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Gronau (NRW) Umstellung Stadtbus -> on-demand-Angebot

geschrieben von: BSKS

Datum: 02.10.21 13:41


Hallo und guten Tag,

einer der großen Trends – wenn man Pressemeldungen zum ÖPNV regelmäßig verfolgt – ist das Thema des fahrplanlosen vollflexiblen „on-demand-Verkehrs“. Im Juni ist im westfälischen Gronau (49.000 EW) ein solcher Betrieb mit vier Fahrzeugen an den Start gegangen. Vorteilhaft beim neuen Angebot ist neben der Flexibilität vor allem auch die bessere Erschließung, da zu den bisherigen rund 80 Bushaltestellen etwa 50 weitere Haltepunkte dazugekommen sind. In einem nächsten Schritt soll der einzige weitere Stadtteil Epe einbezogen und die Betriebszeit täglich bis Mitternacht ausgeweitet werden.
Stadt Gronau: Das G-Mobil
mobilNRW: G-Mobil in Gronau

Im ersten Monat lief das „G-Mobil“ noch in einer Übergangsphase parallel zum bestehenden Stadtbusverkehr, bereits im Juli wurde dieser nun dauerhaft eingestellt. Er bestand aus drei stündlich verkehrenden Stadtbus-Linien und zwei stündlich verkehrenden TaxiBus-Linien. Ein Regionalbus bindet den Stadtteil Epe stündlich an, und es verkehrt noch eine Bürgerbuslinie.

Finanziert wird das Projekt offenbar durch eine Förderung vom Land NRW, welches 15 Projekte mit in Summe 30 Mio. € bis 2023 fördert:
Pressemitteilung Land NRW

Beim Gronauer Vorhaben heißt es u.a., dass das On-Demand-Angebot auch als Zubringer zu den Bahnhöfen bzw. zu starken Busachsen dienen soll:
Mobil.NRW: Projektübersicht

Nun gibt es erste Bilanzen. Demnach wurden im ersten Monat, als noch die Stadtbusse fuhren, 591 Fahrgäste befördert, im Folgemonat Juli 2021 sind es 1.300 Fahrgäste gewesen. In der 100-Tage-Bilanz wurden dann 4.500 Fahrgäste benannt!
Stadt Gronau: 100-Tage-Bilanz
Stadt Gronau: 2 Monate G-Mobil
Westfälische Nachrichten: Erste Bilanz G-Mobil

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Schön und gut bis jetzt. Wie kann man dies nun vorsichtig bewerten und einschätzen? Am einfachsten mit einem Vergleich zur vorherigen Situation. Im bisherigen Stadtbusverkehr in Gronau wurden zuletzt täglich ca. 300 Fahrgäste befördert, vor Jahren lag die Zahl bei bis zu 350 Fahrgästen, wie zwei Pressemeldungen es aufzeigen:
Bus und Bahn: Umstellung auf on-demand-Angebot
Westfälische Nachrichten 2009: 19 % mehr Fahrgäste

Die alten Fahrpläne sind übrigens noch abrufbar beim RVM, einen Hinweis auf deren Einstellung findet man nicht:
Stadtbus Gronau C1
Stadtbus Gronau C2
Stadtbus Gronau C3

Greift man die 100-Tage-Bilanz auf, werden demnach täglich 45 Fahrgäste in 35 Fahrten befördert. Man hat also nach Adam Riese die Fahrgastzahlen auf das Niveau von weniger als einem Sechstel der früheren Fahrgastzahlen des Stadtbus geschrumpft! Und das trotz erheblich mehr Zugangspunkten. Die Fahrgastzahlen werden sich zwar noch ein wenig weiterentwickeln, aber diejenigen des schon sehr dürftigen konventionellen Busverkehrs wird man so nicht erreichen. Mal im Ernst, wie kann man einen ÖPNV in einer Stadt mit knapp 50.000 Einwohnern mit vier Vans versuchen zu organisieren?

Für eine Stadt mit der Größe von Gronau ist schon das bisherige stündliche Angebot äußerst mager gewesen. Denn die rund 300 täglichen Fahrgäste haben sich montags-freitags auf 75 Fahrten täglich verteilt, das sind im Durchschnitt vier Fahrgäste je Fahrt. Da kann man schon verstehen, wenn von den „großen leeren Bussen“ gesprochen wird. Es liegt aber ganz allein am Angebot, in der genauso großen niedersächsischen Kreisstadt Wolfenbüttel werden nicht zwei, sondern 13 Stadtbusse auf zehn Linien eingesetzt, die sich teilweise zu einem Viertelstundentakt überlagern. Viele andere Städte haben ein vergleichbares Angebot.

Zur Verkehrswende trägt diese Umstellung in Gronau nicht bei. Man hätte vielmehr den vorhandenen Stadtbus-Betrieb mit einem dichteren Takt ausweiten oder auf eine wichtige Hauptlinie konzentrieren und diesen dann mit dem G-Mobil am Stadtrand oder in den Schwachverkehrszeiten ergänzen sollen, um den Anteil des ÖPNV am Modal Split zu vergrößern – nicht zu verkleinern. Die bisherigen Stadtbusnutzerinnen und –nutzer werden nun laufen oder radfahren (gute Sache), sich bringen und abholen lassen oder zuhause verbleiben, was insbesondere dem älteren Teil der Bevölkerung nicht gerade die Teilhabe an der Gesellschaft erleichtert (schlechte Sache).

Leider ist es so, dass in den Kommunen kaum jemand einen nennenswerten Überblick über solche Entwicklungen hat, und die Bürgerschaft lässt sich von den bunt präsentierten Neuerungen blenden. Dass weitere Städte diesem Beispiel folgen werden, liest man schon oft genug. Das Ergebnis werden vollere Parkplätze und vollere Straßen sein. Alleine durch die Shuttles, die erst einmal leer zu ihren Einsätzen fahren und dann höchstens zwei Fahrgäste aufnehmen. Der alte Gronauer Stadtbus hat ohne einen Meter Leerfahrt auf dem Hin- und Rückweg schon mal acht Fahrgäste befördert.

In Gronau sehe ich kein Licht am Ende des Tunnels für den ÖPNV. Dabei heißt es ja, das G-Mobil soll als Zubringer zu starken Busachsen dienen – allein ich finde keine? Ist das die Zukunft des ÖPNV? Garantiert nicht. Man sollte solche Umstellungen im ÖPNV daher sehr kritisch begleiten. Und was passiert eigentlich nach dem Ende der Landesförderung?

Ein nachdenklicher Gruß in die Republik
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