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als 64 305 nach England auswanderte

geschrieben von: Palatino

Datum: 10.04.09 17:19

Hallo Leute,

heute mal wieder ein paar Zeilen und Bilder von mir. Bekanntlich wurde die zuletzt im Bw Weiden beheimatete Lok 1974/75 nach Großbritannien verkauft, wo sie sich noch immer befindet.

Die 64 305 war ja schon einige Male Thema in diesem Forum. Nachdem mir inzwischen die Dias aus dem Archiv eines der am Kauf beteiligten Eisenbahnfreunde zur Verfügung stehen, habe ich mir gedacht, dass ich Euch mal das Kapitel der Überführung nach England mit einigen Bildern vorstelle.

Mir ist die 064 305 in ihrem ersten Leben leider nur zweimal begegnet. Das erste Mal war es im Oktober 1972, als ich sie aus einem Schnellzug nach München bei der Durchfahrt durch den Aschaffenburger Hbf sah, sie stand mit einem Nahverkehrszug nach Miltenberg abfahrbereit einige Bahnsteige weiter.

http://img8.imageshack.us/img8/3049/64305.jpg
Die zweite Begegnung fand am 16.04.1974 im Bw Weiden statt. Leider war die Lok zu diesem Zeitpunkt schon abgestellt. Die Planeinsätze der Weidener 64er waren bereits beendet, und nur noch die 064 415 war mit Ruhefeuer als Bereitschaftslok im Schuppen abgestellt.

Seit 1973 bin ich Mitglied der englischen Museumsbahn Severn Valley Railway. Drei Jahre zuvor hatte ein Verein zwischen Bridgnorth und Hampton Loade das erste Teilstück der südwestlich von Birmingham gelegenen Museumsbahn wiedereröffnet. Zu dem damaligen Zeitpunkt arbeiteten die Mitglieder gerade an der Wiedereröffnung des zweiten Abschnitts von Hampton Loade nach Bewdley sowie an der Wiederinbetriebnahme mehrerer vom Schrottplatz Barry erworbener Dampfloks. Deshalb fand ich es schon überraschend, dass in der Mitgliederzeitschrift „Severn Valley Railway News“ Nr. 30 vom Winter 1973/74 folgender Artikel eingestellt war:

http://img8.imageshack.us/img8/535/svrart.jpg
Wie zu lesen beabsichtigte eine Gruppe von SVR-Mitgliedern, eine DB-64er zu erwerben und zur Severn Valley Railway zu überführen. Auf eine Anfrage wurde der Gruppe die Crailsheimer 064 289 angeboten, wie die Geschichte gezeigt hat, ging diese Lok dann aber an die Eisenbahnfreunde Zollernbahn Die SVR erhielt stattdessen für 15.000 DM den Zuschlag für die 064 305.

Interessant ist, dass die beiden in dem Artikel abgebildeten Loks 064 006 und 064 355 ebenfalls erhalten geblieben sind.

Nachdem der Kaufpreis überwiesen war, stand die Lok dann im Mai 1974 im Eigentum der Engländer, die allerdings noch die den Kaufpreis bei weitem übersteigenden Transportkosten aufbringen mussten. Im Kaufpreis eingeschlossen war die kostenlose Überführung der Lok bis zur deutschen Grenze.

Deshalb hängte man die 064 305 im September 1974 an eine Weidener 44er, die das AW Braunschweig aufsuchen musste und brachte sie zunächst einmal nach Niedersachsen. Dort war eine Stolberger 50er fertig für die Rücküberführung in ihr Heimat-Bw und nahm unsere 064 305 mit nach Stolberg, wo sie am 20.09.1974 eintraf. Im Bw Stolberg war man der Meinung, die Lok in dem Zustand nicht abgeben zu können und erneuerte mehrere Lager und ersetzte verschlissene Teile. Auch eine farbliche Überarbeitung wurde der Lok spendiert, so dass die Lok zu Präsentationszwecken mehrmals aus dem Schuppen geholt werden konnte.

http://img2.imageshack.us/img2/2987/6430501.jpg
So auch im Februar 1975, als einige Mitglieder der SVR die Lok besichtigten. Es muss wohl an dem Tag sehr kalt gewesen sein, denn der Verschluss von Rogers Yashica war eingefroren, was in dunklen Ecken auf den Dias resultierte.

http://img60.imageshack.us/img60/5006/6430502.jpg
Hier präsentiert sich die Lok neben der Stolberger 051 791 vor dem Lokschuppen.

Im Frühjahr 1975 war dann das Geld für die Überführung aufgebracht und am 26.06.1975 konnte die Reise der 064 305 beginnen.

http://img15.imageshack.us/img15/8517/6430503.jpg
Ein letztes Mal wurde die Lok auf einer Drehscheibe in ihrem Heimatland gedreht, um 07.33 Uhr begann dann ihre letzte Fernreise.

http://img522.imageshack.us/img522/1827/6430505.jpg
Vor der Abfahrt aus Stolberg entstand noch dieses Bild.

http://img518.imageshack.us/img518/9224/6430504.jpg
Standesgemäß im Schlepp einer dampfenden Schwester in Form der 052 928 ging es auf die erste Etappe zum belgischen Grenzbahnhof Raeren. Die Aufnahme vom Führerstand des Bubikopfes entstand noch im Stadtgebiet von Stolberg.

http://img16.imageshack.us/img16/5905/6430506.jpg
Hier sind beide Loks in Raeren angekommen. Die 052 928 hat bereits umgesetzt und bereitet sich auf die Rückfahrt in ihren Heimatbahnhof vor.

http://img25.imageshack.us/img25/8545/6430507.jpg
In Raeren war zunächst einmal eine Pause bis zum nächsten Morgen, da der Lok von der SNCB zunächst noch die Lauffähigkeit zu bescheinigen war.

http://img91.imageshack.us/img91/4512/6430508.jpg
Deshalb konnte dieses Foto im besten Abendlicht aufgenommen werden. Damit alle Passanten erfahren, wohin die Reise geht, hat man den Wasserkasten beschriftet.

http://img11.imageshack.us/img11/972/6430509.jpg
Am 27.06.1975 erschien dann die „Lili“ getaufte SNCB-Diesellok mit der Nummer 8411 und setzte die Überführungsfahrt der 64er fort. In Mechelen entstand dieses Bild beim Überholungs- und Abschmieraufenthalt. Lili war die Zuglok bis Hasselt, wo ein Lokwechsel stattfand.

http://img8.imageshack.us/img8/7133/6430510.jpg
Von Hasselt bis Zeebrugge wurde 064 305 von der 5160 bewegt. Dieses Bild entstand in Tongern. Um 22.10 Uhr wurde dann der Hafen von Zeebrugge erreicht, wo die 64er das Wochenende verbringen sollte.

http://img179.imageshack.us/img179/3345/6430511.jpg
Am folgenden Montagmorgen wurde die Lok schließlich auf eine Eisenbahnfähre geschoben und für die wohl erste Seereise ihres Lebens festgezurrt. Um 16.30 Uhr desselben Tages lief die „Essex Ferry“ dann in Harwich ein. Unsere 64er ist schwach hinter dem Tankauflieger zu erkennen.

http://img171.imageshack.us/img171/4195/6430512.jpg
Eine Rangierlok der Class 08 mit mehreren brakevans als Schutzwagen zog dann die Lok von Bord in ein Abstellgleis, wo sie sich im Abendlicht präsentierte. Es ist überliefert, dass die Lok dort bis zum Weitertransport für einiges Aufsehen sorgte.

http://img264.imageshack.us/img264/1672/6430513.jpg
Aus verschiedenen Gründen konnte die letzte Etappe auf dem Weg zu ihrem neuen Heimatbahnhof erst 14 Tage später, am 14.07.1975 angetreten werden. Die auf Schwertransporte spezialisiert Firma Wynns erschien am frühen Morgen und zog die Lok mit einer Seilwinde auf einen Tieflader.

http://img211.imageshack.us/img211/5309/6430514.jpg
Hier ist die Lok schon verladen.

http://img2.imageshack.us/img2/4615/6430515.jpg
Die Rampe wird entfernt und Lok verzurrt, dann kann es losgehen. Abfahrt von Harwich war schließlich am 15.07.1975, der Transport war für eine Geschwindigkeit von 25 mph (= 40 km/h) zugelassen. Wegen der Dimensionen der Lok musste über eine zuvor ausgearbeitete Route gefahren werden, die über Colchester und Bishops Stortford zunächst nach Bedford führte. Dort wurde übernachtet.

http://img139.imageshack.us/img139/1596/6430516.jpg
Am 16.07.1975 ging es dann weiter über Northampton, Atherstone und Cannock, wo nochmals übernachtet wurde.

http://img237.imageshack.us/img237/6054/6430517.jpg
Am Vormittag des 17.07.1975 erreichte der Transport schließlich Bridgnorth, wo die Lok nach einer guten Stunde zum ersten Mal die Schienen der Musemsbahn unter den Rädern hatte.

http://img15.imageshack.us/img15/3100/6430518.jpg
Sogleich gesellte sich eine britische Schwester in Form der 46443 hinzu um den Neuankömmling zu begrüßen.

Wer dem Bericht bis jetzt gefolgt ist, wird sicher auf die Frage stoßen, was die britischen Museumseisenbahner denn mit der deutschen Lok vorhatten, ist doch das dortige Lichtraumprofil bekanntlich merklich kleiner als das kontinentale. Natürlich haben die Leute von der SVR vor dem Kauf die Maße der Lok studiert und mit dem Lichtraumprofil der Museumsbahn verglichen. Dabei kam heraus, dass an der Lok einige Modifikationen notwendig werden würden. So wurden in den folgenden Monaten die Luftbehälter an die Rückseite des Kohlekastens verlegt, die Rangiertritte entfernt und die Aufstiegsleitern zum Führerstand um unteren Bereich nach innen gekrümmt. Damit sollte die Lok eigentlich die Strecke befahren können, und nach ersten problemlosen Fahrten im Bahnhof Bridgnorth ging es auf die Strecke. Dabei mussten die Museumsbahner feststellen, dass die Lok mit den vorgenommenen Modifikationen zwar sehr wohl auf die Strecke passte. Auch alle Bahnhöfe konnten befahren werden – mit Ausnahme des Bahnhofs Highley. Wie so oft stimmten hier die Zeichnungen nicht mit der Realität überein, beim Befahren des einzigen Bahnsteiggleises betrug der Abstand zwischen Zylinder und Bahnsteig nur 2 cm, zu wenig für einen sicheren Betrieb. Die Enttäuschung war groß, aber eine Verlegung des Gleises oder der Bahnsteigkante war nicht möglich. In der Folgezeit wurde die 064 305 dann nur noch zu Demonstrationsfahrten im Bereich des Bahnhofs Bridgnorth oder für einen Shuttlezug nach Hampton Loade eingesetzt.

Das war nicht der Sinn von Kauf und Überführung gewesen.

In der Nähe von Peterborough gibt es die Museumsbahn „Nene Valley Railway“, die eine abgebaute, ehemals zweigleisige Strecke eingleisig wieder aufgebaut hat. Der Wiederaufbau geschah nach kontinentalem Lichtraumprofil, so dass auf dieser Bahn überwiegend Loks ausländischer Bahnverwaltungen zum Einsatz kommen. Bekannt geworden ist diese Bahn durch die Eisenbahnszenen in dem James-Bond-Film „Octopussy“. An diese Bahn konnte die 064 305 schließlich 1978 verkauft werden. In der Werkstatt von Wansford wurden zunächst die von der SVR vorgenommenen Anpassungen an das Lichtraumprofil rückgängig gemacht.

http://img91.imageshack.us/img91/9697/6430520.jpg
So konnte die Lok zur Saison 1979 im Museumsdienst auf der Strecke nach Orton Mere eingesetzt werden, wo ich sie am 19.07.1979 beim Umsetzen aufgenommen habe.

http://img522.imageshack.us/img522/8882/6430519.jpg
Mit einer Garnituer aus dänischen (oder waren es norwegische?) Teakholzwagen verlässt die Lok hier den Bahnhof Orten Mere am Stadtrand von Peterborough zur Rückfahrt nach Wansford.

http://img135.imageshack.us/img135/3448/6430521.jpg
Leider war der Lok bei der NVR kein langer Einsatz beschieden. Kurz vor Fristablauf hatte die Lok einen Schaden am Überhitzer und fuhr während der letzten Monate als Nassdampflok. Im April 1980 stand sie im Lokschuppen und man sah, dass an ihr gearbeitet wurde.

Leider geriet die Bahn in dieser Zeit in gewisse Schwierigkeiten, so dass die Arbeiten an der 64er unterbrochen wurden. 1986 sah ich sie zum letzten Mal auf einem Abstellgleis neben dem Lokschuppen von Wansford. Viele Teile fehlten und wurden offenbar in andere Loks verbaut. So ist die Luftpumpe der 064 305 jetzt zwischen den Rahmenwangen des Tenders der „Flying Scotsman“ eingebaut, nachdem diese Lok Anfang dieses Jahrtausends eine Druckluftbremsanlage benötigte. Der Injektor fand einen Platz auf einer dänischen Tenderlok, die im Octopuusy-Film die Nummer "62 015" trug.

Wie ich Ende letzten Jahres erfuhr, will sich die Nene Valley Railway von der 064 305 trennen. Die VSM in Apeldoorn war wohl interessiert, wurde aber von einem Kauf wegen des angesichts der Transportkosten zu hohen Preises abgeschreckt.

Aber vielleicht findet sich doch noch ein Liebhaber, der den Bubikopf auf den Kontinent, vielleicht sogar in ihr früheres Heimatland, zurückholt.

Grüße aus der Pfalz
Hubert

Edit: Tippfehler berichtigt



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 2009:04:10:19:02:24.

Re: als 64 305 nach England auswanderte

geschrieben von: Käfermicha

Datum: 10.04.09 17:52

Ab durch den Eurotunnel damit, und zwar unter Dampf ;)

Eine wunderbare Dokumentation dieser schönen Lok. Wäre sehr schön diese wieder im Einsatz zu sehen, aber die Kosten einer Verschiffung etc. dürften dies wirklich nicht gerade attraktiv machen.

Re: als 64 305 nach England auswanderte

geschrieben von: Guido Rademacher

Datum: 10.04.09 18:11

Hallo Hubert,

das ist eine sehr schöne Dokumentation einer interessanten Reise. Das mir die Bilder aus Stolberg und aus Raeren besonders gefallen, muss ich wohl nicht betonen.

Aber war es wirklich die alleinige Entscheidung des Stolberger Personals an der Lok Arbeiten durchzuführen? So sehr ich das Stolberger Personal schätzte, das würde mich beeindrucken.

Vielen Dank für Deinen Bericht. Hoffen wir, dass die Lok eine bessere Zukunft vor sich hat.

Viele Grüße und schöne Ostertage

Guido

http://www.guidorademacher.de/Banner.jpg

Re: als 64 305 nach England auswanderte

geschrieben von: Palatino

Datum: 10.04.09 19:06

Hallo Guido,

die Arbeiten des Stolberger Bw-Personals wurden mir genau so zugetragen. Und dasselbe steht auch in einem Artikel in den Severn Valley Railway News, in dem über die gesamte Überführung von Weiden bis Bridgnorth berichtet wird.

Ich war übrigens von meinen englischen Freunden zu der Überführungsfahrt eingeladen. Aber da ich 1975 noch die Schulbank drücken und mich auf das Abitur vorbereiten sollte, musste ich schweren Herzens absagen.
So kenne ich das Ganze leider nur aus zweiter Hand.

Grüße aus der Pfalz
Hubert

Re: als 64 305 nach England auswanderte

geschrieben von: derFranke

Datum: 10.04.09 20:54

Hallo Hubert,

vielen Dank für diese tolle Dokumentation.

Als junger Heizer und Lokfüher beim Bw Nürnberg Hbf war mein Vater in den Jahren 1966 - 1969 oft mit der 64 305 auf den von Nürnberg ausgehenden Nebenbahnen unterwegs. Glücklicherweise befindet sich auch ein Originalschild dieser Lok in unserer Sammmlung. Deinen Bericht habe ich deshalb mit besonderm Interesse gelesen und es würde mich sehr freuen, wenn die 64er den Weg zurück in ihre alte Heimat finden würde.

viele Grüsse aus Ansbach
derFranke

Nene Valley

geschrieben von: bengt

Datum: 11.04.09 06:34

Etwa 30 Jahre her war ich bei Nene Valley und wir hofften mit ein ex SJ Lok fahren zu können.
Keine schwede war "in steam" aber ich konnte "in cab" eine ex BR 64 fahren.
Die Lok hat wie jede Dampflok geschaukelt, geknirrt und gepustet.
Hier die Lok die wie erwartet haben

http://www.nvr.org.uk/groups/mechanical/1178-003.jpg
Die Farbe war in Schweden ganz unbekant.

[www.nvr.org.uk]

Bild von BR 64
[www.nvr.org.uk]

Danke für den interessanten Beitrag! (o.w.T)

geschrieben von: S&B

Datum: 11.04.09 09:55

(Dieser Beitrag enthält keinen Text)

Re: Danke für den interessanten Beitrag!

geschrieben von: ehemaliger Teilnehmer

Datum: 11.04.09 10:24

Lieber H. Fingerle!
Toller Fotobericht! Da ich noch nie in GB war, hätte ich nicht vermutet, das das Lichtraumprofil in GB doch so viel kleiner ist, als in Mitteleuropa.
Das die 64 305 noch Mal zurück kommt, halte ich bei der derzeigen Wirtschaftskries eher für möglich, da das Pfund mächtig in den Keller gegangen ist. Hoffentlich kann die VSM die Sache noch stemmen.
Schönes Osterfest wünscht aus Berlin
thomas.splittgerber.b

Lichtraumprofil

geschrieben von: Palatino

Datum: 11.04.09 17:55

Hallo Herr Splittgerber (und natürlich auch alle anderen),

das Lichtraumprofil in GB ist tatsächlich erheblich kleiner als bei bei uns auf dem Kontinent. Außerdem ist es im unteren Bereich noch weiter eingezogen als hier.

Leider habe ich ein selbst aufgenommenes Bild von der abgestellten 64 305 in Bridgnorth nicht mehr gefunden. Auf dem Bild steht die Lok neben der Lok 70000 "Britannia", eine Anfang der 50er Jahre gebaute 2'C1'h2. Da fällt dann sofort ins Auge, dass die Pacific gegenüber dem Bubikopf richtig zierlich ausfällt. Ein wenig lässt sich der Größenunterschied auch auf dem Bild erkennen, auf dem sie neben der 46443 steht.

Und dann, man wird es kaum für möglich halten, gab es innerhalb von England eine Strecke mit nopchmals kleinerem Lichtraumprofil. Die Strecke gehörte zur Southern Railway, später zur Southern Region von British Rail und verlief von London nach Hastings. Speziell für diese Strecke wurden in den 50er und 60er Jahren Fahrzeuge von in der Ablieferung befindlichen Baureihen mit schmäleren Wagenkästen abgeliefert. Es waren die Loks der Class 33, die Ordnungsnummern ab 201 erhielten und dieselelektrische Triebwagen, bei denen die Motoren in einem eigenen Abteil hinter dem Führerstand untergebracht waren. Wenn man in so einem VT saß, merkte man die fehlenden Zentimeter Breite sofort. Die Triebwagen waren dreiteilig und fuhren als VT + VM + VS. In den 80er Jahren waren die VT verschlissen, so dass man die VM + VS mit den VT einer anderen Baureihe kuppelte. Diese VT waren aber nach dem normalen britischen Lichtraumprofil ausgelegt, so dass die VT ein ganzes Stück bwreiter waren, als die VM + VS. Wie fast alle Fahrzeuge hatten diese Einheiten bei den Fans schnell ihren Spitznamen bekommen: Man nannte sie sehr passend "tadpoles", also Kaulquappen.

Das kleinere Lichraumprofil war auch die Ursache dafür, dass die Eurostar-Züge zwar mit 300 km/h bis zum Tunnel verkehrten, zwischen Folkstone und London aber mit 100 - 120 km/h dahinschleichen mussten. Die damals benutzte Strecke ließ sich nicht mit einem größeren Lichtraumprofil aufrüsten, so dass Zugbegegnungen bei höheren Geschwindigkeiten zu gefährlich geworden wären. (Deshalb lassen sich bei den alten englischen Wagen außer an den Türen auch keine Fenster nach unten schieben, wie auf dem Kontinent damals üblich. Es ist lediglich im oberen Drittel des Fensters eine kleine Öffnung zur Belüftung möglich.

Die britischen Eisenbahnen stecken für einen Eisenbahnfreund vom Kontinent voller Überraschungen und auch Kuriositäten und sind ausgesprochen besuchenswert. Das sollten vielleicht auch mehr Verantwortliche von hiesigen Museumsbahnen gelegentlich mal tun, denn von den dortigen Museumsbahnern lässt sich viel lernen, immerhin fuhr dort schon 1951 die erste schmalspurige und 1963 die erste normalspurige Museumsbahn.

Grüße aus der Pfalz
hubert

Re: Lichtraumprofil

geschrieben von: las1

Datum: 11.04.09 18:23

Toller Bericht,
ich war selbst in den Siebzigern in Bridgnorth und so die Maschine dort leider kalt stehen. Schade! Tolle Bilder von der doch komplizierten Überführung.

Es grüßt

J. Lassauer

Re: Lichtraumprofil GBR

geschrieben von: kentishman

Datum: 11.04.09 19:52

Palatino schrieb:
-------------------------------------------------------

> Und dann, man wird es kaum für möglich halten, gab
> es innerhalb von England eine Strecke mit
> nopchmals kleinerem Lichtraumprofil. Die Strecke
> gehörte zur Southern Railway, später zur Southern
> Region von British Rail und verlief von London
> nach Hastings. Speziell für diese Strecke wurden
> in den 50er und 60er Jahren Fahrzeuge von in der
> Ablieferung befindlichen Baureihen mit schmäleren
> Wagenkästen abgeliefert. Es waren die Loks der
> Class 33, die Ordnungsnummern ab 201 erhielten und
> dieselelektrische Triebwagen, bei denen die
> Motoren in einem eigenen Abteil hinter dem
> Führerstand untergebracht waren. Wenn man in so
> einem VT saß, merkte man die fehlenden Zentimeter
> Breite sofort. Die Triebwagen waren dreiteilig und
> fuhren als VT + VM + VS. In den 80er Jahren waren
> die VT verschlissen, so dass man die VM + VS mit
> den VT einer anderen Baureihe kuppelte. Diese VT
> waren aber nach dem normalen britischen
> Lichtraumprofil ausgelegt, so dass die VT ein
> ganzes Stück bwreiter waren, als die VM + VS. Wie
> fast alle Fahrzeuge hatten diese Einheiten bei den
> Fans schnell ihren Spitznamen bekommen: Man nannte
> sie sehr passend "tadpoles", also Kaulquappen.

Entschuldigung, die Tadpole-Geschichte ist viel komplizierter!
Urspruenglich waren die Triebwagen 6-teilig (VT-4VM-VT); ab etwa 1961 waren einige Einheiten ueberfluessig; 1965 wollte man Dampfloks von der Reading-Redhill-Tonbridge-Strecke verabschieden, hatte aber kein Geld fuer neue Fahrzeuge: also, aus drei Einheiten kamen 6xVT und 6xVM; fuer Steuerwagen benutzte man 6xET-Steuerwagen (Typ 2-EPB, wovon einige Abteile zu Gepaeckabteile umgebaut wurden). Ergo: 6 "neue" Einheiten, Typ 3-R.
Mitte 80er kam es zu verschiedene Profil-kombinationen, wie Palatino beschreibt, aber genauer kann ich nicht sagen. Natuerlich waren die ET-Triebkoepfe auch weiterbenutzt, mit etwas aeltere Mittelwagen, als 4-EPB... so war es immer bei der Southern: nie neu kaufen, wenn umbauen moeglich war!
(BTW: die sehr schoene 2B-Dampfloks der Schools Class passten der Hastings-Profil)

> Das kleinere Lichraumprofil war auch die Ursache
> dafür, dass die Eurostar-Züge zwar mit 300 km/h
> bis zum Tunnel verkehrten, zwischen Folkstone und
> London aber mit 100 - 120 km/h dahinschleichen
> mussten. Die damals benutzte Strecke ließ sich
> nicht mit einem größeren Lichtraumprofil
> aufrüsten, so dass Zugbegegnungen bei höheren
> Geschwindigkeiten zu gefährlich geworden wären.

Soooo langsam waren wir nicht bei der Southern - 145 bzw 160 km/h war und ist zwischen Hither Green und Folkestone vielerorts erlaubt - und die Eurostars bei GNER fuhren natuerlich 200km/h (gleicher Lichtraumprofil).

Ein frohes Osterfest wuensche ich

Re: als 64 305 nach England auswanderte

geschrieben von: Rolf Schulze

Datum: 12.04.09 00:43

Hallo Hubert,

vielen Dank für diese kleine, aber feine Dokumentation über die 'Auswanderung' der 064 305-6, mit der sich viele persönliche Erinnerungen verbinden.

Natürlich würde es mich auch ganz besonders freuen, wenn die Lok wieder zurück auf den Kontinent geholt werden könnte, und noch mehr, wenn sie noch einmal zum Laufen käme - hoffentlich bleibt es nicht nur ein Traum.

Dürfte ich evtl. einen Link zu Deinem Beitrag in meine Galerie über Aschaffenburg/Miltenberg setzen?

Grüße, Rolf

Re: als 64 305 nach England auswanderte

geschrieben von: 45669

Datum: 12.04.09 01:53

Hallo Hubert,

Interessante Bilder! Leider ist 64 305 nicht mehr auf der Nene Valley Railway in betreib, aber hier sind zwei Bilder von Dezember, 2006 :

[ronfisher2.fotopic.net]

[ronfisher2.fotopic.net]

Hier sind Bilder von den engen Hastings Units :

[ronfisher.fotopic.net]

[ronfisher.fotopic.net]

[ronfisher.fotopic.net]

Grüße aus England,

Ron.

Vielen Dank an ...

geschrieben von: Palatino

Datum: 12.04.09 09:30

... Kentishman

für die Ergänzung/Berichtigung meines Postings über die Triebwagen der Southern Region. Ich hatte das in Eile aus der Erinnerung geschrieben ohne in meiner Literatur nachzulesen, daher die Fehler.

.. Ron Fisher

für die aktuelle Bilder der 64 305.

.. Rolf Schulze für das Interesse an meinem Beitrag. Gegen die Verlinkung habe ich keine Einwände, es freut mich, dass der Bericht so einem noch größeren Publikum zu Gute kommt.

Grüße aus der Pfalz
Hubert

Re: als 64 305 nach England auswanderte

geschrieben von: roland keller

Datum: 15.04.09 20:07

Hallo Hubert,

nach einem kleinen Osterurlaub mit HiFo-Abstinenz komme ich erst jetzt dazu, Deinen Beitrag über die Fernreise der 64 305 zu lesen - und zu loben. Gut, dass Du die Geschichte auf diese Weise für die Nachwelt erhälst. Es gibt ja nicht viele deutsche Dampfloks, die den Weg nach England gefunden haben...

Für mich brachte diese Englandfahrt der 64 305 als gerade 14-jähriger Dampflokfan die erste Gelegenheit, eine leibhaftige Dampflok der Baureihe 64 zu erleben - und das in Stolberg! Dadurch habe ich natürlich eine besondere Erinnerung an diese Lok und dieses Ereignis. Man muss den englischen Eisenbahnfreunden Respekt zollen, solch ein Unternehmen zu starten und - bei allen Problemen und Schwierigkeiten - beharrlich durchzuziehen. Schade dabei ist natürlich der zweite Teil der Geschichte die unzureichenden Einsatzmöglichkeiten bei der SVR und das heutige Schicksal bei der anderen Museumsbahn. Aber wenn man sieht, was unsere niederländischen Nachbarn auf dem Museumsbahnsektor leisten, wer weiß, was wir von dieser Dampflok noch hören.......

Vielen Dank an Dich und Mr. Scanlon für diesen schönen Beitrag.

Gruß

Roland

[www.eisenbahn-stolberg.de]

http://img116.imageshack.us/img116/6122/signkleincr5.jpg http://img178.imageshack.us/img178/2033/logo2kleinve1.jpg http://img253.imageshack.us/img253/2018/dlalogo3kleinrn6.jpg

Bahnbetriebswerk Stolberg --- vergangen, aber nicht vergessen....