbergtunnels liegt unmittelbar unterhalb der zweigleisigen Strecke und beschreibt einen Linksbogen, um etwas höhenversetzt in Siegen-Ost neben dem zweigleisigen Strecke einzumünden.
Was gab es noch „eisenbahniges“ in Weidenau? Nur wenige ältere Bewohner werden sich noch daran erinnern, dass auf rund 150 m quer über das Bahngelände gerechnet, neben DB, KWD noch zwei Werksanschlussbahnen existierten und eine 600 mm innerbetriebliche Werkbahn. Von alledem ist wenig geblieben. Die Fabriken und die dazugehörigen Bahnen sind verschwunden, die zahlreichen Ladegleise ebenso. Fernzüge verkehren mit Einstellung der Interregio-Züge schon lange keine mehr auf der Ruhr-Sieg-Strecke. Statt den genannten langen Schnellzügen oder Eilzügen mit dem Laufweg Frankfurt-Oberhausen oder Siegen-Mönchengladbach huschen heute im Halbstundentakt optisch wenig beeindruckende zwei- und dreiteilige FLIRTS analog einer S-Bahn durch Weidenau. Und auch die Zahl der überregionalen Güterzüge ist gewaltig geschrumpft.
Doch nun zu den Bildern des Bahnhofs Weidenau, aufgenommen über einen Zeitraum von mehr als fünfzig Jahren!
Im Frühling des Jahr 1963 hielt mein Vater diesen Blick auf den Bahnhof und seine Anlagen vom Ehrenmal oberhalb Weidenaus fest. Wer genau hinschaut, sieht die Dampflok vor dem Güterzug in Fahrtrichtung Siegen. Das Foto könnte an einem Sonntag entstanden sein, weil am Güterschuppen keine Wagen stehen. Ansonsten sind die dem Güterumschlag dienenden Gleise gut gefüllt. Neben Kopf- und Seitenrampen gab es später sogar zwei Bockkräne, eine abgesenkte Zufahrt zwischen zwei Gleisen zwecks Entladung von „Ommis“ mit Sand, Anschlüsse zu einem Stahlhandel und zwei Walzengießereien. Links in Bildmitte sind funkelnagelneue Schiebewandwagen der Siegener Eisenbahnbedarf AG SEAG, später Adtranz zu sehen. Heute werden an gleicher Stätte in Dreis-Tiefenbach bei Bombardier Drehgestelle entwickelt und gefertigt. Als 1968 der Personenverkehr mit Schienenbussen auf der KWD eingestellt wurde, standen vor dem Abtransport auf einem der Gleise die Fahrzeuge mit Kaltenkirchen bezettelt abgestellt. Zu Hause fand ich im Atlas „Kaldenkirchen“ und wunderte mich, was diese wohl an der niederländischen Grenze sollten. Von einer AKN hatte ich als Zwölfjähriger noch nichts gehört ...
Solange noch nicht genügend Wendezuggarnituren für den S-Bahn-Verkehr im Ruhrgebiet zur Verfügung standen, erfolgte ein Einsatz der 111er im S-Bahn-Lack vor Zuggattungen der unterschiedlichsten Art. Aufgenommen bei Nachmittagssonne, könnte es sich um einen Ng aus Betzdorf gehandelt haben. Links oben im Bild warten Güterwagen aus der Übernahme von der KWD und dem Ortsverkehr Weidenau auf die Fahrt nach Kreuztal. (111 122-8 mit Ng 65384 in Hüttental-Weidenau, 25.08.1980).
Erinnerung an den Fernverkehr auf der Ruhr-Sieg-Strecke: Eine 110 verlässt Weidenau am 08.08.1984 in Richtung Emden oder Norddeich
Knapp 20 Jahre später ist es der Autor selbst, der erneut den Fotostandort am Ehrenmal einnimmt. Dominiert wird das Bild vom Sparkassenhochhaus rechts von der Straßenrampe und dem Neubau des Finanzamtes im Hintergrund. Die Blickrichtung geht ein Stück weiter nach Westen und erfasst damit das inzwischen etwa zehn Jahre alte Siegerland-Zentrum, ein Einkaufszentrum, errichtet auf dem ehemaligen sog. DEULA-Gelände, angeschlossen durch eine der eingangs erwähnten Anschlussbahnen. Das Gleis verlief rechts vom Empfangsgebäude in einer engen Linkskurve an dem schwarz geschieferten ehemaligen Hotel Oderbein entlang durch die Bahnhofstraße – heute Busbahnhof -, querte die B 54 und die Sieg mittels einer Brücke, um danach das Werksgelände zu erreichen, lokalisierbar etwa bei dem mittleren fensterlosen weißen Haus ganz rechts auf dem Bild.
Soweit ersichtlich, stehen einige Güterwagen zur Abholung/Zustellung bereit und auch das Gleis am Güterschuppen zeigt sich mit gedeckten Wagen gut gefüllt.
Auf dem Weg zum Bahnhof passieren wir den Bahnübergang der Straße „Auf den Hütten“, benannt nach der in den 1930er Jahren in diesem Bereich bestehenden „Rolandshütte“. Noch gehören Loks der Baureihe 110 vor D-Zügen in Weidenau zum alltäglichen Erscheinungsbild (110 201-1, 21.02.1982).
Zwischen Empfangsgebäude und Güterschuppen ist ein Blick auf den einzigen Bahnsteig möglich. Dicht gedrängt stehen die Gepäckkarren und am Lichtsignal im Hintergrund ist erkennbar, dass bald die Stellwerke vor Ort ausgedient haben werden. Mit dem Fahrplanwechsel wird die Station übrigens auf den Namen Siegen-Weidenau „hören“, knapp acht Jahre nach der Eingemeindung der Stadt Hüttental nach Siegen (Foto vom 28.05.1983). Im Bereich des Fabrikgebäudes mit den waagerechten Fenstern und des Parkplatzes befand sich früher ein Gleisanschluss zu einem Stahlhandel, etwa in Fortführung des Gleises, auf dem der Güterwagen steht. Noch ein Stück weiter rechts besaß die Walzengießerei einen weiteren, eigenen Anschluss, über den z. B. Wagen mit Steinkohle zugestellt und solche mit fertigen Walzen abgeholt wurden.
Südlich des Empfangsgebäudes lagen in Fahrtrichtung Siegen rechts die Anlagen der Verladung „Auto im Reisezug“. Neben der abgestellten 052 626-9 spitzt noch ein Stück eines beladenen Transportwagens hervor, 10.09.1977.
Anfangs waren S-Bahn 111er gewissermaßen die „Mädchen für Alles“. Allerdings soll der Blick an dieser Stelle genauso auf die im Hintergrund ersichtlichen beiden Bockkräne gerichtet sein. Der rechte Kran mit dem runden Dach stammt augenscheinlich von der Firma KIBRI ... Vermutlich in den 1970er Jahren erbaut, war das Güteraufkommen damals so enorm, dass es zweier Kräne bedurfte, um das Ladegeschäft zu bewältigen! (111 127-7 in Hüttental-Weidenau, 16.06.1980)
Über dem rechten Frontlicht der 290 erkennt man bei genauem Hinsehen im Hintergrund eine offene Wärterbude. Hier war die Ampelschaltung für das zwischen geschieferten Wohnhäusern und Fabrikgelände der Walzengießerei Breitenbach verlaufende Anschlussgleis untergebracht. Bei geringem Verkehrsaufkommen sperrte ein Rangierer die Straße jedoch mittels Warnflagge (290 094-2, 03.07.1978).
Noch einige Jahre lag ein Gleisrest des ehemaligen Normalspuranschlusses der Fa. Breitenbach. Diese Aufnahme entstand kurz vor Abriss des Fabrikgebäudes am 19.03.2006.
Auf den ersten Fotos kann man gut die hufeisenförmige Straßenbrücke am südlichen Ende des Bahnhofs Weidenau erkennen, von der ein mir unbekannter Fotograph im Jahr 1957 diese Aufnahme anfertigte. Ob die 50er einen Zug im Vorbahnhof von der Kleinbahn übernommen hat, ist nicht eindeutig ersichtlich. Auf jeden Fall war die Länge und das Gewicht der Züge recht beachtlich. Als Kind oder Jugendlicher schaute man gerne bei den Rangierarbeiten zu und es kam regelmäßig vor, dass die Übergaben von der KWD geteilt auf das DB-Gleis Richtung Kreuztal rangiert werden mussten oder alternativ die ganze Fuhre auf das Streckengleis Richtung Siegen-Ost gezogen und anschließend zurück gedrückt wurde.
Links im Bild sieht man die Anschlussgleise der Firma Kritzler bzw. Meyer, die für den Verschub eine Ruhrthaler-Diesellok einsetzten. Wer das Buch „Privat- und Werksbahnen im Siegerland“ der Autoren Christopher/Moll/Schönberger aus dem Verlag Kenning sein Eigen nennt, findet auf Seite 104 ein Foto der urigen Maschine.
Knapp 20 Jahre später an gleicher Stelle. Die traditionelle Fahrt an Karsamstag mit dem Rheingold von 1928 führte 1976 u. a. über die Asdorftalbahn ins Sauerland und Rothaargebirge. Lange musste gegen Abend der Fotograph auf die Rückfahrt warten, während die Sonne immer tiefer über den Bergen versank. Im letzten Licht des Tages gelang nach bangem Warten dann doch noch dieses Bild (051 462-0, 17.04.1976).
Das ehemalige Werkgelände der Fa. Breitenbach hat inzwischen eine andere gewerbliche Nutzung erfahren, ein paar Meter Gleis der 600 mm Werkbahn sind bislang erhalten geblieben. Hinter dem Bus ist übrigens ein Stück alten Zaunes zum früheren Ablaufberg sichtbar, 19.04.2015.
Vom Weidenauer Güterbahnhof ist nichts mehr übrig geblieben, sieht man von den zwei Übergabegleisen zur KWD ab. Nach einem weiteren Betreiberwechsel im SPNV sind die zwei 640 ebenfalls Vergangenheit und eine 225 mit einem Sonderzug verirrt sich auch nur noch selten nach Weidenau (225 082-7, 19.11.2013).
Kommen wir zum Schluss zurück zum Fotostandort am Ehrenmal. Einen Güterschuppen im herkömmlichen Sinn für Versand und Abholung von Express- und Stückgut braucht die Bahn des 21. Jahrhunderts nicht mehr. An seiner Stelle steht ein Geschäfts- und Wohnhaus. Ob zur Gleisseite hin „Hardcore-Eisenbahnfans“ wohnen, entzieht sich meiner Kenntnis ... Von den einst umfangreichen Lade- und Anschlussgleisen ist ebenfalls nichts geblieben. Auf einem Teil des Geländes wurde das Kühlhaus eines Fruchthofes errichtet, der in der Anfangszeit seines Bestehens noch über einen Gleisanschluss verfügte und werktags regelmäßig ein oder zwei Kühlwagen zugestellt bekam. Diese Wagen liefen in einem Nahverkehrszug aus Richtung Hagen mit, der Weidenau kurz nach 7:00 Uhr morgens erreichte. Allerdings weiß ich nicht mehr zu sagen, ob die Wagen anfangs in Weidenau abgehängt wurden. Später erfolgte die Zustellung auf jeden Fall von Siegen aus. Einen weiteren Teil des ehemaligen Bahngeländes beansprucht heute ein Baustoffhandel und der Rest liegt freigeräumt und ungenutzt da, wie so vielerorts. Was den Personenverkehr betrifft, zeigt die helle Farbe des Bahnsteigpflasters, dass für einen zwei- oder dreiteiligen FLIRT nicht mehr Fläche benötigt wird. (Aufnahme vom 04.05.2015).
Bekanntlich soll im Rahmen einer Angebotsoffensive der Personenfernverkehr auf der Ruhr-Sieg-Strecke irgendwann einmal eine Renaissance erleben. Die Plakate aus den 1980er Jahren kann die DB mit ein paar kleinen Änderungen jedenfalls wiederverwenden ...
1-mal bearbeitet. Zuletzt am 2015:05:17:12:06:36.