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[FR][IT] In den Ländern der Tricolore – Ein französisch-italienischer Jahresrückblick auf 2019

Hallo zusammen, salut à tous, ciao a tutti!

Da ich mit meinem Jahresrückblick dieses Jahr leider zeitbedingt etwas später dran bin, wünsche ich euch allen zuerst ein frohes neues Jahr! Hoffentlich habt ihr den Jahreswechsel gebührend gefeiert und seid gut nach 2020 "gerutscht". ;)

Was der überall hervorgehobene Beginn der „Roaring Twenties“ wohl bereithalten mag? Kommen weitere vier Jahre Donald Trump auf uns zu? Bekommt sein britischer Buddy mit der ebenfalls lustigen Frisur seinen Brexit endlich? Wird die deutsche Fußball-Nationalelf bei der transeuropäischen EM ähnlich desaströs abschneiden, wie bei der WM 2018? (Für den alten Monnemer in mir viel wichtiger: Steigt der SV Waldhof auf?) Und mit wie vielen Hausgeräten werden wir Ende des Jahres sprechen? Fragen über Fragen, über die wir vielleicht in einem Jahr an dieser Stelle mehr sagen können. ;) Jetzt blicken wir erstmal auf die vergangenen 12 Monate zurück!

Für mich persönlich stand 2019 ganz im Zeichen meines ersten juristischen Staatsexamen, dessen schriftlichen Teil ich erfolgreich hinter mir habe. Das Studium an der Uni neigt sich also dem Ende entgegen. Nur die mündliche Prüfung und der Schwerpunkt stehen noch aus. 2020 wird also sicher in dieser Beziehung ein spannendes Jahr mit einigen Veränderungen werden.

Politisch schien mir 2019 in Deutschland, Europa und der Welt wahnsinniger denn je. Irgendwo zwischen Komödie und Trauerspiel. Wer hätte sich vor ein paar Jahren träumen lassen, dass der österreichische Vizekanzler samt Kumpel aus dem „Klub“ im Zustand geistiger Umnachtung auf Ibiza einer vermeintlichen russischen Oligarchin Staatsaufträge und Printmedien zuschustern will und sich dann blöderweise auch noch dabei filmen lässt? Oder sein quasi-neofaschistischer Amtskollege, der auf Sommertour an italienischen Adria-Strände seinen Bierbauch zur Schau stellt und fröhlich in die Smartphones und Kameras grinst, um sich wenig später mit einem Koalitionsbruch (vorerst) zu verzocken? Tragikomödie trifft es vielleicht ganz gut.

Wenden wir uns also diskret und mit einem leicht beschämten Blick ab und der Eisenbahn zu. ;) Was hat 2019 da in meinem Interessengebiet Frankreich und Italien geprägt? In Frankreich ging 2019 mit dem größten Eisenbahnerstreik seit Jahrzehnten zu Ende, der auch im neuen Jahr fortdauert und denjenigen aus dem Frühsommer 2018 in Sachen Intensität noch einmal überbietet. Die Lage ist in Erwartung der höchst umstrittenen Rentenreform von Präsident Macron und dem Kabinett Philippe II festgefahren, eine Entspannung also nicht absehbar. Davon losgelöst setzte sich 2019 auch die lang anhaltende Agonie von Frankreichs Bahnen abseits der Magistralen fort, obwohl die Stilllegung im Personenverkehr „nur“ zwei Strecken betraf, jeweils wegen völlig abgewrackter Infrastruktur: Lille – Comines Anfang Dezember und Bressuire – Chantonnay (- La Roche-sur-Yon) schon Ende November 2019. Letztere wegen zu stark verrosteter Gleise (sic!) infolge des dünnen Verkehrs, gepaart mit feuchtem Herbstwetter. Da fällt einem nichts mehr ein…
Im Fahrzeugsektor ziehen sich die klassischen und von uns frankophilen Fans stets gerne fotografierten E- und Diesellokbaureihen immer stärker zurück. Exemplarisch seien das Ende der 67400er vor den Intercités (jetzt TER) Paris – Boulogne-sur-Mer und die Abstellung der letzten betongrauen BB 7200 beim Geschäftsbereich Fret genannt. Nur vereinzelt halten sich BB 67400 und BB 25500 noch im Einsatz, glücklicherweise primär beim grenznahen Dépôt Strasbourg. Da moderne Triebwagen à la Régiolis – abgesehen von wenigen Magistralen, etwa in der Normandie oder im Burgund – die Vorherrschaft im Personenverkehr endgültig übernommen habe, rückt der häufig spärliche Güterverkehr mehr denn je in den Fokus des Interesses, was sich auch in dieser Retrospektive niederschlägt.
Auch ein Nebeneffekt dieser eher ernüchternden Entwicklung im Hexagon ist, dass ich mich in den letzten 12 Monaten verstärkt Italien als Foto-Ziel zugewendet habe. Denn auch dort ist die Bahn im Wandel und Liebgewonnenes verschwindet, anders als in Frankreich aber eingebettet in eine insgesamt bahnfreundlichere Verkehrspolitik, die sich im Bau von Hochgeschwindigkeitsstrecken, der Beschaffung neuen Rollmaterials und der massiven Förderung des Ausflugsverkehrs der Fondazione FS im ländlichen Raum ausdrückt. Dario Franceschini, der Minister für Kulturgüter und Tourismus im Kabinett Conte II, hat 2020 sogar zum "anno del treno turistico", zum Jahr der Touristik-Züge erklärt. Was in dieser Beziehung binnen kürzester Zeit im klischeehaft ja nicht gerade für rasante Projektumsetzung bekannten Italien auf die Beine gestellt wurde, hat mich nachhaltig beeindruckt.
Im Planbetrieb zieht sich das XMPR-Design, das über die letzten zwei Dekaden das Bild der italienischen Bahn geprägt hat, zunehmend zugunsten der neuen Farbschemata im Regional-, Fern- und Güterverkehr zurück, sodass ich darauf erstmals ein besonderes Augenmerk gelegt habe. Was die Fahrzeuge betrifft, haben sich E 655/656 und vor allem E 444R fast von den Gleisen verabschiedet, auch wenn der finale Todesstoß bislang noch ausgeblieben ist. Dafür mischen neue TRAXX der Reihe E 494 im Güter- und die Triebwagentypen „Pop“ und „Rock“ im Personenverkehr mittlerweile fleißig mit.

Für diesen Jahresrückblick habe ich wie immer versucht, die meines Erachtens besten bzw. charakteristischsten Motive, die schönsten Lichtstimmungen, etc. auszuwählen, ohne dabei eine gewisse Abwechslung hinsichtlich der gezeigten Fahrzeuge komplett außer Acht zu lassen. 27 Bilder sind es insgesamt geworden, bei denen der französische Jura, das Massif Central und die Vogesen ebenso vertreten sind wie verschiedenste Ecken der Apenninhalbinsel. Bedingt durch das Examen im August sind bis dahin eher wenig, in den Monaten September und Oktober dafür umso mehr Fotos entstanden. Das werdet ihr auch im Rückblick merken. ;)

Wer noch etwas weiter in der Vergangenheit stöbern möchte, kann dies bei Interesse zum Beispiel mit meinen Retrospektiven der vorangegangenen Jahre 2014 – 2018 tun:
- [www.drehscheibe-online.de]
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Jetzt wünsche ich wie jedes Jahr aber erstmal für die Edition 2019: Gute Reise, bon voyage, buon viaggio! :)


Februar:

Jeder in unserem Hobby kennt sie bestimmt, solche Tage, an denen man einfach mit der Kamera raus "muss", wenn es sich auch nur irgendwie einrichten lässt... Ein solcher war für mich der 5. Februar 2019, als nach vorangegangenen, intensiven Schneefällen im französischen Jura Sonne pur bei deutlichen Minusgraden vorhergesagt war und zudem, wie mir ein Vögelchen dankenswerterweise zwitscherte, der Getreidezug von Perrigny über Vallorbe nach Italien eingelegt war, der seit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2018 eine für die Winterzeit dankbare neue Trasse am späten Vormittag erhalten hat, die naturgemäß ganz neue Motiv-Varianten eröffnet. Auch die noch mit den letzten nicht modernisierten SBB-NPZ gefahrenen grenzüberschreitenden TGV-Zubringer von Neuchâtel nach Frasne, die im Dezember 2019 durch Flirt France abgelöst werden sollten (das hat sich bei Veröffentlichung dieses Rückblicks bereits bewahrheitet), stellten einen zusätzlichen Anreiz dar. Also gesagt, getan! Die Foto-Saison 2019 war damit offiziell eröffnet, auch wenn es erst mal bei dieser einen Tour bleiben sollte.

Das Jura-Hochplateau empfing mich nach der nächtlichen Anreise mit Temperaturen um -15°C, einer dicken Schneedecke und Raureif an den Bäumen. Optimale Foto-Bedingungen, wenn auch zum Warten auf einen Güterzug mit etwas Leiden in der Kälte verbunden! ;) Gut vorstellen konnte ich mir da, warum der französische Ausdruck "Froid de loup" (wörtlich übersetzt "Wolfskälte") für sehr beißende Minusgrade seinen Ursprung mutmaßlich in der Franche-Comté hat: Zurückgehen soll der Begriff auf eine spezielle Form von Dachziegeln, die "tuiles aux loups", die einst die Bauernhäuser der Region krönten. Durch ihre Bauform begannen sie bei kaltem Nordwind zu heulen, womit sie den Einbruch einer Kälteperiode ankündigten, die - so die Überlieferung - häufig auch mit dem Erscheinen hungriger Wölfe in den Dörfern einherging, die im Winter anderswo keine Beute mehr fanden und daher das Vieh der Bauer rissen...


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Um kurz nach halb zwölf waren die Temperaturen aber bereits deutlich gestiegen und lagen nur noch knapp unterhalb des Gefrierpunkts, als der von BB 26223 im orange-betongrauen Ursprungslack gezogene, quasi auf die Minute pünktliche Getreidezug 47635 (Perrigny - Vallorbe [- Busca]) den winterlichen Bahnhofs-Einschnitt von Vaux-et-Chantegrue (25) passierte. Die Schublok BB 26130 in Fantôme-Livrée geht indes in der Schneefahne unter, die der Zug hinter sich her zog. Die vom Schneeräum-Kommando am Straßenrand aufgehäuften Wälle ermöglichten mir einen gegenüber der regulären Brückenhöhe zusätzlich leicht erhöhten Fotostandort, durch den sich ein andernfalls ggf. störender Mast im Vordergrund ausblenden ließ. Im Sommer würde ich für etwaige Nachahmer der Stelle allerdings eine kleine Leiter o. ä. empfehlen. ;) Zwei weitere Fotos dieses Tages habe ich in der Galerie veröffentlicht: [www.drehscheibe-online.de] , [www.drehscheibe-online.de]



März:

Erst knapp zwei Monate später, am 29. März, fand ich wieder Zeit für eine Fototour. Es sollte mal wieder an die französische "Ligne 4" gehen. "Ligne 4" ganz ohne CC 72100...? Geht das? Ja, es geht sehr gut, auch wenn ich selbst ein Weilchen gebraucht habe, um mich nach dem Ende der bulligen Kult-Sechsachser im Frühjahr 2017 wieder für den Schienenstrang Paris - Chalindrey - Belfort begeistern zu können. Maßgeblich dazu beigetragen hat unter anderem der regelmäßige VFLI-Sandzug von Oulchy-Breny nach Bantzenheim u. z., der hier vorerst nicht weiter Thema sein soll, da er noch später in diesem Rückblick folgt. Aber auch der übrige Güterverkehr hat im Jahresfahrplan 2019 noch einmal etwas angezogen, wenn auch weiterhin auf niedrigem Niveau. So ist mittlerweile neben VFLI, Lineas (OSR France) und CFL Cargo auch SNCF Fret wieder auf der "L4" unterwegs, zumindest westlich von Vesoul. Bedient wird dort ein auf dem Gelände des ehemaligen Containerbahnhofs neu errichtetes Getreide-Silo, das Export-Getreide zu den französischen Seehäfen per Bahn versendet. Der anvisierte und abschnittsweise bereits realisierte Abbau der Telegrafenleitung samt (Doppel-)Masten trug seinen Teil dazu bei, dass sich ein Besuch an der Strecke 2019 förmlich anbot, zumal innerhalb der als Tagesausflug machbaren Distanz! :)


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Um kurz vor neun klickte der Verschluss der Kamera für das Objekt der Begierde, die leere Zuführung der VTG-Getreidewagen zum Silo in Vesoul. An diesem Tag war die BB 75407 für die als FRET 450347 (Culmont-Chalindrey - Vesoul) laufende Fuhre zuständig. Der Blick zum Zug schweift über die Dächer des kleinen, pittoresken Örtchens Rosières-sur-Mance (70), wo die Zeit wie stehen geblieben wirkt... Auch ein paar kleine landwirtschaftliche Betriebe gibt es dort noch, unter anderem die Schafzucht des Bauern, der prompt zu mir empor gestapft kam, als er mich dort oben am Hang entdeckte und mit einem kurzweiligen Gespräch die Wartezeit bis zum Zug überbrückte. Erreichbar ist der Fotostandort nur über mehrere Zäune und Privatgrund hinweg, wobei mir der "propriétaire" dafür im Nachhinein ausdrücklich seine Absolution erteilte. Nur sollte man natürlich entsprechend Rücksicht und Umsicht walten lassen, auch gegenüber den süßen Tierchen. ;) Einen ausführlicheren Bericht des warmen Frühlingstags findet ihr bei Interesse im Auslandsforum: [www.drehscheibe-online.de]



Mai:

Nachdem im April trotz teilweise phänomenalem Frühlingswetter überhaupt keine Bahnfotos entstanden – neben dem üblichen Lernprogramm in den letzten Monaten vor dem Examen ist bei uns in der WG auch eine neue Mitbewohnerin eingezogen, da mussten also fleißig Pinsel und Farbeimer geschwungen werden und auch sonst gab es genug zu tun ;) –, begann mir Mitte Mai die (Bibliotheks-)Decke dann doch langsam auf den Kopf zu fallen, sodass kurzerhand eine zweitägige Tour in Richtung Massif Central anberaumt wurde. Ein Motiv hoch oben auf den Vulkanplateaus der Auvergne brannte mir da nämlich schon seit einem Besuch mit Yannick vor x Jahren unter den Nägeln. Damals hatte die Fotowolke uns zum einzigen TER des Tages einen Strich durch die Rechnung gemacht, wenig später wurde der Personenverkehr eingestellt und der zweimal wöchentliche Güterzug kam stets im besten Gegenlicht vorbei… Doof! Im Frühjahr 2019 allerdings stellte man an einem der beiden Verkehrstage von einer morgendlichen auf eine nachmittägliche Bedienung um. Schon deutlich weniger doof! ;) Aber wie sagen die Franzosen so schön – Il faut en profiter! Wer weiß schon, wie lange dieses Betriebsprocedere andauert?
Also am besten nicht lange fackeln! Ein passendes Rahmenprogramm war schnell gestrickt und am späten Nachmittag des 14. Mai stopfte ich Schlafsack, Decke und Proviant ins Auto und machte mich über die A6 auf den Weg westwärts.


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Einfach nur durchfahren wollte ich nicht, sodass ich beschloss, die Anreise für die Zeit bis zum Sonnenuntergang im lothringischen Euvezin (54) zu unterbrechen. Dort überquert die seit Abwanderung des Fernverkehrs von Metz und Luxemburg in Richtung Paris auf die 2007 eröffnete LGV Est européenne praktisch nur noch im Güterverkehr bedeutsame Hauptbahn Onville – Lérouville mit einem Spitzbogen-Viadukt den Talgrund. Zur Abwechslung mal völlig blauäugig ohne jegliche Fahrplan-Infos postierte ich mich auf der gegenüber des Orts gelegenen Anhöhe und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Nun ja, wer französische Hauptbahnen kennt, weiß, dass der Status Hauptbahn nicht zwangsläufig Garant für dichten Verkehr ist…;) Nach mehreren Zügen in die falsche Richtung (also im Bild nach rechts) erlöste mich gerade noch rechtzeitig bevor der Viadukt im Schatten versank die BB 27048 mit einem wunderbar gemischten Güterzug, vermutlich aus Le Bourget kommend und ganz sicher auf dem Weg nach Woippy, einem der letzten Rangierbahnhöfe Frankreichs, der diesen Namen noch verdient hat. So einen bunten „Train de lotissement“ nimmt man doch immer gerne mit! Und auch die Fret-grünen Primas werden mir in Zeiten zunehmender „Fantômisation“ zunehmend sympathischer. Nach der anschließenden Brotzeit ging es dann mit dem Podcast von Stephan Lorenz (sollten hier Jura-Studenten jüngeren Semesters bis hin zur Examensvorbereitung mitlesen: Hört rein, empfehlenswert!) im Ohr auf der Autobahn in die Nacht. Es waren noch ein paar Kilometer ins Massif Central zu schrubben…


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Das ist es, das eingangs erwähnte Wunschmotiv, für das ich seit 2015 auf den passenden Zug gewartet hatte: Nachdem BB 67494 und BB 67460, beide in Fret-Livrée, im Bahnhof Laqueuille (63) die im firmeneigenen Anschluss der SMDA in La Bourboule (die zweite Pendelfahrt von ebendort nach Laqueuille habe ich vor einiger Zeit schon veröffentlicht: [www.drehscheibe-online.de] ) mit Mineralwasser beladenen Schiebewandwagen zusammen rangiert hatten, machten sie sich eine knappe Stunde vor Plan mit FRET 435514 auf den Weg nach Clermont-Les Gravanches. Der Feierabend lockte wohl! ;)
Hier oben auf rund 900 Höhenmetern war auch am 15. Mai 2019 der Frühling noch nicht so richtig in Fahrt gekommen und es wehte ein frischer Wind. Das klare Licht und der weite Fernblick in die vulkanische Landschaft entschädigen aber meiner Meinung nach für die noch erstaunlich kahle Vegetation. Der markante Berg rechts im Bild ist die exponiert gelegene 1512 Meter hohe Banne d’Ordanche, ein erkalteter Vulkankegel.


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Nachdem also das eigentliche Objekt der Begierde „eingetütet“ war, fuhr ich wieder ein Stück nordwärts, um den Tag an den Viadukten rund um Louroux-de-Bouble (03) an der Strecke Gannat - Montluçon ausklingen zu lassen. Der Viaduc de la Bouble ist der westlichste der vier aus schmiedeeisernen Fachwerkträgern hergestellten Kunstbauten der Strecke, die im Jahr 2019 ihr 150-jähriges Jubiläum feierten - und mit 395 Metern Länge und 66 Metern Höhe zugleich der größte. An Hochsommerabenden lässt er sich gut von einer Weide auf der Nordseite der Bahnstrecke fotografieren, wobei das Licht der tief stehenden Sonne den Strukturen des Bauwerks sicher besonders schmeichelt. Um zwanzig nach acht rumpelte TER 873062 (Clermont-Ferrand - Montluçon) in Form des X 76640 lautstark über die sechs Eisenträger. Als skurriles Detail am Rande fallen zudem die Telegrafenmasten ins Auge, die auf dem Bauwerk bis heute überlebt haben. Ob es am Denkmalschutz oder eher am schwer zu bewerkstelligenden Abbau liegt...?


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Springen wir ans Monatsende und vom Massif Central in die Vogesen! Die bedrohlich dunklen Wolken, die am 31. Mai 2019 über dem Viadukt von Fouday (67) und BB 67591 (nur echt mit dem seitlichen „Casquette“-Logo :)) mit TER 831826 (Strasbourg – Saint-Dié) den Himmel bedeckten, können allenfalls als dunkles Omen für den weiteren fotografischen Verlauf des Abends, an dem der lokbespannte Freitags-TER von Saint-Dié nach Rothau Opfer der Wolken wurde, gesehen werden, keinesfalls aber als Abgesang auf die Straßburger BB 67400. Für die wurde nämlich auch im Service annuel 2020 wieder ein dreitägiger, vorerst bis Anfang Juli 2020 (= Sommerferienbeginn) befristeter Umlaufplan aufgestellt. Und wenn man den Ondits im Straßburger SNCF-Milieu glaubt, soll sich das endgültige Einsatzende der Brissonneau et Lotz-Veteranen für TER Grand-Est sogar noch bis Dezember 2022 hinauszögern. Wie so oft bewahrheitet sich die alte Weisheit: Totgesagte leben länger. Und zumindest ich denke unweigerlich auch ein bisschen an ein kleines gallisches Dorf…;)



Juni:

Das letzte Foto im Monat Mai leitet nahtlos zu den ersten beiden im Juni über, entstand es doch auf der Anreise zu einem Fototrip mit Urs und Jens in den Jura aus Anlass der feierlichen Wiederinbetriebnahme des X 2816 des Vereins „L'Autorail X2800 du Haut-Doubs“, der am Wochenende 01./02. Juni 2019 jeweils einmal von Besançon über die „Ligne des horlogers“ nach Morteau und zurück fuhr, jener Strecke, auf der 2009 die letzten Planeinsätze dieser Baureihe bei der SNCF stattfanden… Dieser Monatserste wird mir als sehr erfolgreicher Foto-Tag mit viel Spaß im Gedächtnis bleiben! Jura geht eben immer. :)
Direkt am Tag danach lockte mich ein 25500er-Foto noch einmal kurz über die Grenze, ehe die nächsten Bahnfotos des Monats Juni erst im Zuge einer mehrtägigen Tour mit Yannick über Fronleichnam entstanden. Ursprünglich wollten wir ins Massif Central, wo einem die Motive trotz diverser Besuche in den letzten Jahren nie ausgehen. Und auch allein das „Sein“ dort ist schon wunderschön! Weniger wunderschön war allerdings die Wetterprognose, die punktgenau über das (in Deutschland) verlängerte Wochenende Murks-Wetter mit schwüler Gewitterluft in Aussicht stellte… Da wir die gemeinsame Tour jetzt aber nicht völlig ausfallen lassen wollten, wurde spontan umdisponiert. Toskana mit D 445 und Altbau-Triebwagen klang auch für Yannick nach einem würdigen Ersatzkonzept. Also ab in Richtung Siena, womit die Italien-Saison 2019 eröffnet war!


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Dieses Motiv mit Blick auf die Zitadelle von Besançon (25) hat Jens schon in seinem Jahresrückblick gezeigt, aber da es wegen der damit verbundenen Mühen auch für mich eines der Fotos des Jahres ist, erlaube ich mir die Doppelung einfach mal! Nach einer Übernachtung im Zelt mitten im Nirgendwo des Jura, wie ich es in Frankreich immer wieder liebe, waren Urs, Jens und ich schon gut eine Stunde vor der erwarteten Durchfahrtszeit des ersten Zuges nach Morteau am Motiv, um etwas Vegetationspflege betreiben - auf Deutsch: den völlig zugewucherten Blick auf das Doubstal ordentlich frei zu schneiden. Wegen des Steilhangs oberhalb einer Straße ein nicht ganz einfaches Vorhaben, wenn man weder sich noch andere gefährden will. So teilten wir uns auf: Einer mit Teleskopsäge bewaffnet irgendwo an wenig einladender Stelle am Fels, einer als Sicherungsposten und für etwaige Aufräumarbeiten unten an der D411 und einer als Vermittler zwischen Oben und Unten am Handy. Als dann pünktlich zum X 76674 als TER 895307 (Besançon – Morteau) alles präpariert war, waren wir uns aber einig, dass sich die Arbeit gelohnt hat!


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Zum "Abbruchkanten-Finale" am Abend (es war wohl etwa die fünfte an diesem Tag) oberhalb von La Cluse-et-Mijoux (25) mit Blick auf die tief in die Berge des Larmont eingeschnittene Cluse de Joux, das Fort du Larmont Inférieur aus der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts (links) und das deutlich ältere Château de Joux, das im Kern auf eine 1034 erstmals erwähnte Burganlage zurückgeht (rechts) konnte auch ich mich dann wieder uneingeschränkt wohlfühlen, da man auch dort zwar einen respektablen Abgrund vor sich klaffen hat, aber die daran anschließende Wiese genug Platz bietet, um selbst dem größten Hasenfuß einen sicheren Stand zu ermöglichen. ;)
So hätten wir den abendlichen TGV-Zubringer von Neuchâtel (CH) nach Frasne (F), TER 18128, ganz gemütlich erwarten können, nachdem der passende Vordergrund gefunden war. Wären da nur nicht die teils zähen Quellwolken gewesen, die immer wieder vor der Sonne waberten und sich nur zögerlich auflösten oder von dannen zogen. Letztlich klappte es aber passend zur Zugdurchfahrt auch mit der Sonne, sodass sich der Aufstieg im zweiten Jahr nach der erstmaligen Auskundschaftung der Stelle endlich ausgezahlt hatte! :)
Seit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2019 ist der Zug in dieser Zeitlage leider passé, denn im Zuge der Umstrukturierung des TGV Lyria-Angebots zwischen Lausanne und Paris ist der TGV, an den er den Anschluss herstellte, weggefallen. Nach Weihnachten gingen die jetzt anders über den Tag verteilten, insgesamt aber nach wie vor drei Fahrten pro Richtung dann auf die Flirt France der SBB über.


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Schon beinahe seit meinen ersten Foto-Exkursionen ins Elsass und nach Lothringen vor mittlerweile einem Jahrzehnt (wow, das klingt so theatralisch und lässt einen gewahr werden, dass man langsam, aber sicher doch auch zu den „alten Hasen“ der Bahnfotografie zählt…;)) geisterte mir die Idee durch den Kopf, doch einmal was mit der kleinen Sandstein-Bogenbrücke über die Zorn westlich von Saverne (67) zu versuchen. Während sich die unmittelbar anschließende Querung des Rhein-Marne-Kanals ganz bequem von einer parallelen Straßenbrücke umsetzen lässt und dementsprechend ein viel fotografiertes Motiv ist, muss man sich für ihr kleineres Pendant etwas mehr ins Zeug legen. So vergingen die Jahre und immer hatte man andere Prioritäten gesetzt. 2018 stieg ich dann das erste Mal mit Badehose und Kamera in die „Fluten“, war aber mit den Resultaten nicht restlos zufrieden (bei der dort gefahrenen Geschwindigkeit ist es nicht gerade einfach, dass der eine mögliche Schuss sitzt!). Das schrie also geradezu nach einer Wiederholung 2019, wobei aufgrund des Schattenwurfs der Bäume am Ufer dafür nur der Hochsommer in Frage kam. Im Anschluss an ein gemütliches Mittagessen auf der Burgruine Landeck oberhalb von Klingenmünster, die immer wieder einen tollen Blick in die Oberrheinebene bis hin zum Schwarzwald bietet, wurde der Familienausflug am 2. Juni also kurzerhand noch ins Elsass verlängert und die an diesem heißen Juni-Tag erfrischende Kühle der Zorn genossen – BB 25602 in Île-de-France-Livrée schaute mit der sonntäglichen RRR-Leistung TER 830162 (Strasbourg – Sarrebourg) auch vorbei. :)


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Rar sind leider die bewuchsfreien Abschnitte an der (noch) Dieselpiste von Empoli nach Siena, sodass wir einen großen Teil des Abends rund um den kleinen Viadukt bei Staggia Senese (SI) verbrachten. Neben den D 445ern vor den durchgehenden Zügen aus/nach Florenz (->[www.drehscheibe-online.de] ) vervollständigen ebenfalls in recht dichtem Takt fahrende Triebwagen das umfangreiche Zugangebot, das keine Langeweile aufkommen lässt. Eher selten sind dabei allerdings mittlerweile die klassischen ALn 668 und ALn 663. Das Gros der in Empoli wendenden Züge besteht aus Minuetti und Swing.
Glück hatten wir hingegen mit dem Regionale 23474 (Chiusi-Chianciano Terme – Empoli), der außerplanmäßig aus einem 663er-Doppel gebildet war. Beobachtet habe ich ihn durch ein von Yannick entdecktes Vegetationsfenster in einem Olivenhain, der so richtig klischeehaftes Toskana-Feeling versprühte. Da passte auch der Bauer sehr gut ins Bild, der kurz zuvor mit seinem Weinbergtraktor an uns vorbei kam und meinte, wir müssten doch dringend den Wein (mutmaßlich) seines Guts auf dem Hügel kaufen, denn der sei sehr gut…! ;)
Auch die Strecke von Empoli nach Siena im Herzen der Toskana soll bis spätestens 2023 mit Fahrdraht überspannt sein. Noch allerdings – also auch 2020 – ist sie eine Domäne der Dieselfahrzeuge des Depots Siena.


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Einmal am Tag gelangt ein mit D 445 bespannter Wendezug auch auf die ansonsten von (Neubau-)Triebwagen dominierte Strecke von Siena nach Chiusi-Chianciano Terme in der südlichen Toskana, die durch die hügelige Landschaft der Crete Senesi, wie sie ein Landschaftsmaler der Romantik nicht besser hätte treffen können, verläuft. Die morgendliche Leistung des „Treno degli studenti“ nach Siena lässt sich dabei nur an den längsten Tagen des Jahres sinnvoll umsetzen, sodass wir einen Tag nach der vorangegangenen Aufnahme schon um kurz vor sieben am Ortsrand von Asciano (SI) bereitstanden. Pünktlich schob D 445 1143 ihre noch vollständig im XMPR-Lack gehaltene Garnitur aus MDVE- und MDVC-Wagen über das aus lokaltypischem roten Stein errichtete Viadukt der Universitätsstadt entgegen und sorgte für zufriedene Gesichter. Auf dem Rücktransport der Leiter (gebraucht hatten wir sie natürlich nicht…) zum weiter weg geparkten Auto schaffte ich es tatsächlich – die obligatorischen vom Morgentau durchnässten Hosenbeine lassen wir mal unkommentiert – mir den Arm selten bekloppt in selbiger einzuklemmen, was für eine Mischung aus Verzweiflung und Belustigung sorgte. Aber was tut man nicht alles fürs Hobby – Und befreien konnte ich mich auch gerade noch so aus eigenen Kräften! ;)



Juli:

Im Juli tickte der Countdown unaufhörlich – Nur noch wenige Wochen bis zu den Examensklausuren. Dementsprechend stieg die Anspannung und Freizeit war eher rar. Auch wollte ich jetzt nicht unbedingt auf Krampf was machen, aber an zwei Tagen bin ich angesichts des verführerischen Wetters dennoch über die Grenze an die „Ligne 4“, mit Studikram im Gepäck. Immerhin der gute Vorsatz war also stets da. Die Verwirklichung…? Na ja, für die Erfüllung des Tatbestandsmerkmals „Absetzen“ im Zuge der Hehlerei genügt nach einer älteren Ansicht in der Rechtsprechung auch die ErfolgsTENDENZ. Ähnlich verhielt es sich an diesen zwei Tagen, auch wenn ich während der Hochlichtphase mein Bestes versuchte. ;) Die längeren Zugpausen (sieben Stunden nimmt man gerne) machen es möglich!


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Ballon de Servance, Ballon d'Alsace, Planche des Belles Filles - Klangvolle Namen (nicht nur für Freunde der Tour de France) tragen sie, die allesamt über 1000 Meter hohen Gipfel der südlichen Vogesen, die sich im Osten gegen den dämmrigen Morgenhimmel abheben, wenn man morgens durch das Département Haute-Saône fährt. Oft gesehen und genossen, leider lang nicht immer zufriedenstellend fotografiert. Ein Grund, wieder zu kommen, auch nach dem Ende der CC 72100. Einer von vielen!
Am 9. Juli 2019 stand ich also mal wieder um kurz vor sechs bereit für den ersten Zug des Tages. TER 839550 heißt er mittlerweile und fährt mit einem Coradia Liner von Mulhouse nach Paris Est. Mit der Übernahme des Personenfernverkehrs auf der L4 durch die Région Grand-Est hat man die zuletzt bestehende Verkürzung der Züge auf Belfort als Start-/Zielbahnhof zu einem guten Teil wieder rückgängig gemacht. 6h07 zeigte die Kamera-Uhr schließlich, als der Zug beinahe überpünktlich, aber gerade rechtzeitig für die ersten, noch zaghaften Sonnenstrahlen des Tages, auf die lange Gerade bei Amblans-et-Velotte (70) einbog und wenig später unter mir vorüber surrte. Lange nicht so spektakulär wie "damals" die bulligen Sechsachser, aber immer noch schön.


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Im letztjährigen Rückblick habe ich gleich zwei Fotos des VFLI-Sandzuges von Oulchy-Breny nach Bantzenheim gezeigt, der im Jahresfahrplan 2019 leider nur noch jeden zweiten Sonntag den Weg über die „L4“ nahm (donnerstags stattdessen via „L1“ und „L3“, also Nancy und Straßburg). Mein Ziel für 2019 war aber ohnehin primär der leere Gegenzug, der recht zuverlässig dienstagabends nach 19:00 Uhr von Belfort aus westwärts unterwegs ist.
Ein Blick über die Friedhofsmauer von Colombier (70) eröffnet nicht nur einen repräsentativen Einblick in die Bestattungskultur unserer westlichen Nachbarn, sondern auch einen schönen Blick auf die hier in Dammlage verlaufende "Ligne 4". Ebenfalls am 09. Juli 2019 war die von Europorte angemietete €4038 mit dem in die Nacht fahrenden 60748 (Bantzenheim - Oulchy-Breny) unterwegs und sorgte nach einem sehr Triebwagen-lastigen Tag für einen mehr als versöhnlichen Abschluss.


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Einer der heißesten Tage des Sommers war nach meiner Erinnerung der 23. Juli, an dem ich eigentlich (jaja…) gar nicht auf Achse sein wollte, aber mich am Vorabend von Pascal via WhatsApp irgendwie doch noch zu einem weiteren Besuch an der „L4“ motivieren ließ, denn der Getreideverkehr ab dem Silo in Vesoul war für den Tag bestätigt und obendrein eine Infra-Leistung von Chalindrey nach Mulhouse im Angebot.
So schwitzten wir also schon um kurz nach acht morgens in der Sonne dezent vor uns hin – im Tagesverlauf sollte das Quecksilber an der 40°-Marke kratzen und überall wurde vor der „canicule“ gewarnt. Letztlich fiel der Infra-Zug leider aus, aber was stattdessen kam, war auch nicht schlecht: Dessen mutmaßliche Zuglok hatte man kurzerhand der Zuführung der leeren Getreidewagen nach Vesoul vorgespannt, sodass an den Doppeltelegrafenmasten von Rosières-sur-Mance (70) die BB 75087 in gelber Infra-Livrée mit FRET 450347 (Culmont-Chalindrey – Vesoul) auf die Speicherkarten wanderte. Den Rest des Tages dämmerte ich dann mit ein paar Strafrecht-Karteikarten im Schatten eines Baumes am Ufer der Saône vor mich hin, ehe am Nachmittag noch pflichtbewusst die Rückfahrt des Vollzugs dokumentiert wurde.



August:

Mitte August stand dann der große Showdown in Sachen Staatsexamen an: Für den schriftlichen Teil waren innerhalb von eineinhalb Wochen sechs jeweils fünfstündige Klausuren im Zivil-, Straf- und öffentlichen Recht abzuliefern. Danach war ich, wie wohl jeder, der das schon mal selbst durchgemacht hat (und vielleicht auch Unbeteiligte?) nachvollziehen kann, mental relativ am Ende, sodass ich erstmal ein paar Tage gefühlt gar nichts gemacht habe, außer auf dem Sofa zu chillen oder mit Freunden in gemütlicher Runde die üblichen Zweifel an der eigenen Leistung bei ein paar Weizen im Biergarten runter zu spülen ;) Wie ich seit Mitte Dezember weiß, waren die Bedenken hinsichtlich des Ergebnisses völlig unberechtigt. Aber lieber eine in dieser Form nicht erwartete positive Überraschung, als umgekehrt! :)
Kurz vor dem schon länger geplanten Nachexamens-Urlaub in „Bella Italia“ startete ich noch zu einer retrospektiv etwas crazy anmutenden Tagestour in dieselbe Richtung, aber der Kopf wollte eben mal ausgelüftet werden…;) Anreiz war der Umstand, dass zwischen dem 16. und 29. August 2019 zahlreiche Umleiter-Güterzüge über die ansonsten nur schwach genutzte Verbindung von Genua über Ovada nach Alessandria zu erwarten waren. Hintergrund dieser Aktion waren Instandhaltungsarbeiten an mehreren Viadukten der Succursale dei Giovi, der direkten Strecke von Genua in Richtung Po-Ebene.


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Groß war die Freude, als E 633 204 mit TC 64642 (Genova Voltri - Padova Interporto) am Abend des 29. August völlig überraschend über die Orba-Brücke in Ovada (AL) rumpelte, während ich hüfttief im Fluss stand, um die Türme der Altstadt (Chiesa di Nostra Signora Assunta, 1772 - 1781) stimmig unter dem Brückenbogen zu platzieren. Der „Tigre“ ist neben E 652 003 und ggf. noch E 656 607 (welche vielleicht aber auch schon endgültig abgestellt ist…) eine der allerletzten E-Loks von Mercitalia Rail, die noch das Farbkleid vergangener Epochen tragen!
Ein Graffito an der Lok habe ich mittels Photoshop entfernt, nicht jedoch die charakteristischen Roststellen und übrigen Abnutzungserscheinungen, die das nahende Einsatzende der Lok zu prädeterminieren scheinen... Ebenso habe ich die Stromleitungen im Himmel mal an Ort und Stelle gelassen - Gehören irgendwie ja auch zu Italien dazu. ;)
Ende Oktober sorgte dann unter anderem die hier so harmlos daher kommende Orba mit enormem Hochwasser nach tagelangen Regenfällen für Verwüstungen und Chaos in Norditalien, worüber unter anderem auch deutsche Medien berichteten. Vielleicht erinnert sich der ein oder andere…



September:

Der September stand ganz im Zeichen einer längeren Italien-Tour. Noch am letzten August-Tag ging es für mich mit Pendolino (meine Prämierenfahrt im noch relativ neuen ECE Frankfurt – Milano Centrale) und Frecciarossa über Mailand nach Rom und erst am 21. September ab Catania mit dem Nachtzug wieder zurück gen Norden. Dazwischen wurde mit dem Mietwagen der komplette Südteil des Stiefels und in der zweiten Hälfte der Tour schließlich Sizilien unsicher gemacht. Während des Festland-Teils war Yannick mit von der Partie. Das leider extrem wechselhafte Wetter, mit dem wir Anfang September im Mezzogiorno niemals gerechnet hätten, ließ den Foto-Trip fast etwas arg kreuz und quer über den Stiefel verlaufen, ehe wir am Ende doch noch wunschgemäß in Kalabrien landeten, von wo ich dann mit der Fähre über die Straße von Messina in Richtung größte Mittelmeerinsel übersetzte. Unterm Strich sind aber doch einige schöne Bilder „rum gekommen“! :)


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Am späten Nachmittag des 6. September 2019 wagten wir trotz des auch über der apulischen Murgia mal wieder sehr wechselhaften Wetters den Versuch, ein absolutes Wunschmotiv mit Sonne abzustauben. Ein paar prognostizierte Wolkenlücken machten Hoffnung. Tatsächlich riss die düster-graue Wolkendecke dann auch genau an der richtigen Stelle auf. Die große Gewitterzelle blieb zwar noch unverkennbar im Hintergrund hängen, verzog sich aber gaaaanz langsam in Richtung Adria. Tja, da lag das Motiv also nun im besten Licht vor uns - Nur der Zug fehlte auch Minuten nach der Planzeit! Die Hoffnung, dass das Bild noch klappt, schwand zunehmend, als die Trenitalia-App den Zug konstant in Canosa di Puglia wähnte. Kurz vor dem Zusammenpacken bog mit einer guten Viertelstunde Verspätung aber doch noch der ALn 668 3174 als Regionale 22332 (Barletta - Spinazzola) im Schritttempo um die Ecke. Was er so lange getrieben hatte, war uns in diesem Moment des Hobby-Glücks einfach egal! ;)
Vor dem gewittrigen Himmel erhebt sich im krassen Hell-Dunkel-Kontrast die an den Berg gebaute Altstadt von Minervino Murge (BT) mit ihren weiß getünchten Fassaden. Prominent in Bildmitte die Cattedrale Santa Maria Assunta von 1608, eingerahmt von vielen weiteren alten Gemäuern, von denen aber niemand so richtig Notiz zu nehmen scheint. Historische Bausubstanz gibt es im alten Stauferland eben im Überfluss... Später am Abend klappten sogar noch weitere Fotos, wovon Yannick eines bereits in der Galerie gezeigt hat: [www.drehscheibe-online.de]


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Die Tragik des italienischen Südens im Allgemeinen und der Region Kalabrien im Besonderen verkörpert der kleine, schon beim Durchfahren eher trostlose Ort Africo Nuovo (RC) an der ionischen Küste. Wunderschöne Landschaft trifft auf schwache Wirtschaftskraft, organisierte Kriminalität und allerorten aufgehäufte Müllberge. Während diese in ihrer üblichen Bandbreite von Schlachtabfällen bis hin zu ausgedientem Kinderspielzeug ja schon fast wieder einen folkloristischen Charme haben (na ja, nein, nicht wirklich…), bleibt einem spätestens bei dem seit den 80er Jahren durch die kalabrische Mafia vergrabenen Giftmüll selbst mit dem größten Galgenhumor das Lachen im Halse stecken. Einer der betroffenen Orte ist Africo Nuovo, wo die Sterblichkeitsrate durch Krebs signifikant höher liegt als in allen Nachbargemeinden. „Unter jedem Olivenbaum ein Fass“, so fasst es ein Insider in der empfehlenswerten Dokumentation Das Gift der Mafia von Sandro Mattioli lakonisch zusammen.
Auch im Meer vor der Küste hat die 'Ndrangheta eine nicht bezifferbare Zahl von Schiffen mit ungewisser Ladung versenkt. Wo genau, ist selbst dann, wenn der Wille zur Aufklärung besteht, naturgemäß noch schwerer zu lokalisieren, als die Position eines vergrabenen Lastwagens. Das türkisblaue ionische Meer kaschiert diese Narben eben gnädig! Wer würde beim Anblick dieses Bilderbuchstrandes mit Bahnfotografen-Bespaßungsprogramm direkt nebenan schon daran denken, wenn man es nicht wüsste…? Dem am Morgen des 8. September 2019 entstandenen Foto des IC 564 (Reggio di Calabria – Taranto) mit einer unerkannt gebliebenen D 445 vor den zwei Wägelchen tut es jedenfalls keinen Abbruch. Und baden waren wir nach dem anschließenden Hotelfrühstück bei italienischer Popmusik natürlich trotzdem noch.


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Fünf Jahre waren seit meinem letzten Besuch bei der Ferrovia Circumetnea, jener Schmalspurbahn, die den Ätna auf Sizilien einmal (fast) umrundet, vergangen. Einiges hat sich seitdem verändert: Die Neubautriebwagen "Vulcano" von Newag sind längst ins Rollen gekommen, die letzten RALn 64 im Gegenzug jüngst aus dem Betriebsdienst ausgeschieden, ein beachtlicher Teil der ADe modernisiert und in die neuen weiß-grünen Unternehmensfarben getaucht sowie (leider) ein systematischer Bruch aller Zugläufe in Randazzo etabliert. Aber großen Spaß macht die kleine 950mm-Bahn nach wie vor - Sowohl aus Mitfahrer- als auch aus Fotografen-Perspektive! :)
In letzterer Eigenschaft übte ich mich am Abend des 13. September 2019, als ich bei Solicchiata (CT) den Zug 29 (Randazzo - Riposto), der die letzte Bahnverbindung des Tages runter an die Küste darstellt, erwartete. So nervenaufreibend wie faszinierend war das Wechselspiel aus Licht und Schatten, das die Wolken, die sich rund um den in meinem Rücken liegenden Ätna mal wieder gebildet hatten, auf die Landschaft projizierten. Schlussendlich klappte es haarscharf mit der Sonne, als der modernisierte ADe pfeifend und quietschend zwischen verlassenen Landgütern, Steinmäuerchen und Wolkenschatten auf die Bühne trat. Im Tal unterhalb der ebenfalls vom Licht- und Schattenspiel marmorierten Hänge, die die südlichsten Ausläufer der wild-schönen Monti Nèbrodi bilden, liegt - rechts im Bild - der Ort Mojo Alcantara, dahinter der Monte Mojo, ein erloschener Vulkankrater. Nach dem geglückten Foto ging es zufrieden in eine urige Pizzeria in einer Nebenstraße von Francavilla di Sicilia, wo der Abend mit Pizza und einem "Messina", dem Getränk, das sie vor Ort als "Birra di Sicilia" bezeichnen und auf das man in Ermangelung eines Moretti oder - noch besser - einer birra artigianale zurückgreift, beschlossen wurde...;)


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Seit 2018 hat die Fondazione FS auf Sizilien unter dem Markennamen „Treni storici del Gusto“ gemeinsam mit der Regionalregierung und Slow Food Sicilia ein ambitioniertes Sonderfahrten-Programm auf die Beine gestellt, das auch ziemlich gut angenommen wird. So waren auch am 15. September gleich mehrere Sonderzüge auf der größten Mittelmeerinsel unterwegs. Morgens kümmerte ich mich um die wunderschöne ALn 668er-Garnitur im Retro-Lack an der Nordküste (-> [www.drehscheibe-online.de] ), während am Abend nach einem Zwischenstopp am Pool des Ferienhauses die Strecke Lentini – Caltagirone auf dem Programm stand. So lässt es sich leben! ;)
Dank der spärlichen Vegetation findet sich nördlich von Vizzini (CT) - für Italien höchst untypisch - ein vollkommen bewuchsfreier Bahndamm, der sich abends für Silhouetten-Aufnahmen geradezu anbietet. In passender Zeitlage rollte die D 445 1006 mit einem vierachsigen Gepäck-, zwei Centoporte- und einem Corbellini-Wagen als Treno storico 96864 (Caltagirone - Siracusa) in den Sonnenuntergang und nahm eine kurze Zwischensteigung in Angriff, ehe es ab Militello in Val di Catania bis Lentini stetig bergab gehen wird. Der im Rahmen des Ausflugszug-Programms "Treni storici del Gusto" verkehrende Zug sorgte an diesem Sonntag prompt für eine Steigerung des Angebots um 50% auf der ansonsten nur spärlich von Minuetti und ALn 668 befahrenen Linie.


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Zu den für mich spannendsten Streckenführungen auf Sizilien (eigentlich in ganz Italien...) zählt die Trassierung der Strecke Siracusa - Gela - Canicattì im Abschnitt rund um Ragusa (RG). Auf nur wenigen Kilometern Länge schraubt sich die Bahnlinie vom unterhalb des Stadtteils Ibla auf 300 Metern über dem Meer gelegenen Vorortbahnhof gut 200 Meter empor, mehrere Tunnel und eine halboffene Kehrschleife inklusive. Der "Hauptbahnhof" (nein, das Prädikat "Centrale" maßt sich die bescheidene Station mit zwei Bahnsteiggleisen nicht an) der 70.000 Einwohner-Stadt im sizilianischen Süden liegt auf 514m.
Diese wenigen Kilometer bieten dementsprechend auch eine Unzahl an Fotomotiven, die allerdings nicht alle ganz einfach zu erreichen und umzusetzen sind. So wackelte ich auch für dieses Foto des ALn 668 3005, der am 16. September als morgendlicher Regionale 12799 (Ragusa – Siracusa) die Kehrschleife gerade hinter sich gelassen hat und zwischen zwei Tunnels nur kurzzeitig ans Tageslicht gelangt, auf einem brüchigen Steinmäuerchen am Zaun eines verlassenen Gartengrundstücks oberhalb der Straße vor mich hin. Der schöne Ausblick auf einen Teil der Oberstadt Ragusa Superiore mit der Kathedrale San Giovanni Battista war es mir wert. Einen Mast vor dem Triebwagen habe ich digital entfernt! Eine weitere Ansicht aus Ragusa findet ihr in der Galerie: [www.drehscheibe-online.de]


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Jan-Felix hat in seinem Jahresrückblick bereits zwei Fotos der Caimani auf Sizilien, dem letzten Refugium der kultigen Sechsachser im Personenverkehr (im Herbst waren dort noch 16 Loks aktiv), gezeigt. Bislang fehlt allerdings im Reigen der Retrospektiven ein Nachtzug am Haken der Bo'Bo'Bo'-Maschinen. Das möchte ich mit dieser am Morgen des 19. September 2019 entstandenen Aufnahme ändern, die den ICN 1555 (Roma Termini – Siracusa) bei Sant’Alessio Siculo (ME) an der sizilianischen Ostküste zeigt. Die etwa einstündige Verspätung ließ das Foto zum wohl unbequemsten des Jahres werden, denn ich hing dafür etwa zwei Meter hoch in einem labilen, immer wieder bedrohlich schwankenden Drahtzaun, um einen Blick auf Küste und Bahnstrecke zu erhaschen. Es muss sicher ein ausgesprochen skurriler Anblick gewesen sein! Für einen Einbrecher haben mich die zwei Mitarbeiter des angrenzenden Grundstücks, die mich quasi „in flagranti“ erwischten, aber dann doch nicht gehalten… Nachdem ich ihnen mein Vorhaben kurz erklärt hatte, ließen sie mich mit einem schmunzelnden „Vai!“ gewähren und schienen nicht besonders besorgt, dass ich die Umfriedung endgültig zum Einsturz bringe. ;)



Oktober:

Die drei Wochen im September hatten meine Begeisterung für Italien als Reiseziel mal wieder so richtig entfacht, sodass ich im Oktober prompt mit zwei Kurztouren in den Norden des Landes nachlegte. Zum Glück ist der von Süddeutschland aus ja in einigermaßen greifbarer Entfernung! Zeit hatte ich auch noch bzw. nahm sie mir eben… Prioritäten wollen gesetzt werden, wo doch mittlerweile fast jeder von der passenden Work-Life-Balance redet. :D
Den ersten Aufhänger bildete eine Sonderfahrt mit einer D 445 von Turin nach Ormea am Elften des Monats. Seitdem ich die Strecke kurz vor der Einstellung des Planbetriebs im Juni 2012 das erste Mal besucht hatte (-> [www.drehscheibe-online.de] ), habe ich mich in das Tal des Tànaro mit seinen malerischen Orten und der tollen Landschaft fast ein bisschen verliebt – Da war es praktisch Ehrensache, mal wieder vorbei zu gucken. ;)
Anlass für die zweite Tour am 17. Oktober war der angekündigte Besuch des Messwagens "Aldebaran 2" des italienischen Bahninfrastrukturbetreibers Rete Ferroviaria Italiana (RFI) im Veltlin, am Comer See und im Val Chiavenna. Da für die Traktion üblicherweise zwei "Caimani" der aussterbenden Reihe E 656 herangezogen werden, wagte ich trotz latent unsicherer Wetterprognose die Anreise zwischen zwei Geburtstagsfeiern. Der latente, natürlich vollkommen selbstverschuldete „Stress“ sollte sich fast noch mehr lohnen, als die vorangegangene Reise…
Den Abschluss des gut gefüllten Monats Oktober und damit der Fotosaison 2019 insgesamt bildete schließlich ein Tagesausflug in den französischen Jura, um die bald verschwindenden Fahrzeugbaureihen TGV POS und NPZ noch einmal bei Herbstfarben verewigen zu können – Und jaaaa, der Getreidezug war natürlich auch wieder ein Anreiz. Merci für die Info, Pascal! :)


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Da die Fondazione FS in der Saison 2019 keine eigene Diesellok im Piemont zur Verfügung hatte (das landesweit ambitionierte Sonderfahrtenprogramm “schluckt” eben Fahrzeuge), griff man hilfsweise auf XMPR-farbene Maschinen aus dem Bestand der DTR Piemonte zurück, die seit dem Ende der lokbespannten Regionalzüge in der Region ohnehin keine Planleistungen mehr haben und daher relativ freizügig eingesetzt werden können.
So war für den Treno storico 96431 (Torino Porta Nuova – Ormea), mit dem Schüler am 11. Oktober 2019 einen kleinen Bahnausflug ins Tànaro-Tal unternahmen, die D 445 1062 eingeteilt. Um die dazu unpassenden Centoporte-Wagen elegant zu verstecken, wählte ich die Ortsdurchfahrt in Bagnasco (CN) als Motiv, wo man ohnehin sehr spitz auf einem Bewässerungskanal steht.
Nach diesem Bild ging es dann zufrieden und ganz gemütlich mit Zwischenstopp im Aostatal (->[www.drehscheibe-online.de] ), wo die ersten neuen Stadler-Zweikrafttriebwagen der Reihe BTR 813 ihren Dienst vor wenigen Tagen aufgenommen hatten, aber die Mehrheit der Leistungen vorerst noch von Minuetti erbracht wurde, und über den Colle del Gran San Bernardo/Col du Grand Saint-Bernard (= Großer St. Bernhard) heimwärts.


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Erst vor wenigen Minuten hatte es die Sonne am Morgen des 17. Oktober 2019 über die umgebenden Berge geschafft, als E 652 122 mit dem Levissima-Mineralwasserleerzug TRA 51910 (Lecco Maggianico – Tirano) am Haken langsam auf den Bahnhof San Pietro Berbenno (SO) zurollte, wo eine Zugkreuzung mit dem Messzug „Aldebaran 2“ und seinen beiden Caimani anstand: [www.drehscheibe-online.de]
Die dichte und häufig nicht gerade attraktive Bebauung mit zahlreichen Gewerbebetrieben sowie die parallele Führung von Eisenbahn und Hauptstraße sind typisch für den Talgrund des Veltlins, während die an den Berghängen klebenden kleinen Ortschaften sich häufig ein recht ursprüngliches Erscheinungsbild bewahren konnten. Über all dem thronen die massiven Gipfel der zum Comer See auslaufenden Berninagruppe, hier im Bild schon von einem ersten Hauch Schnee bedeckt die Cima del Desenigo (2844m).


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An sich wird der Gesamtverkehr auf der 26 Kilometer langen Stichstrecke Colico - Chiavenna durch Trenord (noch) von den Elektrotriebwagen der Reihe ALn 582 erbracht. Lokbespannte Züge sucht man also in der Regel vergeblich. Da stellte der Messzug am 17. Oktober 2019 eine willkommene Abwechslung dar. Auf der mittäglichen Rückfahrt ab Chiavenna erwartete ich das exklusive Gespann aus E 656 570 (erst Ende 2018 von Mercitalia Rail an RFI abgegeben), dem Messwagen "Aldebaran 2", einem Gran Confort-Wagen erster Klasse und E 656 565 am Zugschluss als NCL 97477 (Chiavenna – Bergamo) in Verceia (SO). Der Blick schweift über den Ort mit der Chiesa di San Fedele und den Lago di Mezzola hinweg auf die steil empor ragenden Hänge der zum See hin abfallenden Alpen. Man mag es angesichts des doch deutlich anderen Landschaftscharakters kaum glauben, aber St. Moritz ist nur etwa 40 Kilometer Luftlinie entfernt.


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Roulette-Spiel im Jura - Am Morgen des 26. Oktober 2019 schwante mir Übles, als sich kurz vor dem Erreichen des Ziels Labergement-Sainte-Marie (25) eine Nebelschicht über mir ausbreitete. Klar, man könnte sich einen hinsichtlich Sonnenschein sichereren Standort irgendwo oben bei Frasne suchen, aber eigentlich war das für mich nicht so wirklich das Gelbe vom Ei... Und da sich auch leichte Auflösungstendenzen zeigten, beschloss ich, vor Ort mein Glück zu versuchen. Der Nebel machte es dann zwar noch einmal spannend, aber letztlich ging das Roulette zu meinen Gunsten aus und im richtigen Moment lichtete sich der graue Schleier gerade genug, um ein wenig Sonne hindurch zu lassen! Die beiden POS-Triebzügen 4418 und 4405 waren unterwegs als TGV 9264 (Lausanne - Paris Lyon). Zum Fahrplanwechsel im Dezember wurde diese Linie vollständig auf Euroduplex-Garnituren umgestellt. Die POS-Einheiten werden ihre Lyria-Livrée verlieren, in den innerfranzösischen Verkehr wechseln und auf der LGV Nord die letzten TGV Sud-Est ablösen. Auch einen TGV in der Zeitlage des 9264 gibt es im Jura im Jahresfahrplan 2020 nicht mehr.


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Die Gorges du Fourperet, durch die der Oberlauf des Doubs südlich von Labergement-Sainte-Marie (25) führt, sind einer jener Orte, die mich immer wieder in ihren Bann ziehen. Einfach zu schön ist es, dort abseits der großen Straßen auf den Bahnverkehr zu warten und die gute Luft des Jura-Waldes zu inhalieren. Protagonist war ebenfalls am 26. Oktober der - in einschlägigen Kreisen ;) - schon beinahe legendäre Jura-Getreidezug (in diesem Rückblick war er der Opener), der samstags unter der Zugnummer 47625 (Perrigny - Vallorbe) noch ein bisschen später unterwegs ist, als unter der Woche. Die Zuglok BB 26218, eine Sybic in der immer rarer werdenden Original-Lackierung, strahlte mit den Herbstfarben der noch an den Bäumen und Sträuchern verbliebenen Blätter um die Wette. Ein Hobby-Kollege meinte kürzlich zu mir "Du hast die Beton-Sybics aber auch gebucht!" - Ja, ein gewisses Glück bei meinen letzten Besuchen im Jura hinsichtlich der Farbgebung lässt sich nicht leugnen... Hier war ich wegen der jahreszeitlichen Harmonie aber besonders froh darum. :)


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Beenden möchte ich den Jahresrückblick mit einer weiteren NPZ-Aufnahme im grenzüberschreitenden Verkehr zwischen der Schweiz und Frankreich, also mit einem beim Schreiben dieser Zeilen leider bereits unwiederholbaren Foto (siehe Juni). Ebenfalls am ausgesprochen erfolgreichen 26. Oktober 2019 erwartete ich den TER 18125 (Frasne – Neuchâtel) im kräftig angeherbstelten Hochtal kurz vor der Grenze zur Eidgenossenschaft am Weiler Le Creux (25) zwischen La Cluse-et-Mijoux und Verrières-de-Joux. In diesem Abschnitt offenbaren sich dem Bahnfotografen wesentlich mehr Motiv-Variationen, als es Züge gibt, so dass ich sicher auch im nächsten Jahr wieder dort aufkreuzen werde, dann eben mit Flirt France…



Im November und Dezember sind dann keine Fotos mehr angefallen. Draußen wurde es immer düsterer, der ein oder andere Geburtstag oder Weihnachtsmarktbesuch stand auf der Agenda und spätestens nachdem der positive Bescheid mit den schriftlichen Examensergebnissen im Briefkasten war, begann wieder der hemmungslose Lern-Marathon für die mündliche Prüfung Mitte Januar. ;)

Zum Schluss bleibt mir nur noch ein großes Dankeschön an diejenigen, die mit mir 2019 auf Tour waren und für die nötige Portion Spaß am Schienenstrang gesorgt haben, an die spontanen Bekanntschaften und Treffen mit aus dem Netz bekannten Usern während der Reisen und nicht zuletzt die zahlreichen "Informanten", ohne die einige Fotos - besonders der gezeigten Güter- und Messzüge - nicht hätten entstehen können. Liebe Grüße insbesondere an Yannick, Urs, Jens, Basti, Pascal, Olivier, Vincent, Sergio und Stefano, aber auch an alle anderen, die ich an dieser Stelle nicht aufgeführt habe. Mein herzlicher Dank geht ebenso an alle, die in der Galerie ihr stets willkommenes Feedback unter meinen Fotos hinterlassen haben! :)

Bis bald, a bientôt, a presto
Julian

Meine schönsten Fotos in der DSO-Galerie...: [www.drehscheibe-online.de]




4-mal bearbeitet. Zuletzt am 06.01.20 11:33.
Und wie jedes Jahr, kommt bei deinem Rückblick so richtig Urlaubsstimmung auf! Nicht nur die Züge sind sehenswert, auch die hier präsentierte Architektur und sonstige Bauwerke verschiedenster Zeiten und Stile wird gekonnt mit passendem Licht garniert :) Da würde ich mir so manches Bild an die Wand hängen...

Auf ein erfolgreiches Jahr 2020 und viel Erfolg bei der mündlichen Prüfung!



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 05.01.20 00:46.
Moin Julian,
für mich (mal wieder) der Jahresrückblick des Jahres. Deine Bildkompositionen zwischen Landschaft und Zug sind immer wieder eine Augenweide. Du bietest immer wieder neue Blickwinkel an, die viele Fotografen so niemals ablichten würden.
Einfach nur Top und ich freue mich auf viele tolle Bilder in diesem Jahr.
Viele Grüße Lennart
So, nun ist die Nacht zum Schlafen etwas kürzer, aber ich mußte da jetzt durch und bin begeistert!

Vielen Dank sagt für Wort und Bild
Der Einheimische
Moin Julian,

ich habe mich schon lange auf deinen Rückblick gefreut und wurde nicht enttäuscht! Du brennst aber auch jedes Mal ein Feuerwerk ab, Hut ab! Jedes Bild ist bis ins letzte Detail exzellent umgesetzt und die Motivvielfalt ist überwältigend (ich kann deine Flachlandargumente verstehen, wir sind nicht so verwöhnt ;-))! Mein Favorit (wenn es überhaupt einen gibt) ist das Bild des Messzugs in Italien.
Aber dieser Rückblick zeigt auch mal wieder, dass weniger doch manchmal mehr ist ;-)
Der Text ist klasse geschrieben und lebt auch durch die historischen und Geografischen Informationen, danke dafür!

Bleibt mir nur noch alles Gute und viel Erfolg für den weiteren Teil des Juristischen Staatsexamens zu wünschen und vielleicht trifft man sich ja eines Tages auf Fototour im Süden ;-)

Pau
Dem schließe ich mich vollumfänglich an und wünsche viel Erfolg bei den anstehenden Prüfungen, nach denen Du hoffentlich noch mehr Zeit für solche photographischen Meisterleistungen hast!

Bonne année!
Fredy
Wie jedes Jahr ein absolut großartiger Rückblick!

Auf weitere erfolgreiche Touren in 2020,
Yannick

10564-mal bearbeitet. Zuletzt am 24.10.15 18:29

Mit dieser Ausbeute war 2019 für Dich ein sehr erfolgreiches Jahr. Glückwunsch zu den toll umgesetzten Motiven !!!

Gruß

Rübezahl
Hallo Julian,

wie jedes Jahr äußerst sehenswert! Schwer ist es, Favoriten hervorzuheben, aber ganz besonders gefallen mir u.a. die Jura-Aufnahmen, wohl auch aus frühkindlichem, persönlichem Bezug zu dieser Ecke (aber auf der anderen Seite der Grenze).

Viele Grüße,

Lennart

P.S: Auch wenn ich sie in der Galerie bereits kommentiert habe: Die Kirche unter der Brücke in Italien wäre natürlich noch unbedingt als Lieblingsbild zu nennen!



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 05.01.20 16:43.
Ein Rückblick voller atemberaubender Motive - wie nicht anders gewohnt von Dir.
Am meisten umhauen tut mich hier das Bild vom Messzug!

Gruß
Nils
Hallo Julian!

In der Galerie zeigst Du ja das Jahr über schon Deine stets bemerkenswerten Werke, aber der Rückblick ist mal wieder das Sahnehäubchen! Über Deine perfekte Art zu fotografieren muss ich keine Worte mehr verlieren, aber auch der Aufwand, den Du für oft nur wenige Bilder in Kauf nimmst, erstaunt mich immer wieder aufs Neue. Vielleicht liegt es aber auch am Alter, dass ich die Distanz Mainz - Norditalien nicht ganz so nah einschätze...

Bleibt mir noch, Dir zum erfolgreichen schriftlichen Examen zu gratulieren und für den mündlichen Part die Daumen zu drücken! Ich gebe unumwunden zu, sehr froh zu sein, dass diese Tortur nun bald dreißig Jahre hinter mir liegt ;)))

Viele Grüße,

Frank

http://www.abload.de/img/gter170ee58.jpg
Hallo Julian,

jetzt habe ich endlich auch mal die Zeit gefunden, deinen Jahresrückblick in Ruhe durchzulesen und die Fotos zu genießen.

Wie nicht anders zu erwarten, zeigst Du hier wieder eine absolut bemerkenswerte Bildauswahl aus deinen zwei bevorzugten Ländern, bei denen es fast nicht möglich ist, einzelne Favoriten zu küren. Trotzdem will ich mal das Frühlingsbild aus Euvezin hervorheben, das mir durch die herrlich blühende Wiese im Vordergrund und das tolle Abendlicht besonders positiv aufgefallen ist. Darüber hinaus haben es mir aber auch die Aufnahmen aus dem französischen Jura angetan, eine Gegend, die auf meiner "to-do"-Liste seit unserer Juni-Tour auch ein ganzes Stück weit nach oben gerutscht ist. Vielleicht schaffen wir da ja in diesem Jahr nochmal einen Abstecher hin :-)

Toll auch, dass Du es zwei Mal an die Ligne 4 geschafft hast, die offensichtlich auch ohne CC 72100 noch ihren Reiz hat - auch, wenn dieser durch das Entfernen der Telegrafenmasten wohl in naher Zukunft etwas getrübt wird (bzw. stellenweise schon ist).

Auf ein erfolgreiches 2020!

Viele Grüße, Jens
Hi;

das ist Eisenbahfotografie vom feinsten. Topp gesehen und schön umgesetzt.

Du hast wirklich den Blick für Bahn in der Landschaft:-).

Weiterhin viel Spass und alles gute im neuen Jahr:-) Jürgen
Hallo Julian,
vielen Dank für deinen tollen Jahresrückblick, der einem wie immer auch die ein oder andere Inspiration für zukünftige eigene Reisen gibt.

Gruß
Jan-Felix

Jahresrückblicke lohnenswert?

geschrieben von: Gleis MA 11-12

Datum: 20.01.20 00:10

Moin Julian,

ich scheue Jahresrückblicke. Meist zeigen die Fotografen eine Unmenge aneinandergereite Bilder mit spröden Texten.

Aber der Einsteller Julian elektrisierte mich, wenn auch spät. Da musste ich doch mal nachschauen. Und es hat sich gelohnt. Sowohl der textliche Teil, sowie die Bilder überzeugen auf ganzer Linie. Es hat Spaß gemacht, mit Dir auf Reisen zu gehen. Die Qualität Deiner Bilder ist ja schon von den anderen Vorpostern über den grünen Klee gelobt worden. Und das zurecht!

Danke für Deinen Beitrag und viel Erfolg für Dein Reststudium.

Gruß aus Deiner Heimat
Rolf