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Kurzmeldungen BD Hamburg 1928 (m4Scan)

geschrieben von: Alberto

Datum: 24.02.13 10:22

Hallo allerseits,

nun folgen 39 Kurzmeldungen des Jahres 1928. Präsident der Eisenbahndirektion Altona ist noch immer Dr. Ernst Schneider (* 1867, † 1945); der Reichsverkehrsminister heißt bis zum 12.06.1928 Wilhelm Koch (DNVP, *1877, † 1950), seit dem 28.06.1928 Theodor von Guérard (Zentrum, *1863, † 1943).


3. Januar
• Einer Täuschung unterlag ein älterer Mann, der mit einem Silvesterrausch die Schienen der Kreisbahn zwischen Rabenkirchen und Faulück für die Seitenbretter seiner häuslichen Lagerstatt und den schönen weißen und weichen Schnee für Kissen und Pfühle* ansah und sich darin zum sanften Schlummer niedergelegt hatte. Der Triebwagen konnte über dieses Hindernis nicht hinwegkommen, und hilfsbereite Mitreisende „verfrachteten“ die schwere Ladung in den Packwagen. Jn Faulück wurde diese seltene Fundsache ausgeladen. Von zwei hand- und armfesten Männern zog der vom Unglück Behütete etwas ermuntert die Chaussee entlang seiner rechtmäßigen Lagerstatt zu.
----> * Pfühle = dichterisch/veraltet für Kissen, Polster

11. Januar

• Am Dienstagmorgen entgleiste in Kiel im Güterbahnhof der von Meimersdorf kommende, für die Werften bestimmte Güterzug. Der Zug geriet infolge falscher Weichenstellung in ein totes Gleis ohne Schutz-Prellbock. Trotzdem der Lokomotivführer sofort bremste, fuhr die Lokomotive über das tote Gleis hinaus und wühlte sich mit dem Tender, der vorn lief, mit großer Gewalt in das Erdreich hinein. Die Lokomotive selbst und die unmittelbar dahinter laufenden Güterwagen richteten sich hoch auf. Der Hilfsgerätezug von der Werkstätte Neumünster mußte zu den Aufräumungsarbeiten herbeigerufen werden. Die Aufräumung dauerte den ganzen Tag. Um den Tender von der Lokomotive frei zu bekommen, mußten die Kolbenstangen durchgesägt werden. Das Eisenbahnpersonal kam mit dem Schrecken davon. Die Ladungen in den Güterwagen hinter der Lokomotive hatten nicht gelitten, da sie durchweg widerstandsfähige Waren enthielten.

31. Januar
• Zu der Bauernkundgebung am Sonnabend in Husum kam mit dem Dampfer von der Jnsel Pellworm ein 73jähriger Mann herüber, der in seinem Leben erstmalig das Festland betrat und bisher keine Eisenbahn und keine aller anderen Errungenschaften der Technik gesehen hatte, die seine Jnsel noch nicht erreichten!

22. Februar
• Montag vormittag sank ein Teil der Holstenhof-Wegbrücke, die in der Entfernung von einigen Kilometern vom Bahnhof Wandsbek über die Hamburg-Lübecker Bahn hinwegführt, durch den Bruch eines Wasserrohres in sich zusammen. Jn der Brücke läuft ein Rohr der Städtischen Wasserwerke Wandsbek, mit einem Durchmesser von 50 Zentimetern. Streckenarbeiter sahen, wie aus der Brücke plötzlich eine hohe Wasserfontäne herausdrang; sie eilten herbei und waren noch nicht ganz an der Brücke, als plötzlich die Erdmassen der Brücke wegzurutschen begannen. Das Wasserrohr war genau in der Brücke auseinandergesprungen; das mit hohem Druck ausfließende Wasser hatte in wenigen Minuten einen Teil der Erdmassen, die die Brücke tragen, weggeschwemmt, und die Massen ins Rutschen gebracht. Die Erdmassen sackten auf die Schienen und hatten bald beide Geleise zugeschüttet. Von Wandsbek wurde ein langer Zug mit leeren Güterwagen entsandt, eine starke Kolonne von Streckenarbeitern war damit beschäftigt, die gerutschten Erdmassen in die Wagen zu schaufeln und die Schienen freizulegen. Die Brücke mußte streng bewacht werden, man konnte nicht genau sehen, wie weit noch eine Einsturzgefahr bestand. Gegen Mittag hatten die Aufräumungsarbeiten soweit Fortschritte gemacht, daß der Eisenbahnverkehr wieder im vollen Umfang durchgeführt werden konnte.

1. März
• Der ungewöhnlich schöne Frühlingssonntag, der einen ganz großen Ausflugsverkehr herbeiführte, brachte den Bahnhof in Blankenese in eine unvorhergesehene Lage: die Fahrkarten gingen aus! Das Publikum mußte nun bei der Heimkehr auf dem Bahnhof warten, bis Nachschub an Fahrkarten herbeigebracht war. Die Reichsbahn teilt mit, daß Vorsorge getroffen ist, einen ähnlichen Vorfall für die Zukunft auszuschließen.

6. März
• Der Bahnbauplan für das Projekt Kiel–Brunsbüttelkoog liegt der Eisenbahndirektion Altona vor. Die Eisenbahndirektion hat sich über die eingereichten Unterlagen sehr anerkennend ausgesprochen. Sie bedarf jedoch noch der genauen Nachprüfung des Kostenanschlages der Bahnlängenprofile und der allgemeinen Entwürfe über die Einführung der Bahn in die Bahnhöfe Meimersdorf, Nortorf, Hohenwestedt, Innien. Nachdem die weitere Prüfung hiernach erfolgt ist, soll der Plan der Reichseisenbahndirektion in Berlin vorgelegt werden, damit er bei dem Bahnbauprogramm, das in großen Zügen für die nächsten zehn Jahre festgelegt werden soll, berücksichtigt wird.

15. März
• Die Altona-Kaltenkirchener Bahn hat schon seit Monaten eine erhebliche Zahl ihrer täglichen Züge eingestellt, da die Zahl der Fahrgäste um die Hälfte abgenommen hat und der Güterverkehr sich um die Hälfte verringert hat. Auch die Staatsbahn hat erhebliche Einbuße in ihrem Personen- und Güterverkehr erlitten. Die Ursachen dieses Rückganges liegen in dem so überaus schnell entwickelten Autoverkehr auf der Landstraße, hauptsächlich der Straße Altona–Kiel. Eine polizeiliche Zählung der Autos an einem Tage in Stellingen ergaben die kaum gedachte Zahl von 1067 Autos, davon allein 600 Lastkraftwagen; es kommen jetzt in neuer Zeit hinzu die stets vollbesetzten Kraftomnibusse von Kiel, Bad Bramstedt, Schleswig und Flensburg. Dieses Anwachsen des Verkehrs gibt zu denken, wenn man sich ausrechnet, daß zehn Güterzüge zu je 40 Wagen und acht Personenzüge dazu nötig sind, um diesen Verkehr zu bewältigen; es ist wahrhaftig an der Zeit, sich mit dieser kommenden Verkehrsfrage allen Ernstes sofort zu beschäftigen.

27. März
• Vor kurzem wurde ein Reisender im Zuge zwischen Oldenburg und Neustadt mit einer Arbeiter-Rückfahrkarte betroffen, die er sich am Tage vorher gelöst haben wollte. Einen Ausweis hatte er nicht bei sich, und er behauptete, er habe die Karte ohne diesen erhalten. Man stellte aber fest, daß ihm die Karte nicht verkauft war, und nun kam er damit heraus, daß er sie in einer Gastwirtschaft geschenkt erhalten hatte. Vor dem Schöffengericht, vor dem er wegen Betruges angeklagt war, erklärte er, nicht gewußt und nicht gelesen zu haben, daß die Fahrkarte nicht übertragbar war. Hiermit fand er aber keinen Glauben, und da er wegen Betruges schon vorbestraft ist, erhielt er 100 RM Geldbuße zuerkannt. Der Staatsanwalt hatte sogar einen Monat Gefängnis beantragt. Der Preis der Fahrkarte beträgt übrigens nur 60 Pfennig.
---> Die Arbeiter-Rückfahrkarte gewährte 50% Ermäßigung - zur Nutzung benötigte man aber einen Berechtigungsausweis.

12. April

• Dadurch, daß zwischen den Schienen der Straßenbahn in Flensburg – wahrscheinlich von Schulbuben verübt – eine Reihe von Steinen eingeklemmt worden war, entgleisten zwei Straßenbahnwagen. Jnfolge vorsichtigen Fahrens konnte ein Unglück vermieden werden, doch entstand beträchtlicher Materialschaden.

16. April
• Eine teure Zigarre hatte sich ein Einwohner aus Neumünster in einem Nichtraucherabteil der Eisenbahn angesteckt. Er wurde bei dem „Schmöken“ gefaßt und wurde auf dem Bahnhof vom Fahrdienstleiter zur Zahlung von 2 RM Strafe angehalten. Er rückte auch einen Geldschein zum Wechseln heraus, hatte dabei aber zu bemerken, daß der Beamte ihn „schikanieren“ wolle und sehr „niederträchtig“ handle. Daraufhin erhielt er einen Strafbefehl über 50 RM wegen Beleidigung. Der Raucher legte aber Berufung ein und hatte vor dem Gericht das Glück, mit 30 RM davonzukommen. Jmmerhin noch eine teure Zigarre.

18. April
• Bei der Ankunft eines Personenzuges in Schwarzenbek wurde auf dem Dache eines Wagens dritter Klasse eine männliche Leiche gefunden. Der Getötete ist ein 17jähriger Lehrling aus Berlin. Es ist anzunehmen, daß der Verunglückte in Berlin auf das Dach des Wagens gestiegen ist, um ohne Fahrkarte mitzufahren. Während der Fahrt muß er dann von einem Brückenteil erfaßt worden sein, wobei ihm der Schädel zertrümmert wurde.

21. April
• Ein Pferdetransport von etwa 20 schweren jütischen Pferden kam vom Norden her in Tondern an, wurde ausgeladen, auf der Landstraße über die Grenze nach Süderlügum transportiert und von dort aus wieder verladen. Die Bahntransportkosten Tondern–Süderlügum sind nämlich so hoch, daß die Transportunterbrechung sich reichlich lohnt.

30. April
• Die Eröffnung des neuen Betriebsbahnhofes der Hamburger Hochbahn am Stadtpark ist die Voraussetzung für den Umbau der Haltestelle Barmbeck gewesen, da während dieses Umbaues vorübergehend die Haltestelle Barmbeck vom Ein- und Aussetzen von Zügen entlastet werden muß. Der neue Betriebsbahnhof Stadtpark umfaßt deshalb, obgleich die Wagenhalle selbst vorläufig nur für sechs Gleise ausgebaut worden ist, einen breiten Aufstellungsplatz mit insgesamt 20 Gleisen. Das Stellwerk, daß größte Schnellbahnstellwerk Europas, umfaßt: 31 Signale, 52 Weichen und 131 verschiedene Fahrten. Die Verbindung des Betriebsbahnhofes mit der Haltestelle besteht aus vier Gleisen, um Ein- und Ausfahrten der Einsatzzüge für beide Ringgleise je zweigleisig getrennt von einander ausführen zu können. Die Leistungsfähigkeit dieses Bahnhofes ist daher allen Ansprüchen weitgehendst gewachsen.

4. Mai
• Zwischen Kiel und Neumünster werden vom 15. Mai an Eisenbahntriebwagen verkehren, nachdem sie sich auf der Strecke Kiel-Rendsburg-Husum seit 1926 sehr bewährt haben.

11. Mai
• siehe Scan unten

14. Mai
• Die 7,33 Kilometer lange Reststrecke Haffkrug – Neustadt (Holstein) der Nebenbahn Bad Schwartau – Neustadt (Holstein) soll am 1. Juni 1928 für den öffentlichen Personen-, Gepäck-, Güter- und Tierverkehr in Betrieb genommen werden. An ihr liegt als einzige Zwischenstation der nur dem Personenverkehr dienende unbesetzte Haltepunkt Sierksdorf.
• Mit dem Jnkrafttreten des Sommerfahrplans ist für die beiden in Preetz kreuzenden Frühzüge aus betriebstechnischen Gründen ein Gleiswechsel erforderlich geworden, so daß der von Kiel um 7,00 Uhr ankommende Zug nicht mehr wie bisher am Bahnsteig 2, sondern am Bahnsteig 1, der um 7,05 Uhr von Eutin ankommende Zug dagegen am Bahnsteig 2 einlaufen wird.

15. Mai
• siehe Scan unten

4. Juni
• Am 31. Mai erfolgte die offizielle Einweihung der neuen Bäderbahnstrecke Haffkrug–Neustadt in Holstein. Der geschmückte Sonderzug mit den Ehrengästen verließ morgens Bad Schwartau und wurde auf den einzelnen Stationen in der üblichen Weise festlich empfangen. Mit dankbarem Beifall wurde die Mitteilung des Reichsbahnvizepräsidenten Dr. Koch aufgenommen, daß nun endlich die Schwierigkeiten wegen der Durchführung der Züge der Bäderbahn bis Lübeck behoben worden seien und daß ab 15. Juni die Züge von und bis Lübeck durchgeführt werden würden. Dr. Koch sprach auch über den neuen Bahnhof in Neustadt, der nicht mehr Kopfstation, sondern Durchgangsstation sein wird. Seine Darlegungen lassen erhoffen, daß dieser Bau mit Beschleunigung in Angriff genommen werden wird. Neustadt dürfte so am Beginn einer neuen glücklichen Entwicklung stehen.
• Am Freitag entgleiste auf dem Kieler Hauptbahnhof vermutlich infolge unrichtiger Weichenstellung eine Lokomotive und legte sich so vor den Hamburger Bahnsteig, daß die Geleise des Hamburger und Eckernförder Bahnsteigs gesperrt wurden und eine mehrstündige empfindliche Betriebsstörung eintrat. Zur Aufgleisung der Lokomotive mußte ein Hilfszug von Neumünster herangeführt werden.

7. Juni
• Am Freitag ist der neue Pattburger Bahnhof, an dessen Bau seit der Abtretungszeit gearbeitet wurde, dem Verkehr übergeben worden. Die Übernahme, der einige leitende Beamte, auch aus Kopenhagen beiwohnten, geschah ohne jede Feierlichkeit.

13. Juni
• Einen seltenen Bauplatz hat sich ein Schwalbenpaar auf dem Horster Bahnhof erwählt. Jn einem Milchwagen, der täglich zur Milchbeförderung zwischen Horst und Altona verkehrt, bauen diese Tiere ihr Nest. Wird der Wagen gegen 4 Uhr morgens ausrangiert, dann finden sich sofort die Schwalben ein und ihre Arbeit beginnt; mittags, zwischen 11 und 12 Uhr, wird der Wagen wieder mit nach Altona genommen, die Schwalben warten bis zum anderen Morgen, um an ihrem Nest weiter zu schaffen. Gespannt ist man, wie es werden wird, wenn die Tiere brüten und nachher Junge haben.

20. Juni
• Ein Augenzeuge berichtet das nachstehend geschilderte Erlebnis, dessen Richtigkeit durch Nachprüfung sich ergeben hat: Es war auf der Strecke Kiel–Eckernförde, und zwar am vergangenen Mittwoch. Wir fuhren mit dem Zuge 11,13 Uhr ab Kiel und hatten eben die Station Altenhof passiert, als auf offener Strecke der Zug plötzlich hält. Da das dort ziemlich ungewöhnlich ist, wird man neugierig. Was ist los? Der Schrankenwärter hat den Zug durch Signale zum Halten gebracht? Warum? Auf offener Strecke stand ein Güterwagen, einsam und verlassen. War er von einem Güterzug verloren oder von der nächsten Station fortgelaufen? Nein! Er war vergessen! Seit geraumer Zeit bezog die Badeverwaltung Koksschlacken, um den Strandweg zu befestigen. Nach Passieren des 9,58 Uhr von Eckernförde abgelassenen Zuges war die Strecke etwa zwei Stunden frei. Eine Maschine brachte diesen Koksschlackewagen in Richtung Altenhof. Gegenüber dem „Seegarten“ wurde er auf der Strecke stehengelassen, in gut einer Stunde entladen und dann von einer Maschine von Eckernförde aus wieder hereingeholt. So war es wiederholt geschehen. Nur an diesem Morgen nicht, man hatte vergessen, den entleerten Wagen zurückzuholen. Dem von Kiel kommenden Zuge war nach Passieren der letzten Station die Strecke freigegeben, denn Vor- und Hauptsignal zeigten freie Einfahrt. Alle Voraussetzungen für einen Zusammenstoß waren also gegeben. Aber diesmal verhinderte die Aufmerksamkeit des Schrankenwärters das Unheil. Bei Nacht oder Nebel wäre es sicher anders gekommen. Das Auffahren des Personenzuges auf diesen festgebremsten Güterwagen hätte sicher eine Entgleisung zur Folge gehabt. Und die Folgen kann man an anderen gleichartigen Unfällen ermessen.

4. Juli
• Ein Unglück wurde auf dem Bahnhof in Elmshorn verhindert. Die Federung des Speisewagens in dem Bäderzug D 145 Hamburg-Westerland war gebrochen. Schon in Eidelstedt bemerkten die Fahrgäste einen erheblichen Stoß, und eben vor Elmshorn wiederholte sich der Stoß noch einmal. Nach einer Untersuchung des Wagens wurde festgestellt, daß die Feder gebrochen war. Der Wagen mußte ausrangiert werden, wodurch der Zug eine Verspätung erhielt.

12. Juli
• Am Montag entgleiste zwischen den Bahnhöfen Altona-Holstenstraße und Hamburg-Sternschanze ein Kesselwagen. Obwohl es sich um einen leeren Wagen handelte, war die Aufgleisung am Rande der Böschung wie auch des Abschleppen des Wagens so schwierig, daß es längere Zeit erforderte, bis das gesperrte Hauptgleis der Richtung Hamburg–Altona wieder frei wurde. Personen wurden nicht verletzt. Der Materialschaden ist unbedeutend. Die Ursache der Entgleisung konnte noch nicht festgestellt werden. Jnfolge des durch den Unfall bedingten eingleisigen Betriebes erlitten die Schnellzüge, besonders nach den Richtungen Köln und Hannover, Verspätungen bis zu 100 Minuten. Die Schnellzüge der Gegenrichtung wurden in Hamburg-Hauptbahnhof aufgelöst und die Reisenden mit der Stadtbahn weiterbefördert.
---> zur Erinnerung: Altona und Hamburg waren damals noch zwei nebeneinander liegende Städte, außerdem war die Güterumgehungsbahn noch nicht durchgehend fertiggestellt.

20. August

• O.T.: Mit Wirkung von Montag an hat der Kieler Polizeipräsident die als Sonderfahrten bezeichneten Autobusfahrten von Kiel nach Stellingen und Hamburg verboten. Die Fahrten wurden von mehreren Kieler und Hamburger Unternehmern fast täglich ausgeführt. Sie erfreuten sich starker Benutzung namentlich auch seitens der Geschäftswelt, zumal der Preis für die Hin- und Rückfahrt nur 5 RM betrug. Für die Unternehmer bedeutet das Verbot einen schweren Schlag. Am Sonntag fuhren übrigens nicht weniger als 120 Wagen von Kiel nach Hamburg.
• O.T.: Welch kolossaler Autoverkehr auf der Altona-Kieler Chaussee herrscht, läßt sich ermessen, wenn man das Resultat einer Zählung erfährt, die ein Bönningstedter Einwohner am Sonntagabend vornahm. Es wurden in der Zeit von 7,25 bis 8,25 Uhr nicht weniger als 95 Autos, 93 Motorräder und 19 Autobusse gezählt.

27. August
• Wie zuverlässig gemeldet wird, hat das von der Deutschen Reichsbahngesellschaft und dem Reichsverkehrsministerium angerufene Reichsbahngericht sich der Notwendigkeit der Erhöhung der Reichsbahntarife mit einer gewissen Begrenzung nach oben nicht verschließen können. Da die Vorbereitungen der Reichsbahn für die Erhöhung seit langem getroffen sind, ist diese voraussichtlich schon am 1. Oktober zu erwarten, und zwar sowohl für Personen- und Güterbeförderung. Jm Güterverkehr soll eine Erhöhung von 10 bis 11 Prozent eintreten. Jm Personenverkehr soll eine Tariferhöhung, wenn irgend möglich, mit der Einführung des Zweiklassensystems, d. h. des Übergangs zu einer Polster- und einer Holzklasse, verbunden werden.

30. August
• Die Reisenden des Zuges Neumünster-Hamburg wurden am Montagvormittag Zeugen eines schrecklichen Unglücks. Zwischen Dauenhof und Horst wurde plötzlich die Notbremse gezogen, und als man aus den Fenstern sah, lag hinter dem Zuge ein Knabe blutüberströmt zwischen den Schienensträngen. Es stellte sich heraus, daß der achtjährige Knabe an der Abteiltür gestanden hatte. Wahrscheinlich durch Spielen am Türgriff hat sich die Tür dann plötzlich geöffnet, und der Junge ist kopfüber hinausgestürzt. Der Verunglückte erhielt im Zuge einen Notverband um den schwerverletzten Kopf und wurde in Elmshorn einem Arzt übergeben. Lebensgefahr soll zum Glück nicht bestehen. Der Vorfall zeigt den Eltern wieder einmal, daß sie ihre Kinder beim Reisen auf der Eisenbahn unbedingt von den Türen fernhalten müssen.

5. September
• Ein Zugunfall hat sich am Sonntagabend auf der Kreisbahnstrecke Schleswig–Satrup ereignet. An der Stelle, wo sich außerhalb Schleswigs die Strecken nach Süderbrarup und Satrup trennen, wurde eine Kuh überfahren und getötet. Durch die Wucht des Anpralls sprang die Lokomotive aus den Schienen und kippte um. Die folgenden Personenwagen blieben in den Schienen stehen. Personen wurden nicht verletzt. Der Materialschaden ist jedoch nicht unerheblich. Der Verkehr mußte bis Montagnachmittag durch umsteigen aufrechterhalten werden.

12. September
• siehe Scan unten

6. Oktober
• Es sei noch einmal darauf hingewiesen, daß ab morgen die „4“ als Klassenbezeichnung von allen Wagen der Reichsbahn verschwindet. Es gibt dann nur noch eine Holzklasse, die die Zahl „3“ trägt. Es verkehren ab morgen Personenzüge, Eilzüge und Schnellzüge. Die „beschleunigten Personenzüge“ mit dem Zeichen „BP“ werden in dem Fahrplan nicht mehr als solche bezeichnet. Für die Schnellzüge werden die bisherigen Wagentypen (Durchgangswagen) beibehalten, für die Personenzüge werden alle verfügbaren Wagen 3. Klasse herangezogen; in den vorwiegend dem Marktverkehr dienenden Personenzügen werden die bisherigen Wagen 4. Klasse beibehalten.

9. Oktober
• Eins, zwei, drei – die 4. Klasse ist weg! Jn der Nacht zum 7. Oktober ist die schon seit langem mit großem „Geräusch“ angekündigte Umwandlung der vierten Klasse in die – man verzeihe das harte Wort – alleinzige Holzklasse geschehen. Mit fabelhafter Geschwindigkeit, die beinahe schon Hexerei war, geschah das – aber es war auch danach! An vielen Orten erschienen mit Kleister, Pinsel und Papier bewehrte Eisenbahnarbeiter, klebten eine große „3“ über die bisherige „4“ – und fertig war die Laube, wie sie in Berlin sagen. Die vierte Klasse ist tot, es lebe die vierte Klasse! Die neuen „Holzklassewagen“ sehen nämlich der weiland vierten Klasse so ähnlich wie ein Ei dem anderen. Nein, nicht ganz so, denn in der Jnnenausstattung sind die zu Holzklassewagen verzauberten Wagen vierter Klasse vielfach beinahe noch ärmlicher als zu der Zeit, als sie treu und ehrlich wirkliche Wagen vierter Klasse waren. Man hat hier und da wahl- und planlos zu lange oder zu kurze Holzbänke hineingeschubst und das Publikum mochte sehen, wie es damit fertig wurde. Das Publikum wurde nicht immer damit fertig und schimpfte. Viele zerrissen sich an „ollen ehrlichen Bänken“, die noch von Anno Weltkrieg stammen, die Kleider, andere lasen traurig die ausliegenden Kommuniques, in denen die Reichsbahn kund und zu wissen tat, warum sie unbedingt die Fahrpreise erhöhen mußte. Das ist des Pudels Kern – die Fahrpreiserhöhung!
Die Reichsbahn fühlt sich natürlich ein bißchen geniert und läßt erklären, daß die bemängelten Fehler nur Übergangserscheinungen wären, wie sie ja mit allen epochemachenden Ereignissen verbunden sind. Jn kurzer Zeit werde alles schon viel, viel besser sein. Hoffen wir nicht nur dieses Bessere, sondern das Beste, lieber Leser!

12. Oktober
• siehe Scan unten

30. Oktober
• Ein Sonderzug, bestehend aus einem Salonwagen und Lokomotive, mit Herren der Hauptverwaltung der Reichsbahn aus Berlin traf am Freitagvormittag auf dem Staatsbahnhof in Rendsburg ein. Nach einem Aufenthalt von einer Minute fuhr der Sonderzug in Richtung Jübek-Husum weiter.

6. November
• Es tritt bei den Reisenden jetzt vielfach die irrige Ansicht hervor, daß mit Einführung des Zweiklassensystems die erste Klasse in den Schnellzügen völlig fortgefallen sei; tatsächlich wird aber in einer ganzen Reihe von Schnellzügen, besonders mit Rücksicht auf den internationalen Verkehr, die erste Klasse auch jetzt noch weiter geführt. So führen z. B. auf der Strecke Kiel-Hamburg noch sämtliche D-Züge die erste Klasse. Weil das aber nicht allgemein bekannt ist, glauben manche Reisende berechtigt zu sein, trotzdem sie nur Fahrausweise zweiter Klasse haben, die in den D-Zügen noch vorgefundenen Abteile erster Klasse ohne weiteres benutzen zu dürfen. Ein solches Verfahren ist aber bestimmungswidrig und kann den Reisenden unter Umständen die Zahlung eines Fahrpreiszuschlages bereiten. Das Zugpersonal ist bereits angewiesen, genau darauf zu achten, daß die Abteile erster Klasse wie bisher auch weiterhin im regelmäßigen Verkehr nur von Reisenden mit Fahrausweisen erster Klasse benutzt werden.

19. November
• Die Handelskammern in Kiel und Lübeck sind bei der Hauptverwaltung der Deutschen Reichsbahngesellschaft wegen Einlegung eines zweiten D-Zugpaares zwischen Kiel und Berlin über Lübeck vorstellig geworden. Nunmehr teilt die Reichsbahnhauptverwaltung mit, daß sie die ganzjährige Durchführung eines solchen Schnellzugpaares zu ihrem Bedauern für das Fahrplanjahr 1929/30 noch nicht in Aussicht stellen könne, weil der Umfang der in Frage kommenden Verkehre dies noch nicht rechtfertige. Die Reichsbahnhauptverwaltung werde aber eine versuchsweise Einlegung derartiger Züge für den nächsten Sommer während der Hauptreisezeit für den Fall in Erwägung ziehen, daß die hierfür erforderlichen Mittel bereitgestellt werden könnten, was sich vorläufig noch nicht übersehen lasse.
---> genaugenommen handelte es sich um die Wiedereinlegung des zweiten Zugpaares Kiel-Berlin, es wurde 1914 eingestellt.

26. November

• Vor der Abfahrt des Morgenzuges hatte sich auf dem Bramstedter Bahnhof ein ungewöhnlicher Fahrgast eingefunden: ein starker Damhirsch, der ruhig auf dem Bahnsteig und zwischen den Gleisen einherstolzierte und sich nicht stören ließ. Erst, als sich mehr und mehr Reisende einfanden, die den seltsamen Passagier neugierig betrachteten, zog er es vor, sich würdevollen Schrittes zu entfernen.
• Die Strecke Rendsburg–Husum ist zwischen Christiansholm und Erfde wegen Unterspülung des Bahnkörpers gesperrt. Zwischen den Stationen Rendsburg - Christiansholm und Husum - Erfde ist ein Pendelverkehr eingerichtet worden. Ein Umsteigen an der Gefahrstelle ist aber nicht möglich. Der Durchgangsverkehr wird über Jübek geleitet.
----> am 3. Dezember wurde gemeldet, daß die Unterbrechung der Strecke beseitigt ist.

27. November

• Bahnmeister Reimers, Wesselburen, wurde am Sonnabendmittag, als er, mit einer Dräsine von Büsum kommend, in den Bahnhof Osterhof einfuhr, von einem aus Heide kommenden Auto überfahren und getötet. Die Dräsine war von der Chaussee aus nicht sichtbar des Deiches wegen, welcher an der Straße entlangläuft, und der Bahnmeister konnte aus gleichem Grunde das ankommende Auto nicht sehen und dessen Signale bei dem herrschenden Südweststurm nicht hören. So geschah der furchtbare Zusammenstoß, bei dem der Bahnmeister den Tod fand und von Frau und zwei Kindern gerissen wurde.

30. November
• Ein Zugzusammenstoß, der zu den schwersten Folgen hätte führen können, ereignete sich gestern auf dem Bahnhof St. Margarethen. Der von Wilster einlaufende fahrplanmäßige Personenzug stieß auf eine Reihe auf den Schienen feststehender Güterwagen und warf diese zum Teil aus dem Gleis heraus. Der Zusammenprall folgte mit einer überraschenden Wucht. Viele Mitfahrende wurden leicht verletzt. Es bemächtigte sich aller eine große Aufregung. Man sagt, daß das Personal auf dem Bahnhof in einer unverantwortlichen Weise verringert worden ist.

17. Dezember
• Die seit Jahren projektierte Verlegung der Marschbahn scheint jetzt Wirklichkeit werden zu wollen. Die Einsprüche der betroffenen Besitzer gegen ein Enteignungsverfahren sind auf Antrag der Stadt Jtzehoe vom Enteignungskommissar sämtlich zurückgewiesen worden, und der Reichsbahn wurde der Besitz der benötigten Grundflächen zugesprochen. – Mit den Erdarbeiten soll schon bald begonnen werden; man hofft, mit den Hauptarbeiten rund 1000 Erwerbslose beschäftigen zu können.
---> Was sollte 1928 im Raum Jtzehoe an der Marschbahn verändert werden?


Zeitungsscan vom 11. Mai :
http://up.picr.de/13564037mb.jpg

Zeitungsscan vom 15. Mai :
http://up.picr.de/13564024av.jpg

Zeitungsscan vom 12. September :
http://up.picr.de/13564029mx.jpg

Zeitungsscan vom 12. Oktober :
http://up.picr.de/13564032aq.jpg


Den Jahrgang 1927 siehe hier: [www.drehscheibe-foren.de]
Den Jahrgang 1929 siehe hier: [www.drehscheibe-foren.de]

Gruß Alberto



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 2013:04:12:19:01:31.

Re: Kurzmeldungen BD Hamburg 1928 (m4Scan)

geschrieben von: ICE

Datum: 24.02.13 14:06

Hallo Alberto,

widerstandsfähiges Ladegut - klasse! Und die Kinder mögen bitte nicht an den Wagentüren spielen.
Harte Zeiten - und tolle Kommentare zur Holzklasse.

Dank & Grüße vom ICE

Re: Kurzmeldungen BD Hamburg 1928 (m4Scan)

geschrieben von: Synchrongenerator

Datum: 09.03.13 07:51

Hallo Alberto,

großen Dank für die Arbeit! Es macht sehr viel Spaß, die Meldungen zu lesen.
Zu Itzehoe: Die nördliche Bahnhofsausfahrt Richtung Wilster wurde um die Stadt
herum verlegt, um einige Bahnübergänge einzusparen. Die ursprüngliche Trasse
wurde lange Zeit noch als Anschluß des städtischen Gaswerkes benutzt.

Viele Grüße
Florian

Re: Kurzmeldungen BD Hamburg 1928 (m4Scan)

geschrieben von: Alberto

Datum: 10.03.13 09:50

Zu Itzehoe: Die nördliche Bahnhofsausfahrt Richtung Wilster wurde um die Stadt
herum verlegt, um einige Bahnübergänge einzusparen. Die ursprüngliche Trasse
wurde lange Zeit noch als Anschluß des städtischen Gaswerkes benutzt.




Hallo Florian,

vielen Dank für die Jnfo - das wußte ich noch gar nicht! Wenn man alte Meßtischblätter („Geo-Greif“) mit dem heutigen Google-Maps vergleicht, kann man die Veränderungen einigermaßen nachvollziehen.

Gruß Alberto

Re: Kurzmeldungen BD Hamburg 1928 (m4Scan)

geschrieben von: Alberto

Datum: 02.07.13 15:37

Nochmal an Florian,

am 05.02.31 wurde die Eröffnung der neuen Bahntrasse gemeldet:

http://up.picr.de/15048906tg.jpg

Gruß Alberto