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Kurzmeldungen BD Hamburg 1923 (nur Text)

geschrieben von: Alberto

Datum: 05.03.12 17:46

Hallo allerseits,

nun 89 Kurzmeldungen des Jahrganges 1923 – dem Jnflationsjahr! Über die Eisenbahn wird jedoch gar nicht soviel berichtet, es gab wichtigere Probleme (Lebensmittel- & Brennstoffpreise, Ruhrbesetzung, Hitler-Ludendorff-Putsch). Auch erschien unsere Lokalzeitung nur 4 x wöchentlich – aber das ist im Vergleich zu vielen anderen Zeitungen, die damals ihr Erscheinen einstellen mußten, besser als nichts. Leider wurde über die Eisenbahntarife ausgerechnet im November nichts berichtet.
Der Präsident der Eisenbahndirektion Altona ist weiterhin Dr. Ernst Schneider (* 1867, † 1945); der Reichsverkehrsminister ist zunächst Wilhelm Groener (parteilos, * 1867, † 1939), er wurde am 13. August 1923 durch Rudolf Oeser (DDP, * 1858, † 1926) abgelöst.


5. Januar
• Über die Sylter Not hat der Sylter Ausschuß eine Eingabe an den Regierungspräsidenten gemacht, in der besonders betont wird, daß Dänemark den durch den dänischen Korridor gehenden Personen- und Güterverkehr mit einem bestimmten Kronenzuschlag belastet, der nach Tageskurs in deutscher Mark bezahlt werden muß, so daß heute eine einfache Fahrt von Sylt nach Niebüll Fahrkarte 3. Klasse ungefähr 2000 Mark kostet, während für die Fahrt von Niebüll nach Hamburg aber nur 135 Mark zu zahlen sind.

8. Januar
• Die Klagen über Bevorzugung der Ausländer vor den deutschen Reisenden in den Eisenbahnzügen haben in letzter Zeit zugenommen. Der Reichsverkehrsminister wendet sich jetzt in einer Verfügung gegen die Mißstände und weist darauf hin, daß gegen die Belegung mehrerer Plätze durch eine Person auch bei Lösung der entsprechenden Zahl von Fahrkarten einzuschreiten und die nach dem Personen- und Gepäcktarif zulässige Belegung ganzer Abteile durch einzelne Reisende vorläufig auszusetzen ist. „Den Ausländern wird auch im übrigen vom Zugpersonal vielfach größere Aufmerksamkeit bei der Anweisung von Plätzen und größeres Entgegenkommen bei Handreichungen, z. B. bei Unterbringung von Gepäckstücken, gezeigt als den Jnländern, offenbar in der Erwartung, daß dafür reichliche Trinkgelder gegeben werden. Das trifft besonders auch für die Schlafwagen zu. Die Annahme von Trinkgeldern ist an sich unzulässig, sie ist auch dem Ansehen der gesamten Beamtenschaft in hohem Grade abträglich. Bedienstete, die sich aber gar durch Trinkgelder bewegen lassen, Unterschiede in der Fürsorge für die Reisenden eintreten zu lassen und deutsche Reisende gegenüber zahlkräftigen Ausländern zurückzusetzen, handeln würdelos und pflichtwidrig.“ Der Reichsverkehrsminister droht, daß die unzulässige Bevorzugung von Ausländern außer einer Bestrafung die sofortige Zurückziehung aus dem Personenzugdienst zur Folge haben werde.

11. Januar
• Schon wieder, nachdem die letzte Erhöhung sich zum 1. Januar vollzogen hat, beteiligt sich die Eisenbahn an der beliebten und in immer kürzeren Zwischenräumen stattfindenden Hinaufschraubung der Preise. Jetzt werden für den Kilometer Fahrt erster Klasse 24, zweiter Klasse 12, dritter Klasse 6 und vierter Klasse 4 Mark erhoben. Alle diese Preise werden sich vom 1. Februar ab auf das Doppelte stellen.

12. Januar
• Ein Eisenbahnkuriosum, das der Eisenbahnverwaltung alljährlich beträchtliche Kosten auferlegt, erlaubt den rund 6000 Einwohnern der Stadt Lauenburg beliebig oft die Eisenbahnstrecke nach Büchen an der Berlin-Hamburger Bahn und zurück, die 13 Kilometer lang ist, abzufahren. Die Freifahrt wird aber nur gewährt, wenn die Fahrt über Büchen hinausgeht. Die zahlreichen Arbeiter, die in Büchen tätig sind, lösen sich daher Wochenkarten nach der nächsten Station der Hauptstrecke hinter Büchen und genießen auf diese Weise immer noch eine beträchtliche Preisermäßigung. Jeder Steuerzahler erhält für sich und seine Familienangehörigen zu Beginn des Jahres auf dem Bahnhof in Lauenburg einen Ausweis, der die Berechtigung zur Freifahrt gewährt. Diese eigentümliche Vergünstigung schreibt ihren Ursprung her von einer Bedingung, die bei dem Bau der Berlin-Hamburger Bahn vor fast 80 Jahren die dänische Regierung, die damals im Besitz des Herzogtums war, stellte, als Abfindung dafür, daß die Bahn nicht unmittelbar an die Stadt Lauenburg herangeführt wurde.

16. Januar
• Eine große Drehscheibe von 16 Metern Durchmesser wird auf dem Bahnhof in Büsum erbaut. Eine Hamburger Firma erhielt mindestfordernd den Zuschlag für 20 Millionen Mark. Die Drehscheibe wird somit teurer als seinerzeit die ganze Eisenbahnstrecke von Heide nach Büsum mit sämtlichen Gebäuden einschließlich Landerwerb.

24. Januar
• Weil er sich mit der Uetersener Eisenbahngesellschaft nicht über die Miete einigen konnte und daher noch immer die Friedensmiete gezahlt wurde, hat der Besitzer des Bahnhofes in Uetersen Tor und Tür des Bahnhofes vernagelt und verschlossen. Uetersen-West ist infolgesdessen ohne Bahnhof.

26. Januar
• Nachdem erst vor kurzem in der Nähe von Jübek ein Hemmschuh auf die Schienen gelegt war, was aber noch rechtzeitig bemerkt worden ist, haben Bahnfrevler erneut bei Bahnhof Jübek in der Nähe des nördlichen Stellwerks einen Radvorleger auf die Schienen gelegt und dadurch erneut versucht, eine Zugentgleisung herbeizuführen. Zum Glück konnte auch diesmal die Freveltat rechtzeitig entdeckt werden. Die Reichsbahndirektion hat für die Ergreifung des Täters in beiden Fällen eine Belohnung von je 100.000 Mark ausgesetzt.

27. Januar
• Ein peinlicher Vorfall ereignete sich am Montag im Dienstzimmer des Preetzer Staatsbahnhofes. Oberbahnmeister Helmes hatte den Reichsbediensteten K. in einer Sache zu vernehmen, wobei letzterer sich ohne jede Ursache derart aufregte, daß er Helmes angriff und ihm starke Kopf- und Kratzwunden zufügte. K. soll etwas geisteskrank sein.

29. Januar
• Der Personenzugverkehr der Reichsbahn soll in nächster Zeit um insgesamt rund 10 bis 20 % eingeschränkt werden. Die Einschränkungen erfolgen zum Teil sofort, zum Teil von Mitte dieser Woche ab. Wenn auch die Kohlenlage der Reichsbahn zurzeit noch günstig ist (Vorrat für etwa 40 Tage), so müssen doch bei der Ungewißheit der Weiterlieferung von Kohlen die Ersparnismaßnahmen sofort einsetzen. Die Einschränkungen erfolgen auf Grund von Plänen, die die Reichsbahndirektionen nach den örtlichen Verhältnissen aufgestellt haben. Dabei ist auf die Bedienung des Berufs-, Arbeiter- und des übrigen lebensnotwendigen Verkehrs, besonders auch der Post sowie von Milch in Personenzügen Rücksicht genommen.
• Zwecks Ersparung von Kohlen wird eine erhebliche Einschränkung des Eisenbahnverkehrs eintreten. Ab 31. d. M. werden auch die D-Züge Kiel–Berlin bzw. Berlin–Kiel ausfallen.

6. Februar
• Wie von der Direktion der Eutin-Lübecker Eisenbahn mitgeteilt wird, wird vom Mittwoch ab bis auf weiteres der gesamte Personenverkehr auf der Strecke Eutin–Lübeck und umgekehrt eingestellt. Es wird aber ein Notverkehr insofern eingerichtet, daß vormittags und nachmittags den Güterzügen Personenwagen angehängt werden. Es verkehren nur folgende Züge: ab Lübeck 7,55 Uhr vormittags, 2,12 Uhr nachmittags; ab Eutin 10 Uhr vormittags, 5 Uhr nachmittags. Sonntags verkehrt nur der Abendzug.

8. Februar
• Erfreulicherweise hat die Direktion der Eutin-Lübecker Eisenbahn die Zugeinschränkung doch noch etwas wieder geändert und will vorläufig nun folgende Züge fahren lassen: Personenzug morgens ab Lübeck 7,15 Uhr mit Weiterfahrt nach Kiel. Güterzug mit beschränkter Personenbeförderung ab Eutin 8,30 Uhr vormittags nach Lübeck. Güterzug mit beschränkter Personenbeförderung ab Lübeck 5,15 Uhr nachmittags nach Eutin. Personenzug nachmittags von Kiel, ab Eutin 8,03 Uhr weiter nach Lübeck. Hoffentlich gelingt es der Direktion, sich weiter mit Kohlenzufuhr auf dem Laufenden zu halten, damit eine noch weitere Verkehrseinschränkung mit ihren wirtschaftlichen Nachteilen vermieden wird.
---> ab 19. Februar fährt wieder der Personenzug um 8,28 Uhr morgens von Eutin nach Lübeck sowie abends der um 6,48 Uhr von Lübeck nach Eutin mit Weiterfahrt nach Kiel.
• O.T.: Beim Abbau der mächtigen Werft-Schwebefähre in Kiel ist der über 50 Meter hohe Nordpfeiler zusammengestürzt, gottlob ohne Menschen zu erschlagen.
---> hier einige Bilder der Schwebefähre: [www.niederelbe.de]

9. Februar

• Bei der Reichsbahn werden in nächster Zeit neue Tarife eingeführt. Es werden erhöht:
... zum 15. Februar die Gütertarife um 100 %,
... zum 20. Februar die Tiertarife um 60 %,
... zum 1. März die Personentarife um 100 %.
Der Kilometer kostet nach der Erhöhung vierter Klasse 16 Mark, dritter Klasse 24 Mark, zweiter Klasse 48 Mark und erster Klasse 96 Mark.

15. Februar
• Der Bahnbau Niebüll–Westerland in Verbindung mit dem Wattenmeerdamm wird jetzt anscheinend eifriger gefördert werden. Bereits im letzten Sommer wurde die Strecke Niebüll–Klanxbüll soweit gefördert, daß sie am 8. Oktober dem Verkehr übergeben werden konnte. Zugleich wurde ein Damm ins Wattenmeer hineingebaut, der es den bei der Ausführung der Hauptarbeiten tätigen Baggermaschinen ermöglichen soll, sich mit den nötigen Betriebsstoffen zu versehen. Da sich jedoch gegen die zuerst festgelegte Linienführung gewichtige Bedenken erhoben, mußten die Arbeiten ruhen und eine neue Linie abgesteckt werden. Jetzt liegen nun die Bau- und Lagepläne der neuen Linie aus, und es ist versichert worden, daß bereits im März ein gewaltiger Trockenbagger in Morsum seine Tätigkeit aufnehmen soll, um den kolossalen Einschnitt durch die Morsumer Heide in einer Tiefe bis zu neun Metern fertigzustellen. Der so gewonnene Boden soll zur Aufschüttung des Bahndammes durch die der Überflutung ausgesetzten Wiesen zwischen Morsum und Keitum benutzt werden. Der eigentliche Wattenmeerdamm wird eine Länge von 12 Kilometern erreichen.

16. Februar
• Über die zurzeit trostlosen Verkehrsverhältnisse auf der Eisenbahn beklagt sich ein Fehmaraner bitter – er schreibt: „Der Zugverkehr ist auf einzelnen Strecken des Festlandes infolge Kohlenmangels schon stark eingeschränkt worden, was naturgemäß zu unliebsamen Verzögerungen führen muß. Fehmaraner, die am Mittwoch von Hamburg aus den „Knust“ erreichen wollten, weil sie wieder einmal eingesehen hatten, daß es nirgends besser als in der Heimat ist, können davon ein Lied mit beliebig vielen Versen singen. Mit „gemischten“ Gefühlen mußten sie nach langem Harren die beschwerliche Fahrt in einem „gemischten“ Zug, der 90 Prozent Güterwagen und höchstens 10 Prozent Personenwagen durch die Gegend führt, antreten. Lübeck wurde nach qualvoller Fahrt erreicht, aber erst dann sollten die eigentlichen Leiden so recht fühlbar werden. Auf jeder kleinen Station wurde rangiert, und die Fahrgäste in den wenigen vollgepreßten Personenwagen nach allen Regeln der Kunst durcheinander geschüttelt. Jn Ottendorf ereignete sich der dramatische Höhepunkt: die Lokomotive dampfte einfach ohne die Personenwagen gen Eutin, die infolge Bruchs der Kuppelung beim Anziehen – das Malheur wurde anfänglich von niemanden bemerkt – einsam auf weiter Flur standen, bis eine telephonisch herbeigerufene Ersatzmaschine den Erlöser spielte. Und dann passierte zur mitternächtlichen Stunde dem Kreisbähnle, das sich fast bis Neukirchen durch die Sturmnacht hindurchgequält hatte, auch noch ein Mißgeschick; der Lokomotive war die Puste ausgegangen und mußte erst auf offener Strecke drei viertel Stunden lang Dampf sammeln, bevor der letzte Ansturm auf Heiligenhafen gelang. Aber der „Knust“ konnte von den abstrapazierten Reisenden erst am nächsten Tage betreten werden.“

24. Februar
• Eine Fahrkarte für mehr als 2½ Millionen Mark gibt die Reichsbahn vom 1. März an aus: sie kostet 2.597.000 Mark. Es ist eine Reichsbahnnetzkarte erster Klasse für 45 Tage; für 30 Tage kostet sie 1.733.000 Mark. Zweiter Klasse ist eine solche Karte für 45 Tage schon für 1.301.000 Mark zu haben, für 30 Tage für 869.000 Mark.
• Der Preis der Bahnsteigkarten wird vom 1. März ab auf 80 Mark erhöht.

15. März
• Eine Katze war in Neumünster vom Dach des Bahnhofsgebäudes aus in die über dem Haupteingang befindliche elektrische Uhr gesprungen und machte hier einen Mordsspektakel. Die Befreiung des Tieres war für den hiermit Beauftragten mit Schwierigkeiten verbunden.

27. März
• Die Arbeiten am Bahndamm quer durch das Wattenmeer haben begonnen. Die Eisenbahnarbeiten auf der Jnsel Sylt selbst, die von der Reichsbahndirektion Altona ausgeführt werden, schreiten fort. Sie werden etwa in 18 Minaten beendet sein. Nach Fertigstellung des Dammes können die Bäderzüge Berlin-Westerland direkt durchgeführt werden. Die Fahrt wird drei Stunden weniger als jetzt dauern und nicht mehr von Ebbe und Flut abhängig sein.
• Eine elektrische Bahn ist die neueste Errungenschaft auf Helgoland. Schon seit einiger Zeit betreibt das Wasserbauamt Tönning, welches die Jnstandsetzung des Gemeindebollwerks übernommen hat, eine kleine Feldeisenbahn auf Helgoland. Die gleiche Behörde hat nun zur rascheren Förderung der Arbeiten auch eine elektrische Förderbahn eingerichtet. Namentlich die Jugend, die zum Teil noch nicht mal ein Pferd gesehen hat, bringt diesen großstädtischen Bahnanlagen das brennendste Jnteresse entgegen.

3. April
• Ein Frühzug von Kappeln entgleiste in der Weiche zur Kiesgrube in Norderbrarup. Zum Glück wurde die nur halb herumgeworfene Weiche von dem Lokomotivführer vorzeitig entdeckt, sodaß er den Zug trotz des Gefälles so schnell zum Stehen bringen konnte, daß nur die Lokomotive aus dem Geleise sprang. Aller Wahrscheinlichkeit nach liegt ein Bubenstreich vor, da die nur selten gebrauchte Weiche angeschlossen war. Die Aufräumungsarbeiten nahmen einen schnellen Fortgang.

6. April
• Als Ersatz für den vor einigen Jahren durch einen Kölner D-Zug zertrümmerten hydraulischen Prellbock ist für Gleis 6 in Altona ein neuer Bremsprellbock von der Firma Rawie in Osnabrück beschafft und aufgestellt worden. Der Prellbock besteht aus einer Stoßvorrichtung, die mit gelenkartig verbundenen Schleppschwellen in Verbindung steht. Auf den Schleppschwellen ruhen die Fahrschienen. Wird die Stoßvorrichtung durch einen Zug zurückgeschoben, dann recken sich die Glieder der Schleppschwellen. Dadurch kommt ein größerer Teil des Zuges auf die Schleppschwellen und drückt auf die Unterlage. Hierdurch wird die Reibung größer und verzehrt die lebendige Kraft des Zuges. Bei Versuchen fuhr ein 580 Tonnen schwerer D-Zug, in dem einige Herren Platz genommen hatten, mit 20 bis 22 Kilometer Stundengeschwindigkeit gegen den Prellbock, der sich um 11,80 Meter verschob. Der Stoß war ganz gering.
---> das hat wohl der seelige Loriot geschrieben ;-)
• Der am Mittwoch abend 7,28 Uhr von Hamburg nach Lübeck abgefahrene Personenzug überfuhr kurz hinter Oldesloe an einem Bahnübergang ein Lastauto. Der D-Zug Kopenhagen-Hamburg konnte durch Notsignale noch rechtzeitig vor der Unglücksstelle, an der beide Gleise durch die Trümmer des Autos gesperrt waren, zum Stehen gebracht werden. Die Aufräumungsarbeiten nahmen dreiviertel Stunden in Anspruch. Mit dieser Verspätung lief der D-Zug in Hamburg ein. Über die Folgen des Unglücks ist noch nichts näheres bekannt.
---> einige Tage später folgte dieser Nachtrag:
• Ein trauriges Zeichen der Zeit konnte anläßlich des Unglücks an dem Bahnübergang bei Oldesloe beobachtet werden. Als Reisende des nach Lübeck fahrenden Zuges bemerkten, daß ein Zusammenstoß mit dem Lastautomobil erfolgt war und die auf dem Lastauto verladenen Güter zerstreut herumlagen, stiegen sie aus und rafften an sich, was sie bekommen konnten. Sie sollten jedoch nicht weit mit ihrer Beute kommen; denn das Telefon spielte. Jn Lübeck wurde der Zug überholt und das Diebesgut zutage gefördert.

10. April

• Dem Provinziallandtag ist eine Vorlage des Provinzialausschusses zugegangen, welche die Übernahme der Oberleitung des Betriebes der schleswig-holsteinischen Kleinbahnen durch die Provinzialverwaltung vorschlägt. Wie in der Vorlage ausgeführt wird, gibt es in Schleswig-Holstein 17 Kleinbahnen mit einer Gesamtlänge von rund 529 Kilometern, die in ihrer Mehrzahl zurzeit nicht leben können und nicht sterben dürfen. Sie können nicht leben, weil ihre Ausgaben dauernd größer sind als ihre Einnahmen, und sie dürfen nicht sterben, weil sonst das von ihnen dem Verkehr angeschlossene Land die schwersten wirtschaftlichen Schäden erleiden würde. Es wird für die Geldgeber (Reich, Staat und Provinz) immer schwieriger, sich der größer werdenden Not der Kleinbahnen anzupassen. Nun glaubt man, noch ein weiteres Mittel nicht unversucht lassen zu sollen, das ist die Zusammenlegung der Verwaltung der sämtlichen Kleinbahnen in eine Hand, und zwar in die Hand der Provinz, die nur übrig bleibt, nachdem Reich und Staat abgelehnt haben, und die Zusammenlegung in Form eines Zweckverbandes als nicht wünschenswert von den Kleinbahnen selbst bezeichnet wird. Die Provinz darf durch die neue Einrichtung bei der Unsicherheit der allgemeinen wirtschaftlichen Lage zunächst nur auf Probe ins Leben gerufen werden. Die Einrichtung ist zunächst auf die Dauer eines Jahres gedacht, dann ist Bericht zu erstatten mit Antrag auf Wiederaufhebung oder auf Beibehaltung.
• Am heutigen Tage sind 50 Jahre seit der Eröffnung der Eutin-Lübecker Eisenbahn verflossen.

11. April
• Durch einen Erlaß des Verkehrsministers Groener sind alle Reichseisenbahninstanzen aufgefordert worden, sich einer klaren, kurzen und reinen Amtssprache zu bedienen und sich in Zweifelsfällen an den Allgemeinen Deutschen Sprachverein zu wenden.
• Die Reichsbahn hat, dem Vernehmen nach, zum 1. September alle Verträge über Alkoholreklamen gekündigt.

13. April
• Verkehrsminister Groener und Postminister Stingl telephonierten aus dem fahrenden D-Zug. Die Eisenbahntelephonie der funkentelegraphischen Gesellschaft Huth in Berlin wurde den leitenden Persönlichkeiten des Reichsverkehrs- und des Reichspostministeriums in der Praxis auf der Strecke Berlin–Hamburg vorgeführt. Die Minister begaben sich mit Herren ihrer Ministerien und der Eisenbahndirektion Altona nach Wittenberge und erwarteten den aus Hamburg kommenden, mit Zugtelephonie ausgerüsteten D-Zug, mit dem sie nach Berlin zurückkehrten. Zunächst wurde von dem Direktorium der Huth-Gesellschaft eine Übersicht über die Methode und die technische Einrichtung der neuen Zugtelephonie gegeben. Danach überzeugten sich die Herren von dem guten Funktionieren der Einrichtung durch verschiedene Gespräche mit Berlin. Es wurden Gespräche mit dem Reichspräsidenten sowie mit einer Reihe anderer Persönlichkeiten geführt. Am eindruckvollsten war die Tatsache, daß man mit jedem Telephonanschluß in Berlin während der Fahrt ebenso verbunden wird, als wenn man sich in Berlin selbst befindet, ja, daß der Angerufene nicht einmal bemerkt, daß er mit einem in voller Fahrt befindlichen D-Zug im Gespräch ist.

18. April
• Kurz vor dem Kriege führte die preußische Eisenbahnverwaltung die sogenannten „Blitzzüge“ ein, deren schnellster zwischen Berlin und Hamburg verkehrte und die 287 Kilometer lange Strecke in 3 Stunden 14 Minuten zurücklegte, also eine Reisegeschwindigkeit von fast 90 Kilometern in der Stunde entwickelte. Mit dem Jnkrafttreten des Sommerfahrplanes am 1. Juni sollen diese Züge in veränderter Form als F-D-Züge (Fernschnellzüge) wieder aufgenommen werden, und zwar zunächst auf den Strecken Berlin–München, Berlin–Köln und Berlin–Hamburg. Die F-D-Züge erreichen zwar nicht die Friedensgeschwindigkeit, aber sie fahren doch etwa 75 Kilometer in der Stunde, was einer Ersparnis von einer bis zwei Stunden gegenüber der jetzigen Reisedauer entspricht.

22. April
• Jn diesen Tagen wird zwischen Harburg und Meckelfeld der größte Güterbahnhof Norddeutschlands vollendet. Von hier aus wird die für Hamburgs Verkehrsfragen so wichtige Güterumgehungsbahn beginnen. Den anderen Endpunkt bildet der große Güterbahnhof Eidelstedt. Der neue Bahnhof Meckelfeld dient vor allem zur Unterstützung des Wilhelmsburger Bahnhofes, der bei weitem nicht ausreicht.

25. April
• Die sogenannten Einheits-Durchgangswagen, die besonders auf den Strecken des Ausflugsverkehrs fahren, sind mit umgitterten Plattformen ausgestattet. Jetzt hat der Reichsverkehrsminister die Erlaubnis zur Benutzung dieser Plattformen, wie sie sich bisher in Bayern und Dresden bewährt hat, einheitlich für alle Strecken, auf denen solche Einheitswagen verkehren, gegeben.

30. April
• Es ist in Aussicht genommen, vom 1. Juni 1923 ab Fernschnellzüge 1. und 2. Wagenklasse verkehren zu lassen zunächst auf den Strecken Berlin–München, Berlin–Köln, Berlin–Hamburg. Die Reisenden haben zu den gewöhnlichen Fahrkarten eine besondere Zuschlagkarte zu lösen. Der Zuschlag, der als Einheitssatz für den ganzen Zuglauf erhoben werden soll, wird für die Züge Berlin–München und Berlin–Köln 20.000 Mark in der 1. und 10.000 Mark in der 2. Klasse und für den Zug Berlin–Hamburg 10.000 Mark in der 1. und 5000 Mark in der 2. Klasse betragen. Die Zuschlagkarten sind für die 1. Klasse in gelber, für die 2. Klasse in grüner Farbe hergestellt und tragen in der Mitte einen roten Querstreifen.

3. Mai
• Die Diebstahlsplage am Kieler Hafen scheint nicht auszurotten zu sein. Trotz aller Bemühungen der Handelskreise wird dauernd über Beraubung der auf den Hafengeleisen stehenden Güterwagen geklagt. Die Täter sind vorzugsweise Kinder. Am Sonnabend nachmittag fiel eine ganze Bande derselben über einen mit Briketts beladenen Eisenbahnwagen her und begann, ihn auszuplündern. Ein von dem Empfänger als Wache aufgestellter alter Mann wurde einfach beiseite geschoben. Der Kutscher drohte den Kindern vergeblich mit der Peitsche. Als er einem Mädchen einen leichten Schlag mit der Peitsche versetzte, lief dieses mit der Drohung davon, daß es seinen Vater holen werde. Kurz darauf traf eine Bande von Männern ein, von denen einer auf den Wagen kletterte, um den Kutscher herunterzuholen. Letzterer wurde mit dem Verbrechen des Totschlags bedroht. Als er sich dennoch tapfer zur Wehr setzte, wurde ihm mit der Forkenschippe eine Wade glatt durchstochen.

23. Mai
• Die bereits angekündigte Erhöhung der Eisenbahntarife tritt nunmehr am 1. Juni in Kraft. Sie beträgt für den Personenverkehr rund 100 %. Die Güter- und Tiertarife werden um 50 % erhöht.
Nach der Erhöhung kostet der Kilometer vierter Klasse 33 Mark, dritter Klasse 50 Mark, zweiter Klasse 100 Mark, erster Klasse 200 Mark. Die Schlafwagengebühren steigen um 45 %.

25. Mai
• Ein eigenartiger Unfall ereignete sich in der Nähe der Heidmühle* in Elmshorn. Mit dem Schnellzuge fuhr ein von Wilhelmsburg kommender Kaufmann nach Elmshorn, um seine bei der Heidmühle wohnenden Eltern zu besuchen. Er führte ein größeres Paket bei sich und warf dasselbe, um sich des Tragens während des langen Weges zu entledigen, bei der Heidmühle aus dem Fenster des Zugabteils. Das Paket flog gegen einen Pfahl, prallte zurück und durchschlug ein Fenster eines anderen Zugabteils. Durch die umherfliegenden Glassplitter trugen mehrere Passagiere nicht unerhebliche Verletzungen davon. Die hellen Blusen einiger Damen wurden über und über mit Blut besudelt. Die Tat dürfte noch ein unliebsames Nachspiel für den Kaufmann haben.
---> die Mühle lag etwa zwei Kilometer vor dem Bahnhof links

30. Mai

• Vom 1. Juni ab kostet eine Bahnsteigkarte 200 Mark. Der Mindestfahrpreis beträgt in der vierten Klasse 300 Mark, in der dritten Klasse 400 Mark, in der zweiten Klasse 800 Mark, in der ersten Klasse 1600 Mark. Die Preise für Bettkarten für die Jnlandsstrecken der Reichsbahn- und Mitropa-Schlafwagen betragen in der ersten Klasse (Einzelabteil) 70.000 Mark, in der zweiten Klasse (zwei Personen in einem Abteil) 35.000 Mark, für Liegewagen dritter Klasse 14.000 Mark.
• Der Antrag, daß auch die Fahrkartenausgabe Preetz Sonntagsrückfahrkarten ausgeben darf, wurde von der Reichsbahndirektion abgelehnt. Hierbei wurde hervorgehoben, daß die Einrichtung dieser Sonntagskarten in erster Linie gesundheitliche Zwecke verfolgt und daher die Ausgabe der Karten auf Fahrten der Bewohner großer Städte nach Erholungsorten zu beschränken ist. Preetz kann demnach als Kleinstadt mit ländlichem Charakter für die Auflegung dieser Karten nicht in Betracht kommen.

15. Juni
• Die Arbeiten für den Dammbau nach Sylt haben einen ziemlich großen Umfang angenommen. Es werden mehrere hundert Leute beschäftigt. Die auswärtigen Arbeiter sind in großen Baracken untergebracht. Jn dem neuentstandenen Dreieckskoog hat man mehrere Gleise und Weichen gelegt, und so einen kleinen Bahnhof geschaffen. Hier werden die Pfähle, Steine, das Reisig usw. für den Dammbau abgeladen und gelagert. Das Bahngleis auf dem Festlandsbahndamm ist bis auf einige hundert Meter an die See heran vorgestreckt. Jm Wattenmeer sind bereits zwei kleine niedrige Dämme vorgebaut. Diese Dämme, deren Oberkante etwa in Fluthöhe liegt, laufen parallel miteinander in etwa 50 Meter Entfernung in das Meer hinaus. Sie bilden die beiderseitigen Füße des eigentlichen Seedammes. Dieser wird dann so hergestellt, daß der Zwischenraum mit Boden ausgefüllt und hoch angeschüttet wird. Das Ganze bildet dann den eigentlichen Seedamm, auf dessen Krone das Bahngleis gelegt wird.

17. Juni
• Die Verhandlungen in Schleswig über die Wiederherstellung der schadhaft gewordenen Pontonbrücke sind für die weitere Entwicklung der Stadt Kappeln von großer Bedeutung gewesen. Das Ergebnis ist folgendes: Von einer Wiederherstellung der schadhaften Pontonbrücke wurde abgesehen. Kappeln erhält eine feste Brücke, voraussichtlich die alte Lindaunisser Brücke mit entsprechender Erweiterung der Durchfahrt. Von den Kosten übernimmt der preußische Staat sechs Achtel, außerdem die Kosten für die Vorarbeiten, während die Restkosten von zwei Achteln durch die Provinz sowie die beteiligten Kreise zusammen mit der Stadt Kappeln getragen werden. Die Stadt Kappeln gibt ihren Anteil aus dem Erlös der alten Pontonbrücke. Der Bau der Brücke erfolgt durch den Staat und wird sofort in Angriff genommen werden.

19. Juni
• Als mit einem Sonderzug von Burg um 3,20 Uhr morgens mehrere hundert Passagiere am Sund eintrafen, um von Lütjenbrode aus ihre Fahrt mit dem ersten Zug von Heiligenhafen fortzusetzen, mußten sie die Wahrnehmung machen, daß das Trajekt vom Sturm auf die Steinmole des Sundfährhafens getrieben war. Der Verkehr mit dem Motorboot, das 30 bis 40 Personen faßt, hatte zur Folge, daß 90 v. H. aller Fahrgäste den Anschluß verpaßten.

21. Juni
• Die Gemeinde Timmdorf wünscht die Anlage eines Güterbahnhofes, weil die Anfuhr vom Bahnhof Malente sich als unwirtschaftlich herausgestellt hat. Die Eisenbahnverwaltung ist bereit, auf den Plan einzugehen.

29. Juni
• Am 1. Juli wird der Zug D 63, Kiel–Berlin, wieder eingelegt. Das gleiche gilt auch für den Gegenzug D 64, Berlin–Kiel.

17. Juli
• Am Sonnabend sollte von Husum ein Sonderzug zum Sängerfest nach Kiel fahren. Zahlreiche Sänger hatten sich in Husum am Bahnhof eingefunden, aber kein Zug stand bereit, da es vergessen worden war, daß derselbe fahren sollte. Auf allen Stationen warteten ebenfalls die Sänger auf den Zug, wie telegraphische und telephonische Anfragen bewiesen. Nach einer Stunde Wartezeit konnte der Zug abgelassen werden.
• Bei der Station Travemünde-Süd stieß Sonntag abend ein nach Hamburg fahrender Personenzug mit einem Leerzug zusammen. Fünf Eisenbahner wurden verletzt. Die Schuldfrage konnte noch nicht geklärt werden.

20. Juli
• Unser Fährschiff, das immer noch schlecht und recht seine Dienste tut, hatte wieder einmal Pech, das ja an seinen Planken zu haften scheint. Bei der Fahrt im Anschluß an den Frühzug von Heiligenhafen hatte es zwei mit Mauersteinen beladene Waggons an Bord. Trotz des klaren und völlig ruhigen Wetters hatte das Fahrzeug das Mißgeschick, bei der Einfahrt in den Hafen Fehmarnsund mit ziemlicher Heftigkeit gegen die Westseite des Bollwerks anzufahren. Durch den Stoß gerieten die ordnungsgemäß vertäuten Waggons ins Rollen, zersprengten die Sicherheitsketten und verschwanden im Wasser. Das Abrollen war deshalb möglich, weil die Puffer, die in Reparatur waren, wegen fehlender Bolzen noch nicht wieder an Ort und Stelle befestigt werden konnten. Die beiden Waggons liegen in der Hafeneinfahrt und bilden ein großes Verkehrshindernis, denn das Trajekt kann nur bei windstillem Wetter sich mit genauer Not durch die offene Fahrrinne quetschen.

24. Juli
• Der Eisenbahnverkehr von Kiel nach Altenhof und Eckernförde ist an den letzten Sonntagen ein so starker gewesen, daß die Eisenbahnverwaltung jedesmal zwei lange Sonderzüge einlegen mußte, um den gewaltigen Verkehr bewältigen zu können. Die Eisenbahn kann den Hafendampfern deshalb so starke Konkurrenz machen, weil ihre Sonntagsfahrkarten viel billiger sind als die Dampferreise.

28. Juli
• Eine Unsitte, die von Rücksichts- und Gedankenlosigkeit zeugt, hat sich in diesen Tagen im Eisenbahnverkehr herausgebildet. Kaum haben gewisse Leute das Abteil betreten, so flegeln sie sich in die geöffneten Fenster und versperren so den bei der Hitze ganz besonders notwendigen Luftzutritt für die übrigen Fahrgäste. Also: Mehr Rücksicht auf die Mitmenschen!
• Mit Wirkung vom 1. August werden die Eisenbahnfahrpreise in der dritten und vierten Klasse um etwa 250 %, in der ersten und zweiten Klasse um 300 % erhöht, so daß sich folgende Einheitssätze für den Kilometer ergeben: in der ersten Klasse 3200 Mark, in der zweiten Klasse 1600 Mark, in der dritten Klasse 500 Mark, in der vierten Klasse 330 Mark. Eine Bahnsteigkarte kostet 3000 Mark. Die Preise für Bettkarten betragen (für die Jnlandstrecken der Reichsbahn- und Mitropa-Schlafwagen) in der ersten Klasse (Einzelabteil) 600.000 Mark, in der zweiten Klasse (zwei Personen in einem Abteil) 300.000 Mark und für Liegewagen dritter Klasse 120.000 Mark.

31. Juli
• Montag morgen ereignete sich auf dem Bahnkörper des Hamburger Hauptbahnhofes dicht unter der Brücke Altmannstraße ein folgenschweres Rangierunglück. Beim Zurückversetzen eines Postwagens entgleiste der Wagen auf bisher ungeklärte Weise. Ein Rangierer wurde dabei unglücklicherweise überfahren und getötet. Der Eisenbahnverkehr erlitt eine beträchliche Stockung, da sich der Postwagen quer über die Schienen gelegt hatte.

4. August
• Die Bettkartenpreise betragen vom 15. August ab in der ersten Klasse 1.200.000 Mark, in der zweiten Klasse 600.000 Mark und in der dritten Klasse 240.000 Mark.

7. August
• Montag abend entgleiste auf dem Kieler Hauptbahnhof bei der Einfahrt des von Flensburg kommenden Personenzuges 1012 hinter Weiche 149 der mitten im Zuge laufende Durchgangswagen Altona 2538. Das Eisenbahn-Betriebsamt Kiel teilte dazu mit: Der entgleiste Wagen lief bis zum Herzstück der Weiche 150 neben den Schienen, lief dann mit den linken Rädern auf die links vom Einfahrgleis ordnungsgemäß gestapelten Weichen- und Oberbaustoffe auf und kippte hierbei, in schräger Stellung liegenbleibend, um. Acht Personen wurden leicht verletzt. Die Untersuchnung hat ergeben, daß keinen Bediensteten ein Verschulden trifft und die Gleis- und Sicherungsanlagen in Ordnung waren. Die weitere Tatbestandsaufnahme ergab, daß das linke Rad der vorderen Wagenachse sich um rund 40 Millimeter nach innen verschoben hatte. Diese Verschiebung des Rades auf der Achse wird die voraussichtliche Ursache der Entgleisung bilden. Die in diesem Jahre fällige Untersuchung des Wagens hatte in der Unterhaltungswerkstatt ordnungsgemäß stattgefunden. Die Verschiebung des Rades auf der Achse ist eine nur ganz außergewöhnliche Erscheinung, deren Ursache noch nicht hat festgestellt werden können.

13. August
• Der Reichsbahnrat genehmigte einen Antrag über eine Änderung des Berechnungsverfahrens der Fahrpreise im Personenverkehr und der Güterfrachten. Die Erhebungsbeträge sollen künftig mit Hilfe eines Grundtarifs und einer Schlüsselzahl gebildet werden (Jndex-Tarif). Der Grundtarif (erste Klasse 19,8 Pf., zweite Klasse 9,9 Pf., dritte Klasse 3,5 Pf., vierte Klasse 2,2 Pf.) wird möglichst selten zu ändern sein. Die Schlüsselzahl wird so oft und jeweils so hoch festgesetzt werden müssen, daß dem grundsätzlichen Erfordernis der Balancierung des Etats der Reichsbahn Rechnung getragen wird. Der Ausschuß billigte die Erhöhung der bestehenden Personentarife und der Gütertarife. Die Neuregelung tritt am 20. August in Kraft – die neue Erhöhung des Kohlenpreises und die bevorstehende Erhöhung der Löhne und Gehälter sind darin noch nicht berücksichtigt.

17. August
• Am 20. August werden die Personentarife der Reichsbahn um 900 %, die Güter- und Tiertarife um 2000 % gegenüber dem Stande vom 1.8. erhöht. Der Jndex-Tarif wird im Personenverkehr zum 1.9. eingeführt; im Güterverkehr jedoch am 20.8. Die Schlüsselzahl für den Güterverkehr ist auf 1.200.000 festgesetzt worden; die für den Personenverkehr ist noch nicht festgesetzt.

29. August
• Der Reichsverkehrsminister hat vom 1. September ab die Schlüsselzahl im Personenverkehr von 150.000 auf 600.000, im Güterverkehr von 1,2 auf 1,8 Millionen hinaufgesetzt. Gleichzeitig werden Ausnahmetarife für Obst und Gemüse eingeführt werden. Die Kartoffeln werden heute schon zu einem Fünftel des normalen Tarifs, also weit unter den Selbstkosten, gefahren.

3. September
• Auf der Bahnstrecke Rendsburg–Husum ist durch den orkanartigen Weststurm Donnerstag abend der Bahndamm zwischen Christiansholm und Erfde von den Wassermassen durchbrochen worden, so daß der direkte Verkehr für einige Tage gesperrt ist. Es werden einige Pendelzüge am Tage von Rendsburg nach Christiansholm und von Husum bis Erfde abgelassen, ein Umsteigen ist aber nicht möglich, da weite Strecken überschwemmt sind. Reisende von Rendsburg nach Husum und umgekehrt müssen über Jübek fahren.
---> der Zugverkehr wurde am 7. September wieder aufgenommen

5. September

• Die in der Zwischenzeit eingetretene erhebliche Verteuerung der Kohlen sowie das Steigen der Löhne und Gehälter zwingt die Reichsbahn, zur angenäherten Deckung ihrer Selbstkosten am 11. September die Schlüsselzahl im Personenverkehr auf 1,5 und für den Güterverkehr auf 4,5 Millionen festzusetzen.

12. September
• Durch die Erhöhung der Schlüsselzahl der Reichsbahn kostet jetzt ein Kilometer 33.000 Mark in der vierten, 49.500 Mark in der dritten, 148.500 Mark in der zweiten und 197.000 Mark in der ersten Klasse. Eine Bahnsteigkarte kostet 300.000 Mark.

17. September
• Jm Hinblick auf die weitere fortschreitende Geldentwertung ist eine Heraufsetzung der Eisenbahntarife nicht zu umgehen. Vom 18. September ab beträgt die Schlüsselzahl im Eisenbahnpersonenverkehr 9 Millionen, im Eisenbahngüterverkehr 18 Millionen. Hierbei ist zu beachten, daß die Güterfrachten nach neuen Grundtarifen berechnet werden, die eine Erhöhung um 100 % erfahren haben. Die Grundtarifzahlen im Personenverkehr bleiben dieselben.

28. September
• Die Schlüsselzahl für den Personentarif wird vom 2. Oktober ab auf 30 Millionen erhöht. Die Schlüsselzahl für den Eisenbahngütertarif bleibt einstweilen unverändert.

3. Oktober
• Ein reges Leben herrschte gestern auf dem Preetzer Staatsbahnhof, galt es doch, die Abfahrt der Ruhrkinder in die Heimat zu regeln. Aus der Stadt und nächsten Umgegend sammelten sich zur Abfahrt des Zuges schätzungsweise 200 Kinder ein, die ihre Freude über die baldige Heimkehr durch Gesang kundgaben. Hoffentlich werden sie von dem Aufenthalt bei uns neugestärkt in ihre Heimat zurückkehren, um dort im Kampf gegen die Gewaltherrschaft widerstandsfähiger zu sein.

6. Oktober
• Vom 10. Oktober ab werden die Schlüsselzahlen für die Eisenbahn im Personenverkehr 60 Millionen, im Güterverkehr 72 Millionen betragen. Bei dieser Erhöhung ist die außerordentliche Geldentwertung der letzten Tage noch nicht berücksichtigt.

9. Oktober
• Das Eisenbahnunglück bei Travemünde beschäftigte das Lübecker Schöffengericht. Angeklagt waren die Stellwerksleiter in Lübeck und Travemünde. Das Unglück ereignete sich während eines furchtbaren Unwetters. Alle Signaleinrichtungen versagten. Während fortwährend Blitze niederzuckten und der Sturmwind heulte, schlugen die Läutewerke fortwährend an, die Morseapparate versagten und das Telephon erbrachte keine Verständigung. Der Stellwerksbeamte in Travemünde wußte, daß erst drei Züge hintereinander von Lübeck einlaufen sollten, bevor er einen weiteren Zug nach dort ablassen durfte. Es sollten erst zwei Leerzüge kommen und dann ein Vollzug. Leider lief aber der Vollzug als zweiter Zug ein. Das bewirkte, daß der Beamte den Befehl zur Ausfahrt erteilte. Der Zug rannte dann dicht hinter Travemünde mit dem von Lübeck kommenden dritten Zug zusammen, wodurch großer Materialschaden entstand und drei Fahrbeamte verletzt wurden. Durch das Unglück war jede Verbindung mit Lübeck unterbrochen. Nur ganz langsam konnten die Ausflügler heimbefördert werden. Jn Lübeck wie in Hamburg harrten Tausende von Angehörigen in furchtbarer Angst die ganze Nacht auf den Bahnhöfen, weil die Bahngesellschaft nichts von dem Unglück bekanntgegeben hatte. Der Lübecker Stellwerksbeamte wurde freigesprochen, der Travemünder Beamte zu drei Wochen Gefängnis verurteilt.

12. Oktober
• Bereits vom 13. Oktober ab beträgt die Schlüsselzahl für die Eisenbahntarife im Personenverkehr 120 Millionen, im Güterverkehr 350 Millionen. Weitere Erhöhungen sind nicht ausgeschlossen.

17. Oktober
• Vom 18. Oktober ab werden die Schlüsselzahlen für die Eisenbahntarife im Personenverkehr 600 Millionen, im Güterverkehr 1000 Millionen betragen.

18. Oktober
• Der starke Verkehrsrückgang zwingt die Flensburger Kreisbahn zu einer weiteren Einschränkung ihres Betriebes. Diese Einschränkung hat auch die Entlassung von etwa 40 Bediensteten zur Folge. Es wird nur noch am Montag und Donnerstag der volle Fahrplan gefahren. Am Dienstag und Freitag fährt nur ein Zug von Kappeln nach Flensburg und am Mittwoch und Sonnabend nur ein Zug von Flensburg nach Kappeln. Zur Ersparung von Betriebsstoffen werden außerdem eine Reihe von Haltestellen aufgegeben.
• Die Eisenbahngesellschaft in Uetersen ist nicht mehr in der Lage, die Betriebskosten aufzubringen. Sie muß daher den Betrieb einschränken und läßt nur zwei Züge am Tage verkehren. An Sonn- und Feiertagen fallen alle Züge aus.

22. Oktober
• Die beiden Schnellzüge Kiel–Berlin bzw. Berlin–Kiel fallen infolge Verkehrsrückgangs vorübergehend weg. Sie verkehren zuletzt am 23. Oktober.

29. Oktober
• Von heute ab werden die Schlüsselzahlen für die Eisenbahntarife im Personenverkehr 6 Milliarden, im Güterverkehr 12 Milliarden betragen. Seit dem 25. Oktober betrugen die Schlüsselzahlen im Personenverkehr 1,5 Milliarden, im Güterverkehr 3 Milliarden.

1. November
• Am Damm- und Deichbau bei Klanxbüll wurden sämtliche Arbeiten eingestellt. Die beiden Firmen Holzmann A.-G. und Schmidt & Herz mußten den Betrieb wegen der Witterungsverhältnisse einstellen.
• Nach einem Vorentwurf soll die Eider etwa einen Kilometer oberhalb von Tönning so abgeschlossen werden, daß der Stromschlauch des Flusses durch einen Erddamm völlig abgesperrt wird, dessen Krone etwa zwei Meter über höchstem Hochwasser liegen soll. Durch diesen Damm wird nicht nur ein fester Landweg zwischen Eiderstedt und Dithmarschen geschaffen, auch die Eisenbahnlinie Heide–Karolinenkoog kann auf festem Wege nach Tönning weitergeleitet werden. Die umständliche Zwischenbenutzung der heutigen Fähre käme in Wegfall. Für die Schiffahrt würde der Bau eines kleinen Kanals mit Schleuse durch das Vorland bei Oldenswort nötig sein.

2. November
• Die Reichsbahn will aus Gründen der Sparsamkeit einschneidende Einschränkungen im Personenverkehr vornehmen. Die Maßnahmen werden nach einem bereits festgelegten Plan vom 12. November ab durchgeführt werden. Etwa ein Fünftel der Züge fällt dann fort. An diese vorläufigen Einschränkungsmaßnahmen werden sich sofort die Vorarbeiten für den organischen Aufbau eines neuen, auf schmälerer Grundlage aufzubauenden Fahrplans anschließen, der weitere Einschränkungen bringen wird. Dazu werden die Fahrplane der einzelnen Strecken nacheinander so schnell wie möglich durchgearbeitet werden, um Ersparnisse zu erzielen.

7. November
• Auch die Reichsbahn wird durch Herausgabe von wertbeständigen Geldscheinen, die sich auf die Goldanleihe stützen, die Bezüge des Reichspersonals zum Teil und im nach und nach steigendem Verhältnis wertbeständig gestalten.
• Vom 12. d. M. fällt der Nachtzug D 12 von Altona nach Kiel, ab Altona 12,10 Uhr, an Kiel 2,08 Uhr, aus.

19. November
• Der Bahnhofsumbau in Itzehoe ist im allgemeinen beendet. Dieser Tage hat das ganze Gebäude einen neuen einheitlichen Anstrich bekommen. Auch im Jnnern stehen die Arbeiten vor ihrer Vollendung.

27. November
• Die Kleinbahnstrecke Lütjenbrode–Orth einschließlich Sundverkehr ist an Sonn- und Festtagen vollständig von jedem Verkehr gesperrt! Es muß gegen diese Bekanntmachung der Eisenbahndirektion der schärfste Protest erhoben werden. Mit der vollständigen Absperrung des Sundverkehrs ist ein Zustand eingetreten, welcher nicht einmal vor dem Jahre 1905, also vor der Bahnverbindung, bestanden hat. Hier liegt eine Verpflichtung des Reiches gegenüber der Jnsel Fehmarn vor, welche nicht einseitig durch die Eisenbahndirektion Altona beseitigt werden kann.
• Ein Unglück ereignete sich in Flensburg bei den Bauarbeiten für den neuen Bahnhof. Seit Monaten wird dort an einem Brückenbau* gearbeitet, der seiner Vollendung entgegenging. Zwei bereits vollendete Bogen mit einer Spannweite von 38 Metern sind eingestürzt. Ein Arbeiter wurde getötet und zwei wurden erheblich verletzt.
---> gemeint ist die große Straßenbrücke im Bahnsteigbereich

29. November

• Die Aussicht auf eine Fertigstellung des Eisenbahn-Dammes von Klanxbüll nach Nösse stellt neben den großen Vorteilen, welche dieses Projekt zweifellos hat, eine Gefahr dar. Durch die Absperrung des Wattenmeeres wird das Flutwasser bei Sturmfluten eine größere Höhe erreichen als bisher. Sachverständige haben die Differenz auf 50 Zentimeter geschätzt. Jnfolgedessen müßte der Staat im Anschluß an den Dammbau die Jnsel Sylt eindeichen.

30. November
• Vom 1. Dezember ab sind die Goldmarkpreise wie folgt: es kostet ein Kilometer in der ersten Klasse 0,132 Mark, in der zweiten Klasse 0,066 Mark, in der dritten Klasse 0,033 Mark und in der vierten Klasse 0,022 Mark.

6. Dezember
• Jn der Nähe der Holsteinischen Schweiz wurde am Montag ein Arbeitszug, der die Eisenbahnschienen auswechseln sollte, entladen. Dabei wollte es das Unglück, daß der mittlere der drei Wagen des Zuges umstürzte und auch die beiden anderen Wagen ins Wanken brachte. Unter der Wucht der niederfallenden schweren Schienen wurde eine Anzahl Eisenbahnarbeiter teils schwer, teils leicht verletzt. Ganz unter der Last erdrückt wurde ein Eisenbahnarbeiter aus Lütjenburg; er war sofort tot. Die Schwerverletzten wurden von einem Hilfszug in das Landeskrankenhaus nach Eutin gebracht.
• Vom 1. Dezember ab ist von der Eisenbahndirektion in Altona beschlossen worden, den um 8,10 Uhr vormittags Burg auf Fehmarn verlassenden und den abends 7 Uhr eintreffenden Zug vom Fahrplan zu streichen. Wenn jemand nach der Kreisstadt Oldenburg fahren will, so muß er um 2,37 Uhr nachmittags fahren und kommt gegen abend in Oldenburg an. Bei Ankunft sind die Ämter schon geschlossen, so daß ihm nichts übrig bleibt, als zu übernachten. Den nächsten Tag bleibt ihm aber auch nur eine knappe Stunde zur Erledigung seiner Geschäfte übrig, in welcher Zeit fast nichts zu machen ist, da doch gerade in den Ämtern immer Andrang ist. Um die Geschäfte ganz zu erledigen, bleibt also nichts übrig, als ein zweites Mal in Oldenburg zu übernachten. So eine Reise können sich nur noch sehr Wohlhabende erlauben.

7. Dezember
• Auf die Anfrage einiger Landtagsabgeordneter betreffend die Eisenbahn Flensburg–Husum antwortete der Minister für Handel und Gewerbe, daß die Preußische Staatsregierung für die baldige Durchführung des Bahnbaus bei der Reichsregierung wiederholt eingetreten ist. Die Frage der Urbarmachung und Besiedlung des durch die Bahn zu erschließenden Geländes werde von dem Minister für Landwirtschaft, Domänen und Forsten beschleunigt geklärt. Alles sei veranlaßt, um in diesem Punkte die entgegenstehenden Bedenken des Reiches zu beseitigen.

8. Dezember
• Neue Bahnsteigkarten werden auf den Reichsbahnen eingeführt. Sie sind weiß mit blauen Streifen am oberen und unteren Rande; an den Längsseiten sind die Stundenzahlen, je zwei zusammengefaßt, aufgedruckt, links für vormittag, rechts für nachmittag. Die Bahnsteigkarten gelten nur zur einmaligen Benutzung an dem Kalendertag, an dem sie vom Bahnsteigschaffner mit der Lochzange entwertet worden sind. Sie sind nur auf der Station gültig, auf die sie lauten. Hiernach können wieder Bahnsteigkarten im voraus gelöst werden, sodaß das lästige Warten an den Schaltern wegfällt.

10. Dezember
• Eisenbahn-Betriebsgesellschaft? Soeben gelangen Mitteilungen an die Öffentlichkeit über den schon mehrfach besprochenen Übergang der deutschen Reichseisenbahnen in private Verwaltung. Jn einer Konferenz mit den Großbanken wurde das Projekt im einzelnen erörtert, und der Reichsverband der deutschen Jndustrie hat sich Donnerstag damit beschäftigt. Unter Berufung auf die finanzielle Lage der Reichsbahnen soll der große Reichsbesitz zum Zweck der Sanierung in die geplante private Eisenbahnbetriebsgesellschaft eingebracht werden. Mehrere große Jndustriekreise – es werden die Namen Stinnes, Klöckner, Vögler u. a. genannt – sollen bereits einen fertig ausgearbeiteten Plan vorgelegt haben. Auch französisches Kapitel soll zu dem deutschen treten, das Forderungen an die Reichsbahn hat. Der Grundgedanke des Planes ist: Mit Rücksicht auf die schlechte finantielle Lage der Reichsbahnen sollen die Bahnen in eine private
Eisenbahn-Betriebsgesellschaft eingebracht werden, wogegen das Reich von den augenblicklichen Verbindlichkeiten aus dem Eisenbahnbetrieb befreit wird, gleichzeitig aber das Besitzrecht verlieren würde.

11. Dezember
• Die Beutewagen, die die Bahnstrecke Gettorf–Stohl seit mehreren Jahren sperren, sind nicht allein vielen Leuten ein Ärgernis, sondern sie fordern in einer Zeit größter Not wie der jetzigen gewisse Volkskreise direkt dazu heraus, auf eigene Faust die Anwrackung zu besorgen, die auf legalem Wege trotz aller Bemühungen bisher nicht zu erreichen war. Vor dem Schöffengericht in Eckernförde waren angeklagt, sich an dem Abbau der Wagen beteiligt zu haben, Frau M. und ihr 15jähriger Sohn, der Arbeiter K., seine unmündige Schwester und seine Mutter wegen Diebstahls und zwei Aufkäufer wegen Hehlerei. Die Verhandlung entrollt ein geradezu erschütterndes Bild von Sorge und Not. Die Angeklagten gaben den Tatbestand zu. Sie haben sich Eisenteile von den Beutewagen geholt und an einen Händler verkauft. Frau M. schildert, daß ihr Mann im Ruhrgebiet arbeitete, das Geld, daß er ihr schicken wollte, sei von den Franzosen beschlagnahmt worden, und hier habe sie weder Unterstützung noch Arbeit erhalten. Aus Not sei sie dann den Weg zu den Beutewagen gegangen. Ähnlich schildert K. die Gründe, die ihn leiteten. Tatsächlich hat er auch von dem Erlös nur einen Bruchteil für sich behalten und den Rest seiner alten Mutter zum Broteinkauf gegeben. Der Händler und sein Angestellter geben zu, das Alteisen gekauft zu haben, sie hätten aber die Ware sofort als nicht einwandfrei erkannt, sie für sich gelagert und die Polizei benachrichtigt. Das Gericht verurteilte Frau M. zu 20 Tagen Gefängnis oder 10 Billionen Mark Geldstrafe, den Angeklagten K. zu 14 Tagen Gefängnis unter Gewährung von Strafaufschub. Die beiden Jugendlichen erhielten einen Verweis, die Aufkäufer wurden freigesprochen.

14. Dezember
• Als der Frühzug nach Kiel gestern morgen den Bahnhof Preetz verließ, ereignete sich auf der über die Postau führende Brücke ein eigenartiger Unfall. Bei der rückwärts fahrenden Maschine hatte sich irgend ein Teil gelockert, welcher den aus Wellblech hergestellten Schutzbelag der Brücke derart aufrollte und zusammenschob, daß sich die Maschine weder vorwärts noch rückwärts bewegen konnte. Das Wellblech konnte nur mittels Sauerstoffbrenner entfernt werden. Ein aus Kiel beorderter Hilfszug brachte die Passagiere nach ihrem Bestimmungsort. Auch bei den folgenden Zügen mußte der Umsteigeverkehr eingerichtet werden. Es darf als ein großes Glück betrachtet werden, daß die Lokomotive bei dem Unfall nicht aus dem Geleis gelaufen ist; in diesem Falle hätte die Gefahr bestanden, daß der ganze Zug die Brücke hinunter gestürzt wäre.

27. Dezember
• Nach einer Bekanntmachung sind voraussichtlich vom 1. März 1924 ab die Monats-, Schüler- und Wochenkarten mit Ausnahme der Kurzarbeiter-Wochenkarten nur gültig, wenn sie in Verbindung mit dem Lichtbild des Benutzungsberechtigten auf einem von der Reichsbahn gelieferten Blechrahmen vorschriftsmäßig befestigt sind. Das Lichtbild muß den Berechtigten deutlich erkennbar darstellen.
• Die Reichsbahndirektion Altona läßt den D-Zug D 12 auf der Strecke Altona–Kiel, dort an um 2,08 Uhr nachts, seit dem 12. November nicht mehr verkehren. Wegen der Bedeutung, die dieser Zug für den Postverkehr hat, hat sich die Handelskammer Kiel persönlich bei der Reichsbahndirektion für die Wiedereinlegung des genannten Zuges eingesetzt. Da diese Wiedereinlegung bisher leider nicht zu erreichen war, wird die Kammer ihre Bemühungen beim Reichsverkehrsministerium in Berlin fortsetzen.

30. Dezember
• Es werden zurzeit Erhebungen angestellt über eine Verlegung der Eisenbahnwerkstätte von Eckernförde zum Teil nach Kiel, zum Teil nach Flensburg. Der Magistrat von Eckernförde hat eine Eingabe an die zuständigen Stellen gesandt, damit dieser Verlust – es müßten dann 80 Familien abwandern – nicht eintritt.


Gruß aus Preetz

Alberto




Den Jahrgang 1922 siehe hier: [www.drehscheibe-foren.de]
Den Jahrgang 1924 siehe hier: [www.drehscheibe-foren.de]



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 2012:04:10:19:44:16.

Re: Kurzmeldungen BD Hamburg 1923 (nur Text)

geschrieben von: ytracks

Datum: 05.03.12 18:09

Immerhin habe ich jetzt mal in eine bahnamtlichen Veröffentlichung etwas zum Lauenburger Privileg gelesen. Weiss zufällig ein Mitleser wan selbiges abgeschafft wurde?
Und die Formulierung 'etwas geisteskrank' finde ich auch sehr schön.

Ytracks

Re: Kurzmeldungen BD Hamburg 1923 (nur Text)

geschrieben von: OttoBahn

Datum: 13.03.12 09:50

Hallo Alberto,

leider habe ich diese Fortsetzung erst jetzt entdeckt! Das ist wieder mal hochspannend, ein echtes Sittengemälde, ergiebiger als so manche fröhlich verkleisterte Eisenbahnveröffentlichung unserer Tage. Was du da so alles aus dem Zeitungsarchiv ans Licht beförderst ergibt ein schaurig-schönes Abbild aus jenen schwierigen Zeiten. Und das aus jener etwas randständigen Ecke des deutschen Reiches jener Tage. Was mag da in den Ballungszentren und oder den besetzten Gebieten ("Ruhrkampf" - "Regiebahn") los gewesen sein. Ich glaube ich muss auch mal ein Zeitungsarchiv aufsuchen.

Will sagen, Danke das du uns an deiner fantastischen Recherchearbeit teilhaben läßt.

OttoBahn
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