Mal sehen, wie hier etwas stark exotisches ankommt: Indien. Anfang der 90er Jahre konnte Indien dem Dampflokfreund noch einiges bieten: neben einigen mehr als 120jährigen Werksloks tummelten sich noch ca. 1500 Breitsprur- und 2500 Meterspurdampfloks auf dem Netz der Indian Railways. Mehr als genug Anreiz für einen Abstecher also, auch wenn Indien für einen bis dahin Übersee-Unerfahrenen wie mich wirklich kein allzu leichtes Reiseland war!
Wie muß man sich nun so eine indische Dampfhochburg vorstellen? Jalandhar City im Bundesstaat Punjab z.B. sah zwar den ganzen Tag über etwas Dampf, was aber die meiste Zeit recht ruhig ablief. Am frühen Nachmittag jedoch verdichtete sich der Betrieb dermaßen, daß zwischen 15 und 17 Uhr etwa alle 4 - 5 Minuten mit einem Dampfzug zu rechnen war. Teilweise fuhren derartig viele Züge gleichzeitig, das an einem Tag gleich drei Doppelausfahrten kurz hintereinander zu sehen waren. Das sah dann so aus:
Die reichlich heruntergekommene Stromlinien-WP zieht ihren Zug in Richtung Pathankot, während die leichte WL-Pazifik in Richtung Süden nach Ludhiana davonkracht. Untermalt wurde das ganze von kanonenschlagartigen Auspuffschlägen und einem wilden Pfeifkonzert – unser Treiben blieb dem enthusiastisch grüßenden Personal natürlich nicht verborgen! Kaum waren diese Züge weg, kam aus der Gegenrichtung eine weitere WL, der wiederum noch eine Doppelausfahrt begenete. Hach!
Hier ein ganzes BW voller WPs: ungefähr 10 Maschinen dampfen im Saharanpur bei Sonnenaufgang vor sich hin:

Jetzt fehlt noch die Dritte Breitspur-Standardbaureihe der IR der letzten Jahre:die 1´D 1´- Güterzugreihe WG, hier aufgenommen bei Bankura im weiteren Umkreis von Kalkutta:
Diese Maschine kam vom BW Adra, das noch bis zuletzt fast ausschließlich hervorragend gepflegte Loks einsetzte. Hier ein weiteres Beispiel für den tadellosen Zustand, aufgenommen am Bahnsteig von Adra:
Kommen wir nun nach Bihar. Bihar? Es handelt sich schlichtweg um den ärmsten Bundesstaat Indiens mit einem erschreckend niedrigen Lebensstandard – aber einigen hochinteressanten Zuckerfabriken! Bauern und Polizisten werden vielfach nicht bezahlt, wobei gerade letztere sich wiederum in den Dienst vermögender Großgrundbesitzer gestellt haben. Für uns Touris war Bihar – im Gegensatz zum größten Teil der Bevölkerung - zwar nicht wirklich existenzbedrohend, aber beileibe auch kein reines Urlaubsvergnügen: vernünftige Hotels oder Restaurants gibt es so gut wie gar nicht, daneben benötigt man dank eines recht dünnen Fahrplans unnötig viel Zeit, um von A nach B zu gelangen. Touristen an sich sind die totale Ausnahme, weshalb es keine 5 Minuten dauert, bis sich um einen solchen eine Menschentraube von ca. 300 Zuschauern bildet, die allesamt direkt vor der Kamera stehen. Man kann natürlich irgendwann einfach weitergehen, wobei das Geräusch von 300 Paar Badeschlappen, die hinterherschlurfen unvergesslich bleibt. Wirklich schlimm ist das eigentlich nicht, nur für Übersseneulinge wie mich überaus beunruhigend. Aber was nimmt man nicht alles auf sich, um in Bihar so etwas zu Gesicht zu bekommen:
„Mersey“ (Sharp-Steward 1873) der Zuckerfabrik Hathua.
Neben der meterspurigen Mersey gab es dann noch diese 610 mm-spurige 2´C aus den USA.
Getopt wurde das Ganze aber noch von der Zuckerfabrik Saraya bei Gorakhpur, wo neben der noch älteren „Tweed“ (Sharp-Steward 1873, exakt 1 Fabriknummer unter der Mersey) z.B. auch noch eine 2´B Schnellzuglok von 1884 im Einsatz stand. 230 Lokomotivjahre auf einem Bild!
Die „Neubaulok“ von Saraya war übrigens eine Kitson von 1900 auf 610 mm- Spur.
Hier noch einmal die Tweed im bunten Treiben nahe der Fabrik. Gleich zwei Hochzeitsgesellschaften feiern unmittelbar nebeneinander, wobei beide auf sehr laute, aber völlig unterschiedliche Musikuntemalung (Marke „Bollywood“) setzen. Diese unterscheidet sich wiederum aufs heftigste von dem, was aus dem Dorflautsprecher brüllt (oben), der wiederum gänzlich anderes spielt als das plärrende Radio im Obergeschoss des Hauses.
Vergleichsweise modern ging es dagegen in Motipur zu, wo auf 610mm gerade eine Henschel und eine Fowler im Werk rangieren:
Aber auch die Staatsbahn hatte in Bihar noch absolut sehenswertes zu bieten:
Die hier im BW Samastipur aufgenommene YP war allerdings das beeindruckendste bischen Bihar im kilometerweiten Umkreis. Ihr Pflegezustand war schon 1993 keineswegs mehr alltäglich! Auch von Innen konnte sie sich sehen lassen:
Nochmal zurück in den Punjab. Wir gerieten mitten in den Trubel des Holly-Festivals, das man einfach nicht beschreiben kann. Um es kurz zu machen: wer es nicht mag, einen ganzen Tag lang über und über mit bunter Farbe eingesaut zu werden, sollte besser nicht rausgehen. Wir wußten dies nicht... Natürlich klappte das an diesem Tag mit den Doppelausfahrten auch nicht, und zu allem Überfluß kam sogar auch sonst so gut wie kein brauchbares Foto zustande. Etwas übellaunig saßen wir dann abends in der fast stockdunklen Bar unseres Hotels (ist typisch indisch; maximal zwei 20-Watt Birnen, rot und grün angemalt, sorgen für intime Stimung in einem turnhallengroßen Saal...) und wollten gerade das durchaus trinkbare „Kingfisher“-Bier bestellen, als uns der Kellner gerade noch rechtzeitig darauf hinwies, das es sich mit läppischen 5% Alkoholgehalt hierbei um ein Leichtbier handele. Statt dessen kam etwas mit dem hoffnungsvollen Namen „Godfather Superstrong High Power Beer“ (kein Scherz!), serviert in Literflaschen. Gegen 2 Uhr morgens begaben wir uns ins Bett, um bei Sonnenaufgang dann wieder an der Strecke zu stehen und auf die WL nach Firozpur zu warten - genau in dem Moment, als Godfather Superstrong High Power seine ganze verheerende Wirkung entfaltete. Der Anblick zweier „sterbenskranker“, mühsam auf Fotokoffern hingelümmelter Touristen war dann doch zuviel für ein unmittelbar am Ort des Geschehens wohnendes Rentnerpaar. Nach dem ersten Schrecken holten sie uns aus lauter Mitleid umgehend ihr Bett, eine bequeme Bambuspritsche, heraus! Und so kam es, daß ich im Bett liegend Dampfzüge fotografiert habe! Hier das Resultat:
Es folgte eine Einladung zum Tee, der uns wenigstens etwas ins Leben zurückholte.
Als wir ein andernmal während einer Taxifahrt mit Müh und Not einen Zug gerade eben überholt hatten, fiel unserem Fahrer auf, daß er dringend tanken müsse – ganze 5 Liter (die Tankstelle war ein paar Cent billiger als die zu Hause...)! Unser Protest wurde kommentiert mit „No prroblem Misterr, I will catch the Trrain!“ Und tatsächlich: ein paar Kilometer und mehrere verpaßte Motive weiter waren wir gleichauf mit der WL. Mit „I will catch the train!, I will catch the train!” heizten wir und der Zug nun munter auf einen Bahnübergang zu – wir immerhin nun schon knapp 5 Meter in Führung liegend. „No prroblem! I will catch the train!“ – unser entsetztes Aufschreien wurde ignoriert, im Schlußspurt ging es dann tatsächlich noch knapp vor dem Zug über das Gleis. So nah habe ich im Leben noch keine Rauchkammertür in voller Fahrt gesehen... Immerhin: Ein, zwei weitere Fotos haben wir später noch geschafft:
Bereits ein bis zwei Jahre nach diesen Fotos war in ganz Indien der Breitspurdampf schlagartig zu Ende! Die letzten Einsätze erfolgten im Punjab, und so wurde die in vergleichsweise geringer Stückzahl gebaute WL zur letzten Breitspurbaureihe Indiens. Auf Meterspur konnten sich die YP und YG auf einzelnen weniger wichtigen Strecken immerhin bis ungefähr 2000 halten, aber zu diesem Zeitpunkt waren es nur noch verschwindend wenige Exemplare. Es blieben bis heute nur noch die Darjeeling- und die Nilagiri-Bahn wo zumindest ab und zu noch, bzw. auf Teilstücken Dampf eingesetzt wird; daneben existieren einige betriebsbereite Museumsloks z.B. in Rewari und eine Sammlung kalter Exemplare im Freilichtmuseum von Delhi. Und die Zuckerfabriken? Auch hier dürfte sich mittlerweile nichts mehr abspielen :-(((
Soviel für heute. Ist irgendwer an einer Fortsetzung interessiert?