Zum Jahresausklang gibt es heute wieder einmal Indien. Diesmal geht es in die Zuckerfabriken. Ich hatte zwar schon in einem der früheren Teile diverse Fotos zu diesem Thema gebracht, aber jetzt gibt´s das ganze in konzentrierterer Form.
Beginnen wir – der Chronologie unserer Tour folgend – in Hathua. Um hierher zu gelangen, fuhren wir mit einem Nachtzug von Varanasi nach Bathni, wo wir in einen Anschlußexpress umsteigen wollten. Wir kamen dort deutlich vor Sonnenaufgang an und konnten eine WG vom BW Chhapra beobachten, die gerade einen Personenzug bereitstellte. Auch dieser sollte nach Siwan fahren, unserem nächsten Etappenziel, aber erst nach dem Express abfahren. Inzwischen wurde es hell, aber kein Express tauchte auf. Dafür belebte sich so langsam der Dampfzug am gegenüberliegenden Bahnsteig. Man versicherte uns, der schnellere Express käme jetzt sicher ganz bald und wir sollten auf jeden Fall warten: „Trrain is comming soon!! Verryverry soon!!“ Die WG dampfte schließlich davon, von unserem Zug immer aber noch keine Spur. Ich weiß nicht mehr, wie viele Stunden Verspätung letztlich zusammenkamen, aber bei unserer Ankunft in Siwan hatte die WG bereits gewendet und fuhr gleich nach unserer Ankunft mit dem Gegenzug wieder zurück. Mist, nicht nur Zeit verloren, sondern auch eine Dampfzugfahrt verpaßt – das wäre immerhin die erste der ganzen Tour gewesen! Etwas muffelig stampften wir durch den Meterspurteil des Bahnhofs und haben immerhin noch ein paar YG und YP im BW aufnehmen können. Zu unserer Freude gab es hier noch 100% Dampf! Bis Hathua ging es nun mit einer YG. Das war doch mal was! Beim Aussteigen dämpfte sich unsere Begeisterung jedoch jäh. Das Licht stand unmöglich und dann herrschte ein derartiger Dunst über der Stadt, daß bei dem grellen Mittagslicht alles nur noch silbrig aussah. Es war schwül und stickig, jeder Schrit wurde zur Strapaze und alles wirkte irgendwie eingestaubt! Das Unangenehmste: es gab im ganzen Ort keine Limca – eine Art Zitronensprudel, die man im Gegensatz zu vielen „Mineral“wässerchen bedenkenlos in sich hineinschütten kann. Und wo war diese verdammte Zuckerfabrik? Zu sehen war erst einmal nichts. Aber so eine Zuckerfabrik muß ja schließlich auch einen Gleisanschluß haben. Also mit vollem Gepäck am Gleis entlang – in die völlig falsche Richtung. Nach einiger Zeit wurde es uns zu dumm und wir stoppten die nächste vorbeikommende Riksha. Leider erwies sich der Fahrer als ausgesprochen schmächtiger Junger von höchstens 14 Jahren. Dieser setzte nun seinen ganzen Ehrgeiz daran, zwei knapp 2 Meter große Touristen samt Gepäck und Fotoausrüstung durch die ganze Stadt zu strampeln! Ich konnte dabei nicht zusehen – ich lief lieber nebenher. Nach einer Runde durch ganz Hathua kamen wir schließlich wieder zum Bahnhof zurück und fanden das Werk gleich gegenüber der anderen Bahnhofsausfahrt...
Aber dann töffelte „Mersey“ mit einem beladenen Zug zur Übergabe heraus! Ich wußte zwar, was uns in etwa erwarten würde, aber wenn man nach einer gewissen Odyssee dann plötzlich live hiermit konfrontiert wird....
...das haut einen irgendwie aus den Schuhen! Im letzten Teil hatte ich zum Schluß die „Tweed“ von 1873 gezeigt. Die „Mersey“ ist mit ihr Baugleich und hat die unmittelbar folgende Fabriknummer von Sharp-Steward. Ich war hin und weg! Nachdem wir nun ausgiebig die Lok und alle Einheimischen ausgiebig die Touristen bewundert hatten, senkte sich ein Signalfügel auf „Fahrt“ und eine YG mit einem Personenzug passierte den Ort des Geschehens. Leider waren wir nicht schnell genug, um die Mersey vernünftig ins Bild zu bekommen, aber die Begegnung zweier Dampfloks, die ungefähr hundert Jahre auseinander liegen, will ich euch natürlich nicht vorenthalten.
Neben der meterspurigen Mersey gab es noch die 610mm-spurige Baldwin 2´C und diese vielfach umgebaute Henschel, die aber nur noch im Werk rangierten. Strecken in die Felder existierten es nicht mehr. Man beachte, daß die Maschine nicht mehr wirklich ganz lotrecht aufgebaut ist. Ob nun der Schornstein schief sitzt oder die Wasserkästen, vermag ich nicht zu entscheiden.
Im Hintergrund die Brechanlage, mit der das Zuckerrohr zu Beginn der Produktionskette zerkleinert wird. Alles offenliegend!!! Beachtenswert ist auch die doppelspurige Weiche in ihrem erstaunlichen Erhaltungszustand.
Diese Maschine (ich nehme einmal an, auch eine Henschel) stand als Schrott in der Ecke. Sie hatte ihre besten Zeiten ebenso hinter sich, wie die Gummibäume gleich daneben...
Nach unserer Weksbesichtigung mußten wir feststellen, daß bis auf weiteres erst einmal kein Zug in Richtung Motihari fahren würde. Und jetzt? Warten? Angesichts der jetzt schon unüberschaubar großen Zuschauermenge, die uns im einzigen Lokal des Ortes beim Biertrinken (welches eigenartigerweise wider erwarten erhältlich war) beobachtet haten, kam uns dieser Gedanke nicht allzu sympathisch vor. Wir zogen es vor, per Bus weiter zu machen. Dazu sage ich nur: indische Busse sind immer überladen, eng und unbequem und die Fahrer sind definitiv wahnsinnig. Trotzdem – wir kamen noch am selben Tag unbeschadet an! Und immerhin: schön war es, wie wir nach Einbruch der Dämmerung an einem Bahnübergang halten und einem langen Personenzug mit YP oder YG den Vorrang lassen mußten. Diese Vorbeifahrt eines Dampfzuges mitten im Nichts, vom Mond beleuchtet – wau!!!
Motihari ist eine Stadt, die man nicht unbedingt kennen muß, die aber, soweit ich mich erinnere, mit George Orwell immerhin einen weltbekannten Sohn hervorgebracht hat. Wir kamen, wie gesagt, dort im Dunklen an und stellten fest, daß es im Ort praktisch keinen Autoverkehr und so gut wie keine Elektrizität gab. Eine unbeschreibliche Atmosphäre – nur Kutschen und Fahrräder auf der Straße und alles mit Kerzen oder Campinggas- bzw. Karbidlampen beleuchtet! Man fühlte sich irgendwie ins 19. Jarhrhundert versetzt. Zum Frühstück gönnten wir uns eine Limca und, zur Malariaprophylaxe, eine Resochin-Tablette, was zwar nicht unbedingt pappsatt machte, aber im Vergleich zu Hathua schon mal einen riesigen Fortschritt in Sachen Lebensqualität darstellte. Jetzt waren wir natürlich auf die Zuckerfabrik gespannt. Diese lag ein ganzes Stück außerhalb und so nahmen wir eine Taxikutsche. Wer jetzt romantische Gefühle bekommt – hättet ihr den armen Gaul gesehen....Oje!!!
Die Zuckerfabrik war leider außer Betrieb. Abgestellt vorhanden war eine halbe (!) englische Diesellok, ein betriebsfähiger Jung B-Kuppler von 1950 (im Hintergrund) und diese Bagnall-Satteltanklok, die schon lange nicht mehr eingesetzt worden war. Alles auf Meterspur, was für eine Bagnall dieser Bauart wohl eher ungewöhnlich breit ist – ich kenne jedenfalls sonst keine.
Nun, alles in allem war dieser Abstecher eher enttäuschend. Aber in der Nähe lag die Zuckerfabrik Motipur, wo man mit dem Mittagszug („Okay, Mutter, ich nehme die Mittagsmaschine“) bequem hingelangen konnte. Und ausgerechnet dieser ließ nun unnötig lange auf sich warten. Während wir nun versuchten, die Zeit mit überhauptnichtstun herum zu bekommen, sammelte sich binnen Minuten eine ständig wachsende Schar von Schaulustigen um uns herum, die, keinen Mucks von sich gebend, uns mit der Zeit etwas sehr nah auf die Pelle rückten. Irgendwann wurde es mir zu blöd. Ich stand auf und ging.ein paar Meter, die Zuschauermassen -inzwischen deutlich über hundert, eher zwei- bis dreihundert Personen - schlurften im respektvollen Abstand hinterher. So ging es nun durch den ganzen Bahnhof. Irgendwann bin ich dann ins Büro des Station Headmasters gegangen – hierher trauten sie sich nicht! Dafür hingen an allen Fenster- und Türöffnungen regelrechte Menschentrauben! Erst als der Zug dann endlich doch noch kam, zerstreute sich die Menge.
Motipur besaß ebenfalls eine Meterspurlok, diesmal von 1876. Interessanterweise hatte sie zwei völlig verschiedene Fabrikschilder, von denen ich mir nur das von Neilson notiert hatte. In Betrieb war dieses Schmuckstück allerdings nicht. Sie stand im stolz mit Metergauge-Schuppen bezeichneten Gebäude, das man heute auf neudeutsch wahrscheinlich als „Locoport“ bzeichnet.
Auch diese Lok stand wieder nur kalt herum. Offenbar gab es keinen rechten Bedarf mehr für sie, doch als ein paar Jahre später eine andere Zuckerfabrik Interesse an der Übernahme der Maschine äußerte, wurde mit Händen und Füßen für ihren Verbleib als Kulturgut in Motipur gekämpft. Ob sie heute noch dort steht? Und in welchem Zustand?
Als Trost dampfte auf 610 mm neben der Fowler vom ersten Teil diese Henschel aus den 20er Jahren. Gerade war sie mit einem beladenen Zug hereingekommen und machte sich nun im Verschub nützlich. Bemerkenswert ist der Tender!
Gerne wären wir noch etwas länger dort geblieben, aber nun wurde es langsam dunkel und irgendwelche vernünftigen Übernachtungsmöglichkeiten gab es nicht. Also wieder zum Bahnhof. Licht gab es dort nur in Gestalt der Karbidlampe des Fahrkartenschalters – sonst nichts. Und eine himmlische Ruhe – kaum Straßenverkehr, keine dudelnde Musik, kaum Leute. Dann kamen aus beiden Richtungen gleichzeitig zwei Personenzüge, deren Stirnlampen kilometerweit erkennbar waren. Natürlich auch diesmal wieder dampfbspannt. Ich fuhr auf dem Führerstand mit und erlebte eine feszinierende Volldampffahrt durch die Nacht nach Muzzafapur, wo wir dann direkt in einen WP-bespannten Breistpurzug umstiegen. Dieser Zug war auffallend leer und zu unserer Freude fehlte bei unserem Wagen die lästige Fenstervergitterung. So konnten wir die ganze Fahrt völlig ungestört aus dem Fenster hängen und den Blick auf die Stromlinienlok genießen – natürlich nur so weit, wie es im Dunklen noch möglich war. Dieser Tag endete in Hajipur, und wie es direkt weiterging, könnt ihr dem vorherigen Teil entnehemen
Wirklich bekannt waren damals die Loks der Zuckerfabrik Saraya in Sardanagar, nahe Gorakhpur. Grund für die Bekanntheit war natürlich die Tweed, die damals älteste regelmäßig eingestzte Lok der Welt. Doch auch die Nr.54 war eine Augenweide:
Natürlich war die 54 wesentlich jünger: nicht 1873, sondern 1888... Wie auch die Tweed, die Mersey oder die Lok aus Motipur hatte sie eine Hauptbahnvergangenheit. Man kann sich durchaus vorstellen, wie diese Maschine mit einem Schnellzug durch Indien eilte!
Wir kamen erst nach einer Odyssee über Patna – Bankura – Katwa – Darjeeling – Nepal – Darbangha - Samastipur hierher, wobei mir Gorakhpur als recht gepflegte Stadt mit gepflegten YG/YP im Meterspurteil des Bahnhofs in Erinnerung blieb.
Unschön war allein die Tatsache, daß wir stundenlang auf unser besteltes Taxi zur Zuckerfabrik warten mußten. Die Streckenleistungen mit Dampf hatten wir so natürlich gerade wieder verpaßt. Aber zum Trost schickte der Chef die eigentlich gerade nicht benötigte Tweed zum Schaurangieren zur Gleiswaage, wo sich gerade auch die 54 aufhielt. Hier ein Bild vor der Abfahrt.
Das Bild mit beiden Maschinen nebeneinander gab es im ersten Teil. Dafür seht ihr nun die 54 bei der Rückkehr, nochmal am Bahnübergang unmittelbar am Werkstor (vgl. letzter Teil), diesmal in einer extrem ruhigen Minute aufgenommen.
Natürlich gab es auch Loks auf 610 mm. Hier ein Blick auf die Neubaumaschine, eine C1´ von Kitson aus dem Jahr 1900 (links), daneben eine früher im Punjab eingestezte Staatsbahn-Pazifik, von der ich das Baujahr aber nicht griffbereit habe. Letztere war gerade ausgeachst, kam aber später wieder in Fahrt.
Abgestellt gab es eine weitere 2´B von Dübs / 1883, eine sehr schöne meterspurige Hauptbahnmaschine, die eigentlich noch recht gut aussah.
Obwohl sich mittlerweile auch in Indien eine Eisenbahnfreundeszene zu etablieren beginnt, wurde dieses Prachtstück vor einigen Jahren an Ort und Stelle zerlegt!! Hoffentlich hat dieses Schicksal nicht auch die anderen Loks dieses Beitrags ereilt. Für Informationen wäre ich auf jeden Fall dankbar.
Falls ihr jetzt unruhig werdet: nein, das war noch nicht die letzte Folge. Im nächsten Jahr werde ich eich ein paar BW-Eindrücke zeigen, danach geht es nochmal kreuz und quer durchs Land und zuletzt werde ich die aller-aller letzte nicht-touristrische Dampfstrecke Indierns vorstellen. Also für ein paar Wochen bleiben wir noch im Lande.
Und jetzt wünsche ich erst einmal allen einen guten Rutsch und ein frohes neues Jahr.
Bis dann alles Gute, Christoph