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Winter 1951 - eine lange Geschichte mit Bildern

geschrieben von: berre_mz

Datum: 28.10.09 11:11

Liebe HiFo-risten, werte Reise-Nostalgiker,

eben aus dem Urlaub zurückgekehrt, hinabgestiegen von der Schwarzwald-Hütte aus dem ersten Schnee, kam es mir in den Sinn, ein bisschen Winternostalgie zu betreiben. Das Amtliche Kursbuch Südwestdeutschland von 1951/52 in der Hand, um mich herum Bilder aus dem Bundesbahn-Kalender, alte Prospekte, Zugbegleiter und , und , und… da kann man schon auf Ideen kommen – oder besser: man muss.

Eine Zeitreise, das wär’s. Aber sind Eisenbahnfreunde nicht ohnehin ständig zwischen den Zeiten unterwegs, pendeln wir nicht dauernd zwischen dem Heute mit seinen Segnungen wie dem Internet mit all den Foren und den Jahrzehnten von einst? Aber was wäre, wenn dem schrulligem Tüftler aus der Vorstadt nun doch die Konstruktion seiner Zeitmaschine gelänge … und er mich einlädt in ein Jahr meiner Wahl, zwei Wochen lang, mit Rückfahrkarte? Da würde ich doch Ja sagen und dann …


Winter 1951 / 52, kurz vor Weihnachten, aber nicht allein. Was ist eine Reise ohne Kameraden, zumal eine solche? Wie eine Zigarre ohne Feuer, ein Eisbein ohne Paulaner, eine Speisewagenfahrt in schweigender Einsamkeit. Die ersten beiden, die sich melden, mögen sich eingeladen fühlen zu einer Reise durch das winterliche Deutschland anno dazumal. Zu Winter, Dampf und Pulverschnee....

Mittlerweile hat diese Geschichte fünf Teile, hier die Links zu den anderen Folgen:

Winterreise 1951 - 2. Teil

Winterreise 1951 - 3. Teil

Winterreise 1951 - 4. Teil

Winterreise 1951 - 5. Teil

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Hamburg im Winter 1951, das ist eine Metropole zwischen Trauer und Aufbruch, zwischen Verlust und Neubeginn. Es ist Freitagnachmittag, der 21. Dezember. Reichlich frischer Schnee bedeckt die noch immer vorhandenen Trümmer und die vielen freien Flächen in den Vierteln rund um den Hauptbahnhof mit einem gnädigen Schleier, mehr noch: einem festen Tuch. Die Kinder freut es, drei Tage vor dem Fest, das schon mit mehr Zuversicht gefeiert wird als im Jahr zuvor. Die Geschenkpakete, die manche Menschen über die Mönckebergstraße tragen, sind schon merklich größer geworden. Aber die meisten haben noch ganz andere Päcken zu tragen. Tausende leben noch beengt und karg in den Nissen-Hütten aus Wellblech oder in den Kellern der Trümmerhäuser.

Bei der Eisenbahn-Direktion Hamburg geht es aber behende aufwärts, die größten Schäden sind behoben, die Zahl der betriebfähigen Lokomotiven ist fast schon normal, die Verkerhszahlen steigen ständig (abgebildete Zahlen vom Jahr 1951).

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Jeder Schritt auf dem weißen Teppich knirscht bei der knackigen Kälte. Wir waren etwas spazieren, rüber zur Lombardsbrücke über die Alster und Richtung Dammtorbahnhof (Bild oben links), dann Kaffeetrinken im wieder erstandenen Atlantic.
Wir waren noch kurz auf der Brücke über das Bahnhofsvorfeld an der Südseite (Bild unten), aber jetzt überqueren wir zügig den großen Parkplatz vor dem Bahnhof, wo einst das Naturhistorische Museum stand, wenden uns nach links zum provisorischen, weihnachtlich geschmückten Budenmarkt, um dann doch dem Tor zum Hauptbahnhof zuzustreben. Wenigstens dort drin ist es nicht weiß. Letztes Jahr sind die scheibenlosen Hallen endlich repariert worden (DB-Fotograf Hollnagel ist sogar mit aufs Dach gestiegen und hat es bildlich festgehalten), während es drüben in Altona noch lange zugig bleiben wird.

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Es ist kurz nach sieben Uhr abends, als wir an der quer zur Wandelhalle angeordneten Bahnsteigsperre unsere Fahrkarten vorzeigen. Unser Plan steht: Wir nehmen den D 276, dreiklassig mit Schlafwagen in Richtung Süden. Am nächsten Morgen werden wir in Offenburg aussteigen, über die Schwarzwaldbahn mit dem D 172 nach Lindau fahren und von dort am Heiligabend weiter durchs Allgäu nach München und dann noch nach Garmisch. Das meiste unter Dampf (die anderen beiden freuen sich schon auf die 39 auf der Schwarzwaldbahn und die S 3/6 im Allgäu), aber auch für mich – den Freund aller E-Lok-Veteranen – ist etwas dabei.

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Wir haben noch Zeit, erst 22.02 Uhr wird der Abfahrtspfiff ertönen. Die Fahrkarten 1. Klasse, die Schlafwagenkarten, für jeden ein schönes, braunes Kursbuch inklusive des schönen, dunkelroten DSG-Fahrplans – das alles haben wir, jetzt ist noch Zeit sich etwas umzusehen. Wir dürfen natürlich nicht auffallen, aber mit unseren dicken Norweger-Pullovern, Anoraks, Wanderschuhen und Rucksäcken sehen wir aus wir Urlauber. Viele in unserer Aufmachung gibt es jetzt nicht, aber zwei Tage vor Heiligabend ist der Bahnhof voll. Kaum einer kann sich einen Ski-Urlaub leisten, die meisten sind unterwegs zu Verwandten, in irgendwelche Kleinstädte vielleicht, um für ein paar besinnliche Tage keine Trümmer sehen zu müssen. Nur wenige sind als echte Urlauber unterwegs – auch wenn das Deutsche Reisebüro DER bereits 1948/49 einen ersten Prospekt für Sonderzugreisen in die Alpen aufgelegt hatte – zwei Wochen Garmisch für 189 Mark. Im aktuellen Touropa-Prospekt ist die siebentägige Fahrt mit dem DER-Ferienexpress nach Garmisch-Partenkirchen – „Unterbringung in guten sauberen Zimmern in Privathäusern“ - mit 132 Mark ausgepreist.

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Wir hätten natürlich auch den F 212, den Skandinavien-Schweiz-Italien-Express, um 20.57 Uhr nehmen können, einen edlen, großen Namenszug, der aus Stockholm kommt. In Basel wird er mit dem F 108 aus Holland vereinigt, und knapp 27 Stunden und 1900 Kilometer nach Fahrtantritt in Hamburg ist man schon in Rom. Kurz vor der Abfahrt gehen wir beim F 212 vorbei, bestaunen das riesige, schwere Zuglaufschild mit den vielen, vielen Stationen und dem blau-unterstrichenen Namenszug. Die Klientel ist sichtbar wohlhabend, in der 1. und 2. Klasse viele Skandinavier, elegante Damen in weiten, warmen Mänteln. Welch Gegensatz zu den meisten deutschen Reisenden, die sich an den Trittbrettern zur 3. Klasse drängeln.

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Aber für uns war der D 276 von der Fahrplanlage her besser, mit ihm sind wir nicht so früh in Offenburg – können im weichen Bett ausschlafen, wenn es uns nicht schon früh an die Fenster treibt -, und ab Frankfurt im Speisewagen ein schönes Frühstück zu uns nehmen.

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Ein Jahr zuvor, da war der D 276 auch ein großer Zug. Da firmierte er selbst noch unter dem Namen Skandinavien-Schweiz-Italien-Express, war gar ein FD, der im Railway Guide für die US-Streitkräfte aufgeführt wurde.

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Jetzt heißt er nur noch D 276 und hat seinen Namen verloren, fährt nur noch bis Basel in knapp 15 Stunden. Wenigstens internationale Kurswagen hat die Garnitur noch, etwa einen Schlafwagen in die Ewige Stadt, die man übermorgen früh um 6.50 Uhr erreichen würde. Aber uns führt es ja in die bayrischen Berge.

Wir treiben uns auf dem Bahnhof herum, springen von Bahnsteig zu Bahnsteig, um gemächliche schmauchende P8 oder T 18 vor ihren Abteilwagenzügen zu betrachten, eine gravitätisch einfahrende 01 zu bestaunen oder hechelnde 74er beim emsigen Rangieren. Es ist Waschküche pur, dampfend, feucht, rauchig, ölig. Es riecht wunderbar. Einer von uns macht Notizen, notiert Lok- und Wagennummern, aber Fotos mit der Leica wären jetzt ungünstig, das würde sicher den ein oder anderen Bahnbeamten misstrauisch machen und das brauchen wir nicht. Auch wenn es herrliche Bilder gegeben hätte...

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Satt sind wir schon, da wir uns in Wilhelm Körtens Hauptbahnhofswirtschaft, Wartesaal 2. Klasse, hinlänglich gestärkt haben. Weißes Leinen und schweres Silber - nicht blanke Holztische wie in der 3. Klasse - schaffen eine wohlige Atmosphäre. Die Karte ist mit sechs Seiten schon recht üppig, auch Exklusives gibt es schon wie etwa 5 Stück Imperial-Austern mit Butter und Toast zu 6 Mark, aber das verkneifen wir uns. Ich nehme eine Krabbenmayonnaise (1,60 Mark), dann ein gefülltes Kalbsschnitzel „Cordon Bleu“ ( 4,75 Mark) – ausschließlich 10 Prozent Bedienungsgeld. Wir stoßen mit mehreren 8/20-Gläsern Jever Pilsener an (86 Pfennige) und in Vorfreude auf Bayern mit Bavaria Weißer Bock… auch wenn der Name das Gegenteil verheißt – ein altes Hamburger Bier.

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Jetzt wird’s Zeit, runter auf den Bahnsteig. Um 21.55 Uhr läuft unser D 276 ein, das wollen wir nicht verpassen. Auf dem Bahnsteig wimmelt es, aber nicht dort, wo unser Schlafwagen stehen wird. Der Zug hat zwei davon, jeweils 1. und 2. Klasse. Einen der Internationalen Schlafwagen-Gesellschaft, der nach Rom läuft, weil die Deutsche Schlafwagen- und Speisewagen-Gesellschaft vom internationalen Verkehr noch ausgeschlossen ist, der zweite geht nach Basel. Der ist von der DSG, und das ist der unsrige.

Langsam werden wir nervös. Wir blicken uns an, das Abenteuer geht gleich los, uns ist kribbelig. Der Nachmittag war Eingewöhnung in das fremde Jahr, jetzt wird es ernst. Und schon quäkt blechern der Lautsprecher an unserem Bahnsteig „Es hat Einfahrt D 276 nach Hannover, Göttingen, Bebra, Frankfurt… Basel. Die Kurswagen befinden sich im hinteren Teil des Zuges. Bitte von der Bahnsteigkante zurücktreten!“ Und keine Minute später rollt schon rumpelnd, mit mahlenden Stangen eine 03 mit großen Ohren an uns vorbei. Für eine Sekunde spüren wir ihre Hitze, dann der Packwagen, an dessen offenen Schiebetüren sich Gepäck türmt, die 3. Klasse, hinter deren Fenstern sich die Reisenden, die in Altona oder Dammtor zugestiegen sind, noch für die Nachtfahrt einrichten, bis unter dem nervtötendem Kreischen der Bremsen die schwere Fuhre zum Stehen kommt.

Wir müssen nicht drängeln, an unseren Türen geht es gemessen zu, fast vornehm. Zwei elegante Ehepaare offenkundig hanseatischer Provenienz, ein Herr mit steifem Hut, eine junge, sehr hübsche alleinreise Dame, ein britischer Offizier, der mich arg an Major Calloway aus dem „Dritten Mann“ erinnert, und wir drei – und damit sind die 11 Abteile des DSG-Schlafwagens fast alle belegt. „WL 4ü-27“, meint einer meiner Kameraden, es ist einer jener schlanken, genieteten Einheitswagen der DRG mit eingezogenen Türen und Tonnendach. In frischem Karmesinrot, elegant, auch im diffusen Licht der nächtlichen Bahnsteighalle.

Der dienstbare Geist, ein in Ehren ergrauter Schlafwagenschaffner, begrüßt uns, die wir als letzte die hohen Stufen zum Waggon erklimmen, mit ausgesuchter Höflichkeit, zeigt uns unsere Einzelabteile. Die anderen beiden lassen sich die Abteiltrennwand öffnen, denn wir wollen uns noch zusammen setzen und quatschen und Pläne schmieden und Kursbücher studieren und Bier trinken. Mein Coupé grenzt an das Dienstabteil, eigentlich ganz ideal, dann habe ich es bei Wünschen aller Art nicht so weit und als Einzelschläfer kann ich auch noch in der Nacht am Fenster ein schönes Zigarettchen rauchen – ich hab mich eingedeckt mit Lucky Strike und Camel Filter.

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Die Abteile sind schön, sogar Nussbaum- und Ahorntäfelung haben die Zeitläufte überlebt. Das Bett ist schon bezogen, schneeweiß, knackig gestärkt, großes Kissen. Fein. Aber jetzt raus in den Gang zu den anderen, Fenster auf, Bahnsteigblick. Der Uniform-Arm mit der Kelle ist schon oben, die Pfeife gellt. Ein Donnerschlag von vorn, noch einer, noch einer, erst langsam, dann schneller, wir rollen langsam an, vorbei an winkenden Menschen, an traurigen Abschiedsgesichtern, die aber doch so viel freudiger sind, als noch sieben, acht Jahre zuvor…. Wir rollen langsam aus der Halle, aus dem Augenwinkel sehe ich ein paar der Zurückgebliebenen heftig weiter winkend mitlaufen, durch den Schnee stolpern, aber unsere Blicke gehen gen Himmel, wo vor dem Nachtschwarz der dampfnasse weiße Atem unserer schwer anfahrenden Lok mit lautem Pulsschlag in die Höhe schießt.

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„Und das ist keine Sonderfahrt“, murmelt der Kamerad neben mir. Nein, nein, das ist echt.

Die Fuhre hat Fahrt aufgenommen, schon passieren wir lärmend die Brücke über den Oberhafen. Jetzt geht es auf die Pfeilerbahn, von der man spannende Blicke auf den nächtlichen Hafenbetrieb hat, irgendwo zwischen den Schuppen kurbelt im strahlenden, flöckchendurchstobenem Licht hoher Lampenmasten eine 74 mit zwei Güterwagen durch die Winternacht. Es schneit wieder.

Unsere Dampfsäule hat sich längst nach hinten gelegt, schmiegt sich flach an die Wagendächer, wird immer schneller in Fetzen an uns vorbeigetrieben. Wir stehen immer noch an den offenen Gangfenstern, halten die Köpfe in den eisigen Fahrtwind, der mit seinen winzigen Kristallen auf der Haut beißt. Und als wir die Norder Elbe passieren, peinigt lärmendes, metallisches Röhren unsere Ohren. Nur noch ein paar Minuten bis zu den Süderelbrücken, dann ist der Weg frei. Solange noch aushalten, das Dröhnen über dem Strom mitnehmen, den letzten Blick über die schon ferne Stadt genießen, den Dampf atmen - und dann Fenster hoch, der Schlafwagenschaffner schaut schon so verwundert, warum da drei Verrückte an den offenen Fenster kleben, statt sich in die bullige Wärme der Abteile zurückzuziehen wie die anderen Reisenden, die sich jetzt sicher schon -wie auch die junge Dame auf dem Bild - auf die Nachtruhe vorbereiten.

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Aber danach steht uns nicht der Sinn.
„Bringen Sie uns doch bitte drei Bier!“
„Spezial, Füstenberg, Pschorr hell, die Herren?“
„Pschorr… erstmal.“
Er verschwindet in sein enges Dienstverließ, während wir es uns im Doppelabteil gemütlich machen.
„Irre, oder?“
„Wahnsinn, ich fass es nicht…. Und keine Sonderfahrt.“
Der dienstbare Geist taucht in der offenen Tür auf. „Drei Bier, die Herren, wohl bekomm’s.“
„Ostpreuße?“, frage ich. Seine Herkunft ist eigentlich nicht zu überhören. Ein Lächeln huscht über das gegerbte Gesicht: „Der Herr hat es gehört?“ Ich nicke ihm aufmunternd zu. „Keenichsbarch“, schnarrt er, „bis ´45, dann rüber mit´m Treck, weg vom Russen….“ – dann leiser: „…und von der Heimat … und der Junge liegt bei Witebsk.“ Wir schweigen bedrückt, als Nachgeborene können wir nur schwer damit umgehen. Ein Tiefpunkt unserer Zeitreise. Doch es ist der Alte, der uns rausholt: „Aber jetzt geht´s aufwärts, und unsere zwei Marjells haben beide stramme Buben … ja, es geht aufwärts, muss ja.“ Dann verfügt er sich mit unbeholfener Geste, der Brite fragt auch nach Bier.

Ja, das sind Tücken so einer Zeitreise. Egal, ob sie ins Jahr 1913 geht, in die 20er, und man weiß, was all den Menschen bald droht, oder eben nach 1951, wenn das Dunkel noch Schatten über alles wirft. „Das war hart“, meint einer von uns, wir nicken, prosten uns stumm zu, aber dann nimmt einer den Zugbegleiter zur Hand: „Noch anderthalb Stunden bis Hannover, ob wir eine neue Maschine kriegen? Acht Minuten klingt irgendwie nach Lokwechsel.“


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Schon möglich, wir holen unsere Kursbücher raus, und bald sind wir beim schönsten Pläneschmieden. „Wollen wir in Offenburg noch zur MEG?“ „Na ja, wir kommen 9.57 Uhr an, dann hätten wir fünf Stunden … da können wir eine Runde fahren… über Kehl nach Rastatt und dort in den D 172?“ „Oder wir nehmen den Bummelzug um 10.55 Uhr, und erst ab Villingen mit dem 172er.“

Wir blättern in den Kursbüchern. „Nein, also über Altenheim und Kehl nach Rastatt läuft nicht, der nächste geht erst um Zwölf, das schaffen wir nie. Aber vielleicht mit dem Personenzug nach Lahr, dort in die MEG über Altenheim nach Offenburg zurück – das geht.“ „Klingt anstrengend, also ich wär´ für die Schwarzwaldbahn mit dem Personenzug – P8, Donnerbüchsen, offene Plattform… jede Menge Stopps, immer wieder anfahren… alles schön langsam…“ Ja, das ist es. „Aber nur bis Triberg, dann haben wir die 39 später auch noch in der Steigung bis Sommerau.“ Wir sind uns einig, lehnen uns zufrieden auf den Betten zurück. Die Bügelverschlüsse ploppen, es perlt – „noch drei Pschorr für die drei von der Tankstelle.“ Und wir ergehen uns in Vorfreude auf die herrlichen winterlichen Dampffahrten im Schwarzwald, im Allgäu und in Bayern.

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Ich trete raus auf den Gang, es ist mucksmäuschenstill. Es ist jetzt nach Elf. Nochmal das Fenster runterziehen, Kopf raus – und schnell wieder rein. Es ist nicht der Luftdruck, so schnell sind wir nicht. 172 Kilometer bis Hannover in 2 Stunden und 23 Minuten, das sind, Moment, knapp 70 Stundenkilometer. Aber die Kälte beißt. Von vorn hört man ohnehin nicht viel. Die 03 läuft ruhig, kein großer Lärm, nur die schweren Stahlwagen röhren. Uelzen ist schon hinter uns, über der weißen Landschaft liegt schweigend das Dunkel. Wir durcheilen einen winzigen Landbahnhof, dessen Namen ich nicht erkennen kann. Das dazugehörige Dorf scheint weiter entfernt zu sein, vielleicht sehe ich es aber auch nicht, weil 1951 die Nächte einfach noch schwarz sind, wenn der Mond nicht scheint. Keine Straßenlaternen für Spät-Streuner, keine Autos unterwegs, alles schläft. Morgen ist Samstag, aber das ist 1951 für fast alle noch ein Arbeitstag, die Kinder müssen noch einmal zur Schule, bevor die Weihnachtsferien beginnen.

„Männer, ich zieh mich zurück, ich will in Frankfurt aufstehen – das ist kurz vor Sechs, aber ich glaube, das wird spannend.“ Ich sage unserem Ostpreußen, dass er mich um 5.30 Uhr wecken soll, am besten mit einem starken Kaffee. Noch eine Zigarette am offenen Abteilfenster, dann ab unters weiße Plumeau, den Kopf aufs Federkissen. Ich blättere noch etwas im Kursbuch und den vielen Prospekten und Werbefaltblättern der Bahn, die ich eingesammelt habe, dann bin ich aber bald weggenickt. Nur in Hannover wache ich kurz auf, blicke nochmal kurz auf den einsam daliegenden, kalten Bahnsteig … wie schön ist es doch jetzt im Schlafwagen. Ich nicke ein und schlafe dem Morgen entgegen …. dem Tag 2 für die drei Männer im Schnee.


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7-mal bearbeitet. Zuletzt am 2010:07:19:12:00:24.

Re: Winter 1951 - eine lange Geschichte mit Bildern

geschrieben von: stefan p.

Datum: 28.10.09 11:32

Danke, schön geschrieben - weiter so!

Gruß,
Stefan P.

Karl-Ernst Maedel mit Bildern !!!

geschrieben von: sc

Datum: 28.10.09 12:29

Herzlichen Dank für die schöne Erzählung. Das ist ausbaufähig... :-)

Viele Grüße aus HH
Stefan

Hier geht es zu meiner Homepage https://www.stefancarstens.de/wp-content/uploads/2021/08/052180_Ng16825_Banner.jpg

Huch, jetzt bin ich aufgewacht!

geschrieben von: rolf koestner

Datum: 28.10.09 14:42

Hatte so schön geträumt.

Aber denkste: Nichts mit 1951, sondern 2009. Soeben ist eine ehemalige Ostzonale als Bundeskanzlerin im Amt bestätigt worden, der Alte ist seit 43 Jahren tot. 1961 wurde eine Mauer quer durch und um Berlin herum gebaut, das Land geteilt und nach 29 Jahren wiedervereinigt. Es gibt ein europäisches Parlament und eine einheitliche Währung. Der Ost-West-Konflikt ist beigelegt. Statt dessen terrorisieren radikalislamistische Gruppen die Welt mit Anschlägen, wie man sie sich 1951 noch gar nicht vorstellen konnte.

Zwischendurch gab es auf den westeuropäischen Gleisen den "Trans Europa Express", der die westeuropäischen Metropolen verknüpfte. Es gab starke E-Lokomotiven, die 14 Wagenzüge mit 200 km/h durch den westlichen Teil Deutschlands zogen. Im anderen Teil Deutschlands aber gab es bis in die 80er-Jahre noch modernisierte, "rekonstruierte" Schnellzugdampfloks. Heute sausen statt fliegender Hamburger fliegende Weisswürste über extra für sie angelegte Schienenwege. Es gibt ein Gerät, eine Art Fernsehapparat mit elektronischem Gehirn, mit dem man virtuell rund um die Welt in einem riesigen Netz unterwegs sein kann. Da gibt es auch eine Seite einer Organisation, die sich "Drehscheibe Online" nennt. In einem historischen Forum kann man dort 2009 im nach hinein eben an dieser Bahnfahrt 1951 teilhaben. Und, und, und...

Einfach toll, so eine Zeitmaschine. Ich bin auf jeden Fall auch im nächsten Teil dabei!


Bis neulich

Rolf Köstner



Bis neulich

Liebe Leser und Bilderangucker, ich denke, dass ich jetzt nahezu 100 % der vor dem 30. Juni 2024 sichtbaren Bilder zu picr holen konnte. Sollte aber dennoch ein Beitrag (ab 2017) ohne Bilder sein, bitte ich um eine PN. Das dürfte dann eigentlich kein Problem sein, dass nicht kurzfristig erledigt werden könnte.



Man hat nicht richtig gelebt, wenn man nie in einem ICE gesessen hat, der in Hamm geteilt worden ist.


Re: Winter 1951 - eine lange Geschichte mit Bildern

geschrieben von: Rolf_311

Datum: 28.10.09 16:15

Das ist zweifellos ein Foren-HIGHLIGHT.

Perfekt die Abstimmung der Bilder mit dem Text, die Recherche nach alten Fahrplänen und passenden Bildern. – Kompliment und Dank dafür!
Sehr gerne mehr in dieser Art!

Ganz großes Kopfkino !

geschrieben von: Norbert Bank

Datum: 28.10.09 20:17

...wer hätte solche Gedanken nicht schon mal durchgespielt - aber hier sind sie perfekt zu einer Geschichte versponnen.
Ich freue mich auf mehr .
Und wenn ich einen Wunsch äußern dürfte:
Eine Geschichte in diesem Stil mit einem Transitzug und Bildern von Karl Friedrich Seitz .
Das wäre der Hammer !

vielen, vielen Dank für die tolle Story!

Gruß

Norbert

Edith meinte gerade: " Bei solch einer Reise hätte ich keine Minute schlafen können, zumindest in der ersten Nacht" ;-)



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 2009:10:28:20:20:13.

wunderbar - danke für die Zeit und Mühe!

geschrieben von: Thomas Woditsch

Datum: 28.10.09 21:17

... und wenn die DSO-Admins mal ein neues Feature einbauen wollen: ein Bewertungssystem und ab einer bestimmten "Punktezahl" eine Verewigung in einer "Hall of Fame" wär nett, und die Wintergeschichte ein heisser (bzw. frostiger) Kandidat dafür...

mfg

Thomas

Bitte um Fortsetzung!

geschrieben von: Spieltrieb

Datum: 28.10.09 21:18

Eine Perle!

Habe still geweint, laut gelacht und versonnen geträumt! Ich möchte so gerne wieder in den Bann dieser feinsinnigen Poesie gefangen werden. Lass mich wieder schauen, riechen, fühlen - träumen! Die Zeit ist nicht länger linear fortschreitend. Du spielst mit ihr wie mit der Kraft unserer Imagination.

Bin vom Zauber deiner Poesie beseelt.

Danke!

Re: Winter 1951 - eine lange Geschichte mit Bildern

geschrieben von: 01 Fan

Datum: 28.10.09 21:33

Sehr schöne Geschichte die Geschmack auf mehr macht..
Bitte um Fortsetzung !!

Gruss Rainer

Eine gar nicht lange Geschichte mit der Zeit

geschrieben von: vauhundert

Datum: 28.10.09 21:56

war das!!!

Sie lädt ein zum träumen, einer Reise mit der Phantasie.
Oft schon hat mich ein kleiner Umstand, nur ein Detail, vielleicht ein altes Schild oder auch nur eineausgetretene Steinstufe
zu solch einer Tour durch die Zeit eingeladen.

Nur habe ich sie nie aufgeschrieben oder andere mit dort hingenommen.
Ein Fehler, wie ich jetzt feststellen muß!

Ich freue mich auf den zweiten Tag der Reise.

Mit besten nachdenklichen, wie freudigen Grüßen aus dem Bergischen

[www.vauhundert.de]
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"Jetzt sind die guten alten Zeiten, nach denen wir uns in zehn Jahren zurücksehnen werden."(Peter Ustinov)____ P.S.: Ich kann ihm trotzdem nicht glauben;-)

GANZ GROSSES KINO !

geschrieben von: TransLog

Datum: 28.10.09 21:58

Hallo,

vielen Dank für diese schöne Zeitreise, das Eintauchen in die perfekte Illusion ...

Wie hat sich die Welt seither verändert – nicht nur der "Fernsehapparat", über den man sich heute mit der Welt unterhalten kann –
auch das Plakat mit genussvollen Raucher:

Traum in die Ferne

Wunderfeines Duften weht zart in Rauchgebilden
und die Phantasie entschwebt mit dem Hauch, dem milden


Wer würde sich trauen, so ein Bild heute in der Öffentlichkeit aufzuhängen ?


Gruß, Ulrich

Re: Chapeau!! (owT) (o.w.T)

geschrieben von: Germiston

Datum: 29.10.09 01:02

(Dieser Beitrag enthält keinen Text)

Super...

geschrieben von: schotterwächter

Datum: 29.10.09 10:44

...da hat man Lust auf mehr!
Ich bin gedanklich mit eingestiegen und habe mich auch ein Stück zurück erinnert, als meine Eltern in der 60er Jahren mit der Bahn in den Urlaub fuhren.
(Mein Vater war bei der Bahn. "Da habe ich einen Freifahrschein und brauche kein Auto...")

Heute lassen sich ja nicht mal mehr die Fenster öffnen...
Da muß man schon suchen, um eine Gegend zu finden, wo Bahnreisen = Abenteuer sind...

Viele Grüße und weiter so
Andreas

Die reine Poesie....

geschrieben von: Lothar Behlau

Datum: 29.10.09 10:57

.... und wieder einmal ein Anlaß zum Träumen (wobei dafür allein schon das Stichwort "Schlafwagen" reicht, bei meiner Vorbelastung)!

Ein Beitrag der Spitzenklasse, herzlichen Dank!

Lothar Behlau, zufällig Jahrgang 1951

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Re: Winter 1951 - eine lange Geschichte mit Bildern

geschrieben von: 52_360

Datum: 29.10.09 15:12

Einfach nur toll!!!
Warte schon gespannt auf die Fortsetzung.
Gruß
52_360

Wunderschön erzählte Zeitreise

geschrieben von: Reinhard Gumbert

Datum: 29.10.09 21:12

Vielen Dank für die erneut so lebhaft und spannend erzählte, authentisch bebilderte Zeitreise. Ein Genuß und, wie ebenfalls von den vorausgegangenen Lesern/Kommentatoren schon mehrfach gesagt: ein Highlight im HiFo !

Ich freue mich schon auf die Fortsetzung der Reise und bin besonders gespannt auf Frankfurt, wo ich seinerzeit in der Nachbarschaft des Ostparks aufwuchs, nicht weit vom Bf. und Bw Ffm Ost. Mit der ganzen 5köpfigen Familie in einer 1 ½-Zimmer-Wohnung. Natürlich erinnere ich mich, zu Weihnachten 1951 gerade mal knapp 2jährig, nicht selbst an die Szenerie, doch bestimmt werde ich im 2. Teil viele Blitzlichter wieder finden, die mir aus Erzählungen vertraut sind.

Schöne Grüße aus Aachen –
Reinhard Gumbert

Re: Winter 1951 - eine lange Geschichte mit Bildern

geschrieben von: 01 1066

Datum: 02.11.09 12:22

Ich habe gerade meine private Zeitreise hinter mir (Klassentreffen nach 35 Jahren...) und dabei meine alte Heimat Münster besucht. "Natürlich" erfolgte die Anreise mit der Bahn, auch wenn das nur noch sehr wenig mit meinen Bahnreisen in früheren Zeiten zu tun hatte (im ICE fühlt man sich immer an eine Sardine erinnert und das kleinste Gepäckstück verursacht heftige Probleme). Der einzige Bahnbedienstete, den man noch zu Gesicht bekommt, ist der Schaffner (bei mir war es wirklich ein Schaffner alten Schlages, der auch noch Auskünfte geben konnte, ohne einen Computer zu befragen) - von Service keine Spur. Allerdings waren meine Züge ausnahmsweise alle pünktlich! Und im Nahverkehr redet man allenfalls mit Automaten...

Kurz vor der Abreise Richtung Bielefeld (über Telgte - Warendorf) entstand dieses Bild auf dem Hauptbahnhof von Münster (manchmal halte ich meine Überlegung, die heutige Bahn nicht mehr zu fotografieren, doch für richtig - aber ich werde immer wieder rückfällig):

2009-11-01 Münster 001.JPG

101 050 mit IC Richtung Hamburg am 01.11.2009 im Hauptbahnhof von Münster

berre_mz sei gedankt für seine Zeitreise - es ist immer wieder schön, so etwas zu lesen.





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