Hallo alle miteinander!
Im Juli nutzte ich das schöne Hochsommerwetter für eine Reise zu den Überresten der Butjadinger Bahn. Bislang hatte mich noch nichts in diese Gegend verschlagen und ich nutzte die Gelegenheit, die Region einmal kennenzulernen. Das Land Butjadingen liegt als Halbinsel zwischen Wilhelmshaven bzw. dem Jadebusen und Bremerhaven bzw. der Wesermündung. Zwischenzeitig war es in seiner Geschichte auch mal eine Insel und Sturmfluten veränderten bis ins 19. Jahrhundert hinein immer wieder die Küstenlinie. Die Region lebt bis heute von der Landwirtschaft und dem Tourismus, ansonsten ist die Gegend aufgrund der abseitigen Lage wirtschaftlich sehr strukturschwach. Dies merkt man spätestens, wenn man mal durch die Innenstadt Nordenhams, dem Hauptort Butjadingens an der Wesermündung gegenüber Bremerhavens, geht und die zahlreichen leer stehenden und verfallenden Geschäfte sieht.
Nichtsdestotrotz begann auch hier im ausgehenden 19. Jahrhundert das Eisenbahnfieber. Seit 1875 besitzt Nordenham Bahnanschluss in Form der eingleisigen Hauptbahn über Rodenkirchen, Brake und Elsfleth nach Hude an der Bahnstrecke Bremen-Oldenburg. Später kamen noch die Strecken von Brake nach Oldenburg und von Rodenkirchen nach Varel hinzu, 1904 wurde die Verlängerungsstrecke Nordenham-Blexen in Betrieb genommen, wo Anschluss an die Weserfähre nach Bremerhaven besteht. 1980 wurde die Strecke Hude-Nordenham elektrifiziert, zugleich wurde der Personenverkehr nach Blexen eingestellt, lediglich ein kurzes Teilstück kurz hinter Nordenham ist noch mit elektrifiziert worden und wird noch im Güterverkehr bedient, der Rest liegt brach und wächst langsam zu. Die Bahnstrecke Hude-Nordenham wird ab 2011 Bestandteil des S-Bahn-Netzes Bremen sein.
Das Butjadinger Hinterland erhielt seinen Bahnanschluss 1908/09 in Form der Butjadinger Bahn, einer normalspurigen Kleinbahn, die Nordenham mit dem westlich gelegenen Hinterland verband, und die im Folgenden hier behandelt wird. Mittels einer Fähre vom Endpunkt Eckwarderhörne am Jadebusen konnte Wilhelmshaven erreicht werden. So ergab sich die Möglichkeit, von Wilhelmshaven via Fähren und Kleinbahn direkt nach Bremerhaven zu reisen. Hauptzweck der Bahn war allerdings neben dem teils beträchtlichen Schülerpendelverkehr zu den weiterführenden Schulen in Nordenham der landwirtschaftliche Güterverkehr, weshalb die Bahn auch hakenförmig im Landesinneren Butjadingens trassiert wurde und einige Orte nur abseits tangierte.
Die schwierige Trassierung in kaum über das Meeresniveau hinausragendem Terrain und die damit verbunden hohen Unterhaltskosten für Trasse, Gleise und die zahlreichen Brücken und Durchlässe machten der Kleinbahn das Überleben zeitlebens schwer. Das raue Wetter tat sein Übriges an den Fahrzeugen. 1956 kam daher bereits das Aus für den unwirtschaftlich gewordenen Eigenbetrieb. Lediglich der Güterverkehr hielt sich noch einige Jahre und wurde von der DB durchgeführt. 1959 wurde der Abschnitt Stollhamm-Eckwarderhörne stillgelegt und abgebaut, 1968 folgte der Rest bis Nordenham.
An Fahrzeugen besaß die Bahn in ihrer Anfangszeit drei B-Kuppler und einen T3-ähnlichen C-Kuppler, dazu 5-8 Personenwagen mit Tonnendach, drei Post-Gepäckwagen und einige gebraucht gekaufte Güterwagen. 1926 kam noch ein schwerer DWK-Benzoltriebwagen mitsamt Beiwagen hinzu, 1940 ein WUMAG-Leichttriebwagen, 1949 eine kleine zweiachsige Henschel-Dampflok und 1954 eine Deutz-Uralt-Kleindiesellok von 1916. Als Besonderheit sind noch zwei T3 der DB (89 7536 und 7538) zu erwähnen, die 1938 von der verstaatlichten Braunschweigischen Landeseisenbahn übernommen wurden und bis etwa 1960 den Restverkehr auf dem "Butjenter" abwickelten. So kamen diese beiden Loks auf ihre alten Tage noch einmal (wieder) zu Kleinbahn-Ehren. Die Motorfahrzeuge konnten nach Einstellung des Betriebs noch an andere Kleinbahnen verkauft werden und sind bis heute erhalten: der DWK-Triebwagen steht heute teilrestauriert in einem privaten Technikmuseum in Wilhelmshaven, der WUMAG-Triebwagen fährt in Harpstedt und die Kleinlok steht heute in den Eilers-Werken in Hannover. Auch die 89 7538 blieb erhalten und ist über Umwege heute desolat und zerlegt in Moers-Rheinkamp in der Sammlung des Historischen Pahnparks Niederrhein hinterstellt.
Hier noch ein paar Bilder der Kleinlok 223, die nach ihrer Butjadinger Zeit noch auf der Niederweserbahn und anschließend auf der Buxtehude-Harsefelder Eisenbahn Dienst tat, als sie noch im inzwischen aufgelösten Technikmuseum in Stade stand:
Ein Blick in den karg eingerichteten Führerstand:
…und ein Blick in den Motorraum – Hier sieht es mit all den Zahnrädern eher nach einem mechanischen Uhrwerk aus als nach einem Dieselantrieb, aber was soll man bei einer Motorlok aus dem ersten Weltkrieg auch erwarten:
Als Quelle für meine Angaben standen mir neben dem entsprechenden Wikipedia-Artikel der entsprechende Wolff-Band sowie das kleine, längst vergriffene Büchlein aus dem Hause Kenning zur Verfügung. Doch nun zu den Bildern von der Strecke bwz. ihren Überresten, die Aufnahmen entstanden allesamt am 16. Juli diesen Jahres:
Das aus heutiger Sicht sehr groß geratene Bahnhofsgebäude des Staatsbahnhofes von Nordenham vom Bahnhofsvorplatz aus gesehen, hier stiegen auch die Fahrgäste der Kleinbahn aus und wechselten die Bahn:
…oder gingen in die Nordenhamer Innenstadt, die trotz schön restaurierter Fassaden heute ziemlich tot ist:
Der Bahnhofsvorplatz von Nordenham von der Auffahrt der Brücke zur Strandallee über die DB-Strecke, rechts das DB-Bahnhofsgebäude, links auf dem Vorplatz lag der Kleinbahnhof:
Der Vorplatz mit den Grüderzeithäusern (ist eines davon die frühere Kleinbahnverwaltung?): Wo heute der Parkplatz ist, fuhren früher die Züge nach Eckwarderhörne (Eckwh.) ab:
…und passierten den noch erhaltenen Güterschuppen auf der heutigen Rasenfläche im Vordergrund (links nach Eckwh.):
Der Güterschuppen noch mal aus einer anderen Perspektive, er ist das einzige noch erhaltene Bauwerk am Nordenhamer Ausgangsbahnhof mit Kleinbahnbezug:
Links hinter dem Güterschuppen verließen die Hauptbahn nach Hude und die Kleinbahn nach Eckwh. Nordenham. Etwas weiter hinten, wo heute die Bäume stehen, befanden sich die Übergabegleise:
Im Bereich der früheren Übergabegleise sind noch Gleisreste erhalten (2 Bilder, Blick zurück zum Bahnhof Nordenham):
Der Blick an gleicher Stelle in die andere Richtung: Die Kleinbahn driftete kurz hiernach in einer 90° Kurve nach rechts ab in östliche Richtung:
Ab der Einfahrkurve der Kleinbahn in den Bahnhof Nordenham (nach hinten links) dient die Trasse heute als Rad- und Spazierweg, hinter dem Haus verläuft nach rechts die Bahnstrecke nach Hude:
Der Radweg auf der Trasse führt bis nach Stollhamm. Der Bahndamm drum herum ist heute stark bewachsen, interessante Fotostandorte würde er also kaum bieten, wenn hier noch Züge fahren würden. Dafür ist es im Sommer schön schattig (Blick nach Eckwh.):
Im Bereich des Mittelwegs, der hier gekreuzt wurde (Blick nach Eckwh.), hätte sich aufgrund der Nähe zu den Nordenhamer Schulen ein Haltepunkt gelohnt. Dass er nie zustande kam, ist der Unflexibilität der Verantwortlichen zuzuschreiben, aber ähnliche Fälle gab es auch bei anderen Kleinbahnen:
Mittlerweile hat die Trasse die Stadtbebauung von Nordenham verlassen und überquert den Butjadinger Kanal, der zur Entwässerung dient und dessen Wasserspiegel deutlich höher liegt als die Oberfläche der Wiesen in der Umgebung, erkennbar an den Dämmen zu Seiten des Kanals:
Die Trasse trägt auch eine Versorgungsleitung, wie am Rohr an der Brücke unschwer zu erkennen ist. Für die Bahn musste zum Überqueren des hoch gelegenen Kanals ein hoher Bahndamm angelegt werden:
Der Blick über die Brücke zurück nach Nordenham:
Erster Halt der Kleinbahn war nach knapp 3 km in Ellwürden, unmittelbar nach Kreuzung der zu Kleinbahnzeiten bereits gefährlichen Bundesstraße 212 nach Brake. Dieser Haltepunkt besaß keine Nebengleise und war für den Güterverkehr bedeutungslos, dennoch gönnte man sich ein hübsches Bahnhofs- bzw. Agenturgebäude, das sich in mehr oder weniger baugleicher Form an allen Bahnhöfen der Kleinbahn befand (die Gleise verliefen vor dem Haus nach Eckwh.):
Zwar leicht umgebaut, aber ansonsten gut gepflegt präsentiert sich der frühere Bahnhof. Das Stationsschild des heute privat genutzten Gebäudes ist auch noch vorhanden (Blick nach Eckwh.):
Blick zurück nach Nordenham:
Der erste „richtige“ Bahnhof befand sich nach 4 km in Abbehausen. Noch bis 1968 diente er u. a. der Viehverladung. Auch hier ist das Bahnhofsgebäude noch erhalten und wird noch als Kneipe genutzt. Der einst separate Güterschuppen ist zum Wohnanbau erweitert worden (Straßenseite, dahinter nach Eckwh.):
Die frühere Gleisseite:
Blick zurück nach Nordenham (der Trassenweg verläuft links hinter dem Gebüsch): Hier, auf der anderen Straßenseite vor dem Bahnhofsgebäude, soll bis vor wenigen Jahren noch die alte Viehrampe gestanden haben, heute steht hier ein Wohnhaus:
An der Ladestraße stehen noch einige der zahlreichen landwirtschaftlichen Schuppen, die es hier früher gab. Im Hintergrund ist das charakteristische Mühlengebäude zu erkennen (Blick nach Eckwh., Trasse rechts):
…Blick zurück nach Nordenham (Trasse links hinter dem Gebüsch):
Die heute relativ verfallen wirkende Mühle von der anderen Seite, sie besaß ein Anschlussgleis:
Weiter ging es durch die Wiesen in westlicher Richtung aus Abbehausen hinaus:
Unterwegs wurden zahlreiche Gräben überquert, hier eine typische Landschaftsszene der heute stark bewachsenen Trasse bei der Moorseer Mühle, kurz hinter Abbehausen:
An dieser großen Freifläche bei Kilometer 5,7 befand sich einst der Haltepunkt Moorsee. Das Wartehäuschen steht längst nicht mehr, nur zwei Parkbänke laden zum Ausruhen und Verweilen ein (Blick zurück nach Nordenham):
Der Blick in Richtung Eckwh., mit etwas Phantasie kann man im Pflaster noch die frühere Lage der Gleise ausmachen:
Nach knapp 10 km war mit Stollhamm der größte und zentralste Ort Butjadingens erreicht. Er war auch der wichtigste Bahnhof an der Strecke und wurde noch bis 1965 bedient (die Gleise lagen noch bis zum endgültigen Aus 1968):
An der Bahnhofseinfahrt stehen heute Altglas- und Altkleidercontainer (Blick zurück nach Nordenham):
Die Ladestraße von Stollhamm (Blick nach Eckwh.), im Hintergrund das Bahnhofsgebäude: Die meisten Baulichkeiten stammen nicht mehr aus Kleinbahnzeiten:
…darunter auch dieser markante Silo, der direkt auf der früheren Gleistrasse steht:
Der kleine Güterschuppen ist noch erhalten (Straßenseite, Blick nach Eckwh.):
Auch das Stollhammer Gebäude ist leicht umgebaut, aber gut gepflegt und beherbergt noch immer eine Dorfkneipe (Straßenseite):
Die frühere Gleisseite des Ensembles:
Auf der dem Bahnhofsgebäude gegenüberliegenden Gleisseite befand sich die Viehrampe. Von ihr sind noch Reste vorhanden. Im hinteren Teil standen mal einige alte Eisenbahnfahrzeuge (Güterwagen, Kleindiesellok, Dampfspeicherlok), die zwar keinen Bezug zur Kleinbahn hatten, aber an die Bahn erinnern sollten. Heute sind sie verschwunden:
In Stollhamm endet der Trassenradweg. Unmittelbar hinter dem Bahnhof bog die Bahn in einer Rechtskurve in nördliche Richtung. Im Bereich der Kurve ist die Trasse heute überbaut und nur noch anhand der Grundstücksgrenzen zu erahnen (Blick am Ortsrand von Stollhamm zurück nach Nordenham):
Der Blick in die andere Richtung: Hier beginnt auf der Trasse noch mal ein Trampelpfad, der aber als Radweg kaum mehr befahrbar ist:
Kurz vor dem Haltepunkt Mitteldeich wurde abermals der Butjadinger Kanal gekreuzt, die Blechträgerbrücke ist noch erhalten:
Eine Zoomansicht der Brücke, die auf einem Weg mit Geländer überquert werden kann (links nach Eckwh., rechts nach Nordenham):
Gleich hinter der Brücke lag bei Streckenkilometer 13 der Haltepunkt Mitteldeich, der nur ein Wartehäuschen besaß. Heute stehen hier ein neues Wartehäuschen sowie ein Funkmast (Blick zurück nach Nordenham):
Der Radweg endet endgültig hier in Mitteldeich, ein paar hundert Meter führt er noch ins Nirgendwo (Blick nach Eckwarderhörne):
An der parallel zur Bahn verlaufenden Landstraße befindet sich etwa 100 m entfernt die frühere Agenturkneipe von Mitteldeich:
Anderthalb Kilometer hinter Mitteldeich ist die Trasse, auf der wir uns befinden, eingeebnet: Blick zurück nach Nordenham (im Hintergrund ist der Funkmast von Mitteldeich erkennbar):
Der Blick in die andere Richtung: Nur die Ackergrenze rechts deutet auf den früheren Bahnverlauf hin:
Die eben bereits sichtbare Feldwegzufahrt nutzt heute den gemauerten Grabendurchlass der früheren Kleinbahn. Solche Durchlässe sind mehrfach zu finden und verdeutlichen, wie schwierig Bau und Unterhalt der Butjadinger Bahn in dieser Landschaft waren:
Für gewöhnlich werden aufgelassene Bahntrassen wieder umgepflügt, als Straße/Radweg ausgebaut oder mehr oder weniger bewusst renaturiert. Neu ist mir die Variante, für die man sich im Bereich von Burhave, dem nächsten Halt der Kleinbahn, entschieden hat: Die Trasse (Blick zurück nach Nordenham) kreuzte in einer Linkskurve nach Westen die parallel verlaufende Landstraße und dient heute als Entwässerungskanal:
Der Blick an gleicher Stelle in Richtung Eckwh., gleich ist der frühere Bahnhof Burhave erreicht:
Im nächsten Teil geht es um den weiteren Streckenverlauf bis Eckwarderhörne.
Bis dann, schöne Grüße,
Dennis.
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