DREHSCHEIBE-Online 

Anzeige

HIER KLICKEN!

 04 - Historisches Forum 

  Neu bei Drehscheibe Online? Hier registrieren! Zum Ausprobieren und Üben bitte das Testforum aufsuchen!
Bilder, Dokumente, Berichte und Fragen zur Vergangenheit der Eisenbahn und des öffentlichen Nahverkehrs - Bilder vom aktuellen Betriebsgeschehen bitte nur im Zusammenhang mit historischen Entwicklungen veröffentlichen. Das Einstellen von Fotos ist jederzeit willkommen. Die Qualität der Bilder sollte jedoch in einem vernünftigen Verhältnis zur gezeigten Situation stehen.
Dies ist KEIN Museumsbahnforum! Bilder, Meldungen und Fragen zu aktuellen Sonderfahrten bitte in die entsprechenden Foren stellen.

Polen vor 17 Jahren - ein Reisebericht (mvB+Text) - Teil 1

geschrieben von: xBurt

Datum: 17.04.08 21:13

Liebe HiFo-Fans,

heute wirds etwas länger, also haltet durch, denn nach dem langen Vorwort gibt es immerhin 50 Bilder vom Dampf in Ostpreußen!





1991 – zeitiger Frühling in Dresden. Das herrliche Wetter verleitete zu einigen Dampfaktionen in der näheren Umgebung. Und doch kreisten die Gedanken immer wieder um das Thema Polen. Die Februartour nach Gnesen/Gniezno hatte in aller Deutlichkeit gezeigt, dass es mit dem Dampf in Polen wohl nicht mehr lange gehen würde und so juckte es mir insbesondere beim Stichwort „Dampf in Ostpreußen“ mächtig in den Fingern. Berichte vom Dampflokeldorado in Korschen/Korsze, das unmittelbar vor seinem Ende stand, hatten das nächste Reiseziel schon längst feststehen lassen. Aber wie hinkommen? Mangels eines entsprechenden Führerscheins hatte ich noch immer kein Auto. Doch das gute Wetter und die nächste Schreckensmeldung von der inzwischen Korschen/Korsze erreichenden Elektrifizierung gaben den Ausschlag: Nichts wie hin! Jetzt! Sofort!

Eine kurze Umfrage im Kreise der üblichen Verdächtigen brachte mit Leo zwar einen zweiten begeisterten Fan ein, nur war damit das Transportproblem immer noch nicht gelöst – auch Leo hatte kein Auto. So verfielen wir auf die Idee, mit dem Zug nach Warschau zu fahren und uns dort einen Mitwagen zu chartern. Jetzt fehlte nur noch ein Fahrer.

Der war mit unserem Kommilitonen Peter schnell gefunden. Er war zwar kein Eisenbahnfotograf, aber ihn reizten Ostpreußen und das von uns wortreich skizzierte Abenteuer. Er war sofort mit dabei! Die Vorbereitungen zur Fahrt waren ziemlich unaufwendig: Jeder warf ein paar Sachen und Verpflegung in eine handliche Tasche, die Fotoausrüstung wurde noch einmal gecheckt und Leo kopierte die nötigen Fahrpläne aus dem PKP-Kursbuch.

Peter erkundigte sich derweil am Dresdner Hbf nach Fahrkarten für Polen. Das Ergebnis war interessant und ungewöhnlich: Statt über die DR eine ganz normale Fahrkarte nach Warschau zu erweben, lautete die Empfehlung, stattdessen nach Berlin zum Bahnhof Zoo zu fahren und in der DB-Vertretung ein Twenticket zu kaufen. Für unschlagbar günstige 44 DM komme man damit nicht nur nach Warschau/Warszawa und zurück, sondern könne gleich eine ganze Woche unbegrenzt auf dem ganzen PKP-Netz umherfahren – und das auch noch in der 1. Klasse! Das klang natürlich vielversprechend, denn es war ja weder klar, ob wir in Warschau einen Mietwagen bekommen würden, noch ob der dann für uns arme Studis auch bezahlbar sein würde. So wurden nun wieder die Kursbücher gewälzt und eine alternative Bahnverbindung nach Korschen/Korsze gesucht.

Das Ergebnis war zufriedenstellend, auch wenn sich der Weg mehr als umständlich erwies: Von Warschau/Warszawa war Korschen/Korsze nur über einen großen Bogen von Südosten her via Bialystok und Lyck/Elk halbwegs vernünftig zu erreichen, da der direkte Zug über Allenstein/Olstyn bei unserer Ankunft bereits weg sein würde. Das störte uns wenig, versprach das doch neben einem erweiterten Reiseabenteuer auch noch die Möglichkeit, einen Blick ins zweite masurische Dampflokzentrum Lyck/Elk zu werfen.


Donnerstag, 11.04.1991
Während der morgendlichen Vorlesung (war es am Ende gar Eisenbahngeschichte?) wurden die letzten Details geregelt und mit den Kommilitonen noch Wetten über das Reiseergebnis abgeschlossen. Von bloßem Staunen und Kopfschütteln bis zu Sprüchen wie „Da kommt ihr nie an!“ waren alle Meinungen vertreten, doch wir ließen uns nicht beirren. Der Vorlesungsplan sah für den Rest der Woche ideal aus: Keine anwesenheitspflichtigen Seminare, so dass man sich unauffällig verdrücken konnte. Das taten wir gleich nach der zweiten Vorlesung, schnappten unsere Sachen und gingen zum Bahnhof.

D 370 „Pannonia“ brachte uns um 13:42 Uhr von Dresden Hbf nach Berlin-Lichtenberg, von wo aus es nach der Ankunft um 16:28 Uhr mit der S-Bahn zum Bahnhof Zoo ging. Die DB-Vertretung residierte nördlich des Bahnhofs neben dem Amerika-Haus. Lange Schlangen an den Schaltern verhießen entsprechende Wartezeiten, auf die wir uns aber im Vorfeld bereits eingestellt hatten. Endlich an der Reihe war man über unser Begehr erst einmal etwas verwundert, wollte doch ansonsten jeder hier irgendwie westwärts reisen. Nach einigem Gekrame war jedoch der gesuchte Tarif gefunden und wir bekamen die gewünschten Wochennetzkarten 1.Klasse.

Bis zur Abfahrt des D 395 vom Hauptbahnhof/Ostbahnhof/Schlesischer Bahnhof nach Warschau/Warszawa um 21:16 Uhr waren noch einige Stunden Zeit, die wir uns mit restlichen Verpflegungskäufen und Skatspielen vertrieben. Kaum wurde der Zug bereitgestellt, suchten wir uns ein ordentliches Abteil, schoben die Sitze zu Liegeflächen zusammen und die Fahrt weit nach Osten konnte beginnen. Gegen 22:20 Uhr polterten wir über die Frankfurter Oderbrücke nach Polen.

Das in Kunersdorf/Kunowice zugestiegene polnische Zugpersonal war beim Anblick unserer Fahrkarten ziemlich ratlos und interpretierte zuerst einmal die darauf eingetragenen Namen als Abgangs- und Zielbahnhöfe, was bei meinem Vornamen durchaus noch nahe lag, aber beim Nachnamen mit nichts Bekanntem zusammen passte. Erst ein Hinweis auf ein polnisches Beiblatt, welches dann ausgiebig studiert wurde, brachte die Lösung und wir konnten wieder in den wohlverdienten Nachtschlaf fallen.


Freitag, 12.04.1991
Nach etlichen Stunden mehr schlecht als rechtem Gedöse auf den zwar eine akzeptable, aber immer zu kurze Liegefläche ergebenden Sitzen war im Morgengrauen um 7 Uhr Warschau/Warszawa erreicht. Ein fantastischer Sonnenaufgang verhieß einen wunderbaren Tag. Etwas unausgeschlafen schlichen wir über den mehr als hässlichen Bahnhof Warszawa-Centralna. In der Schalterhalle konnten wir auch eine Autovermietung ausmachen, jedoch war diese noch geschlossen. Die im Aushang angeführten Preise waren zwar happig, aber durchaus im Rahmen dessen, was wir so erwartet hatten. Nur mit einem Punkt hatten wir nicht gerechnet: Die Kaution war derart hoch bemessen, dass sie unsere Bargeldvorräte deutlich überschritt. Eine Kreditkarte besaß damals noch niemand von uns, so dass sich damit das Projekt Mietwagen erledigt hatte. Wir nahmen es gelassen, hatten wir mit der Netzkarte ja eine durchaus passable Alternative in Reserve.

Bis zur Abfahrt unseres Schnellzuges nach Bialystok waren noch gut drei Stunden Zeit, die wir zu einem Gang auf den alten Hauptbahnhof nutzen wollten. Zum einen sollte es dort die begehrten Fotogenehmigungen geben und zum anderen war der Bahnhof Abstellort der Museumslokomotiven der PKP. Während Peter am Bahnhof das Gepäck beaufsichtigte, wanderten Leo und ich die kurze Wegstrecke zu Fuß hinüber. Vor Ort herrschte geradezu eine Friedhofsruhe, so dass wir erst einmal die Loksammlung ausgiebig betrachteten und fotografierten. Besonders angetan waren wir von der 03.10 (Pm3), die noch weitgehend ihre originale Stromlinienschale besaß. Weitere Highlights waren für uns die letzte pr. G8² (Tr6) sowie eine pr. T18 (OKo1) und natürlich die am Nachbarbahnsteig unter Dampf stehende Heizlok Ty2-871. Beim Anblick der ausgestellten Wagen waren wir verblüfft, wie freizügig hier die Fahrzeuge mit Hakenkreuzadlern beschriftet waren – im Museum für Verkehr und Technik in Berlin traute man sich das nicht mal bei der im Anlieferungszustand befindlichen E19, wo eine runde Blechplatte den Stein des Anstoßes verdeckte.

http://www.frank-engel.de/alle/02431.jpg
Pm3-3 (ex. 03 1005)

http://www.frank-engel.de/alle/02433.jpg
Tr6-39 (ex. 56 2795)

http://www.frank-engel.de/alle/02432.jpg
Lok der Oberschlesischen Sandbahnen von Borsig

http://www.frank-engel.de/alle/02442.jpg
Oko1-3 (ex. 78 189)

Inzwischen war es 9 Uhr geworden und im Büro des Museums trafen wir endlich einen Mitarbeiter an. Glücklicherweise sprach er ein wenig deutsch, so dass wir erstaunt erfuhren, dass das Fotografierverbot aufgehoben sei und man uns deshalb keine Fotogenehmigung ausstellen könne. Die Bitte, uns diesen Sachverhalt doch einmal mit einem kleinen Schriftstück zu bestätigen, wurde mit der Bemerkung, dass das inzwischen überall bekannt sei, abschlägig beschieden.

Mit diesen Informationen ausgestattet machten wir uns auf den Rückweg zu Peter und dem Gepäck. Der war sichtlich froh, als wir endlich wieder auftauchten. Die im Bahnhof herumstreunenden Gestalten sahen auch wenig vertrauenserweckend aus. Gemeinsam begaben wir uns zum Schnellzug nach Bialystok, welcher halbwegs pünktlich Warschau/Warszawa gegen 10:30 Uhr verließ. Die Fahrt ging stetig nach Nordosten durch eine recht eintönige, flache Landschaft. Kurze Aufregung kam lediglich bei der Durchfahrt durch Malkinia auf, wo diverse abgestellte Ty2 erspäht, aber leider nicht abgelichtet werden konnten.

Bialystok war kurz nach 13 Uhr erreicht. Nach kurzem Aufenthalt ging es hier planmäßig um 13:30 Uhr mit dem Personenzug nach Lyck/Elk weiter, jedoch verspätete sich der Zug etwas. Uns konnte es egal sein, denn weiter als bis Lyck/Elk würden wir es mangels eines passenden Anschlusszuges vor Anbruch der Dunkelheit eh’ nicht schaffen. Auch wussten wir aus dem Bericht eines Kommilitonen, dass in Korschen/Korsze praktisch keine Übernachtungsmöglichkeiten zu finden waren, in Lyck/Elk hingegen schon.

Je näher der Zug Lyck/Elk kam, desto nervöser wurden wir, bestand doch die Chance, hier unterwegs schon die erste Dampflok zu sichten. Im früheren Grenzbahnhof Prostken/Prostki, den die Lycker Maschinen noch ab und zu anliefen, war zwar keine Lok zu sehen, doch dafür wurde wenigstens das Empfangsgebäude abgelichtet. Hier waren nach dem Krieg vom Bahnhofsnamen „Prostken“ die erhabenen Buchstaben „e“ und „n“ von der Fassade abgemeißelt und durch ein nicht ganz passendes „i“ aus Blech ersetzt worden, wobei die abgeschlagenen Stellen an der Fassade noch deutlich zu sehen waren – ein Vorgeschmack auf weitere Relikte aus deutscher Zeit, die uns in den nächsten Tagen so fern der Heimat noch begegnen sollten.

http://www.frank-engel.de/alle/02450.jpg

Kaum war der Zug gegen 16 Uhr in Lyck/Elk zum Stehen gekommen, sprangen wir voll Tatendurst heraus. Schon bei der Einfahrt hatten wir die am Bahnsteig stehende Ty2-1407 erspäht, die sogleich abgelichtet wurde.

http://www.frank-engel.de/alle/02454.jpg

Bestärkt durch die Warschauer Auskunft bezüglich des aufgehobenen Fotografierverbotes spazierten wir ohne Umschweife hinüber ins Bw und stürmten beim Dysposytor ins Büro. Der war überaus freundlich und erlaubte ohne Umschweife das Fotografieren.

Im schönsten Abendlicht sprangen wir durch das Gelände und lichteten die im Freien stehenden Loks Ty2-1258, Ol49-4 und Ol49-9 ab. Leider waren die Maschinen kalt. Die Rückfrage beim Lokleiter ergab, dass die Einsatzloks alle unterwegs seien. Als nächster Dampfzug wurde uns der Personenzug aus Arys um 17:51 Uhr angekündigt, genug Zeit, um endlich etwas zu essen und vor allem die Übernachtung klar zu machen.

http://www.frank-engel.de/alle/02451.jpg
Ol49-9

http://www.frank-engel.de/alle/02452.jpg
Ol49-4

Wir machten uns etwas ziellos auf den Weg in die Innenstadt, wobei wir am Bahnhof erst einmal die nächste Imbissbude aufsuchten und uns ein paar „Zapikanki“, eine Art mit Käse und Pilzen überbackenes Baguette nebst Getränken genehmigten. Das dazu nötige Kleingeld in einheimischer Währung wurde zu einem gerade noch erträglichen Kurs bei einem der dort stehenden Taxifahrer erworben.

Dermaßen gestärkt ging es mit der Übernachtungssuche weiter. Gleich beim ersten Versuch wurden wir fündig: Etwa 200 m vom Bahnhof entfernt befand sich in einem äußerlich etwas heruntergekommenen Haus ein unscheinbares Hotel, welches von innen den Eindruck eines umgebauten Mietshauses machte. Das angebotene Dreibettzimmer und die ganze Ausstattung waren sehr schlicht. Die Waschgelegenheit war über den Flur und das Bettzeug – immerhin vorhanden – schien halbwegs in Ordnung. Naja, der Traum war’s nicht, aber Lust auf die weitere Suche nach Alternativen hatten wir auch nicht. Also quartierten wir uns hier für die folgenden zwei Nächte ein.

Anschließend schlenderten wir quer durch den Ort in Richtung Haltepunkt Lyck West/Elk Zachodnia, um auf den angekündigten Dampfzug zu warten. Besonders toll waren die sich bietenden Motive dort alle nicht, so dass wir einfach am Bahndamm Position bezogen. Unmittelbar vor dem Dampfzug knatterte überraschend noch ein Schienen-Pkw vorbei, der natürlich ebenfalls abgelichtet wurde.

http://www.frank-engel.de/alle/02457.jpg

Als schließlich wenig später Ol49-18 im letzten Licht des Tages vorübergerollt war, konnten wir sehr zufrieden mit dem bisherigen Fahrtverlauf zum Abendessen schreiten, welches wir im ersten Haus am Platze neben der Kirche zu uns nahmen. Nach einem Schlummertrunk trollten wir uns bald ins Hotel, wo wir doch recht erschöpft in die Betten fielen.

http://www.frank-engel.de/alle/02456.jpg




Teil 1 ist geschafft! Wenn es gefallen hat, dann geht es morgen mit Teil 2 endlich richtig zur Sache.

Euer xBurt.




1-mal bearbeitet. Zuletzt am 2020:07:10:20:36:26.
Hallo xBurt,

tolle Geschichte, ich freue mich auf die Fortsetzung! Korsze und Elk habe ich selber noch unter Dampf erleben dürfen und ich bin deshalb gespannt auf Eure Erlebnisse und Bilder!

Viele Grüße
Ger Dijkstra

Super - vielen Dank - weiter so ! (o.w.T)

geschrieben von: vobri

Datum: 17.04.08 23:27

(Dieser Beitrag enthält keinen Text)
Exakt diese Tour habe ich 1992 zweimal gemacht, im März und Mai. Jetzt weiß ich auch, warum das Hotel in Elk so durchgelegene Matrazen hatte.

Jestem bardzo ciekawy,

Jürgen

Der PKW ist übrigens ein früher "Warszawa" (owt)

geschrieben von: Josef-Schwejk

Datum: 18.04.08 19:24

.



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 2008:04:18:19:25:11.