Ein etwas anderer Blick auf die S-Bahn Berlin-West
Widersprüchlichkeiten kennzeichnen das Erscheinungsbild der S-Bahn Berlin bis heute.
Repräsentative Bahnhofsbauten stammen teilweise noch aus der Zeit von Preußens Glorie, vermitteln einen Hauch von 'Belle Époque', zeugen von wilhelminischem Wunschdenken oder gar schierem Größenwahn.
Viele Stationen beherbergten kleine Läden, Vorstadt-Kneipen oder Kioske. Teilweise aufwendig verglaste Aufgänge, alte Schilder oder die typischen Gebäude der Aufsicht haben den Charakter der S-Bahn über Jahrzehnte geprägt.
Während Kriegs-Ruinen oder einfachste Nachkriegs-Provisorien den Gesamt-Charakter der S-Bahn kaum beeinflussen konnten, verändern heute Zweckbauten oder einfallslos normierte Ausstattungsmerkmale das Gesicht der S-Bahn erheblich.
Als in den 80er Jahren große Teile des S-Bahn-Netz in West-Berlin stillgelegt war, prägte Niedergang und Verfall das Bild. Teilweise war Bahngelände von dichtem Birkenwald bewachsen.
Aus diesem Zeitabschnitt stammen Fotos von Renate von Mangoldt, die zur Zeit in der Kunststiftung Poll, Gipsstraße 3 (Berlin-Mitte), zweiter Stock gezeigt werden.
Die Ausstellung läuft noch bis 25. Januar 2011. (Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonnabend, 15 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.)
Ein begeleitendes Fotobuch ist unter dem Titel "Nachtrag zur S-Bahn" im Steidl-Verlag erschienen. Das Buch mit 77 Bildern und einem Text von Uwe Johnson kostet 28 Euro.
Mit freundlicher Genehmigung der Fotografin darf ich hier im Forum eine kleine Vorschau zeigen. Gerade weil die Sicht auf die Motive fast ganz ohne Fahrzeuge auskommt und sich damit von unseren üblichen Wahrnehmungen deutlich unterscheidet, halte ich die Bilder für sehr sehenswert.
West-Berliner S-Bahnhöfe
Alle Fotos:
Renate von Mangoldt
In den siebziger Jahren verfielen in West-Berlin viele S-Bahnhöfe. Die S-Bahn wurde von der DDR-Reichsbahn betrieben. Die Zahl der Fahrgäste nahm rapide ab. Die BVG baute das U-Bahnnetz zum Teil parallel aus.
In den 80er verwilderte der S-Bahnhof Südende in Lankwitz.
1984 wurde die Strecke stillgelegt, Unkraut wuchs, Kinder spielten auf der Strecke.
Nach der Wende wurde die Station saniert – und 1995 eröffnet. Seit vier Jahren rasen nebenan ICEs auf der neuen Trasse gen Süden vorbei. Als die Strecke Anfang der achtziger Jahre noch in Betrieb war, wurde vor dem Bahnhof Gemüse verkauft.
Sonnige Aussichten? Der Bahnhof "Sonnenallee" wurde 1980 stillgelegt – und erst 17 Jahre später feierlich wiedereröffnet.
Genug Zeit, um am damaligen Stadtrand in Vergessenheit zu raten und zu verrotten.
Kinder, wie lange ist das her? Heute sieht der S-Bahnhof Buckower Chaussee modern aus mit seinen Klinkerwänden, der verglasten Brücke über den Gleisen, dem Torbogen, sogar ein neuer Regionalbahnhof war dort vor einigen Jahren im Gespräch.
Doch vor dem zweigleisigen Ausbau 1980 gen Süden sah der Bahnhof, sagen wir, sehr bescheiden aus. Trotzdem: Kommt die ICE-Trasse Richtung Dresden, muss auch die neue Station wohl wieder abgerissen werden.
Gestatten, der S-Bahnhof Witzleben mit zwei Bahnsteigen. Nach dem Wiederaufbau der Ringbahn ging nur ein Bahnsteig in Betrieb – und die Station bekam 1993 einen neuen Namen "Messe Nord/ICC".
Nichts los an der Heerstraße.
Tierhaltung unter den S-Bahngleisen. Nicht gerade artgerecht.
Die S-Bahn gehörte damals zur "Deutschen Reichsbahn", wie auf fast allen Bahnhöfen – wie hier an der Yorckstraße – zu lesen war.
Die alten Brücken über der Gartenstraße existieren immer noch, das Café Achteck nicht mehr. Einst führte die Trasse von Humboldthain zum Stettiner Bahnhof.
Die Mode der damaligen Zeit.
Was die Herrschaften am S-Bahnhof Papestraße da machen, wissen wir nicht. Ihren schönen, alten Bahnhof jedenfalls gibt es nicht mehr: Der heißt seit 2006 "Südkreuz" und ist etwas pompöser.
Heute unvorstellbar: Ein Fußgängerüberweg, ohne Schranke und Warnsignal.
Lichterfelde Ost: Ein wunderschöner, alter Eingang - nur etwas zugig im Durchgang, weil Scheiben fehlen. 1984 wurde es still auf dem S-Bahnhof, erst gut zehn Jahre später rollten wieder S-Bahnen hierhin. Und seit 2006 auch Regionalzüge.
Die Zigarettenwerbung hat sich mittlerweile auch verändert. Warnhinweise gab es damals noch nicht.
Die Ruine am Hohenzollerndamm: Auch hier rollten auf dem S-Bahnring keine Züge, erst seit 2002 wieder.
Die Station, angeschlossen an ein Wohnhaus, mit seinen vielen Details ist ein Baudenkmal.
Die S-Bahnbögen am Savignyplatz. Schicke Geschäfte gab es dort damals noch nicht.
S-Bahnhof "Pries-erwe-": Nicht nur die Buchstaben fehlten damals, sondern auch die Zukunft des einstigen Haupteingangs.
Im Innern gab es damals noch das Schild "Priesterweg-Baude" mit altem Schultheiss-Logo und typisch dämmriger Halle; heute nutzen die meisten S-Bahngäste den neuen Südausgang. Somit ist es am Biergarten am alten Ausgang schön idyllisch...
"Westkreuz"? Ja, wirklich. 1993 wurde das alte Gebäude abgerissen, schließlich fuhren zuvor jahrelang keine S-Bahnen nach Spandau und auch keine Ringbahn. Mittlerweile queren tausende Fahrgäste den S-Bahnhof – ein Empfangsgebäude gibt es trotzdem nicht. Nur einen Mini-Parkplatz mit toller Aussicht auf S-Bahnstrecken, Laubenkolonien und ICC.
Der schöne S-Bahnhof Westend. Heute sitzen in dem Gebäude Firmen und eine Weinhandlung.
Die Brücke vom Bahnhof über die Gleise zu den Bahnsteigen gibt es noch, wird aber seit der Ringbahnstilllegung in den 80ern nicht mehr genutzt.
Zeitgeschichte im S-Bahnhof Westkreuz: Man schaue nur einmal auf die Richtungsanzeiger - "Spandau West" existiert nicht mehr, nach "Staaken" fährt ebenfalls seit 1980 kein Zug mehr. Und in Friedrichstraße war für alle Schluss, obwohl der S-Bahnhof doch im Osten lag. Komplizierte, alte West-Berliner Welt.
Der Mexikoplatz in Schlachtensee.
Eingang zum S-Bahnhof _Chöneberg.
Vier Kilometer lang war die S-Bahnstrecke "Siemensbahn", 1980 wurde auch sie geschlossen. Vom "Bahnhof's Stübl" ist nichts mehr zu sehen.
Nur die alte Hochbahntrasse mit den großen Stahlbrücken schlängelt sich durch den Bezirk. Ideal für einen Fototrip und Stadtspaziergang! Im hübschen Endbahnhof "Gartenfeld", gar nicht so weit vom Flughafen Tegel gelegen, befindet sich übrigens eine Gärtnerei.
Hahohe, Hertha BSC. Der alte S-Bahnhof Olympiastadion hieß einst "Rennbahn", wurde umgebaut, doch als Hertha BSC in den 80ern in der Versenkung verschwand und die paar Fans auch locker in die U-Bahn passten, war auch der S-Bahnhof geschlossen.
Nur der Schriftzug über den zehn Gleisen blieb. Die Station verwahrloste. 1997 wurde die Strecke wiedereröffnet, pünktlich zum Wiederaufstieg von Hertha.
S-Bahnhof Spandau West. Heute endet diese Wendeschleife neben der Stadtbibliothek vor einer Lärmschutzwand, der Bahnhof existiert nicht mehr – auch er wurde 1980 geschlossen. Der neue S-Bahnhof liegt weiter östlich, an der Altstadt, wo seit 1998 wieder S-Bahnen halten.
Ein Hinweis an alle S-Bahnfahrgäste: "Achtung! Bahnhof Humboldthain in Richtung Friedrichstraße letzter Bahnhof im West-Sektor".
Verfall am S-Bahnhof Köllnische Heide.
Sogar Tischdecken gab es damals noch an den S-Bahn-Imbissen. Wie hier an der Jungfernheide.
Die Stammbahn, im Südwesten der Stadt, führte einst nach Düppel.
Und zwischendrin gab es eine Mini-Station mit Mini-Geschichte: Der S-Bahnhof "Zehlendorf Süd" existierte nur von 1972 bis zur Stilllegung 1980. Aber noch heute sind die Bahnsteiglampen im alten Wäldchen zu sehen.
Dass es um die S-Bahn nicht zum Besten stand, war den Betreibern der Kneipen und Imbisse offenbar bewusst und wurde bei der Namenswahl berücksichtigt.
Da schlägt das West-Berliner Herz höher! Eine "Pan Am" im Anflug auf Tempelhof.
Links zum Thema:
Bilder-Galerie auf Tagesspiegel.de
Kommentar zur Ausstellung Tagesspiegel.de
Kunststiftung Poll
Sorry:
Von mir kommen keine Beiträge und Bilder für die DSO-Foren, bis die Umleitungen rückstandsfrei weg sind!