Berlin – S-Bahn im geteilten Berlin (Stadtbahn) 27/1
Teil 1, Die Stadtbahn im Westen 

Über die Berliner S-Bahn ließe sich viel erzählen.
Eingehende Literatur und Internet-Quellen gibt es jedoch in Mengen. Ich beschränke mich daher auf die Vermittlung von typischen Eindrücken aus der geteilten Stadt. Alle Bilder sind in den 80ern (vor der Wende) entstanden.
Zum Verständnis ein Blick in die jüngere Geschichte:
Aufgrund der Vier-Mächte-Vereinbarungen war festgelegt, dass Berlin nach dem Krieg in vier Sektoren aufgeteilt werden soll. Dabei war zunächst jedoch nicht an Teilung, sondern nur an Verwaltungszuständigkeiten der Alliierten gedacht.
Das Eisenbahnnetz in ganz Berlin sollte wegen dem betrieblich sinnvollen Austausch von Fahrzeugen durch die Reichsbahn betrieben werden.
Die Auswirkungen des kalten Krieges und die zunehmende Abschottung des Ost-Sektor gestaltete diesen durchaus vernünftigen Plan jedoch schwierig.
Mit dem Bau der Mauer waren die Netze getrennt oder an der Stadtgrenze unterbrochen. Die Stadtbahn war im Grenzbahnhof Friedrichstraße gebrochen. Weiterfahrt nur nach Grenzabfertigung.
Mit dem Bau der Mauer wurde die S-Bahn in West-Berlin weitgehend boykottiert. Omnibus-Linien und U-Bahn-Neubauten wurden bewusst parallel zur S-Bahn angelegt. "Wer S-Bahn fährt, zahlt Ulbrichts Stacheldraht" lautete ein Slogan. Das war zwar insofern Unsinn, als ein städtisches Verkehrssystem nie Gewinne einfährt, traf aber die Gefühlslage der Berliner im Westen.
Hinzu kam ein separates Preis-System. Wer mit einer BVG-Fahrkarte beliebig zwischen Bus + Bahn umsteigen konnte, zahlte nicht noch mal extra für die Nutzung der S-Bahn.
Vermutlich aus Angst vor Übergriffen bestanden im Bereich der Westberliner S-Bahn noch bis in die 80er Jahre Bahnsteigs-Sperren, sogenannte "Wannen". Diese und andere seltsamen Relikte von überkommener Kontrolle machte die S-Bahn auch nicht attraktiver.
1980 streikten die West-Berliner Eisenbahner. Die DDR nutzte die Gelegenheit, sich vom teuren Verlustbringer zu trennen und stellte im Westen auf allen Strecken, die nicht den Bahnhof Friedrichstraße berührten, den Betrieb ein. Die vorhandene Betriebspflicht wurde nie ernsthaft eingefordert. Die Züge waren ohnehin fast leer.
Die Existenz der S-Bahn als "Geisterbahn" war eine Verschwendung von Ressourcen in der geteilten Stadt. Erst mit Wirkung vom 9. Jan. 1984 wurde eine Vereinbarung getroffen, nach der die Betriebsführung für das westliche Netz an die BVG überging.
Immerhin war damit erstmals ein Tarif-Verbund gegeben.
Betriebliche Kuriositäten, die nur durch die Teilung erklärlich waren, gab es jedoch weiterhin. So musste am Lehrter Stadtbahnhof der Triebfahrzeugführer der BVG den Zug verlassen und ein Lokführer der Reichsbahn übernahm die Fahrt für den kurzen Abschnitt über den Humboldt-Hafen durch die DDR-Grenzsperren bis in den Bhf. Friedrichstraße.
Nach der Wende (ab 2. Juli 1990) wurde wieder ein durchgehender Stadtbahn-Verkehr eingerichtet.
Die S-Bahn-Betriebsführung, die bei der BVG stets ein Fremdkörper blieb, ging per 1. Jan. 1994 an die Deutsche Bahn.
Leider habe ich erst nach 1980 begonnen, Fotos von der S-Bahn zu machen.
Faszinierend war die Architektur der Bahnhöfe, die Fahrzeuge mit dem markanten Fahrgeräusch, die meist hölzerne Innenausstattung mit blanken Messing- oder zumindest Alu-Beschlägen, einfach wunderbar...
Die geschichtsträchtige, leicht schmuddelig-marode Atmosphäre, die für eine Großstadt seltsame Ruhe (zumindest im westlichen Netz) im S-Bahnbereich, alles das konnte inspirieren...
Also, zuurrrrück-bleiben! – Es geht los!
Berlin-Wannsee
Hier endeten die Züge der Stadtbahn. Der weitere Steckenverlauf nach Potsdam bzw. Stahnsdorf war seit dem Mauerbau unterbrochen. Lediglich der Transitverkehr nach Westdeutschland rollte hier noch.
Der Zugang zum S-Bahnhof Wannsee
Das alte Empfangsgebäude war in den 30er Jahren mit einem großzügigen und architektonisch interessanten Zugang ergänzt worden.
Wannsee
Stellwerk mit Blumenschmuck. Sogar die Lampenmaste waren weiß gestrichen.
Wannsee bei Nacht
Riesiges Areal, regelmäßiger Zugverkehr und (fast) keine Fahrgäste.
Interessante Details: Kleinpflaster auf den Bahnsteigen, gusseiserne Säulen mit Relief, aber auch der Schutzbunker aus dem Krieg...
Bhf. Wannsee bei Nacht
Berlin-Westkreuz
Bis zur Betriebseinstellung Kreuzungsbahnhof mit der Ringbahn und Verzweigung nach Spandau/Staaken.
Berlin-Westkreuz
Auf dem Bahnsteig der stillgelegten Ringbahn
Berlin-Westkreuz
Die Gütergleise sind über diese Brücke an dem S-Bahnhof vorbei geleitet.
Berlin-Westkreuz / Stellwerk Halensee
Hier bestehen teilweise niveaugleiche Verzweigungen. Im Bild ist 118 254-2 zu sehen.
Blick vom Westberliner Funkturm...
...auf die Station Witzleben (seit 2002 umbenannt in Messe Nord/ICC).
Hier sei ein Seitenblick auf die Ringbahn erlaubt. Während der Verkehr sonst in der Stadt braust und zu Stoßzeiten längst kollabiert, ist die Ringbahn stillgelegt. Lediglich der bescheidene Güterverkehr wird noch bedient. – Die Rangierlok der Reihe 106 der Reichsbahn schleicht sich bis hier oben fast unhörbar mit ihrem Güterzug durch die sonstigen Geräusche der Stadt.

Bahnhof Nikolassee - Empfangsgebäude, Bahnsteig-Szene
Hier befindet sich die Verzweigung zur Wannssee-Bahn, die zum Aufnahme-Zeitpunkt bereits stillgelegt war.
Die Vorschau-Bilder können mit Klick vergrößert werden.


Bahnhof Nikolassee
Treppenaufgang mit Bahnsteig-Sperre ("Wanne") - Beschilderung
Die jeweiligen Einzel-Bilder können mit Klick vergrößert werden.
Nikolassee
Im Hintergrund ist das mit der Wannseebahn gemeinschaftlich genutzte Empfangsgebäude zu erkennen.
Nikolassee
Ausgang Richtung Avus / Freilichtbühne
Berlin-Charlottenburg
Savignyplatz
Ich hätte gerne das Turm-Zimmer in dem Haus an der S-Bahn als Wochenend-Quartier...
Am Bhf. Savignyplatz
Kantstraße...
...nahe dem Bahnhof Zoo
Lehrter Stadtbahnhof
Vielleicht eine der schönsten Stationen an der Stadtbahn, durchaus als Denkmal schutzwürdig gewesen, ist inzwischen dem Neubau des Hauptbahnhof zum Opfer gefallen.
Lehrter Stadtbahnhof
Die Aufsicht bei der Zugabfertigung. – Eine Szene, die in absehbarer Zeit aus der Stadt verschwindet.
Humboldt-Hafen
...nur noch ein Steinwurf bis in den Osten und doch begann hier eine andere Welt.
Im Hintergrund ist das Reichstagsgebäude zu erkennen, natürlich noch ohne Kuppel.
Am linken Bildrand Sperrzäune und erste Wachtürme...
Humboldt-Hafen
Grenz-Sperranlagen und Wachtürme
Humboldt-Hafen
Grenz-Sperranlagen und Wachtürme
Der weitere Streckenverlauf durch die Sperranlagen und der Grenzbahnhof Friedrichstraße entzogen sich damals einer fotografischen Dokumentation.
Bahnhof Friedrichstraße
Foto: Túrelio, Creative Commons ShareAlike 2.5 License by wikimedia.org
Nur zur Komplettierung eine Nach-Wende-Aufnahme vom Bhf. Friedrichstraße.
Gut zu erkennen sind die beiden unterschiedlich großen Bahnhofs-Hallen. Die kleine Halle lag jenseits der Grenzkontrolle. Hier endeten die Züge des östlichen S-Bahn-Netzes. In der großen Halle befand sich der internationale Teil des Bahnhofes mit Fernbahnsteigen und der West-S-Bahn. Die Hallen-Bereiche waren damals mittels dicker Stahlblech-Platten voneinander getrennt. Lediglich die Fahr- und Bremsgeräusche von "drüben" drangen durch. Über der westlichen Seite der großen Bahnhofshalle befand sich ein Kontrollgang mit Grenzposten.
Neben der Umsteige-Möglichkeit in die Nord-Süd-S-Bahn gab es auch einen Übergang zur U-Bahn (U6). Beide Linien unterquerten das Stadtgebiet von Ost-Berlin, gehörten aber zum westlichen Netz. Dazu jedoch mehr im zweiten Teil...
Beitrag editiert:
Angaben zur Betriebsführung BVG präzisiert,
Datum des durchgehenden Stadtbahnbetrieb nach der Wende ergänzt,
Straßenbezeichnung korrigiert,
Bild-Text korrigiert,
Tippfehler in Link-Beschreibung berichtigt.
Die Link-Liste zum Thema ist etwas umfangreich und daher thematisch gegliedert:
Bahnspezifische Links:
Offizielle Seite der S-Bahn Berlin
Wikipedia-Artikel S-Bahn (allgemein)
Wikipedia-Artikel S-Bahn (Geschichte)
Wikipedia-Artikel (Stadtbahn)
Wikipedia-Artikel (Ringbahn)
Wikipedia-Artikel (Bahnhof Friedrichstraße)
[
www.s-bahn-online.de] Beachtenswert insbesondere alte Netz-Karten (Spinnen)
[
www.stadtschnellbahn-berlin.de]
[
stadtregion.org]
[
www.stillgelegte-s-bahn.de]
Chronik der Mauer, Artikel zur Situation am Bahnhof Friedrichstrasse.
[
www.chronik-der-mauer.de]
Allgemeine Links zum Thema:
Chronik der Wende:
Protokoll des Zeitgeschehens anhand des Sende-Material aus der ARD-Doku-Reihe "Chronik der Wende".
[
www.chronikderwende.de]
Diese Seite befasst sich mit den "vergessenen Orten" aus Verkehr, Industrie, Militär und Politik. Hier sind u. a. Artikel zu den Grenz-Übergängen Helmstedt-Marienborn und Dreilinden-Drewitz zu finden:
[
www.lostplaces.de]
Lesenswerte Seite mit ausführlicher Beschreibung der Grenzkontrollstellen im Raum Berlin, oft mit interessanten Fotos dokumentiert.
[
www.passkontrolle-ddr.de]
Mauer-Museum - Haus am Checkpoint Charlie
[
www.mauer-museum.com]
Mauer-Dokumentation im WEB, zahlreiche Fotos...
[
www.berlinermaueronline.de]
Berliner Grenzübergänge
[
de.wikipedia.org]
Video-Link:
Zu Wendezeiten, als alles nicht mehr so eng gesehen wurde, hat jemand dieses Video gedreht. Es ist die Aufzeichnung einer Mitfahrt von der S-Bahn-Station Friedrichstrasse (Grenze) zum Lehrter Stadtbahnhof. Etwas wackelig, aber die historische Situation (und das alte Fahrgeräusch) wird hier lebendig.
[
www.youtube.com]
Sorry:
Von mir kommen keine Beiträge und Bilder für die DSO-Foren, bis die Umleitungen rückstandsfrei weg sind!
2-mal bearbeitet. Zuletzt am 2009:12:28:11:00:04.