Wer diesen Beitrag in der Erwartung angeklickt hat, eine bunte Sammlung von Bildern aus den siebziger Jahren vorzufinden, den müssen wir leider enttäuschen. Nein, soooo neue Bilder werdet ihr unter dieser Überschrift nicht sehen. Mit den "Siebzigern" ist hier vielmehr im Nummernsystem der DR/DB der Bereich der Baureihen 70 bis 79 gemeint, in dem die Personenzug-Tenderloks eingereiht waren.
Für die meisten User im HiFo, mich eingeschlossen, dürfte die preußische T18, BR 78.0, wohl die einzige Baureihe gewesen sein, die man selbst noch als Betriebslok vor die Kamera bekommen hat. Nimmt man die ÖBB hinzu, vielleicht auch noch 77.2 und 78.6. Weitere Baureihen nur als Schrott- oder Museumsloks – aber das zählt (für mich) nicht.
Wer dagegen wie HS schon etwas früher fotografisch unterwegs war, der konnte noch eine bemerkenswerte Vielfalt an Baureihen in diesem Nummernblock vorfinden. Und wenn man dann noch Privatbahn- und ÖBB-Loks hinzunimmt, die irgendwann in ihrem Vorleben mal eine DR-Nummer getragen haben, dann wird diese Vielfalt schier überwältigend. Jedenfalls war das mein spontaner Eindruck beim Scannen der Bilder.
In mehreren Teilbeiträgen wollen wir nun einen kleinen Streifzug durch die Siebziger unternehmen.
Es beginnt, wie könnte es anders sein, mit der Baureihe 70, der bayerischen Pt2/3. Und zwar nicht mit irgendeiner, sondern mit der ersten,
70 001. Die herrliche Porträt-Aufnahme entstand am 07.09.58 beim Umsetzen im Bahnhof Eggmühl.
Bild 1:
Die Regensburger
70 001 mit der sicher auch damals schon etwas archaischen Achsfolge 1’B konnte kurz vorher bereits bei der Einfahrt in den Bahnhof Eggmühl das erste Mal auf den Film gebannt werden. Der kurze Lokalbahnzug kam aus Langquaid, einem kleinen Städtchen in Niederbayern, das über eine ca. 10 km lange Nebenbahn an die Hauptstrecke Regensburg – Landshut angeschlossen ist. Der Personenverkehr auf dieser auch "Laabertalbahn" genannten Stichstrecke ist seit 1968 eingestellt, aber im Güterverkehr wird die Strecke auch heute noch bedient (durch die RSE).
Bild 2:
70 001 wurde im Jahr 1909 mit der Fabriknummer 6204 von Krauss&Co als bayerische Pt2/3 6001 an die Königlich Bayerische Staatsbahn geliefert. Als leichte Zweizylinder-Heißdampflok war die Pt 2/3 ursprünglich für den Personenverkehr auf Hauptstrecken entwickelt worden. Mit der Zeit wurde sie aber in den Nebenbahn-Dienst verdrängt, wo sie sich dank ihrer technisch und betrieblich durch und durch gelungenen Konstruktion noch lange halten konnte.
(Die Daten für 70 001: Z:04.01.60, †: 19./23.04.60)
Ursprünglich war die Laufachse fest im Rahmen gelagert. Später erhielten 50 der insgesamt 97 gebauten Maschinen eine radial seitenverschiebbare Laufachse (Bisselachse), womit sich die Achsfolge von 1B in 1’B änderte.
Schauen wir uns nun einmal die rechte, die Lokführer-Seite der Baureihe 70.0 an. Im Bw Treuchtlingen traf HS am 25.05.58 gleich mehrere Pt2/3 an, aber leider alle im Schuppen abgestellt. So etwas war jedoch früher überhaupt kein Problem. Höflich gefragt, und schon wurde einem die Lok vor die Tür gefahren. So wie hier
70 045, die jetzt im besten Licht vor dem Schuppen abgelichtet werden konnte.
Bild 3:
In der Seitenansicht schön zu sehen: der extrem große Abstand der Laufachse zum ersten Treibradsatz (exakt 4000 mm), der der Lok ihr typisches Aussehen verlieh. Außerdem verrät uns die Seitenansicht auch ohne langwierige Literatur-Recherche, dass
70 045 damals im Bw Treuchtlingen beheimatet war.
Bild 4:
Sogar ein Farbbild können wir von der BR 70.0 präsentieren. Allerdings waren das Wetter so schlecht und die Farbe des Triebwerks so verschmutzt, dass sich das Bild kaum von einer schwarz/weiß-Aufnahme unterscheidet.
70 088 am 26.05.60 in ihrem Heimat-Bw Ansbach.
Bild 5:
Schwarze Lok mit schwarzem Triebwerk – das war typisch für die Dampfloks in Österreich. Und dahin geht’s dann auch mit dem nächsten Bild. Nach dem Zweiten Weltkrieg verblieben nämlich die Lokomotiven 70 086, 092, 095 und 096 in Österreich. Unter Beibehaltung der Ordnungsnummern bildeten sie bei der ÖBB die Reihe 770. Ihr Haupteinsatzgebiet war die Strecke Pöchlarn–Kienberg-Gaming. Heimat-Dienststelle war die Zfl St.Pölten, wo die
770.86 am 30.05.65 abgelichtet werden konnte.
Bild 6:
Wie kleine bauliche Veränderungen doch das Aussehen einer Lok verändern: Rechteckige Frontfenster und ein bündiger Dachabschluss an der vorderen Führerhauswand lassen die Lok sogleich etwas "österreichischer" aussehen.
770.086 wurde am 31. Januar 1967 als letzte ihrer Art abgestellt und danach am Bahnhof Pöchlarn als Denkmal aufgestellt. 1997 wurde die Lok vom Sockel geholt und betriebsfähig aufgearbeitet. Zusammen mit der deutschen 70 083, die ebenfalls für mehrere Jahre als Lok-Denkmal in einen Dornröschenschlaf fiel (in Mühldorf), stehen damit heute gleich 2 betriebsfähige Museumsloks der bayerischen Pt2/3 wieder zur Verfügung.
Nach dem Vorbild der bayrischen Pt2/3 lieferte die Maschinenbau-Gesellschaft Karlsruhe 1914 fünf und 1916 weitere 15 Exemplare als Baureihe Ig an die Großherzoglich Badischen Staatseisenbahn. Sie unterschieden sich von den Loks aus Bayern nur durch einen etwas anderen Kohlekasten, einen anderen Führerstand und 10 mm größere Treibräder. Diese Loks wurden bei der Deutschen Reichsbahn als 70 101 – 105 und 111 – 125 eingereiht.
1928 ließ die Reichsbahn acht weitere Maschinen nachbauen (70 126–133). Sie waren etwas größer und schwerer ausgeführt, und der Treibraddurchmesser wurde auf 1250 mm reduziert.
Die
70 116 (MBA Karlsruhe 1966/16) wurde bereits 1936 bei der DR ausgemustert. Über den Lokhändler "Erich am Ende" in Berlin-Weißensee wurde sie zusammen mit 70 105 an die Westfälische Landeseisenbahn (WLE) verkauft, wo sie nach der Aufbarbeitung zunächst die Nummer 22 erhielt, die später in
0022 geändert wurde. Die Aufnahme entstand am 23.04.57 im Bw der WLE in Lippstadt. Die endgültige Ausmusterung und Verschrottung erfolgte im Jahr 1960.
Bild 7:
Das waren ein paar Bilder zu den Baureihen 70.0 und 70.1.
Jetzt bin ich / sind wir erst einmal gespannt, wie das Thema so ankommt. Sollte ein breiteres Interesse an unserem kleinen Streifzug durch die 70er bestehen – wovon ich eigentlich ausgehe, dann könnte ich so peu à peu noch weitere Teilbeiträge hinterher schieben; Material ist genug vorhanden.
Schönen Tag noch,
Ulrich B.
PS: Es werden noch Wetten angenommen, welche Baureihen in den weiteren Folgen noch behandelt werden (deutlich mehr als 10).
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5-mal bearbeitet. Zuletzt am 2017:06:24:12:11:12.