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 04 - Historisches Forum 

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Bilder, Dokumente, Berichte und Fragen zur Vergangenheit der Eisenbahn und des öffentlichen Nahverkehrs - Bilder vom aktuellen Betriebsgeschehen bitte nur im Zusammenhang mit historischen Entwicklungen veröffentlichen. Das Einstellen von Fotos ist jederzeit willkommen. Die Qualität der Bilder sollte jedoch in einem vernünftigen Verhältnis zur gezeigten Situation stehen.
Dies ist KEIN Museumsbahnforum! Bilder, Meldungen und Fragen zu aktuellen Sonderfahrten bitte in die entsprechenden Foren stellen.
1905-28: Die Industriebahn Wurzen

Besonders lange – immerhin 23 Jahre – blieb die „Gleislose Bahn“ in Wurzen bei Leipzig aktiv. Ihre Entstehung beruht allerdings auf einem Zufall. Nach der Einstellung der Bielatalbahn im Jahr 1904 stand nämlich deren noch gut erhaltene Fahrleitungsanlage zum Verkauf, und so kam es am 1.8.1904 zwischen der Stadt Wurzen und Ing. Max Schiemann aus Dresden zum Vertragsabschluß über den Bau einer gleislosen Bahn, der sechsten des Systems Schiemann. Die Industriebahn diente dem Mehltransport von der Krietzschmühle (später VEB „Albert Kuntz“) zum Güterbahnhof. Eine separate Strecke führte von dort weiter zum Firmengelände mit der Wagenhalle. Am 5.3.1905 bat Max Schiemann den Kgl. Kommissar für elektrische Bahnen um die Abnahme der beiden neu gebauten Schlepptriebwagen, die über zwei Motoren à 25 PS und ein Eigengewicht von 6 t verfügten und bis zu drei Anhänger mit 15 t Gesamtgewicht ziehen konnten. Zudem waren zehn Anhänger für je 6 t Kohle sowie 27 Anhänger für je 5 t Mehl vorhanden.
Am 1.4.1905 begann der Probebetrieb der „Gleislosen Bahn“, und bei der Abnahme und feierlichen Einweihung am 7. April wurde die sofortige Umwandlung des Probe- in einen Dauerbetrieb genehmigt. Die Inbetriebnahme wurde am 28.4.1905 genehmigt und die Industriebahn Wurzen GmbH bekam eine auf zehn Jahre befristete Betriebserlaubnis. Eine Erweiterungsstrecke für den Abtransport von Kohle vom König-Albert-Schacht wurde am 10.7.1905 abgenommen.
Die Bahn mit 3,46 km Strecken- und etwa 4 km Betriebslänge wies eine größte Steigung von 50 ‰ auf. Gespeist wurde der etwa 6 m hoch hängende Fahrdraht mit 550 V Gleichstrom, den man von der Krietzschmühle bezog. Für beladene Züge waren 6 km/h, für leere 8 km/h erlaubt. Durchschnittlich wurden pro Tag etwa 300 t befördert. Mehrere Erweiterungsvorhaben, wie z.B. zur Tapetenfabrik Schütz oder zur Filzfabrik Weichert, kamen nicht mehr zur Ausführung. Da Max Schiemann im Jahr 1904 nach Wurzen umzog und hier seine Fabrik für gleislose Bahnen aufbaute, diente die Industriebahn auch als Teststrecke für Fahrzeuge, die für andere Bahnen bestimmt waren. Angeblich besaß der Besitzer der Krietzschmühle einen kleinen Obus für Privatfahrten.
Mit der Schließung des König-Albert-Schachts nach Kriegsausbruch 1914 wurde die Strecke dorthin stillgelegt. Der Betrieb konnte sich auch in den Kriegs- und Inflationsjahren behaupten, doch im Jahr 1928 war er so veraltet, daß man stattdessen einen Gleisanschluß anlegte. Geschmückt mit Tannengrün trat die „Gleislose“ am 23.10.1928 gegen 10 Uhr ihre letzte Fahrt an. In den VDI-Nachrichten vom 14.9.1927 hatte Schiemann geschrieben: „Eine der ältesten Güterbahnen dieser Art ist die seit 23 Jahren in Dauerbetrieb befindliche Wurzener Mühlenbahn, die noch heute mit den ersten Fahrzeugen einen täglichen geregelten Verkehr versieht. Flachstrecken und erhebliche Steigungen, gerade Strecken und kleine Straßenkurven, Pflaster und Makadam wechseln miteinander ab. Unfälle sind in den 24 Betriebsjahren, die auch durch den Krieg nicht unterbrochen wurden, nicht vorgekommen.“


http://img168.imageshack.us/img168/8964/wurzen030nn4.jpg

Bild 1: Kohlenzug vor der Abfahrt zum König-Albert-Schacht in Wurzen.


http://img373.imageshack.us/img373/3764/wurzen031yy1.jpg

Bild 2: Ein Zug mit Mehl auf der Steigung von 40-50 ‰ am Crostigall…


http://img168.imageshack.us/img168/2537/wurzen032wd1.jpg

Bild 3: … und bergab am Crostigall.


http://img176.imageshack.us/img176/115/wurzen029nt1.jpg

Bild 4: Königlicher Besuch in Wurzen, und selbst die Gleislose ist geschmückt.


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Bild 5: Ein beladener Zug hat den Staatsbahnhof erreicht.


http://img373.imageshack.us/img373/2199/wurzen034yd8.jpg

Bild 6: Für den Verkehr zur Krietzschmühle hatten die Wagen jeweils ein Verdeck.


http://img373.imageshack.us/img373/886/wurzen036vw5.jpg


http://img381.imageshack.us/img381/3271/wurzen035my4.jpg

Bild 7-8: Schiemann-Werkfotos, die offenbar nicht in Wurzen entstanden, aber eine Lok zeigen, die auch dort im Einsatz stand.


http://img397.imageshack.us/img397/6510/wurzen037fg2.jpg

Bild 9: Der „Güterobus" am Güterbahnhof.


1905-14: Die Güterbahn der Günther’schen Mühle in Großbauchlitz

Max Schiemann reichte 1904 zusammen mit dem Mühlenbesitzer Karl Günther bei den zuständigen Stellen das Projekt einer „gleislosen elektrischen Bahn" zwischen dem Bahnhof Großbauchlitz (heute Döbeln Nord) und der Günther’schen Mühle ein. Am 27.1.1905 erteilten die Kgl. Sächsischen Ministerien die Baugenehmigung, wobei sie die Anlage als „Bahn“ betrachteten. Hersteller der Mühlenbahn war die „Gesellschaft für gleislose Bahnen Max Schiemann & Co.“ in Wurzen. Bereits am 16.5.1905 fand die Abnahme statt, und nach Behebung einiger Mängel wurde der Betrieb am Nachmittag des 17.5.1905 aufgenommen.
Die Doppelfahrleitung war 1.020 m lang, begann an der Ladestraße des Staatsbahnhofs Großbauchlitz und führte über die Leipziger (Grimmaische) Straße in den Hof der Günther’schen Mühle. Das einzige Zugfahrzeug war ein lokomotivähnlicher Zweirichtungswagen mit Mittelführerstand und einem Motor mit 16,5 kW Leistung. Den Gleichstrom von 130 V entnahm es über zwei Stromabnehmerstangen. Nur ein einzelner Wagen durfte angehängt werden und maximal war eine Geschwindigkeit von 10 km/h erlaubt.
Befördert wurde vor allem Getreide zur Mühle, aber auch Mehl und Kleie, wenn diese Ladungen mit der Eisenbahn zum Versand kamen. So wurden 1905 an 191 Betriebstagen 1.700 Zugkilometer geleistet und 7.000 t Güter befördert. 1912 waren es an 301 Betriebstagen schon 4.902 Zug-km und 20.145 t, dann sank die Tonnage ab. Das Auslaufen der Betriebsgenehmigung führte 1914 zur Stillegung der Bahn. Stattdessen entstand ein 827 m langes normalspuriges Anschlußgleis, das an der Laderampe des Bahnhofs Großbauchlitz begann, die Grimmaische Straße niveaugleich kreuzte, dann den Mühlengraben überbrückte und am Getreideschuppen endete. In den 30er Jahren verlängerte man das Gleis um 113 m zu einem weiteren Getreidelager.


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Bild 10: Bisher hieß es ja beharrlich, von der Großbauchlitzer Gleislosen gäbe es kein Foto …! Mit dem Einachs- und dem Kettenantrieb sowie der Achsschenkellenkung unterscheidet sich der Traktor von allem, was wir bisher von Schiemann gesehen haben.


Für ihre Hilfe bedanke ich mich herzlich bei Mario Schatz, Reinhard Elbertzhagen und Rolf-Roland Scholze. Weitere Quellen:
L. Kenning: "Schmalspurbahnen um Mügeln und Wilsdruff" (Nordhorn 2001)
Unterlagen und Fotos aus Stock-Archiv


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3-mal bearbeitet. Zuletzt am 2008:10:21:14:40:58.

Meine Güte!

geschrieben von: Joachim Leitsch

Datum: 10.09.08 22:06

was es mal alles gab! Und dann noch so viele Bilder von Betreiben, die schön 80 (!!) Jahre eingestellt sind - ich bin begeistert. danke für's Zeigen, Ludger.

RUHRKOHLE - Sichere Energie

das war einmal :(
Auch von mir ein herzliches Danke. Super Bilder von Bahnen die ich noch nicht kannte. http://img385.imageshack.us/img385/2625/bigsuperux0.gif
Gruß
Der Mansfelder

Viele Infos über Feldbahnen gibt es hier: [www.kipplore.de]
.
Der Blick übern Tellerrand ist Klasse - es ist schon erstaunlich, was es mal alles gab!

Danke für diesen Beitrag, Ludger!

Martin
Danke Ludger. Man muss es leider immer wieder ansprechen. Diese Bilder von anno dunnemals sind hervorragend und vorzeigenswert aufbereitet. Andere schaffen es nicht, Bilder aus den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts halbwegs sauber zu präsentieren.


Bis neulich

Rolf Köstner

In eigener Sache:

Ich komme derzeit nicht dazu alle PN zeitnah zu beantworten. Immer wieder bekomme ich Anfragen, ob ich nicht alte Beiträge neu bebildern kann. Wenn es in mein Konzept passt gerne. Aber inzwischen habe ich mich dazu entschlossen, alte Beiträge nur noch in Verbindung mit neuen Beiträgen zu reaktivieren, sofern ein Zusammenhang besteht. Leider ist ein anderes Vorgehen aus Zeitgründen nicht mehr möglich. Hin und wieder Ausnahmen bestätigen eher die Regel.
Danke!! Hochinteressant was Du alles hast. Ich freue mich über jeden deiner Beiträge. Super Bilder und Fakten.
Der Meinung von Rolf kann ich mich nur anschließen. Keine Hopplahopp-Schnellbeiträge, sondern akribisch vorbereitet mit Bilddokumente, die es an sich gar nicht (mehr) geben darf und fundierten Informationen, die sicherlich mit jahrelangen Mühen zusammengetragen worden sind.

An dieser Stelle nochmals herzlichen Dank für Deine Beiträge hier im HiFo.

Gruß aus dem Münsterland
Andreas

Einfach nur genial !!!!!

*beinahe in Ohnmacht fall*
Da hat man auch gleich was zum Nachbau fuer die Moba ;)

Vielen Dank,
ein begeisterter Nils