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Der lange Weg von Zittau nach Liberec (1966-1968)

geschrieben von: burovier

Datum: 14.02.12 22:55

Angeregt durch eine Diskussion im Allgemeinen Forum zur Nutzung des "Kleinen Grenzverkehrs" BRD-DDR sowie durch die Rundreiseberichte von ABomz (hier und hier) möchte ich hier mal an eine heute kaum noch bekannte Episode des "Kleinen Grenzverkehrs" zwischen der DDR und der CSSR in den 1960er Jahren erinnern. Bedauerlicherweise musste ich für diesen Beitrag die Háceks entfernen, da die Forensoftware ihre Darstellung nicht zulässt.

Mitte der 1960er Jahre wurden die tschechischen Grenzbefestigungen an der Grenze zur DDR beseitigt, nachdem sie nach dem Mauerbau nicht mehr erforderlich waren, um tschechoslowakische Staatsbürger an der Flucht nach Westberlin zu hindern. (http://cs.wikipedia.org/wiki/Varnsdorf: "V sedesátých letech dochází k uvolnení rezimu na hranicích. Po stavbe berlínské zdi ztratil útek na území NDR smysl a tak se od dubna 1965 zacaly odstranovat drátené zátarasy na hranicích.") Die Möglichkeiten, die Grenze legal zu überschreiten, blieben aber zunächst sehr beschränkt. So war es bei alten Warnsdorfern sehr beliebt, mal mit dem Zug im privilegierten Durchgangsverkehr durch Varnsdorf zu fahren, um ihre Heimatstadt wiederzusehen. Das konnte inzwischen vergleichsweise ungestört erfolgen, es fuhren keine tschechischen Grenzer mehr mit und es wurde auch nicht mehr konsequent auf geschlossene Fenster geachtet.

Zum Passieren der Staatsgrenze benötigten Deutsche aus der DDR und Ostberlin (die DDR-Staatsbürgerschaft wurde gesetzlich erst 1967 proklamiert) zwar weder Pass noch Visum, aber eine Reiseanlage zum Personalausweis, die für selbstorganisierte Privatreisen nur unter Vorlage einer Einladung beantragt werden konnte. Ganz eigenartige Regelungen gab es zum Geldumtausch. So konnten "Angehörige der Intelligenz" höhere Beträge umtauschen, da man davon ausging, dass sie auf ihren Reisen höhere Ausgaben durch Bildungsbedürfnisse hatten. Aus heutiger Sicht mutet das ziemlich seltsam an, andererseits, Vorzugsbedingungen für "Multiplikatoren" gibt es auch heutzutage an manchen Stellen.

http://www.bilder-hochladen.net/files/big/jbs1-c-c20a.jpg

Für den unmittelbaren Reisebedarf gab es für alle Reisenden eine Berechtigung zum Umtausch von 32 MDN, das entsprach 10 Rubel, im Ausland. In der abgebildeten Bescheinigung ist die Übersetzung von "MDN 32,- in Noten oder Münzen" in "GM 32,- v banknotach ili monetach", die ich hier für Leser, die die kyrillischen Buchstaben nicht kennen, mal transkribiert habe. Das "GM" steht dabei für "Germanskaja Marka".

An der 454 km langen Grenze zwischen der DDR und der CSSR gab es in dieser Zeit nur die drei Straßen-Grenzübergänge Schmilka, Zinnwald und Schönberg und die beiden Eisenbahn-Grenzübergänge Bad Schandau und Bad Brambach, die Eisenbahn-Grenzübergänge Zittau und Ebersbach wurden nur für den Güterverkehr genutzt.

Für so eine Reise von Zittau (Zitava) in das 27 km entfernte Liberec (Reichenberg) wurde im Sommer 1966 im Reisebüro eine Verbindung Zittau ab 5.35 Uhr, Liberec an 13.33 Uhr mit der Bemerkung empfohlen: "Wenn Sie wieder in Zittau sind, haben Sie es bald geschafft."

Eine Fahrkarte für die Verbindung kann ich leider nicht zeigen, aber immerhin eine von Zittau nach Rumburk über Dresden - Decín. Diese wurde übrigens für eine Fahrt von Zittau nach Varnsdorf mit der Bemerkung verkauft, dass sie auch nach Varnsdorf gelten würde. Ob diese Auskunft korrekt war, weiß ich nicht. Die Fahrkarte wurde jedenfalls nicht beanstandet, eine Diskussion mit einem tschechischen Schaffner zwischen Rybniste und Varnsdorf über die Auskunft aus Zittau wäre jedenfalls schwierig geworden. Immerhin muss die Nachfrage nach dieser Verbindung so groß gewesen sein, dass es sich gelohnt hat, eine solche Serie zu drucken.

http://www.bilder-hochladen.net/files/jbs1-3-eccb.jpg

Zurück zur Fahrt von Zittau nach Liberec. Sie begann mit dem E 392. Leider habe ich kein Reichsbahn-Kursbuch aus diesem Jahr, deshalb will ich hier die entsprechende Fahrplantabelle aus dem Kursbuch der Deutschen Reichsbahn - Winterfahrplan 1967/68 zeigen, das ich aufgehoben habe, da es das letzte mit dem alten Nummernschema war.

http://www.bilder-hochladen.net/files/big/jbs1-1-c4ca.jpg

1966 fuhr der E 392 nur bis Dresden-Neustadt, so dass ein zusätzlicher Umstieg erforderlich war. Ab Dresden Hbf war dann der Ext 154 "Hungaria", Abfahrt 8.54 Uhr, zu benutzen. Da der Hungaria-Express platzkartenpflichtig war, wurden vom Reisebüro Platzkarten bestellt und ausgestellt:

http://www.bilder-hochladen.net/files/big/jbs1-2-c81e.jpg

http://www.bilder-hochladen.net/files/big/jbs1-6-1679.jpg

http://www.bilder-hochladen.net/files/big/jbs1-5-e4da.jpg

Ein Blick in die tschechischen Binnenverkehrstabellen der Fahrpläne des internationalen Verkehrs zeigt, warum vom Reisebüro die Fahrt über Zittau empfohlen wurde: Auf der direkten Strecke bestand in Decín hl.n. kein Anschluss vom Hungaria-Express nach Liberec, so dass die günstigste Verbindung nach Liberec mit dem Motor-Rychlík 163 Decín hl.n. ab 10.28 Uhr bestand, der ab Varnsdorf als MOs 2626 nach Liberec durchlief, wie aus dem tschechischen Fahrplan zu ersehen war. So gab es ca. 7 Stunden nach der Abfahrt in Zittau einen kurzen Betriebshalt in Zittau, vielleicht erteilte sogar noch dieselbe Bahnsteigaufsicht wie früh den Abfahrauftrag. Schließlich war man dann 13.33 Uhr in Liberec.

Am 28. April 1967 wurde der Weg von Zittau nach Reichenberg durch die Eröffnung des Straßen-Grenzübergangs Seifhennersdorf wesentlich verkürzt, zugleich wurden die Reiseformalitäten durch Einführung eines "Kleinen Grenzverkehrs" drastisch erleichtert. Dazu gab es in der Sächsischen Zeitung am 28. und 29. April 1967 jeweils einen kurzen Bericht auf der Seite 2:

http://www.bilder-hochladen.net/files/big/jbs1-b-6512.jpg

Ergänzend berichtete die Sächsische Zeitung am 29. April 1967 auf der Kreisseite Zittau unter der Überschrift "Wenige Stunden vor dem 1. Mai - Grenzübergang eröffnet - Großartiges Ergebnis des Freundschaftsvertrages DDR-CSSR" u.a.: "Für die Bürger unseres Kreises wird gegen Vorlage des Personalausweises ein Tages- oder Zweitagespassierschein im Rathaus Seifhennersdorf (täglich 6 bis 20 Uhr) ausgestellt. Die Deutsche Notenbank wechselt an gleicher Stelle Mark der Deutschen Notenbank in Kronen. Darüber hinaus stellt das VPKA Zittau zu den bekannten Sprechzeiten Passierscheine aus."

Im Artikel Varnsdorf der tschechischen Wikipedia wird behauptet, dass der damalige tschechoslowakische Partei- und Staatschef Novotný an der Eröffnung des Grenzüberganges teilgenommen hat: "V roce 1967 byl otevren hranicní prechod do Nemecka, Otevrení hranicního prechodu se zúcastnil prezident Antonín Novotný." Das wäre in den Berichten der DDR-Presse von der Grenzöffnung mit Sicherheit erwähnt worden. Nach dem Artikel Sluknovský výbezek soll das am 3. März 1967 gewesen sein: "V padesátých letech nebyl ve výbezku zádný hranicní prechod, první byl otevren az v roce 1967, hranicní prechod Varnsdorf - Seifhennersdorf. Pri prílezitosti jeho otevrení navstívil a oslav 20. výrocí Varnsdorfské stávky se zúcastnil ve Varnsdorfu 3. brezna 1967 tehdejsí prezident Antonín Novotný."

Am 3. März 1967 waren zwar die Grenzübergangsanlagen auf tschechischer Seite schon seit ca. einem Jahr fertig, auf DDR-Seite aber überhaupt noch nicht. Eine Grenzübergangseröffnung war da nicht möglich. Ich nehme an, dass Novotný am 3. März zu einer Veranstaltung zum 20.Jahrestag des Varnsdorfská stávka, eines kommunistischen Streiks am 5.März 1947 (s. z.B: C. Brenner: Zwischen Ost und West: tschechische politische Diskurse 1945-1948. München 2009, S. 216) in Warnsdorf war, dies aber nichts mit der Grenzöffnung zu tun hatte.

Für die nun mögliche Fahrt von Zittau nach Liberec kann ich Fahrkarten vom 16. Mai 1967 zeigen, nur für den letzten Abschnitt der Rückfahrt habe ich keine Fahrkarte von diesem Tag gefunden, ich zeige deshalb zwei Fahrkarten von Seifhennersdorf nach Zittau aus anderen Jahren. Die in Liberec ausgegebene Fahrkarte ist beidseitig bedruckt, das ist für Edmonsonsche Fahrkarten ziemlich ungewöhnlich.

http://www.bilder-hochladen.net/files/big/jbs1-4-a87f.jpg

Die Fahrt von Zittau nach Liberec begann nun um 6.43 Uhr mit dem P 2548 nach Löbau (Sachs), das war ein lokbespannter Zug und nicht wie im oben abgebildeten Fahrplan 1967/68 ein Doppeltriebwagen nach Löbau und Wilthen. Im Bahnhof Varnsdorf kam der Zug nicht zum Halt, da die Aufsicht am Bahnsteig mit gehobener Kelle bereitstand. Varnsdorf staré nádrazí wurde wie auch heute noch ohne Halt durchfahren und Seifhennersdorf um 7.24 Uhr erreicht. Nun war ausreichend Zeit, im Seifhennersdorfer Rathaus die Reiseanlage zu erwerben und Geld zu tauschen und die gut 5 km zum Bahnhof Varnsdorf, der sich ja an der Grenze zu Großschönau befindet, zu laufen. Die deutsche und die tschechische Grenzkontrolle erfolgten damals getrennt auf dem jeweiligen Territorium. Im Bahnhof Varnsdorf wurde die Fahrkarte nach Liberec "pres Zitavu" erworben. Diese Beschriftung war für einen DDR-Bürger, der aus einem Land kam, in dem es schon fast gefährlich war, deutsche Namen für ausländische Orte zu verwenden, erstaunlich. Der oben abgebildete Fahrplan der Strecke 8p aus dem Jahresfahrplan 1966/67 galt noch, so fuhr der MOs 2624 9.05 Uhr in Varnsdorf ab. Beim Betriebshalt in Zittau, diesmal nur noch knapp 3 Stunden nach dem Start in Zittau, standen die Aufsicht und ein Grenzer am Bahnsteig. Diesmal war man nun schon 10.13 Uhr in Liberec.

Ob anfangs auf der Reiseanlage die Einschränkung für den "Kleinen Grenzverkehr" vermerkt war, ist für mich nicht rekonstruierbar. Die Papiere wurden ja bei der Wiedereinreise einbehalten. Daran, dass man so eine Reiseanlage für Sammelzwecke zusätzlich erwerben könnte, hat man damals nicht gedacht. Die eine MDN dafür wäre zu verschmerzen gewesen, auch wenn sie seinerzeit sicher eine höhere Wertigkeit hatte als die 50 DM-Pfennige bzw. 26 Cent, die inzwischen durch die beiden Währungsumstellungen aus ihr geworden wären.

Jedenfalls konnte man mit der Reiseanlage schon im Sommer 1967 in die gesamte Tschechoslowakei reisen. Am 18. August 1967 wurden in der Sächsischen Zeitung die Fragen eines Herrn May aus Strehla

"Bitte teilen Sie mir durch Post oder in der 'SZ' mit: Brauche ich für die Einreise in die CSSR noch ein Visum? Kann ich mit dem Personalausweis fahren? Wieviel Geld kann ich je Tag umtauschen und wo? Wie ist es bei Reisen in die UdSSR und nach Volkspolen? Ich war bisher noch nicht im sozialistischen Ausland, aber sicher werden auch andere ähnliche Fragen haben."

gestellt. Die Antwort gab der schon von der Rede zur Grenzübergangseröffnung bekannte "Genosse Heinz Peter, Stellvertreter des Vorsitzenden des Rates des Bezirkes". Er verwies zunächst auf die Bedeutung der wenige Monate zuvor abgeschlossenen Verträge über Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitigen Beistand u.a. mit der CSSR und der Volksrepublik Polen. Die dadurch eingetretene Vertiefung der Beziehungen sei "ein wichtiger Beitrag im: gemeinsamen Kampf gegen den westdeutschen Imperialismus, gegen seine Alleinvertretungsanmaßung und revanchistischen Forderungen nach Grenzrevisionen. ...

Ein Ausdruck nun der immer engeren Freundschaft unserer Völker und des zunehmenden Wohlstandes ist der ständig wachsende Reiseverkehr zwischen unseren Staaten. Es ist deshalb nur natürlich, daß in den genannten bedeutungsvollen Verträgen auch die weitere Vertiefung der kulturellen und sportlichen Beziehungen einschließlich der Touristik aufgenommen wurde. In ihrer Verwirklichung wurde bereits am 28. April in Seifhennersdorf eine neue Grenzübergangsstelle eröffnet. ...

Nach dem neuen Abkommen zwischen der DDR und der CSSR sind Reisen über zwei Tage von den Bürgern bei der für ihren Wohnsitz zuständigen Meldestelle der Volkspolizei oder dem Volkspolizeikreisamt zu beantragen: Eine Einladung, wie das bisher üblich war, muß nicht mehr vorgelegt werden.

Eine weitere Möglichkeit sind Kurzreisen bis zu zwei Tagen in die CSSR. Sie können bei allen VP-Kreisämtern, unabhängig vom Wohnsitz des Bürgers, bei Vorlage des Personalausweises beantragt werden. Die Reiseanlage wird bei diesen Reisen sofort ausgestellt und gegen die Gebühr von 1 MDN ausgehändigt. Diese Anlage hat sechs Monate Gültigkeit; sie gilt für das gesamte Staatsgebiet der CSSR.

Zur weiteren Erleichterung für diese Kurzreisen wurden in Seifhennersdorf und Bad Schandau VP-Dienststellen eingerichtet, bei denen vor allem die Urlauber, die sich in diesen Gebieten aufhalten, Reiseanlagen erhalten können. Um jedoch längere Wartezeiten angesichts des großen Interesses für diese Reisen zu vermeiden, empfiehlt es sich, die Anlagen bei den VP-Kreisämtern ausstellen zu lassen.

Reisen in die Sowjetunion, in die VR Polen und andere sozialistische Staaten sind - unter Vorlage einer Einladung - bei der für den Wohnsitz zuständigen Meldestelle bzw. im VP-Kreisamt zu beantragen, unabhängig von der Reisedauer. ..."


Wenn man bedenkt, dass es auf der langen Strecke von Zinnwald bis Schönberg keinen einzigen Grenzübergang gab, waren die Erleichterungen nun doch nicht so großzügig, immerhin waren aber die erforderlichen Formalien in für die damaligen Verhältnisse zuvor kaum vorstellbarer Weise vereinfacht worden.

Durch das abrupte Ende des Grenzverkehrs im August 1968 hat sich eine auf Vorrat erworbene Reiseanlage aus dem Jahre 1968 erhalten:

http://www.bilder-hochladen.net/files/big/jbs1-a-d3d9.jpg

Die Währung hieß inzwischen übrigens Mark der DDR, hier wurden nur alte Gebührenmarken aufgebraucht.

In den späten Abendstunden des 20. August 1968 marschierten sowjetische Truppen in die Tschechoslowakei ein. Die Grenzübergänge wurden zunächst ganz geschlossen, später waren dann zunächst nur Rückreisen über sie möglich. Für noch in der Tschechoslowakei befindliche DDR-Bürger war es ratsam, das Land so schnell wie möglich zu verlassen, da ja die DDR - wie wir heute wissen, unzutreffenderweise - behauptete, mit in die CSSR einmarschiert zu sein. So wurde z.B. erzählt, dass DDR-Bürgern im Restaurant Steine serviert worden sind.

Gleichzeitig mit dem Einmarsch wurde auch der Zutritt ins Grenzgebiet erschwert. Zunächst wurde nur an den Straßen zurückgewiesen, wer keinen von den Posten akzeptierten Grund für den Aufenthalt im Grenzgebiet hatte. Es war aber noch möglich, auf Nebenwegen ins Grenzgebiet zu gelangen und dieses dann legal mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu verlassen. Anstelle des privilegierten Durchgangsverkehrs wurde zwischen Großschönau und Seifhennersdorf von bewaffneten Grenzern begleiteter Schienenersatzverkehr eingerichtet.

Vom 24. August bis 23. September 1968 bestand dann ein Sperrgebiet (ca. 5-km-Zone) an der Grenze. In diesem lagen die Grenzgemeinden, aber auch z.B. der Ortsteil Eichgraben der Stadt Zittau und die Gemeinde Hainewalde. Die Regelungen waren sicherlich weit weniger einschneidend als an der Westgrenze. Als Bewohner bzw. Beschäftigte in Betrieben der Grenzgemeinden wegen irgendwelcher Zulagen, die es wohl im Sperrgebiet an der Westgrenze gab, vorstellig wurden, wurde dieses abgelehnt.

Nachdem sich die Verhältnisse stabilisiert hatten, wurde hinsichtlich der Reiseregelungen zum Stand von vor 1967 zurückgekehrt, nur dass es jetzt auch den Grenzübergang Seifhennersdorf gab. Eine dann allerdings sehr starke Erleichterung gab es am 15. Januar 1972. Von da an konnten DDR-Bürger nur mit dem Personalausweis ohne zusätzliche Papiere in die Tschechoslowakei einreisen, CSSR-Bürger durften aber umgekehrt nicht ganz so einfach aus ihrem Land ausreisen.

Für Bahnreisen nach Liberec wurde der Umweg von Zittau nach Zittau erst mit der Öffnung des Eisenbahn-Grenzübergangs Zittau für den Personenverkehr am 6. April 1977 überflüssig, zunächst allerdings nur mit zwei Verbindungen pro Tag.



Edit: Tippfehlerkorrektur



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 2012:02:15:18:41:14.

ein lesenswertes Geschichtsdokument!

geschrieben von: Stefan Motz

Datum: 15.02.12 07:18

Hallo,
danke für diese lesenswerte Geschichtsstunde!
Neben der extremen Reisezeit mit abenteuerlichen Umwegen fällt auch der damit verbundene horrende Fahrpreis von 12,50 Mark (enschl. Platzreservierung) auf.
Viele in Westeuropa können sich nur schwer vorstellen, wie schikanös Reisen zwischen den "sozialistischen Bruderländern" waren. Wenn ich mir vorstelle, daß wir damals problemlos von West-Deutschland in die westeuropäischen Nachbarländern fahren konnten ...

Eine Frage habe ich noch zu dem Begriff "Kleiner Grenzverkehr" in diesem Beitrag: Der erste, der den neuen Grenzübergang nutzte, war laut Zeitung Kurt Plischke aus Wolfen. Nun liegt Wolfen ja nicht gerade in Grenznähe zur CSSR. War das eine andere Begriffsbestimmung als später der "Kleine Grenzverkehr" zur Bundesrepublik, der auf bestimmte Kreise beschränkt war?

Viele Grüße
Stefan

https://abload.de/img/db-251902-4003812-titu8k49.jpg

ein lesenswertes Geschichtsdokument in der Tat

geschrieben von: Joachim Leitsch

Datum: 15.02.12 08:38

Danke für die Mühen des Rechercheirens und Einstellens - eine HiFo-Perle!

RUHRKOHLE - Sichere Energie

das war einmal :(

Haben wir es heute gut.

geschrieben von: JensH

Datum: 15.02.12 09:04

Hallo,
dieser Beitrag zeigt wieder, dass wir in Europa es heute doch viel besser haben. Vielleicht sollten die ganzen Euro(pa)-Nörgler mal solche Berichte lesen, um den Fortschritt unserer Freiheit zu schätzen.

Gruß
Jens

PS: Ich weiß: Dieses politische Statement ist off Topic. Aber gerade bei solchen Beiträgen freue ich mich, das es heute anders ist.

Meine (Reise-)Berichte DSO:[www.drehscheibe-online.de]


Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Art.1(1) Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland

Ganz und gar nicht OT

geschrieben von: Joachim Leitsch

Datum: 15.02.12 09:15

denn die Eisenbahn verbindet Städte, Dörfer, Länder und Menschen!

Es ist gut und heilsam, zuweilen den Spiegel durch solche Berichte vorgehalten zu bekommen.

RUHRKOHLE - Sichere Energie

das war einmal :(

Re: Der lange Weg von Zittau nach Liberec (1966-1968)

geschrieben von: slf

Datum: 15.02.12 09:18

Vielen Dank für diese detaillierte Geschichtsstunde. Wenn man die örtlichen Verhältnisse kennt, wird mancher Wahnsinn erst so richtig deutlich. Meine Erinnerung beginnt erst mit dem zum Schluß erwähnten vereinfachten Reiseverkehr ab 1972. Damals hatte ich extra zum Zweck des Grenzübertritts mit den Großeltern einen Kinderausweis bekommen. (Kinder konnten ansonsten nur mit den Eltern auf deren Personalausweis mit entsprechendem Eintrag die Grenze überschreiten.) Der Korridorverkehr auf den oberlausitzer und nordböhmischen Strecken ist ja auch ein ziemlich ergiebiges Thema. Leider gibt es ja da heute nichts mehr zu sehen, seit die verbliebenen Verbindungen in D und CZ ausschließlich von Trilex abgewickelt werden.
... war übrigens in der Philatelie ein Novum: Es war lt. DDR - Volksmund die erste Briefmarke, bei der man beim Aufkleben die Vorderseite bespuckte...

Viele Grüße aus Berlin!

Christian Hansen

Sehr interessant,

geschrieben von: MichaelM

Datum: 15.02.12 12:24

ich persönliche kenne allerdings ebenfalls erst das erwähnte Procedere ab 1972.

Und an der nahegelegenen polnischen Grenze war dann ab 1980 erstmal "Sendepause".


MM

Re: Sehr interessant,

geschrieben von: Jörg Schwabel

Datum: 15.02.12 17:56

MichaelM schrieb:
-------------------------------------------------------
...
> Und an der nahegelegenen polnischen Grenze war
> dann ab 1980 erstmal "Sendepause".

Wie Joachim bereits erwähnte: Eine Perle, in der richtigen Fassung!

@ Michael: Ich bin zwar kein heuriger Hase - wieso war "an der nahegelegenen polnischen Grenze war dann ab 1980 erstmal "Sendepause"? Meinst Du damit, daß ab Dezember 1980 die direkten Züge Zittau-Liberec nicht verkehren konnten, weil die Strecke etwa 2 km lang durch die VR Polen führte? Bitte klär' einen "Schlechter-Wessi" auf! Danke, und

Gruß aus Wien

"Ohne Skepsis und Zweifel würden wir heute noch glauben, die Erde wäre eine Scheibe".
"Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen."

(Immanuel Kant)

Meine Bemerkung

geschrieben von: MichaelM

Datum: 15.02.12 18:13

zielte auf die Ereignisse von 1980 auf der Leninwerft in Gdansk an, in deren Folge am 30. Oktober 1980 der visafreie Verkehr
zwischen der DDR und Polen aufgehoben wurde, für den Reiseverkehr zwischen den beiden Staaten gab es strenge Auflagen.

Es war also nicht der kurze PKP-Abschnitt bei Zittau gemeint, sondern die faktische Schließung der gesamten Grenze zu Polen.


MM

Re: Beschränkungen im Reiseverkehr nach Polen 1981

geschrieben von: burovier

Datum: 15.02.12 18:26

Jörg Schwabel schrieb:
-------------------------------------------------------

> @ Michael: Ich bin zwar kein heuriger Hase - wieso
> war "an der nahegelegenen polnischen Grenze war
> dann ab 1980 erstmal "Sendepause"? Meinst Du
> damit, daß ab Dezember 1980 die direkten Züge
> Zittau-Liberec nicht verkehren konnten, weil die
> Strecke etwa 2 km lang durch die VR Polen führte?
> Bitte klär' einen "Schlechter-Wessi" auf!

Auch wenn ich nicht direkt angesprochen bin, will ich mal darauf antworten, weil mich diese Frage auch interessiert. Die Bemerkung bezieht sich sicher auf Reisebeschränkungen für DDR-Bürger nach Ausrufung des Kriegsrechts in Polen am 13. Dezember 1981 (als Schmidt gerade bei Honecker zu Besuch war). Ich denke nicht, dass es dabei zu Behinderungen im Korridorverkehr zwischen Zittau und der Tschechoslowakei gekommen ist, wenn, dann allenfalls sehr kurzzeitig.

Ich hatte in der Paralleldiskussion im Allgemeinen Forum bemerkt, dass die Freizügigkeit für DDR-Bürger im Verkehr nach Polen damals aufgehoben wurde. Darauf gab es ein Posting, dass der visafreie Reiseverkehr nach Polen 1981 nicht aufgehoben wurde. Sicher, ein Visum brauchte man nicht (auch schon vor 1972 nicht, damals aber eine "Reiseanlage"). Die Frage ist aber, ob und unter welchen Konditionen DDR-Bürger noch nach Polen gelassen wurden. Ich bin mir sehr sicher, dass das nach Ausrufung des Kriegsrechts erst mal nicht so einfach ging. Was später war, weiß ich nicht. Ich habe mir es in den 1980er Jahren ehrlich gesagt einfach nicht getraut, es einfach mal an der Grenze zu probieren, außerdem hatte ich damals auch wenig Zeit. Es war seinerzeit aber auch nichts davon zu hören, dass DDR-Bürger mal so die Grenze passiert haben. Nur am Rande: Wenn sie es gemacht hätten, wäre ein für DDR-Bürger damals völlig ungewohntes Problem hinzugekommen: die Geldentwertung in Polen.

Ich selbst habe Grenzübergänge nach Polen nach 1981 erstmals wieder 1990 passiert, als das mit den Polenmärkten losging. Es wäre interessant, wenn jemand über Erfahrungen in der Zwischenzeit berichten könnte.

Edit: Der Angesprochene war schneller, sehe ich gerade.



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 2012:02:15:18:27:14.

Re: ein lesenswertes Geschichtsdokument!

geschrieben von: burovier

Datum: 15.02.12 18:36

Stefan Motz schrieb:
-------------------------------------------------------

> Eine Frage habe ich noch zu dem Begriff "Kleiner
> Grenzverkehr" in diesem Beitrag: Der erste, der
> den neuen Grenzübergang nutzte, war laut Zeitung
> Kurt Plischke aus Wolfen. Nun liegt Wolfen ja
> nicht gerade in Grenznähe zur CSSR. War das eine
> andere Begriffsbestimmung als später der "Kleine
> Grenzverkehr" zur Bundesrepublik, der auf
> bestimmte Kreise beschränkt war?
>

Der Grenzübergang war ja nicht nur für den "Kleinen Grenzverkehr", sondern für den gesamten Wechselverkehr geöffnet. Wie das mit den anfänglichen Beschränkungen im "Kleinen Grenzverkehr" genau war, weiß ich nicht. Veröffentlicht war nur, dass die angegebenen Bezirke des Ziellandes nicht verlassen werden durften. Ob es auch Einschränkungen hinsichtlich des Herkunftsgebietes gab, weiß ich nicht. Wahrscheinlich gab es die eher nicht.

Schon im Sommer 1967 war dann von "Kleinem Grenzverkehr" keine Rede mehr, man durfte mit den 1-oder 2-Tage-Passierscheinen in der Tschechoslowakei überall hin.

Dem Autor einen ganz herzlichen Dank...

geschrieben von: Hubert G. Königer

Datum: 15.02.12 18:55

...für diesen gut recherchierten, spannend dargebrachten und interessant bebilderten Beitrag! Das ist eine andere Welt für einen biederen Schwaben ohne jeden Kontakt in den «Osten»! Solche Berichte wünschte ich mir manchmal in den teuer erkauften Eisenbahn-Zeitschriften.

Meine Reisen ab 1975 nach Rumänien waren weniger kompliziert, das Visum war übers Reisebüro ohne Einladung erhältlich.

Viele Grüsse,
Hubert.

Re: EMPT-Fahrpreis

geschrieben von: burovier

Datum: 15.02.12 19:09

Stefan Motz schrieb:
-------------------------------------------------------

> Neben der extremen Reisezeit mit abenteuerlichen
> Umwegen fällt auch der damit verbundene horrende
> Fahrpreis von 12,50 Mark (enschl.
> Platzreservierung) auf.

Der Auslandstarif war viel billiger als der Inlandstarif. Im beschriebenen Fall hätte eine Binnenfahrkarte von Zittau zum Grenztarifpunkt Schöna (Gr) über Dresden allein 12,60 MDN zuzüglich 5,00 MDN Expresszugzuschlag gekostet.

Um den billigeren Auslandstarif nicht für Binnenfahrten nutzen zu können, wurde ja Anfang der 1980er Jahre der "DR-Streckenzuschlag" eingeführt, den nur DDR-Bürger für den Inlandsabschnitt von EMPT-Fahrkarten erwerben mussten.

Die Tarifgeschichten sind eine Sache für sich. Ich habe mich damals über manche Skurilitäten gewundert, nicht ahnend, das das gar nichts war im Vergleich zu dem, was da nach der Wende und besonders nach PEP auf uns zukommen sollte.
burovier schrieb:
-------------------------------------------------------
> Jörg Schwabel schrieb:
> --------------------------------------------------
> -----
>
> > @ Michael: Ich bin zwar kein heuriger Hase -
> wieso
> > war "an der nahegelegenen polnischen Grenze war
> > dann ab 1980 erstmal "Sendepause"? Meinst Du
> > damit, daß ab Dezember 1980 die direkten Züge
> > Zittau-Liberec nicht verkehren konnten, weil
> die
> > Strecke etwa 2 km lang durch die VR Polen
> führte?
> > Bitte klär' einen "Schlechter-Wessi" auf!
>
> Auch wenn ich nicht direkt angesprochen bin, will
> ich mal darauf antworten, weil mich diese Frage
> auch interessiert. Die Bemerkung bezieht sich
> sicher auf Reisebeschränkungen für DDR-Bürger nach
> Ausrufung des Kriegsrechts in Polen am 13.
> Dezember 1981 (als Schmidt gerade bei Honecker zu
> Besuch war). Ich denke nicht, dass es dabei zu
> Behinderungen im Korridorverkehr zwischen Zittau
> und der Tschechoslowakei gekommen ist, wenn, dann
> allenfalls sehr kurzzeitig.
>
> Ich hatte in der Paralleldiskussion im Allgemeinen
> Forum bemerkt, dass die Freizügigkeit für
> DDR-Bürger im Verkehr nach Polen damals aufgehoben
> wurde. Darauf gab es ein Posting, dass der
> visafreie Reiseverkehr nach Polen 1981 nicht
> aufgehoben wurde. Sicher, ein Visum brauchte man
> nicht (auch schon vor 1972 nicht, damals aber eine
> "Reiseanlage"). Die Frage ist aber, ob und unter
> welchen Konditionen DDR-Bürger noch nach Polen
> gelassen wurden. Ich bin mir sehr sicher, dass das
> nach Ausrufung des Kriegsrechts erst mal nicht so
> einfach ging. Was später war, weiß ich nicht. Ich
> habe mir es in den 1980er Jahren ehrlich gesagt
> einfach nicht getraut, es einfach mal an der
> Grenze zu probieren, außerdem hatte ich damals
> auch wenig Zeit. Es war seinerzeit aber auch
> nichts davon zu hören, dass DDR-Bürger mal so die
> Grenze passiert haben. Nur am Rande: Wenn sie es
> gemacht hätten, wäre ein für DDR-Bürger damals
> völlig ungewohntes Problem hinzugekommen: die
> Geldentwertung in Polen.
>
> Ich selbst habe Grenzübergänge nach Polen nach
> 1981 erstmals wieder 1990 passiert, als das mit
> den Polenmärkten losging. Es wäre interessant,
> wenn jemand über Erfahrungen in der Zwischenzeit
> berichten könnte.
>
> Edit: Der Angesprochene war schneller, sehe ich
> gerade.

So schwierig war es nicht nach Polen zu kommen. Es war einfach etwas Ideenreichtum gefragt. Eine der Lösungen war die Nutzung eines Transitvisums Polen/CSSR/VR Ungarn. Gab es problemlos und für jeden. So bin ich auch nach 1980 oft in Polen gewesen. Bei meinem Aufenthalt habe ich dann gestaunt, wie viele DDR-Bürger und auch BRDler sich so in polnischen Landen aufhielten und nicht nur dienstlich.
Das Erstaunliche war dabei, man mußte sich bei Rückkehr in die DDR noch nicht einmal in der VR Ungarn aufgehalten haben.

Mir ist es sogar gelungen, mit solch einem Visa und allen möglichen Stempeln (Ein- und Ausreise Polen und CSSR) eine größere Wegstrecke auf dem für alle Ausländer gesperrten Gipfelwanderweg im Riesengebirge zurückzulegen. Diesen "Magistrale der Freundschaft" genannten Gipfelweg durften nur Polen und Tschechen benutzen.

Da fällt mir noch ne kleine Geschichte am Rande ein. Tschechisches Bier war ein im mittzwanziger Alter gern genossener "Saft". Nur wie in der DDR rankommen? Über die in Berlin endenden Züge mit Tschechischen Speisewagen gab es eine Möglichkeit. Die ging aber etwas ins knappe Geld. Direkte Mitnahme aus der CSSR war nur in kleiner Menge gestattet (glaube bis zu 5 Flaschen).
Über Polen stellte die Einfuhr des Gerstensaftes kein Problem dar. An der Grenze zwischen CSSR und Polen wurde man durchgewunken, geschweige denn kontrolliert. Die Zöllner haten nur ein Auge für ihre jeweiligen Landsleute.
Bei der Heimkehr über die Grenze auf der Autobahn nach Frankfurt/Oder dann die üblichen genauen Kontrollen, besonders bei alleinreisenden jungen Männern. Nach dem Blick in den Kofferraum die erwartete Frage des Zöllners: Was ist das? - Antwort: Tscheschiches Bier! - Der Zöllner: Sie wissen, das darf in dieser Menge (1 Kasten+ einzelne Flaschen) nicht aus der CSSR ausgeführt werden. Antwort: Wo ist Ihr Problem? An welcher Grenze sind wir hier? Dieses Frage-Antwortspiel brachte mir dann eine etwas länger dauernde Kontrolle meines Autos ein. Egal, das Bier konnten sie mir nicht nehmen. Die Zöllner hatten den Stress und ich wieder einmal einen wundervollen Urlaub hinter mir.

Heute muß man Geschichte mit dem Bleistift schreiben;
es läßt sich leichter radieren.
Pierre Gaxotte


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Besucht auf Facebook den SVT 137 856 Bauart Köln


Hallo!

Das mit dem Transit"visum" für Polen kann ich bestätigen. Ich habe es sogar ohne Antrag bekommen, weshalb ich 1985 erstmalig dahingefahren bin. Das Problem war die Fahrkarte, die nur über Krakow/Katowice - Warszawa - Poznan ausgestellt wurde, aber ich wollte nach Wroclaw. Also bin ich von Katowice nach wroclaw gependelt. Das ging auch ohne Polnischkenntnisse sehr gut, die Polen waren fast zu hilfsbereit. In Wroclaw die Abfahrt der Pt47-112 genossen, aber nicht fotografiert, weil überall diese Verbotsschilder hingen. Zurück über W-wa ins Eisenbahnmuseum und die reguläre Tour via Poznan, wo es noch kräftig dampfte (Ty2, Ty43, Ty 51).

Ohne Transitvisum brauchte man eine Einladung, abgestempelt von der polnischen Miliz.

Wie in der DDR üblich, wurde den Bürgern vom Staat nicht alles verraten, so auch nicht, dass man ab 1987/88 keine Einladung mehr brauchte, sondern nur noch eine Besuchsadresse angeben musste. Das hatte ich von Freunden aus Berlin erfahren und mir die Nummer des Formulars aufgeschrieben. Als ich vor der nächsten Reise bei der Polizei sagte, dass ich nach Polen wolle, verlangten sie die Einladung nach altem Muster. Von mir mit der Formularnummer und den dazugehörigen Ausführungsbestimmungen konfrontiert, kriegte ich das Ding sofort ausgehändigt - sie hatten es also da und wußten Bescheid!
Clevere Leute, die niemanden in Polen kannten, haben sich Adressen ausgedacht, um fahren zu können; entweder aus Telefonbüchern herausgesucht oder von Konservengläsern die Betriebsanschrift genommen, die Hausnummer verändert und sich einen Namen ausgedacht. Zur Not ging auch die Postleitzahl einer größeren Stadt und als Straße die "Ulica Dzierzinskiego". Mit der war man hundertprozentig auf der sicheren Seite.

So viel für heute. Beste Grüße von Rob

Re: Der lange Weg von Zittau nach Liberec (1966-1968)

geschrieben von: HGG

Datum: 16.02.12 20:43

Hallo

und Danke für diesen hochinteressanten Beitrag - ein Stück Eisenbahn- und Grenzgeschichte, einfach Spitze!

Jahre später ging's dann aber auf direktem Weg über den polnischen Korridor:

7117bkr.jpg

Ein CSD-Triebwagen auf dem Zittauer Viadukt unmittelbar vor der polnischen Grenze. Wir warteten damals auf einen Güterzug und hatten uns in einer Baugrube versteckt, denn der Grenzposten war in Sichtweite, im Bild gleich rechts von dem hellen lagerhausähnlichen Gebäude ist der schräg stehende Grenzbalken erkennbar, aufgenommen im August 1978.

Viele Grüße aus dem Land der Franken

HGG

http://img96.imageshack.us/img96/7026/hggsignaturv2a.jpg

Re: Bierverkauf in/an CSD-Speisewagen

geschrieben von: E 44 051

Datum: 16.02.12 20:49

Hallo,

erstmal vielen Dank an den TO für die spannende Reisegeschichte, die man sich Heute kaum noch vorstellen kann. Umso wichtiger ist es, daran auch zu erinnern, auf dass solche Absurditäten nie wieder kommen. Danke auch allen weiteren Schreibern für die interessanten Ergänzungen.

"Über die in Berlin endenden Züge mit Tschechischen Speisewagen gab es eine Möglichkeit."

In Leipzig hatten wir ebenfalls diese Möglichkeit. 1986-88 hatte ich mein Büro im alten Heizhaus am Bahnsteig 26. Zum Feierabend stand auf Gleis 26 regelmäßig der D nach Bratislava, da gab es auch öfter die Gelegenheit, dass ein paar Flaschen des begehrten Gesöffs ihren Besitzer wechselten.

In Doberlug-Kirchhain habe ich erlebt, dass bei haltenden internationalen Zügen mit CSD-Speisewagen der Bahnsteigverkauf florierte. Die Aufsicht hat auch geduldig mit der Abfertigung des Zuges gewartet, bis die Dürstenden versorgt waren ;-)

Freundliche Grüße aus Leipzig von
Ralf

Re: DDR-Grenze nach Polen und zur Tschechoslowakei

geschrieben von: burovier

Datum: 16.02.12 23:03

HGG schrieb:
-------------------------------------------------------

> Ein CSD-Triebwagen auf dem Zittauer Viadukt
> unmittelbar vor der polnischen Grenze. Wir
> warteten damals auf einen Güterzug und hatten uns
> in einer Baugrube versteckt, denn der Grenzposten
> war in Sichtweite, im Bild gleich rechts von dem
> hellen lagerhausähnlichen Gebäude ist der schräg
> stehende Grenzbalken erkennbar, aufgenommen im
> August 1978.
>

Ich habe jetzt mal versucht, meine historische Ortskenntnis zusammenzunehmen. Die fragliche Betriebshalle gehörte doch, wie fast das gesamte Gelände im Dreieck zwischen dem Weg An der Neumühle, der Neiße und der Chopinstraße zum VEB Elektro-Anlagenbau Ostsachsen, der Straßen-Grenzübergang nach Polen war dann dahinter. Das Gebäude der Grenztruppen befand sich ja an der Friedensstraße, dort, wo dann in den 1990er Jahren der zweite Grenzübergang eingerichtet wurde.

Der Weg auf deutscher Seite an der Neiße zwischen An der Neumühle und Weinau ist erst im Zusammenhang mit dem Bau des Straßen-Grenzübergangs 1972 abgeriegelt und bis heute nicht wieder zugänglich gemacht worden, obwohl die Sperrung eigentlich wegen Schengen keinen Sinn mehr macht. Ich bedaure immer noch, dass man sich dort an der Neiße nicht wie in meiner Kindheit frei bewegen kann.

Fotografieren an der Grenze war sicher zu Ostzeiten immer kritisch. Wenn ich aber an die Zeit zurückdenke, so muss ich (abgesehen von 1968) schon bis in die sehr frühen 1960er Jahre gehen, um mich an Begegnungen mit DDR-Grenzern im Zittauer Raum, sei es an der polnischen oder tschechischen Grenze, zu erinnern. Der DDR-Grenzwachturm, der sich in Zittau an der Neiße bei der Waldecke der Weinau befand, ist auch um 1960 beseitigt worden. Ganz anders war das jenseits der Grenze.

Als ich das erste Mal den Straßen-Grenzübergang nach Polen passiert habe, habe ich es als sehr befremdlich empfunden, dass links und rechts der über die Grenze führenden Straße ein mit Stacheldraht gefasster und mit Lichtschranken versehener, ständig frisch gepflügter Sandstreifen begann und man auch überall an der Grenze auf mit MPi bewaffnete polnische Grenzposten traf. Ein solcher stand immer auch auf polnischer Seite am Eisenbahnviadukt. Und auf tschechischer Seite gab es zwar weder eine technische Grenzsicherung noch bewaffnete Grenzer, man musste aber immer damit rechnen, dass aus dem Wald ein freiwilliger Helfer der tschechoslowakischen Grenztruppen trat.

Nach meinem Eindruck stieg auf DDR-Seite der Grenze die Chance, einem Grenzer zu begegnen um so mehr, je mehr man sich dem Westen näherte. In Zittau war sie nahezu Null, im Erzgebirge oder gar im Vogtland konnte das schon eher passieren.

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